Kunst-Geschichten Munch und die Nackten

Fluchtpunkt Warnemünde. In einem alten Fischerhaus an der Ostsee suchte der Maler Edvard Munch Anfang des 20. Jahrhunderts Erholung von Depression und Alkohol. Dann zerstörte er selbst die Ruhe - Fotos aus seinem Nachlass zeugen vom kalkulierten Tabubruch.

Edvard Munch/Munch Museum

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Mit den Menschen habe er meist Pech, erzählte der Mann, der immer in einer dunklen Ecke des Lokals saß. "Darf ich die Herren als Kollegen bekannt machen?" hatte der Wirt den Berliner Landschaftsmaler Hermann Hartmann-Drewitz gefragt. Der erinnerte sich 1951 in einem Artikel für die "Zeit" an die bemerkenswerte Begegnung mit dem einsamen Mann. 1908 sei das gewesen, als man ihm diesen traurigen Einsiedler vorstellte, einen Norweger: Edvard Munch. Viele, so erzählte der damals, würden ihn für einen eingebildeten Künstler halten, der zur Malerei nicht mehr Talent habe als irgendein Kind.

Für 18 Monate hatte sich der Kunstmaler Munch zu dieser Zeit in einem alten Fischerhaus in Warnemünde niedergelassen. Fast täglich kam der 44-Jährige in das Restaurant des kleinen Hotels in dem Ostseebad, meist zwischen 15 und 16 Uhr und fast immer in einem blauen Anzug mit roter Krawatte. Dort blieb er dann bis zum Abend, las nicht, saß einfach nur da und trank.

Eigentlich eine äußerst erfolgreiche, produktive Zeit: Munch schuf große Gemälde, experimentierte mit verschiedenen Techniken und bekam Aufträge aus Berlin zum Entwurf von Bühnenbildern für die Kammerspiele oder das Deutsche Theater. Eines Tages aber packte der Norweger seine Koffer und reiste ab - sehr zum Bedauern seiner Gastgeber, die wohl hofften, er würde später noch einmal wiederkehren in das Haus Am Strom 53. Hätte er es getan, er hätte sein Quartier fast unverändert vorgefunden: Seine Wohn- und Arbeitsstätte blieb auf erstaunliche Weise konserviert - sogar noch bis in die neunziger Jahre, lange nach seinem Tod.

"Ich hatte noch nie so lustige Tage"

Munch war 1907 nach Warnemünde gekommen, um Ruhe zu finden. In Paris und Berlin hatte er zuvor eine aufregende Zeit erlebt: 15 Jahre war es her, dass seine Malereien auf der Ausstellung des Berliner Künstlervereins einen Skandal ausgelöst hatten, Bilder wie der "Der Schrei". Das Publikum hatte verstört auf die verzerrten Darstellungen, die dramatischen Formen und ungewöhnlichen Farben reagiert. "Eine Beleidigung für die Kunst", urteilten Kritiker. Nach einer Woche musste die Ausstellung geschlossen werden.

Der Künstler aber hatte die Aufmerksamkeit genossen: "Ich hatte noch nie so lustige Tage - unglaublich, dass etwas so Unschuldiges wie das Malen so einen Aufruhr verursachen kann." Doch der Spaß war nicht von Dauer, der erhoffte finanzielle Erfolg blieb aus und so musste Munch unermüdlich weiterarbeiten. Die vielen Reisen durch Europa, der Alkohol, die Depressionen - das setzte seiner Gesundheit zu. Erholung vom turbulenten Künstlerleben gönnte sich Munch nur im Sommer in seinem kleinen Haus in Aasgaardstrand am Oslofjord.

Doch irgendwann wollte er auch dort nicht mehr sein. Seine psychische Verfassung hatte ihren Tiefpunkt erreicht, als 1902 die Beziehung zu seiner Verlobten Tulla Larsen in die Brüche gegangen war. Der endgültigen Trennung war ein Streit im Sommerhaus in Aasgaardstrand vorausgegangen, bei dem sich Munch versehentlich mit einer Pistole in die linke Hand geschossen hatte. Über die enttäuschte Liebe kam der melancholische Maler noch Jahre später nicht hinweg, er trank, litt unter Halluzinationen und entwickelte Abneigung gegen Norwegen.

Aktmalerei im Ostseesand

Aasgaardstrand war nun kein Zufluchtsort mehr. Munch fand einen neuen: Irgendwann auf seinen Pendelreisen zwischen Norwegen und Berlin mit der Fähre über die Ostsee muss ihm das aufstrebende Seebad Warnemünde aufgefallen sein. 1905 hatte er sich dort für kurze Zeit in ein biederes Badehotel eingemietet, dann aber den Lotsen Carl Nielsen kennenlernt, der ihn in der Zeit danach in seinem Haus Am Strom 53 beherbergte.

