Leben im Nachkriegsdeutschland Krüllschnitt und Klüngelskerl

Nach Rückkehr aus der Evakuierung 1945 fand die Famlie von Ernst Pelzing ihr Bochumer Haus in Ruinen vor. Mit viel Fantasie und Improvisationstalent schlug man dem Mangel ein Schnippchen - und war dankbar, dass es langsam aber stetig bergauf ging.


1941 wurden wir, das heißt meine Mutter und ich, im Rahmen der Erweiterten Kinderlandverschickung (kurz KLV) zum Schutz vor den zunehmenden Luftangriffen der Alliierten aus Bochum nach Altkarbe im Kreis Friedeberg in Pommern evakuiert. Dort wurden wir einer Gastfamilie zugewiesen, bei der wir bis zum Winter 1944/45 einige aus meiner Kindheitserinnerung heraus glückliche Jahre fernab des Kriegsgeschehens verbrachten.

Diese Ruhe hatte mit dem Vorrücken der Roten Armee nach Westen ein Ende. Im Winter 1944/45 flüchteten wir in notdürftig mit Stroh ausgekleideten Eisenbahnviehwaggons nach Westen. Vor Erreichen des Endziels Ruhrgebiet gab es mehrere wochenlange Zwischenstopps, es ging vorbei an dem in Flammen stehenden Berlin. Auf der Zugfahrt zu einem weiteren Zwischenstopp, konkret nach Stadthagen, der letzten Station vor dem Ruhrgebiet, wurden wir auf freier Strecke noch Ziel eines der wohl letzten Tieffliegerangriffe des zweiten Weltkrieges.

Im Frühjahr 1945 erreichte uns in Stadthagen das Kriegsende. Wir Kinder bemerkten diese offensichtliche Veränderung auf Grund der durch den Ort fahrenden Panzer und die Kaugummi verteilenden GIs.

Rückkehr in Ruinen

Kurz darauf kehrten wir nach Bochum zurück. Ruinen überall, so auch das Haus, in dem wir vor dem Kriege gewohnt hatten. Die Orientierung fiel daher schwer. Wir, inzwischen zwei Erwachsene und zwei Kinder, bekamen eine Wohnung, die wir mit einer anderen Familie teilen mussten. Auch diese Familie hatte mehrere Mitglieder. Dieses Leben auf engstem Raum erstreckte sich über Jahre.

Die Versorgungslage war katastrophal. Zum Glück gab es jedoch hinter unserem Haus einen Obst- und Gemüsegarten, der für damalige Verhältnisse gut bestückt war: Ein Apfel-, ein Birnen-, ein Pflaumenbaum, Stachelbeersträucher und einige Kartoffelbeete. Wenn auch das Fallobst häufig einem mehr oder weniger "natürlichen Schwund" unterlag - Interessenten gab es zuhauf -, so war das Obst doch ein kulinarischer Glücksfall, der eine gute vitaminreiche Ergänzung zur obligaten Einheitsküche darstellte, denn Schmalhans war Küchenmeister.

Der Schwarzhandel blühte. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde verhökert, denn die allgemein schlechte Versorgungslage der Bevölkerung ließ sich durch die zur Rationierung eingeführten Lebensmittelkarten nicht beheben. Hamsterfahrten zu Bauernmärkten wurden organisiert, um dort das gegebenenfalls noch vorhandene "Familiensilber" gegen Butter, Schmalz und Speck einzutauschen. Die Züge in Richtung Bauerngegenden waren hoffnungslos mit Tauschwilligen überfüllt. Trittbrettfahrer - und dies im wahrsten Sinne des Wortes - hatten Hochkonjunktur. Mehr als einmal fand unsere häusliche Versorgung eine solch' willkommene Ergänzung. Zudem hatten Nähen, Stricken, Häkeln und Kleidung der Marke Eigenbau Blütezeit. Die Kenntnisse der Hausfrau kamen voll zum Einsatz. Improvisation war gefragt.

Die Kinder und der Klüngelskerl

Unser Hausnachbar verfügte in seinem Garten zum Eigenverbrauch über einige Tabakstauden. Krüllschnitt vom Feinsten für die Pfeife. Unser Vater konnte sich hin und wieder ebenfalls bedienen, selbstverständlich im Tausch gegen irgendetwas. Selbstgedrehte Zigaretten waren üblich, die Tabakdrehmaschine gehörte zur Standardausrüstung. Zigaretten wurden allgemein als begehrtes Tauschobjekt eingesetzt. Bis zur Währungsreform 1948 waren sie eine Art solide Tausch-Ersatzwährung.

