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Auschwitz: Das Vernichtungslager

Foto: Fritz Schumann/Edition Ost

KZ Auschwitz Platz zum Morden

Anfangs sollte das KZ Auschwitz nur die überfüllten Gefängnisse in Polen entlasten. Dann wurde es zum größten der Vernichtungslager. Ein Lageplan zeigt die Strukturen des Todeslagers - und belegt, wie Rüstungsminister Speer dessen Ausbau vorantrieb.

Tadeusz Wiejowski und 727 weitere polnische Häftlinge waren ratlos. Wochenlang hatten sie in überfüllten Gefängnissen gesessen, immer wieder verhört und gefoltert von der Gestapo, die ihnen vorwarf, dem Widerstand anzugehören. Sie wussten, dass die Deutschen einige ihrer Kameraden bereits hingerichtet hatten. Und jetzt?

Am 14. Juni 1940 durften sie plötzlich ihre persönlichen Sachen nehmen und ihre Haftanstalten verlassen. In der südpolnischen Stadt Tarnow wurden sie zu einem Zug gebracht. Einige Gefangene schöpften Hoffnung. Auch der Stationsname, den sie am Ende der Zugfahrt sahen, klang nicht besonders Furcht einflößend. Zumindest hatten sie ihn noch nie gehört.

Auf dem Bahnhofsschild stand: Auschwitz. Die 728 Häftlinge waren die ersten Gefangenen aus Polen, die hier ankamen. Wiejowski bekam die Nummer 220.

Platz für 2100 Menschen und 836 Pferde

Nur wenige Jahre später hatte sich der einst unbekannte Name weltweit in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Als die Rote Armee am 27. Januar vor 70 Jahren das KZ befreite, waren die Soldaten entsetzt von dem, was sie sahen: "Auf den Pritschen lagen Menschen, (…) Skelette schon, nur mit Haut überzogen und abwesendem Blick", erinnerte sich einer der Rotarmisten. Auschwitz wurde zum Inbegriff einer bürokratisch perfektionierten Mordmaschinerie, zum Symbol für Barbarei und Gnadenlosigkeit. Mindestens 1,1 Millionen Menschen wurden hier fabrikmäßig vergast, erschossen und zu Tode geschunden.

Als die polnischen Gefangenen aus Tarnow im Juni 1940 das Lager in der Nähe des Städtchens Oswiecim erreichten, war das weder absehbar noch geplant. Auschwitz, wie der Ort schon zu Zeiten der österreichischen Herrschaft genannt worden war, sollte anfangs nur ein Durchgangslager sein, um die überfüllten Gefängnisse im neuen Regierungsbezirk Kattowitz zu entlasten.

Auf der Suche nach einem passenden Gelände stieß der Sicherheitsdienst SD auf ein Kasernengelände der polnischen Armee, das bald auch die Zustimmung von SS-Chef Himmler fand: Je elf gemauerte Gebäude gruppierten sich in drei Reihen um einen Reitplatz. Nach einem Lageplan von Dezember 1939 waren die Gebäude gerade einmal groß genug für 2100 Menschen und 836 Pferde.

Diese kleine Barackensiedlung war die Keimzelle eines bald riesigen Komplexes aus drei Hauptlagern (dem Stammlager, Auschwitz-Birkenau und Auschwitz-Monowitz) und Dutzenden Außenlagern. So schnell wie Metastasen eines Krebsgeschwürs breiteten sie sich um die einst beschauliche Kleinstadt Auschwitz aus.

Unbarmherzigkeit und Brutalität waren hier schon von Beginn an zu spüren. Als im Juli 1940 Tadeusz Wiejowski die erste Flucht aus dem KZ gelang, rächte sich die Lagerführung an den anderen Gefangenen. Ein Häftling starb an den Folgen des 19-stündigen Strafappells, dem längsten in der Geschichte von Auschwitz. Die SS sperrte elf der Fluchthilfe Bezichtigte in die Bunkerzellen des Todesblocks.

