SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

31. Juli 2015, 11:07 Uhr

Familienfotos unserer Leser

Was macht Opa mit dem Eisbären?

Von

Kürzlich haben wir über Fotos von Deutschen in Bärenkostümen berichtet. Unsere Leser diskutierten, schickten Fotos und wir haben erneut gesucht. Nun stellen sich neue Fragen: Stammt der Eisbär vom Strohbären ab? Und was macht Mutti mit ihm?

Als Klaus Jäger die Urlaubspostkarte mit dem Eisbären sah, war er entsetzt und brach sofort in Tränen aus. Seine Mutter Anna lag auf einem schneebedeckten Felsen auf dem Rücken. Mächtige weiße Pranken drückten sie nieder. Auf Anna Jäger saß mit weit aufgerissenem Maul ein ausgewachsener Eisbär.

Das Foto zeigte zwar auch, wie ihr Mann Willi mit einem großen, spitzen Stein den Eisbären zu vertreiben versucht. Der kleine Klaus aber traute der Kampfkraft seines Vaters offenbar nicht so recht. Er war sich sicher, dass die Sache nicht gut ausgegangen war für seine Mutter. So erzählte er es noch Jahre später seiner Tochter.

Dabei war das Ganze damals, in den Dreißigerjahren, natürlich nur gespielt gewesen. Der Eisbär war ein verkleideter Mensch, vermutlich ein Mitarbeiter eines Fotoateliers, und die Eltern wollten die zu Hause gebliebenen Kinder mit dem Schnappschuss amüsieren. Nur: Der Scherz war zu gut geraten. Das Kindermädchen musste trösten.

Vor ein paar Tagen hatte SPIEGEL ONLINE eine Geschichte über solche kuriosen Eisbären-Bilder veröffentlicht. Anlass war die Fotosammlung des Franzosen Jean-Marie Donat gewesen, der im Laufe von Jahrzehnten auf deutschen Flohmärkten 300 Schnappschüsse mit verkleideten Bären aufgetrieben hatte - und sich darüber wunderte, kein einziges Eisbären-Foto in Frankreich gefunden zu haben.

Ein vergessener deutscher Trend also? Das scheint sich zu bestätigen. Etliche Leser diskutierten auf Facebook über die kostümierten Eisbären-Menschen und durchstöberten ihre alten Fotoschätze. "Treffer im Familienalbum", schrieb etwa Vanessa Melzer, "mein Vater auf dem Arm von einem Eisbären." Auch Peter Klauß kann sich noch genau an den Moment erinnern, als er im Alter von drei Jahren auf einer Kirmes in Unna auf einer kräftigen Fellpranke landete: "Meine Eltern waren erstaunt darüber, dass ich gar keine Angst vor dem furchteinflößenden Eisbären hatte. Ich fand ihn gleich sympathisch und väterlich nett."

Nicht immer aber lief die Suche unfallfrei ab. "Wollte euch das Bild schicken, nun ist der Fotorahmen kaputtgegangen", postete Sonja Hastur über das Lieblingsbild ihres Vaters, das bei ihr seit Jahren in der Schrankwand stand.

Neben den eingesendeten Fotos, die wir nun hier präsentieren, gab es auch neue Erklärungsversuche über die Wurzeln der großen Beliebtheit des Eisbär-Menschen. Frank Dolfen etwa vermutet: "Der Eisbär hat seinen Ursprung in der Figur des Kirmesbären, der wiederum auf den Strohbären zurückgeht."

Für alle, die den Strohbären nicht ganz so genau kennen: Er trat ursprünglich nur im südwestdeutschen Raum an Fastnacht auf. Die Männer wurden kunstvoll mit Strohbündeln eingebunden und verkleidetet, sodass sie entfernt bärenhaft aussahen; Rauchen war lebensgefährlich. Später wurden diese Strohbären aber auch auf anderen Volksfesten gesehen, hießen dort aber Kirmesbären.

In einem Punkt unterschied sich der gelbe Strohbär gewaltig von seinem weißen Verwandten: Er zog nicht los, um mit Touristen zu posieren und ihnen für einen schönen Schnappschuss Geld aus der Tasche zu ziehen. Wer würde auch einen kratzigen Strohbären so innig umarmen, wie das so viele Frauen und Kinder mit einem der kuscheligen Eisbären-Menschen gemacht haben?

Als die Beliebtheit des weißen Räubers dann in den Sechzigern deutlich nachließ und der Bär sozusagen erlegt war, blieben ihm die Deutschen dennoch treu. Allerdings auf ihre Weise, wie Gabriele Krehmeier auf Facebook schreibt: "Das EisbärenFELL war ja noch in meiner Kindheit (Jhg. 1961) sehr beliebt als Fotomotiv - mit nacktem Baby drauf."

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung