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Lady Montagu: Unbeirrbarer Kampf gegen das »gefleckte Monster«

Foto: ALIMDI.NET / Artokoloro Quint Lo / imago images

Impfpionierin Lady Montagu Mit einer Nussschale gegen die Pocken

Bereits vor 300 Jahren brachte Mary Wortley Montagu frühe Impfverfahren nach England. Erst schützte die Schriftstellerin und frühe Feministin ihre Kinder gegen Pocken, dann schrieb sie Medizingeschichte.

Mit einer schnellen Bewegung ritzte die alte Frau die Haut am Handgelenk des Jungen ein. Auf dem feinen roten Strich mit Blut verteilte sie etwas Eiter und bedeckte die kleine Wunde, indem sie mit einer Leinenschnur eine halbe Walnussschale darauf band, um die Blutung zu stillen. Schon war alles vorbei.

Gespannt beobachtete ein Gast die Prozedur: Lady Mary Wortley Montagu wurde im Mai 1717 in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, erstmals Zeugin einer Variolation, einer Impfung mit intakten Pockenviren. Bald darauf beschloss sie, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Mary Montagu (1689–1762) war als Tochter des Herzogs von Kingston-upon-Hull in unermesslichen Reichtum hineingeboren worden. Die riesige Bibliothek ihres Vaters, die sie jederzeit nutzen konnte, eröffnete ihr eine völlig neue Welt.

Mary erfuhr von Dingen, die ihre Gouvernante ihr vorenthalten hatte: Sie brachte sich selbst Latein und Französisch bei, las über Philologie und Philosophie, hatte bereits im Alter von 15 Jahren zwei Gedichtbände und einen Roman verfasst. »Ich werde auf ungewöhnliche Weise Geschichte schreiben«, notierte sie in ihrem Tagebuch. Und behielt recht.

Die junge Frau war schlau, attraktiv, eigenwillig. Den vom Vater ausgewählten Ehemann verschmähte sie und heiratete stattdessen einen aufstrebenden Politiker. Während sie am Leben der Londoner Gesellschaft teilnahm, veröffentlichte sie weiter Gedichte, manche so bissig satirisch, dass sie anonym erschienen. Lady Mary schrieb Texte über die lockere Moral des britischen Adels und äußerte sich kraftvoll und provokativ über die Stellung und möglichen Rechte der Frauen – 150 Jahre bevor das Wort Feminismus erfunden wurde.

Selbst schwer von den Pocken gezeichnet

Die junge Adlige wurde auch am Hof von König Georg I. sehr beachtet. Dort waren Intelligenz und Charme von Vorteil. Lady Marys Schönheit indes verging plötzlich und auf grausame Weise. 1715 steckte sie sich mit den Pocken an, ein Jahr zuvor war ihr 19-jähriger Bruder daran gestorben. Lady Mary kam knapp mit dem Leben davon, allerdings schwer gezeichnet.

Die mit dicker Flüssigkeit gefüllten Pusteln verursachten tiefe Narben und schädigten ihre Augen. Nie wieder konnte sie helles Licht ertragen und verlor auch ihre Wimpern. Ihren fortan starren Ausdruck bezeichneten Adlige als »Wortley-Blick«. Aus Scham zeigte sie sich öffentlich nur noch mit einem Seidenschleier verhüllt. Frauen mit vernarbter Haut wurden damals als »moralisch verkommen« betrachtet.

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Lady Montagu: Unbeirrbarer Kampf gegen das »gefleckte Monster«

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Bereits im 16. Jahrhundert hatten die Pocken unvorstellbares Leid in Europa hinterlassen. Zeitweise starben daran jährlich bis zu 400.000 Menschen. Die Sterblichkeit bei Erkrankten war immens, 30 Prozent oder mehr. Das »gefleckte Monster« war die tödlichste Seuche der Welt und führte zu mehr Opfern als die schwarze Pest. 300 bis 500 Millionen waren es allein im 20. Jahrhundert, bis die Krankheit 1980 dank Impfungen für ausgerottet erklärt wurde .

1717 nahm Lady Marys Leben eine plötzliche Wendung, als ihr Ehemann Botschafter am Osmanischen Hof wurde, um einen Friedensvertrag zwischen Österreichern und Osmanen auszuhandeln. In Konstantinopel widmete sich Lady Mary weiter der Schriftstellerei und beschrieb als eine der Ersten, wie Frauen in der Türkei lebten. So schuf sie auch ein neues Genre der Reiseliteratur .

Eine Entdeckung in türkischen Bädern

»Bisher ist alles, was ich sehe, für mich so neu, dass es jeden Tag wie eine frische Szene einer Oper ist«, schrieb sie in einem ihrer Briefe, die gesammelt als sogenannte »Turkish Embassy Letters« überliefert sind. Bei ihren Recherchen machte sie eine bedeutsame Entdeckung: In türkischen Bädern beobachtete sie, dass nur sehr wenige Frauen Pockennarben hatten. Ihre Neugier war geweckt.

Wegen ihrer Rolle als Botschaftergattin war Lady Mary die erste westliche Frau, die allein zu Essen mit den Ehefrauen der türkischen Oberschicht eingeladen wurde. Ihre Gastgeberinnen versicherten ihr, dass die Variolationen sehr sicher seien.

Diese Direktübertragung lebender Pockenviren war ein sehr populäres Volksmittel, das meist Frauen aus Griechenland oder Armenien anboten. Sie gingen zu den Kranken und riskierten, sich zu infizieren, falls sie nicht selbst schon von den Pocken genesen waren. Den Kranken entnahmen sie Eiter aus den Pusteln und verabreichten ihn Gesunden. Nach etwa zehn Tagen begannen die Behandelten, meist milde Symptome zu entwickeln, blieben lebenslang immun und trugen kaum Narben davon. Das Verfahren wurde längst auch in China und Afrika genutzt, war aber in der westlichen Welt unbekannt geblieben.

Verblüfft schrieb Lady Mary in einem Brief am 1. April 1717: »Die Menschen hier veranstalten Feste, und wenn sie sich treffen, meist so 15 oder 16 insgesamt, kommt eine alte Frau mit der besten Art von Pocken und öffnet ihnen mit einer Nadel die Venen.« Als ihr Ehemann auf Dienstreise war, wagte sie das Experiment an ihrem Sohn. Charles Maitland, Leibarzt der Familie, führte eine Variolation durch – mit Erfolg. Das Kind blieb immun: »Nie ging es ihm in seinem Leben besser«, schrieb sie.

Ein Experiment an der eigenen Tochter

Zurück in England erlebte Mary, wie dort im April 1721 die Pocken wüteten, und wollte um jeden Preis, dass sich ihre Erkenntnisse auch in der Heimat durchsetzen. Doch Pocken durch Pocken zu kurieren, wirkte auf viele Zeitgenossen wie unverantwortliche Quacksalberei. Lieber wollten sie sich anderen von Ärzten verschriebenen Heilmethoden aussetzen: Abführmittel zur Darmreinigung, Aderlasse, Kaltwasserkuren.

In ihrer ausführlichen Biografie kommt die Literaturwissenschaftlerin Isobel Grundy zu dem Schluss, dass Lady Mary sich in einer unangenehmen Lage befand: Sie musste als ungelernte, »weibliche Medizinexpertin« auftreten – in einer Zeit, als Frauen in Fragen der Wissenschaft nicht ernst genommen wurden.

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Unbeirrt verfolgte Lady Mary ihren Weg. Wieder war ihr Ehemann auf Reisen, wieder rief sie Doktor Maitland und ließ im April 1721 ihre damals dreijährige Tochter behandeln. Maitland war nervös, weil die Variolation viel Zorn erzeugen und seinem Ruf schaden könnte. Aber Lady Mary setzte sich willensstark durch. Zögernd schritt der Arzt zur Tat.

Nach zehn Tagen entwickelte das Mädchen Fieber, ließ sich aber bereitwillig und mit einem Lächeln untersuchen, als Lady Mary einige adlige Frauen und Hofärzte einlud. Bei Schwererkrankten zeigten sich oft Hunderte Pusteln, bei Marys Tochter nur etwa 30.

Sträflinge und Waisen zuerst

Sie war der erste Mensch im Westen, der eine Variolation erhalten hatte. »Wenn Lady Mary ihre Tochter nicht hätte behandeln lassen, hätten wir vielleicht keine Methode gefunden, wie die Pocken zu bekämpfen sind«, erklärt die Autorin Jo Willett, die zum 300-jährigen Jahrestag eine Biografie veröffentlicht hat (»The Pioneering Life of Mary Wortley Montagu«).

Die Nachricht vom Behandlungserfolg erreichte auch die Königsfamilie. Lange waren die Pocken der Fluch des Adels gewesen, sie zerstörten ganze Thronfolgen und Erblinien, von denen Macht und Einfluss abhingen. König Georg I. erteilte rasch die Erlaubnis, die Variolation an sechs Sträflingen auszuprobieren. Der Schutz funktionierte, zum Lohn erhielten sie die Freiheit. Kurz darauf wurden elf Waisenkinder infiziert, auch sie überstanden alles.

