Fotostrecke

Selbstinszenierung im Vernichtungslager Sobibor

Foto:

United States Holocaust Memorial Museum (USHMM)/ Metropol Verlag

Johann Niemann in Sobibor Selbstdarstellung auf der Rampe

Im Vernichtungslager Sobibor in Ostpolen ermordete die SS mehr als hunderttausend Juden. Johann Niemann war 1943 stellvertretender Leiter - jetzt ist seine Fotosammlung aufgetaucht.

Der Fotograf kauerte auf den Bahngleisen. Durch den Sucher seiner Kamera sah er einen Reiter, dessen Pferd auf einer Rampe neben den Gleisen stand. Der Reiter machte den Rücken gerade und blickte in die Ferne. Dann drückte der Fotograf den Auslöser.

Das Foto entstand im Sommer 1943 in einem der Vernichtungslager der "Aktion Reinhardt", wie die Nationalsozialisten die Ermordung von 1,8 Millionen polnischen Jüdinnen und Juden sowie 50.000 Sinti und Roma nannten. Genauer: Es wurde an einer Rampe im ostpolnischen Sobibor aufgenommen, über die die SS mehr als hunderttausend Menschen in die Gaskammern getrieben hat. Der Reiter, der sich von unten und in Feldherrenpose fotografieren ließ, ist SS-Untersturmführer Johann Niemann, stellvertretender Lagerkommandant.

Ein Foto zeigt wohl John Demjanjuk

Über Jahrzehnte lag das Bild als eines von insgesamt 361 Fotos unbeachtet auf einem Dachboden. Dann erforschte der ostfriesische Lokalhistoriker Hermann Adams die Biografie des SS-Mannes, kontaktierte einen Enkel Niemanns, der ihm schließlich die Bilder zeigte. Wenig später gestattete der Enkel dem Bildungswerk Stanisław Hantz  die Veröffentlichung - Ende Januar 2020 erschien das Buch mit den Fotos und einordnenden Texten.

Zuvor waren aus Sobibor lediglich zwei Bilder bekannt gewesen, die Niemann-Sammlung enthält allein 50 Motive aus dem Vernichtungslager - ein Sensationsfund. Nach Einschätzung der Forschungsstelle Ludwigsburg zeigt eines der Fotos möglicherweise John Demjanjuk, einen Ukrainer, der in der Hilfstruppe der SS in Sobibor diente und 2011 in München wegen Beihilfe zum Mord an 28.060 Menschen verurteilt worden war. Das Urteil wurde allerdings nicht mehr rechtskräftig, da Demjanjuk vor der Entscheidung über die von Verteidigung und Staatsanwaltschaft beantragte Revision starb.

Darüber hinaus gibt die Sammlung einen "ausführlichen und einzigartigen" Einblick in Lebensweg und Selbstdarstellung eines NS-Täters, "für dessen Taten das Wort Massenmörder verharmlosend erscheint", wie die Forscher des Bildungswerkes Stanisław Hantz schreiben. Niemann, der als stellvertretender Lagerleiter massenhaft Menschen vergasen ließ, inszenierte sich als Spaßvogel, Tierfreund, Familienmensch und Möchtegern-Gutsherr.

Köpfe absägen und in eine Abfall-Tonne werfen

Ab 1934 dokumentierte Niemann seine Karriere in der SS bildlich. Er war damals 21 Jahre alt und hatte sich freiwillig als Wächter für das emsländische Konzentrationslager Esterwegen gemeldet. Fotos zeigen Blumenbeete mit Hakenkreuzen, einen Besuch von SS-Reichsführer Heinrich Himmler, marschierende SS-Männer und Wohnbaracken.

Daneben aber nahm Niemann persönliche Bilder in die Sammlung: Es zeigt, wie er und SS-Angehörige an einem "bunten Abend" musizieren. Ein anderes zeigt, wie er gemeinsam mit Kameraden nachstellt, wie sie einem Menschen den Kopf absägen und in eine Tonne mit der Aufschrift "Abfälle" werfen - vermutlich war das als Scherz gemeint.

Im Oktober 1939 brachte Niemanns Verlobte Henriette Frey den gemeinsamen Sohn August zur Welt. Auf Fotos wirken die beiden unbekümmert und verliebt. Kurz darauf wurde Niemann nach Berlin in die "Kanzlei des Führers der NSDAP" bestellt und bekam einen Propagandafilm zu sehen über Menschen, die nach den pseudowissenschaftlichen Kriterien der NS-Ideologie als physisch oder psychisch krank, als "lebensunwertes Leben" galten. Niemann unterzeichnete eine Geheimhaltungserklärung und verpflichtete sich zu einem systematischen Mordprogramm an den "Patienten", das heute als "Aktion T4" bekannt ist - sein Sohn war zu diesem Zeitpunkt einen Monat alt.

"T4"-Leute sollten bei ihrer Mission keine Uniformen tragen, daher deckte sich Niemann im Kaufhaus Peek & Cloppenburg mit neuer Zivilkleidung ein - auf Kosten der Kanzlei. Die folgenden beiden Jahre wohnte er in Grafeneck bei Reutlingen, Brandenburg an der Havel und in Bernburg an der Saale, wo die Nationalsozialisten Krankenheime in Mordanstalten umfunktioniert hatten. Er holte Leichen aus Gaskammern und schob sie in Verbrennungsöfen.