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Auschwitz: Das Vernichtungslager

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Auch damit nie wieder so eine Flucht gelingen konnte, wurden alle Einwohner in der Umgebung von fünf Kilometern des Lagers vertrieben und ein genauer "Plan vom Interessengebiet des KL Auschwitz" erstellt. Dieses umfasste ein Areal von 40 Quadratkilometern westlich der Altstadt. Im Osten der Stadt übernahm die IG Farben 20 Quadratkilometer. Auch Unternehmen wie Krupp hofften, in neuen Werken in der Gegend von den Arbeitssklaven aus den Lagern profitieren zu können.

So begann eine beispiellose Expansion: Zählte das Lager Ende 1940 noch etwa 6000 Häftlinge, entwarfen die NS-Behörden bald Pläne für 30.000 Gefangene. Als Himmler das KZ im Frühjahr 1941 erstmals besuchte, ordnete er zudem den Bau eines zusätzlichen Lagers für 100.000 Häftlinge an. Es war die Geburtsstunde des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, benannt nach dem nahe gelegenen Dorf Brzezinka.

Drehscheibe für Arbeitssklaven

Im Oktober 1941 entstand sogar ein Vorentwurf für bis zu 125.000 Gefangene. Sie sollten in 174 Baracken unterkommen, die SS rechnete mit 744 Gefangenen pro Baracke, wobei jede der vier Quadratmeter kleinen Schlafstellen für vier Menschen ausgelegt war. Enge und unmenschliche Bedingungen waren von Beginn an Teil der kalkulierten Vernichtung durch Hunger und Arbeit. Schon vor Fertigstellung des Vorentwurfs wurde das erste Krematorium bestellt, das mit einer unterirdischen Gaskammer ausgestattet werden sollte.

Arbeiter aus dem Stammlager mussten sich nun zu Tode schuften, um in Birkenau ein neues Todeslager auszubauen. Strafkompanien aus dem Stammlager hoben bei gekürzten Essensrationen Entwässerungsgräben in dem sumpfigen Gelände aus. SS-Männer schossen auf Arbeiter, die nicht spurten, "wie auf Enten", so der Bericht eines Überlebenden. Als 1942 neun Arbeitshäftlingen die Flucht gelang, erschoss die SS zur Strafe 340 andere Gefangene.

Ein bisher unbekannter Lage- und Ausbauplan vom 6. Oktober 1942 verdeutlicht die doppelte Strategie der NS-Führung: "Auschwitz sollte einerseits als Drehscheibe im europaweiten Sklavenarbeitermarkt fungieren und andererseits alle nicht Arbeitsfähigen möglichst rasch und spurlos vernichten", sagt die Berliner Historikerin Susanne Willems. Sie hat den Lageplan in einer dicken Kladde mit weiteren Bauzeichnungen im Militärarchiv Prag entdeckt. Zu sehen ist er erstmals in ihrem neuen Buch "Auschwitz - Die Geschichte des Vernichtungslagers", das Ende Februar im Verlag Edition Ost erscheinen wird.

Sauber angeordnete Rechtecke

Harmlos wirken sie, die penibel gezeichneten roten Rechtecke, die im "Bauabschnitt 3" den geplanten Ausbau illustrieren. Die Realität dahinter aber war grausam: 171 neue Baracken für Häftlinge, 30 neue Stallbaracken, in denen das Raubgut der deportierten Juden gesammelt werden sollte. Erstmals verzeichnet sind auch drei weitere Krematorien und das später zynisch "Zentrale Sauna" genannte Aufnahmegebäude, in dem die künftigen Arbeitssklaven registriert und entlaust werden sollten.

Zwar gibt es einige andere Bau- und Lagepläne von Auschwitz, die bereits publiziert worden sind - einer von ihnen hängt heute in der Wannsee-Gedenkstätte. Dennoch ist Willems Fund interessant, weil er erneut die Rolle des umtriebigen Rüstungsministers Albert Speer beleuchtet. Speer hatte nach dem Krieg behauptet, vom Holocaust nichts gewusst zu haben - eine Lüge, die auch nach seinem Tod fortlebte.

Willems hat schon 2005 mit weiteren Dokumentenfunden dazu beigetragen, diesen Mythos zu entzaubern. Der neu entdeckte Lageplan spiegele Wünsche Speers wider, so die Historikerin: "Der Plan vermittelt einen authentischen Eindruck, was zwischen Speer und Himmler 1942 verabredet worden war und wie Birkenau endgültig aussehen sollte." Alle späteren, in der Forschung länger bekannten Pläne zeigten "nur den jeweiligen Ist-Zustand des Lagers" - der Plan von Oktober 1942 hingegen bilde "einen politischen Willen" ab.

14 Millionen Mark für den Ausbau

Als Rüstungsminister war Speer daran interessiert, möglichst viele Arbeitskräfte aus den Todeslagern zu rekrutieren. Im März 1942 hatte Speer KZ-Arbeiter für die Rüstungsfertigung verlangt, Himmler sicherte ihm 25.000 Häftlinge zu. Mitte 1942 brauchte Speer neue Häftlinge für die Arbeit in der oberschlesischen Rüstungsindustrie. Himmler willigte im Sommer schließlich ein, dass einige Deportationszüge schon 100 Kilometer vor Auschwitz am Knotenpunkt Cosel gestoppt wurden. Dort sollten fortan Tausende Arbeitskräfte für Speers Rüstungsindustrie abgezweigt werden.

Als Gegenleistung bewilligte Speer, der gleichzeitig "Generalbevollmächtigter für die Regelung der Bauwirtschaft" war, der SS im September 1942 ein zusätzliches Bauvolumen von fast 14 Millionen Reichsmark für den Ausbau von Birkenau. 600.000 Mark sollte allein der Gleisanschluss kosten, die später berüchtigte Rampe ins Lager: Hier wurde eine erste Entscheidung über Leben und Tod getroffen. Juden, die zu alt, zu schwach oder zu krank für Zwangsarbeit waren, wurden sofort vergast.

Intern wurde dieser KZ-Ausbau als "Sonderprogramm Prof. Speer" bezeichnet und dessen Zweck als "Durchführung der Sonderbehandlung" angegeben - eine verharmlosende Umschreibung des Massenmordes an den Juden. Im Mai 1943 schickte Speer zwei enge Mitarbeiter nach Auschwitz, um sich über die Fortschritte unterrichten zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt war die Judenvernichtung bereits im vollen Gange. Der von Willems nun veröffentlichte Lageplan ist also ein weiteres Mosaiksteinchen, das Speers Wissen um den Holocaust beweist. Der Plan illustriert und belegt Speers "Sonderprogramm", auf das die Forscherin schon 2005 gestoßen war.

Letzte Morde

Umsetzen konnte die SS aber nicht mehr alle gewünschten Baumaßnahmen. Die Rampe, die Krematorien, die Stallbaracken und die "Zentrale Sauna" wurden zwar fertiggestellt, der Lagerabschnitt BIII wurde jedoch nicht vollständig erschlossen. Das Ziel, in Birkenau einmal Platz für bis zu 132.000 Häftlinge zu schaffen, erreichten die Deutschen trotz aller Organisationswut also nie. Aber Auschwitz wurde, wie von Speer geplant, im Sommer 1944 zum Umschlagplatz für Zehntausende Arbeitssklaven für die Rüstungsindustrie.

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Als die Rote Armee am 27. Januar 1945 Auschwitz befreite, fand sie nur etwa 8600 Häftlinge vor, viele von ihnen starben kurz nach ihrer Befreiung. In den Tagen zuvor hatte die SS rund 58.000 Gefangene auf Todesmärsche zu anderen KZ getrieben und auf dem Weg noch Tausende liquidiert.

Auch Tadeusz Wiejowski, dem 1940 die erste Flucht aus dem damals noch kleinen Lager gelungen war, überlebte den Krieg nicht. 14 Monate nach seinem Ausbruch wurde er in der Nähe seiner Heimatstadt Kolaczyce verhaftet, Ende 1941 aus dem Gefägnis Jaslo verschleppt und an einem unbekannten Ort ermordet.

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