Diese Versuche wurden so zu einer ersten Art von »klinischen Studien«. Das Interesse bei Hof wuchs, zwei Enkelinnen des Königs wurden der Prozedur ausgesetzt – die männliche Erblinie sollte vorerst nicht riskiert werden. Der prominente Arzt William Wagstaffe beklagte öffentlich, die Praktik im königlichen Palast werde von »einigen, ignoranten Frauen« angewandt, und meinte damit vor allem Lady Mary. Dennoch wurde die Variolation beim Adel immer populärer.

Allerdings, so beobachtete Lady Mary mit Schrecken, entwickelte sich die einfache Methode der kleinen Schnitte in den Händen britischer Ärzte zu einer Tortur. Ritzten die Türken die Haut nur leicht ein, setzten die Briten tiefe Schnitte und füllten sie mit Eiter. Auf ihre Einnahmen wollten sie nicht verzichten, bereiteten ihre Patienten intensiv auf die Variolation vor und setzten weiter auf die herkömmlichen Methoden. So wurden die Patienten mit Aderlassen gequält oder gezwungen, sich durch »Reinigungsverfahren« wiederholt zu übergeben.

Mit Obst und Gemüse beworfen

Geistliche kritisierten zugleich, die Methode stehe nicht in Einklang mit der Natur. Die parlamentarische Gruppe der Whigs tendierte dazu, sie zu befürworten, die konservativen Torys waren dagegen.

Lady Mary unternahm viele Reisen und assistierte oft bei Variolationen. Die einen sahen sie als Heldin, andere als bedrohliche Figur, die dazu aufrief, gesunde Kinder mit den tödlichen Pocken zu infizieren. Manche starben tatsächlich daran, denn zweifellos barg dieses frühe Impfverfahren Risiken – erst recht, wenn zu viel Eiter aufgebracht wurde, die Patienten nicht für einige Zeit in Selbstisolation blieben und andere ansteckten. Doch die Todesgefahr bei einem Pockenausbruch war enorm hoch, und wer einmal geimpft war, blieb lebenslang geschützt.

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Immer wieder versammelte sich ein wütender Mob vor Lady Marys Haus. Machte sie sich zu einer Variolation auf, wurde sie bisweilen mit verdorbenem Obst und Gemüse beworfen und beschimpft. Die Adlige war selbst zur Personifizierung der Pocken geworden.

Doch nach und nach etablierte sich das Verfahren. Lady Mary zog es erneut in die Ferne. Die folgenden 25 Jahre lebte sie auf dem europäischen Festland, unter anderem in Avignon, Brescia und Venedig. Sie widmete sich der Literatur, stand in Kontakt mit den Geistesgrößen ihrer Zeit und verliebte sich in einen venezianischen Grafen, für den sie später ihren Ehemann verließ.

Fast vergessene Pionierin

Francesco Algarotti war so alt wie ihr Sohn. Er war 20, sie 40 und fasziniert von ihm. Algarotti war bisexuell, was sie nicht wusste; später verbrachte er einige Jahre am Hof von Friedrich dem Großen und entwickelte eine enge Freundschaft zum Preußenkönig. 1762 kehrte die Frau, die die erste Waffe gegen die Pocken nach Europa gebracht hatte, in ihre Heimat zurück und starb sieben Monate später an Krebs.

Ihre Arbeit hatte die Tür geöffnet für weitere Verbesserungen im Kampf gegen die Pocken. 1767 wurde auch die Habsburger-Kaiserin Maria-Theresia von Österreich zur Impfpionierin und ließ vier ihrer eigenen Kinder impfen, nachdem sie bereits vier an die Seuche verloren hatte. Anstelle der Variolation entwickelte der englische Landarzt Edward Jenner 1796 die Vakzination, eine viel sicherere Impfung, aufbauend auf den Erkenntnissen von Lady Mary.

Jenner war selbst als Kind nach Lady Marys Methode gegen die Pocken geschützt worden und daran fast gestorben. Auch er hatte unter dem Aderlass gelitten. Später entdeckte er, dass Melkerinnen niemals Pocken bekamen, und schaffte den Durchbruch: Am 14. Mai 1796 verabreichte Jenner einem achtjährigen Jungen Eiter aus Kuhpocken. Später pries Louis Pasteur ihn als Entdecker des ersten Impfstoffs.

Anders als Edward Jenner hatte Lady Mary keine medizinische Ausbildung, schrieb auch keine akademischen Abhandlungen über ihre Arbeiten. Nicht selten gerieten Frauen in der Geschichte der Wissenschaft in Vergessenheit – Lady Mary Wortley Montagu ist eine von ihnen.

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