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Fotos aus Sobibor: Die Niemann-Sammlung zu Holocaust und Nationalsozialismus

Verlag: Metropol-Verlag
Seitenzahl: 382
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Darstellung als vorbildlicher Ehemann

Auf Bildern ist davon nichts zu sehen: Niemann spaziert durch Schneelandschaften, posiert neben Statuen und paddelt auf der Havel. Für ein Juxbild zogen er und Kameraden den Schwanz eines Hundes hoch und hielten einen Zylinder drunter, vielleicht in Anspielung auf den Goldesel aus dem bekannten Grimm-Märchen.

Ein anderes Foto aus der "T4"-Zeit zeigt ihn, wie er einen Brief an Henriette schreibt, inzwischen seine Ehefrau. Offenbar wollte er sich als vorbildlicher Gatte inszenieren - für ein Bild, das ihn beim Lesen auf der Stube einfängt, hatte er extra das Familienfoto auf seinem Nachttisch zur Kamera gedreht.

Im Sommer 1941 stellte Hitler die "Aktion T4" offiziell ein, weil Angehörige und Kirchen dagegen protestiert hatten - tatsächlich aber plante er wohl, den Massenmord nach dem Krieg fortzusetzen. Für Männer, die sich mit Gaskammern und Leichenbeseitigung auskannten, hatte die NS-Führung eine neue Verwendung. Vermutlich im Herbst befahl Himmler, alle Jüdinnen und Juden im besetzten Polen zu töten, die nicht zur Zwangsarbeit gebraucht wurden.

Abgase aus Panzermotoren

So kamen Niemann und andere "T4"-Männer in den polnischen Ort Bełżec, um Gaskammern einzurichten. Zunächst experimentierten sie mit Kohlenstoffmonoxid aus Gasflaschen, doch die Reserven waren teuer und mussten extra ins Lager gebracht werden. Daher entwickelten die Männer bald eine noch effizientere Methode, bei der Abgase eines Panzermotors die Menschen töten sollten.

Am 17. März 1942 begann die "Aktion Reinhardt": Die SS deportierte Jüdinnen und Juden aus den Ghettos Lublin und Lemberg mit Zügen nach Belzec, um sie dort zu vergasen. Niemann beteiligte sich in den folgenden Monaten allein in Belzec an der Ermordung von etwa 250.000 Menschen. Die Fotos aus der Zeit zeigen ihn, wie er in SS-Uniform durch den Schnee stapft und die Hilfstruppen instruiert.

"Ausdrückliches Fotografierverbot"

Ins Vernichtungslager Sobibor, 140 Kilometer nördlich von Belzec, wurde Niemann im September 1942 versetzt. Hier entstand das Porträt zu Pferde, das er sich anders als die meisten anderen Bilder im größeren Postkartenformat entwickeln ließ.

Vor Beginn der "Aktion Reinhardt" hatte er eine Erklärung über ein "ausdrückliches Fotografierverbot" in den Lagern unterzeichnet. Niemann schoss selbst wohl keine Bilder, aber er orderte Abzüge bei Fotografen. Vermutlich besaßen andere SS-Männer die gleichen Bilder von Trinkgelagen der SS, Übungen mit den Hilfstruppen und Lagergebäuden – manche Fotos aus Niemanns Sobibor-Sammlung scheinen aus Sammelbestellungen zu stammen. Wer letztlich in Sobibor fotografierte, bleibt unklar. Denkbar ist, dass es Mitglieder der Lagerbesatzung waren, unter denen es Amateur- und auch Berufsfotografen gab.

Auf dem Lagergelände befand sich ein Bauernhof mit Schweinezucht, Kaninchen- und Pferdeställe, auf dem jüdische Häftlinge Zwangsarbeit leisten mussten. Niemann ließ sich oft mit Tieren fotografieren, auf einem Bild hielt er ein Ferkel in die Kamera. Als fünftes von neun Kindern eines emsländischen Kleinbauern war er wahrscheinlich angetan von den Plänen der SS, verdienten Männern ein Landgut in den eroberten Gebieten zu geben.

Zwangsarbeiter spalteten seinen Schädel

Nur wenige Hundert Meter vom Hof entfernt vergaste die SS rund 185.000 Menschen und verbrannte ihre Leichen. Die Sparbücher im Nachlass von Niemanns Frau deuten darauf hin, dass er sich wohl schamlos am Eigentum der Ermordeten bereicherte. Mord, Terror und Raub aber kommen auf den Bildern nicht vor.

Niemanns Leben und die Vergasungen in Sobibor endeten am Nachmittag des 14. Oktober 1943: Jüdische Zwangsarbeiter spalteten ihm mit einer Axt den Schädel und flüchteten. Seine Vorgesetzten schickten seine Sachen an die 22-jährige Witwe Henriette Niemann, darunter zwei Fotoalben und zahlreiche lose Bilder.