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»Lakonia«-Slogan: »Absolute Freiheit von Sorgen und Verantwortung«

Foto: Volker Gredig / Ankerherz

»Lakonia«-Katastrophe Weihnachtskreuzfahrt in den Tod

Der Luxusliner »Lakonia« befand sich 1963 auf Kreuzfahrt zu den Kanaren, als an Bord Feuer ausbrach. Volker Gredig aus Bremerhaven war damals junger Assistent des Zahlmeisters und erinnert sich, wie er überlebte.
Aufgezeichnet von Stefan Kruecken

Die Flammen sind nun überall, auch auf dem Oberdeck. Ich suche den Kapitän. Jemand muss doch Befehle geben, wie die Passagiere und Crewmitglieder von Bord gerettet werden können, denke ich. Das Kreuzfahrtschiff »Lakonia« brennt. Doch niemand scheint sich zuständig zu fühlen.

Ich finde den Kapitän, er steht an der Reling. Mathios Zarbis, Mitte 50, trägt dunkelblaue Uniform und weiße Mütze. In der strengen Hierarchie an Bord ist er eine Erscheinung wie ein Halbgott, vor allem für einen jungen Kadetten wie mich. Normalerweise würde ich es nicht wagen, ihn anzusprechen, doch normal ist nun nichts mehr.

Der Kapitän starrt mit ausdrucksloser Miene auf das Meer.

»Herr Kapitän, was sollen wir tun?«

Er reagiert nicht. Ich wiederhole meine Frage. Keine Reaktion. Der Kapitän wirkt abwesend, wie apathisch.

Ich fasse ihn an der Schulter, ich schüttele ihn. Ich kann die Hitze des Feuers nun durch meine Uniformjacke spüren.

»Wie lautet ihr Befehl?«, rufe ich. »So sagen Sie doch was!«

Ich erkenne, dass ich vom Deck muss. Meine Kleidung ist vollgesogen mit Wasser, weil ich kurz zuvor mit anderen Crewmitgliedern versucht habe, das Feuer zu löschen. Diese Nässe rettet mich nun. Ich springe durch eine Wand aus Flammen, ohne mich zu verbrennen. Den Gedanken, den ich in diesem Moment habe, werde ich nie vergessen: »Der arme Kapitän stirbt jetzt.«

Es ist der Abend des 22. Dezember 1963, und auf der »Lakonia« entwickelt sich eine Katastrophe, die 134 Menschen das Leben kosten soll.

Meine dritte Reise

Auf »Weihnachtskreuzfahrt« sind wir einige Tage zuvor in Southampton ausgelaufen, Ziel Kanarische Inseln. An Bord sind 646 Passagiere und 376 Crewmitglieder. Die Reise verläuft zunächst ruhig. Als wir wärmere Gegenden erreichen, spielen die Passagiere Shuffleboard an Deck, sonnen sich oder schwimmen im Pool. Die Reisebroschüre wirbt mit »absoluter Freiheit von Sorgen und Verantwortung«.

Ich bin als Zahlmeisteranwärter an Bord, es ist meine dritte Reise. Ich mag das Schiff und meine Arbeit, die ich mir beinahe selbst einteilen kann und zu der das Erstellen der Crewlisten gehört. Meine Einzelkabine befindet sich auf dem Offiziersdeck.

In dieser Kabine lege ich nach dem Dienst gerade meine Krawatte ab, ungefähr um 23.15 Uhr, als ich ein Piepen höre. Ich ärgere mich erst über meinen Nachbarn, einen Schiffsingenieur, dessen Wache um Mitternacht beginnt. Offenbar ging er unter die Dusche, ohne den Wecker auszuschalten. Doch das ist kein Wecker, das ist ein Signal! Ein Notsignal, ich erkenne, es ist der Feueralarm. Dann rieche ich Rauch.

Keine Panik

Unten im Ballsaal, das weiß ich, läuft die Party »Tropical Tramps Ball« mit Liveband. Das Kino ist bestimmt auch gut besucht. Viele Passagiere schlafen bereits. Es brennt auf dem Schiff, das ist mir klar. Doch es gibt keine Durchsagen, keine Warnungen, nur dieses schwache Piepen – zumindest in manchen Gängen.