Es gab inzwischen zahlreiche umzäunte Schreber- oder Kleingärten, um die Eigenversorgung erträglicher zu gestalten. Die Zäune waren für uns Kinder kein großes Hindernis, so dass wir uns an den dort häufig stehenden Erbsen, Fietze- und Stangenbohnen gütlich tun konnten. Sonnenblumen waren wegen ihrer Kerne besonders beliebt. Ich kann mich gut daran erinnern, dass wir Kinder die Sonnenblumen häufig mit unserer Zwille unter Beschuss nahmen und abschossen, sehr zum Ärger der Schrebergärtner. Eine mehr als willkommene Abwechslung von Steckrüben, Kohlgemüse (besser unter Kappes bekannt) und Graupensuppe, die zu Hause "lange Zähne" verursachten.

In den ersten Nachkriegsjahren gab es in den Häuserruinen massenhaft Metallschrott, der entweder durch die Einwirkung der Bombenangriffe lose herumlag oder den wir ab- oder herausmontierten, um ihn gegen Bares beim Schrotthändler abzuliefern. Für uns Kinder war es der Klüngelskerl. Insbesondere waren es das Kupfer der Abflüsse und das Zink der Dachrinnen und Fallrohre, die wir mit einem kleinen Bollerwagen abtransportierten und die für die damaligen Verhältnisse gutes Geld brachten. Die Abraumhalde einer nahe gelegenen eisenverarbeitenden Fabrik hatte es uns besonders angetan. Dort gab es massenhaft Schrott, wenn uns nicht gerade der Wärter beim Einsammeln störte.

Spielplatz Bombentrichter

Wir Kinder verbrachten die meiste Zeit auf der Straße, zumal es so gut wie keinen Verkehr gab. Dazu trugen nicht zuletzt die beengten Wohnverhältnisse der Nachkriegsjahre bei. Die überall noch vorhandenen Bombentrichter, in denen häufig noch scharfe Munition lag, die Häuserruinen und die noch vorhandenen Luftschutzbunker waren beliebte, nicht ungefährliche Spielplätze. Außerdem gab es in der Nähe alter Flakstellungen zahlreiche mit Grundwasser gefüllte Bombentrichter, in denen wir im Sommer baden konnten.

Brennmaterial für den Ofen war knapp. So war denn auch hier Improvisation angesagt. Es wurde im Tagebau gewonnene Kohle "organisiert". Der Kohlenklau ging um. Ergänzend schafften wir Kohleschlamm heran, der aus Zechenabwässern in Klär- und Schlammteichen einer nahen Zeche stammte.

In den Schulen gab es 1946/47 Quäker- oder Schulspeise, eine willkommene Ergänzung des häuslichen Speisezettels. Die Austeilung erfolgte an einer zentral gelegenen Schule. Fest in Erinnerung geblieben ist mir, dass wir wie die Teufel losrannten, um unter den Ersten zu sein und so möglichst viel "Dickes" in den Essensnapf zu bekommen.

Rückblick

Die schwierigen Jahre nach Kriegsende waren gekennzeichnet durch Mangel und Improvisation, jedoch auch durch ein stetiges Bergauf in der Wirtschaft und in den persönlichen Lebensumständen. Die Stimmungslage in der Bevölkerung verbesserte sich somit ständig. Die Währungsreform 1948 trug dazu wesentlich bei. Sie bedeutete den Abschied von der Reichsmark und den damit verbundenen entbehrungsreichen Kriegs- und Nachkriegsjahren. Für die Betroffenen waren es prägende Jahre.