Zwei Jahre später erinnerte er sich an Nielsen, die hölzerne Veranda und den schönen Blick auf den Fischerhafen, sein "deutsches Aasgaardstrand". Im Mai 1907 zog Munch erneut bei Carl Nielsen ein - dieses Mal mit viel Gepäck: Leinwände, Pinsel, Farben und Paletten hatte er mitgebracht, sogar einen Fotoapparat. Mit der kleinen Kodak-Kamera versuchte sich Munch als Fotograf. Er stellte sie auf einen Tisch, öffnete den Verschluss, ging dann für einige Sekunden in Pose. Zeugnisse seiner experimentellen Langzeitbelichtungen sind Selbstporträts, die Munch im Stuhl auf seiner Veranda oder vor seinen Bildern zeigen, aber auch seine strenge Haushälterin oder das Berliner Aktmodell Rosa Meissner.

Für die Leinwand stand ihm auch der Lotse Modell - im Hof vor dem Birnbaum. Als Munch dann aber auch die Schwestern Meissner malen wollte - und zwar nackt -, intervenierte die Haushälterin. Munch musste mit den Schwestern ins Hotel Rohn ausweichen.

"Ein furchtbar bürgerlicher Ort"

Doch bald schon überschritt Munch eine weitere Grenze: Er wollte auch männliche Körper malen, nackt. In der Öffentlichkeit eigentlich undenkbar. Die Badeordnung etwa schrieb zu jener Zeit vor, dass Baden ohne Schwimmhose oder Badeanzug nicht gestattet sei. Doch der Kunstmaler aus Norwegen setzte sich im Sommer 1907 über die strengen sittlichen Vorschriften des mit rund 17.000 Gästen bereits gut besuchten Badeortes hinweg. Munch wollte kraftvolle Männer malen, die ihre Muskeln in die Sonne reckten - unbeschwert und unbekleidet. Als Vorlage dienten ihm Aktfotografien, an denen er die Posen studierte.

Am Strand konnte er zwei drahtige Kerle dafür gewinnen, als Modelle zu posieren - darunter den Bade- und Kurmeister der Stadt, einen Beamten, der kurz darauf vom Dienst suspendiert wurde. Die Empörung war groß - nicht nur in Warnemünde. Galeristen in Hamburg weigerten sich, Munchs Bilder zum Verkauf auszustellen. Der Künstler selbst konnte nicht verstehen, warum Männerakte anstößiger sein sollten als nackte Frauen und beklagte sich über die biederen Deutschen. "Es ist ein furchtbar bürgerlicher Ort und passt eben nicht für mich", stellte er resigniert fest.

Warnemünde war eben doch nicht Aasgaardstrand und auch Munchs Erholung und Genesung nur vorübergehend. Immer öfter befielen ihn Wahnvorstellungen; das Gefühl, verfolgt und ausspioniert zu werden, machte ihm das Arbeiten unmöglich. Im Oktober 1908 reiste Munch fluchtartig aus Warnemünde ab und begab sich in Kopenhagen in eine Nervenheilklinik. Nachdem er gelobt hatte, nie wieder Alkohol zu trinken und wieder zur Ruhe gekommen war, entschied er sich, von nun an wieder in Norwegen zu leben.

"Ein etwas unanständiger Kerl"

1918 muss Edvard Munch noch einmal im Haus Am Strom 53 vorbeigeschaut haben. Dort waren inzwischen der Fischer Albert Harms und seine Frau Auguste eingezogen. Ihre Tochter Lieselotte berichtete Jahrzehnte später, dass sie als Sechsjährige dem Kunstmaler begegnet sei. Ihr Vater habe damals mit dem Auge gezwinkert und gesagt: "Munch war ein sehr feiner, aber auch ein etwas unanständiger Kerl."

Lieselotte wohnte ihr Leben lang in diesem schmalen, lang gestreckten Fischerhaus mit der Holzveranda. In der DDR interessierte sich kaum jemand für das Sommerdomizil des depressiven Künstlers, der 1944 in seiner Heimat gestorben war. Wohl waren seine Werke, die unter den Nazis als "entartete Kunst" galten, bekannt - offiziell wurden sie jedoch kaum beachtet. Eine Kunsthistorikerin wurde 1987 auf das Fischerhaus aufmerksam und bemühte sich über die norwegische Botschaft in Ost-Berlin um eine angemessene Nutzung. Die Entscheidung ließ auf sich warten.

1990, nach der politischen Wende, interviewte ein norwegisches Filmteam Lieselotte. Die inzwischen 79-Jährige führte durch das fast unveränderte Haus mit den vergilbten Anstrichen und Tapeten und erzählte die Geschichte. Dann starb sie. 1991 wurde das Haus unter Denkmalschutz gestellt. Der Förderverein Munch-Haus e.V. baute das vom Zusammenbruch bedrohte Gebäude fünf Jahre später komplett um und richtete eine Begegnungsstätte für norwegische und deutsche Künstler ein.


Zum Weiterlesen:

Mehr Informationen über das Edvard-Munch-Haus in Warnemünde erhalten Sie hier.

Das Munch Museum in Oslo stellt eine umfangreiche Sammlung der Werke des Künstlers aus.



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