Ich eile auf die Position, die mir zugewiesen ist für einen Notfall, neben einem Fahrstuhl, in den nun niemand mehr einsteigen darf. Verstörte Passagiere hetzen an mir vorbei, einige sind halb nackt. Eine Panik aber gibt es nicht. Ich sehe Rauchschwaden von den oberen Decks herunter wabern und beschließe, meinen Platz zu verlassen.

Ich nehme die Treppe zum Hauptdeck und folge dem Rauch. Im Gang steht Qualm, dichter, schwarzer Qualm. Etwa 20 Crewmitglieder bemühen sich, die Löschschläuche auszulegen, Stewards, Köche, ich erkenne einen Elektriker aus den Niederlanden. So recht scheint niemand zu wissen, wie das funktioniert. Wir beginnen, die Schläuche zu verbinden, doch die Anschlüsse passen nicht. Einige Schläuche sind zu Knäueln verknotet. Als endlich das Wasser läuft, kommt vorn im Schlauch kaum Druck an. Dafür stehen wir bald bis zu den Knöcheln im Löschwasser.

Wir wechseln uns ab und halten das Rinnsal in die Flammen. Es ist immer schwieriger, Luft zu bekommen. Mit Taschentüchern vor dem Gesicht müssen wir kurz raus an Deck, Luftholen, dann zurück. Eine halbe Stunde geht das so. Dann kommen immer weniger Männer von der Ablösung zurück. Am Ende bleiben der Niederländer und ich übrig. Sinnlos, wir schaffen es nicht. Ich werde im dichten Rauch beinahe ohnmächtig, als ich raus an Deck torkele.

Lichter auf dem Wasser

Nach der Episode beim weggetretenen Kapitän, der aufs Meer blickt, will ich zur »Ochsenpforte«, durch die im Hafen Fracht, vor allem Proviant, an Bord gebracht wird. Auf den Gängen: Schatten, Rufe, laufende Leute, aber noch immer keine Panik. Wir haben viele englische Passagiere, die flippen nicht so schnell aus. Durch eine geöffnete »Ochsenpforte« sehe ich Lichter auf dem Wasser. Das sind andere Schiffe! Rettung ist also nahe. Ich vermute, dass die Rettungsboote gleich zurückkommen werden, und eile zu meiner Kabine, um meine Dokumente zu holen. Das klingt nicht logisch, aber in einer solchen Situation handelt man nicht immer logisch.

Später werde ich erfahren, warum die Rettung dauert und die Crews der Retter zögern: Sie fürchten eine große Explosion. Die »Lakonia« ist von der Reederei als schnelles »Turbinenschiff« angepriesen worden, eine Bauart, die im Brandfall schnell in die Luft geht. Die Wahrheit ist: Die »Lakonia« ist ein gutmütiges Dieselschiff. Explosionsgefahr: minimal.

Die Wände sind heiß. Immer wieder gehen dumpfe Schläge durch das Schiff, das sind Gasflaschen. Ich packe in meiner Kabine eine Tasche, die wichtigsten Sachen. Der Kreuzfahrtdirektor meldet sich über die Lautsprecher, die erstaunlicherweise noch funktionieren: Wer jetzt noch an Bord ist, soll sich unverzüglich zur Bar aufs Achterdeck begeben. Als ich dort eintrete, fragt mich ein Passagier: »Oh, Sie kommen aus dem Feuer?«

Ich verstehe ihn erst, als ich mein Bild im Spiegel sehe: Mein Gesicht ist schwarz, die Augenbrauen verkohlt, die Haare voller Ruß. Ich gehe raus an Deck, um die Kisten mit den Reserveschwimmwesten zu kontrollieren. Die Kästen sind offen, alle Westen bereits entnommen. Ich gehe zurück in die Bar. Ein Passagier kommt mir entgegen, Engländer, mein Alter, Mitte 20. Er fragt, ob ich weiß, wo er eine Rettungsweste finde.

Ich biete ihm meine an. Ein Reflex der Freundlichkeit, wir sind darauf trainiert. Ich beginne schon damit, die Kordeln zu entwirren. Der Mann sieht mir zu und sagt: »Ach lass' mal. Ich finde schon eine.« Dann geht er weiter. Dieser Moment, bin ich heute überzeugt, rettet mir das Leben.

Wasser, 13 Grad

Das nächste Kommando ist zu hören: Alle sollen sofort das Schiff verlassen, denn es droht zu kentern. Am Achterdeck hängen sechs Strickleitern. Ich habe keine genaue Erinnerung, wie wir die Leitern herunterkommen. Es muss jetzt ungefähr vier Uhr in der Früh sein.

