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Leben mit der Wismut: Der blinde Fleck der DDR

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Leben mit der Wismut Der blinde Fleck der DDR

Es war eines der wichtigsten Industrieprojekte der DDR: In Thüringen wurde 1975 ein neuer Schacht zum Abbau von Uranerz ausgehoben. Die Wismut-AG riss das Dorf Drosen auseinander. Die Bewohner fragte niemand. Dafür gab es plötzlich volle Regale, Südfrüchte - und eine heimtückische Strahlung.
Von Kristin Jahn

"Wir fördern für den Frieden" stand auf dem Banner, tatsächlich gefördert wurde der Kalte Krieg: Unter dem harmlos klingenden Namen eines Buntmetalls baute die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut (SDAG Wismut) zwischen 1946 und 1990 zwischen Erzgebirge und Ronneberger Raum Uranerz ab. Das verlangte die Sowjetunion als Reparationsleistung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von der DDR. Aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) wurde ein für die Sowjetunion wichtiger Rohstofflieferant im Wettrüsten des Kalten Krieges.

Die Uranerzvorkommen waren schon vor Errichtung der Besatzungszonen nach 1945 kein Geheimnis. Mit Weitblick hatte sich die Sowjetunion für "ihre" Besatzungszonen entschieden und Geologenteams lange vor Aufteilung des deutschen Gebietes losgeschickt, um sich die besten Rohstoffgebiete zu sichern. In der Anfangszeit mussten viele Arbeiter unfreiwillig für die Wismut arbeiten, später erkrankten Kumpel an Lungenkrebs.

Was im Erzgebirgsraum begann, sollte im Ronneburger Raum ein glorreiches Ende finden. In Drosen, einem Ortsteil der heutigen Gemeinde Löbichau, wurde 1975 Uranerz erkundet - plötzlich hatte die kleine Gemeinde weltpolitische Bedeutung. Noch im selben Jahr begann die Wismut mit den Planungen für den größten und modernsten Förderschacht ganz Europas. Weil der kürzeste Weg zum begehrten Erz gesucht wurde, reichte das Schachtgelände bis an die Gärten der Dorfbewohner.

"Ganz am Anfang gab es eine Versammlung in Löbichau. Ein Vertreter der Wismut hat Zeichnungen auf den Tisch gelegt und wir haben gesehen, dass die hier gleich bei unserem Haus einen Bahndamm bauen wollten. Ursprünglich sollte sogar ein Bahnhof als Drehscheibe vor unser Haus kommen. Wir waren natürlich geschockt, das habe ich auf der Versammlung auch gesagt. Ich bekam zu hören, ich könne mein Haus ja verkaufen und in eine Neubauwohnung ziehen. Wir konnten nichts dagegen machen, die Bauerei ging los und sie haben uns die Wismut direkt vor die Nase gesetzt."

Gisela Stötzel, Anwohnerin

Erst Zwangsverkäufe, dann Großbaustelle

Schnell wurden aus Feldern Bohrfelder und wuchsen Bohrtürme in den Himmel, wo vorher noch Obstbäume standen. Mitten auf der Dorfwiese wurde der Schachtansatzpunkt gesetzt. Der Vortrieb des Schachtes vollzog sich unter steter Lärmbelästigung, rund um die Uhr. Noch heute berichten Bewohner, dass selbst die Pflanzen im Garten durch die Erschütterungen des Erdbodens gewackelt haben.

"Ich habe 1966 nach Löbichau eingeheiratet. Die anderen Schächte im Ronneburger Raum waren zu der Zeit noch weiter weg. Dann ging es auch hier los, unmittelbar durch den Ort sind die gefahren, mit einem riesigen Maschinenpark. Unten im Ort, auf der herrlichen grünen Wiese, wo die Bäume standen und jetzt die Alabamahalle ist, ging es los mit der Teufe. Mein Schwiegervater hat selbst sechs Hektar Land verkaufen müssen. Die Arbeiten waren ein Schock für den Ort. Dreck überall, ein Bohrturm neben dem anderen. Wir haben uns gefühlt wie mitten auf einem Kriegsfeld. Tag und Nacht ging das so."