insgesamt 4 Beiträge
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Ernst Pelzing, 12.01.2010
1.
Mittelpunkt des Schulalltags um 1947: die Schulspeisung. CARE machte es möglich. Mir ist gut in Erinnerung geblieben, wie wir bei Schulschluss von der Volksschule Bochum-Wiemelhausen in Richtung Hochbunker an der Wiemelhauser Straße (heute Universitätsstraße) rannten. Es ging bergab, wir rannten, was das Zeug hielt, um von der dortigen Ausgabestelle der Schulspeisung möglichst viel "Dickes" in unseren Henkelmann zu bekommen. Wer zuletzt kam, hatte das Nachsehen. Es guckten mehr Augen in die als aus der Suppe. Ernst Pelzing
Ernst Pelzing, 13.01.2010
2.
1947 Extrem heißer Sommer und kalter Winter 1947/48 oder Schmalhans als Küchenmeister Alle Welt spricht HEUTE vom Klimawandel und daher zwangsläufig vom Wetter. Doch was war GESTERN? Mir sind der extrem heiße Sommer 1947 und der anschließende kalte und schneereiche Winter 1947/48 im Gedächtnis haften geblieben. Einer behördlichen Anweisung zufolge war es untersagt, in diesem Sommer z. B. Obstbäume, -sträucher und Gemüse im heimischen Garten hinter dem Haus (britische Besatzungszone, Bochum) auf Grund des bestehenden Wassermangels zu bewässern. Da Schmalhans Küchenmeister war, ergab sich somit auch bei diesen wesentlichen Ergänzungen heimischen Küchenzettels ein deutlicher Einschnitt. Der generell recht bescheidene Speiseplan wurde im Winter noch durch den vorherrschenden Mangel an Brennmaterial ergänzt. Improvisation war an der Tagesordnung. Zudem bemühte sich jeder nach Kräften zu "organisieren". Eine Überlebensfrage. Fähigkeiten, die gerade heute zu Krisenzeiten wieder gefragt sind.
Ernst Pelzing, 22.01.2010
3.
Das Füllhorn der Natur Bisher war nur die Rede von der prekären Versorgungslage im Nachkriegsdeutschland nach der Rückkehr aus der Evakuierung. Die Versorgung während der Evakuierung selbst blieb jedoch außen vor. Deshalb hier kurz einige ergänzende Anmerkungen dazu. Lebhafte Erinnerungen an meine Kindheitserlebnisse während unserer Evakuierung mit Mutter und Kind im pommerschen Altkarbe (heute polnisch Stare Kurowo) in den Jahren vor Kriegsende 1945 beziehen sich in erster Linie auf das, was man als Kind für wichtig hält. Es war das sorglose Leben in freier Natur, konkret u. a. die willkommene Ergänzung des heimischen Speisezettels. Soll heißen das Suchen von Pilzen und Beeren. Es gab ausgeprägte Jahreszeiten in der pommerschen Tiefebene. Das dortige Kontinentalklima bedeutete heiße Sommer und strenge Winter. Jede Jahreszeit brachte ihre kulinarischen Besonderheiten in der freien Natur mit sich. Insbesondere waren es die standortspezifischen Pilze wie z. B. der dick-fleischige Wiesenchampignon, ein hochgeschätzer Speisepilz. Der Name deutet schon auf seinen bevorzugten Standort hin. Weiter der hochwillkommene Birkenpilz. Auch dieser Name ist ein Hinweis auf seinen Standort. Die unterschiedlichen Steinpilze mit Standorten auf sandig-lehmigen Böden in Nadelwaldbeständen, ebenfalls hochwillkommene Speisepilze. Wenn das Sprichwort "wie Pilze aus dem Boden schießen" irgendwo zutraf, dann hier. Am nötigen Regen fehlte es nicht. Da die Waldbestände um Altkarbe groß genug waren, war das Pilzangebot entsprechend. Ihre Kenntnis und die ihrer bevorzugten Standorte ergab sich schon nach kurzer Zeit. Not macht erfinderisch. Eine weitere hochgeschätzte Ergänzung des Speiseplans: Beeren. In den Laub- und Nadelwäldern in der Umgebung Altkarbes gab es davon reichlich. So z. B. die Blau-, Heidel- oder Waldbeere. Brombeeren und Waldhimbeeren. Das Füllhorn der Natur half, über diese schwierige Zeit hinwegzukommen.
Ernst Pelzing, 24.02.2010
4.
Mit Abschaffung der Lebensmittelkarten in der BRD im Jahre 1950 ging es weiter bergauf mit der Versorgunglage. In der Erinnerung geblieben ist mir die zu Beginn der 50er Jahre "rollende" Versorgung, die uns in Form eines von einem alten Klepper gezogenen Pferdewagens und seines betagten Herrchens (ein Herr Dammeier) einige Male pro Woche erreichte. Der gute Mann hatte in seinem Angebot neben Kartoffeln, Äpfeln und Birnen eine zu der Zeit breite Palette an Kappes-Sorten wie z.B. Weißkohl, der zur weiteren Verarbeitung in Steinguttöpfen abelagert und aus dem dann Sauerkraut wurde. Damit die Grundlage zum deutschen Nationalgericht. Weiter gab es z. B. Wirsingkohl, Spitzkohl und saisonbedingt Grünkohl. Ein weiteres aufregendes Kapitel war die Milchversorgung durch Firma Möller. Blieb doch von deren ursprünglichem Fettgehalt bei der Abgabe an den Endverbraucher nur noch eine Art wässerige, bläuliche Molke übrig. Es waren, etwas sarkastisch ausgedrück, zeitbedingte direkte Beiträge zu einer gesunden, kalorienarmen Ernährung.
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