Im Wasser streife ich meine Schuhe ab. Ich will weg vom Schiff, das wie eine gewaltige Fackel brennt. Ich will nicht in den Sog geraten, falls es sinkt. Das Wasser ist ziemlich kalt, vielleicht 13 Grad. Ich sehe zwei Köpfe, ein englisches Ehepaar, und denke: »Du musst die bei Laune halten.« Eine weitere Passagierin kommt hinzu. Wir treiben zu viert im Atlantik. Wie lange, kann ich nicht sagen. Eine Stunde? Oder zwei?

Wer einschläft, der stirbt. Ich spüre, wie entkräftet ich von den Löscharbeiten bin, ich habe starke Krämpfe in den Beinen. Ohne Rettungsweste wäre ich untergegangen wie ein Stein. Ich merke, wie der Tod nahekommt. Ich sehe mein Leben, es ist wie Kino in meinem Kopf. Ein Film. Ich bin ganz ruhig, gelassen. Alles ist gut. Ich bin ganz unten. Nur ein paar Sekunden – und ich wäre hinübergeglitten. Doch dann schreit eine Passagierin: »There is a ship!«, da ist ein Schiff! Motorboote kommen heran, Beiboote des britischen Frachters »Montcalm«.

Ich bin zu schwach, um mich an Bord zu ziehen. Man hievt mich hinein und hilft mir auch an Bord des Frachters. An Deck, auf den Lukendeckeln, sehe ich mehrere Körper. »Die erholen sich«, denke ich. Das ist falsch. Die Menschen sind tot.

Es dauert nicht lange, bis ich mich erhole. Eine deutsche Passagierin, die ebenfalls von der »Montcalm« gerettet wurde, hilft mir, eine Namensliste der Überlebenden zu erstellen. Ich bringe sie auf die Brücke. Der Kapitän erlaubt mir, ein Telegramm an meine Eltern in Bremen aufzugeben.

»Alles ok. Volker«, schreibe ich.

In Casablanca gehen wir von Bord und werden zunächst im Hotel Marhaba untergebracht. Der Rote Halbmond hat im Foyer große Tische mit Kleidungsspenden aufgestellt. Am nächsten Tag fliegen wir heim.

Eine Frage bleibt: Lebt er noch?

Ich sehe heute, mit dem Abstand einiger Jahrzehnte, mit Traurigkeit zurück. Diese Katastrophe hätte so nicht passieren müssen. Ursache soll der Kurzschluss eines Kabels im Friseursalon gewesen sein. Eine Untersuchung stellt eine lange Liste mit Sicherheitsmängeln fest: eingerostete Davits an den Rettungsbooten, verschlossene Spinde für Rettungswesten, fehlende Ruder in den Booten. In der Kritik stehen Kapitän Zarbis, der vom brennenden Havaristen gerettet wurde, und seine Offiziere. Die griechische Schiffsleitung hat versagt.

Glück war allein, dass die englischen Passagiere besonnen reagierten – und dass das Wetter so ruhig war. Sonst wären noch mehr Menschen gestorben. Die »Lakonia« wurde vom 24. Dezember an Richtung Gibraltar geschleppt, doch das Feuer war zu groß. Das Schiff sank am 29. Dezember 1963.

Ich bin nun alt. Ich möchte die Erinnerung an die Katastrophe wachhalten. Gemeinsam mit Siegfried Stölting, der damals als Schüler in den Weihnachtsferien an Bord war, um als Page zu arbeiten, würde ich gern andere Überlebende wiedersehen. Vielleicht im Rahmen einer Kranzniederlegung auf dem Friedhof von Gibraltar, wo einige Opfer begraben wurden.

Mich beschäftigt eine Frage. Lebt der Mann noch, der damals meine Rettungsweste ablehnte?

Volker Gredig, Jahrgang 1940, machte nach diesen Erfahrungen bei der Feuerwehr Bremen den Feuerschutzschein, bevor er weiter zur See fuhr. Auf seinem nächsten Schiff, der »Seven Seas«, die von Bremerhaven abfuhr, brach ein Feuer in der Maschine aus. Drei Minuten später war der Löschtrupp zur Stelle. Das Schiff wurde gerettet – obwohl das Feuer weitaus gefährlicher war als das auf der »Lakonia«, wie Gredig sagt. Er lebt heute in Bremerhaven.