Ulrich Schneider, Heizungsinstallateur/Brigadier

Nicht nur der Aufbau des Schachtes war eine Belastung: Der Bereich um den Schacht wurde mit einem doppelten Sicherheitszaun vom Dorf abgetrennt. Schilder wurden aufgestellt, Fotografieren und Betreten war verboten. Eigene Polizeistreifen sicherten das Gelände nach außen ab.

Kriegsrecht für den Rüstungsbetrieb

"Die Wismut war ein Staat im Staate, gar keine Frage. Landkauf, Genehmigungsverfahren - welche andere Industrie hätte denn eine Stadt verwüsten dürfen? Wer hätte denn Genehmigungen erteilt, einen Ort so auseinanderzuziehen und aufzuspalten wie in Löbichau? An den Grenzen des Ortes die Schachtröhren zu teufen, das Wasser wegzunehmen? Sogar das Grundwasser, was nicht nur für den Ort hier war, sondern bis hinauf zum Böhmerwald reichte? Die haben hier nach nichts gefragt. Genehmigungen wurden einfach erteilt, das war eben ein halbes Kriegsrecht. Ein anderes Wort für Wismut wäre Rüstungsbetrieb. Heute könnte man das nicht so aufbauen, da müsste man die ganzen Landstriche erstmal entvölkern."

Ulrich Schneider, Heizungsinstallateur/Brigadier

Die Bewohner wurden nicht gefragt. Auch dann nicht, als 30 Meter hinter ihren Wohnhäusern ein Bahnhof mit sechs Gleisen für den Abtransport des Erzes gebaut wurde.

"Damals haben sie alle geschimpft, dass die Wismut hierher kommt. Aber man muss auch sehen, dass das halbe Dorf dort gearbeitet hat. Wir hatten es alle nicht weit auf die Arbeit. Es gibt immer Gegner und es gibt immer Befürworter, das ist mit anderen Sachen aber auch so."

Uwe Lorenz, Hauer

Die Förderung begann 1978, vier Jahre später konnte die Uranproduktion starten. Allein der Schacht Drosen bot von da an Tausenden Menschen einen Arbeitsplatz. Im Jahr 1988 beschäftigte die Wismut 3029 Arbeiter, darunter 599 Hauer.

"Wir haben alles selber gemacht. Wir hatten unseren eigenen Ratiomittelbau, eigene Baubetriebe, eigene Verkehrsbetriebe. Wir hatten sogar unsere eigene Bahn, die gibt es heute noch. Wir waren vollkommen autark. Ein riesengroßer Betrieb in Aue hat unsere ganzen Bergbaumaschinen hergestellt, darunter das ganze Gestänge für die Bohrungen. Die Maschinen haben wir natürlich aus der Sowjetunion bekommen."

Edmund Meuschke, Dipl.-Ingenieur für Tiefbohrtechnik

Sonderwirtschaftszone Wismut

Fremdfirmen waren auf dem Schachtgelände nicht erwünscht, also musste alles in Eigenregie geleistet werden. Von der Bürofrau bis zum Tischler waren in der Wismut alle Berufszweige vertreten. Für all jene eröffnete sich trotz der Gefahren ein schöner Arbeitsplatz - das beteuern Zeitzeugen immer wieder. Kein Arbeitgeber in der DDR konnte seinen Angestellten solche Vergünstigungen bieten wie die SDAG Wismut.

Es gab Extrarationen Obst, Ferienplätze, und sogar Autos und Wohnraum. Im betriebseigenen Laden, dem Wismuthandel, konnten die Arbeiter alles kaufen, wofür der Rest der Republik Schlange stehen musste. Den höheren Löhnen und den Vorteilen konnten die übrigen Betriebe der Region nichts entgegensetzen, ihre Mitarbeiter wanderten ab. Die Wismut war das, was es in der demokratischen Republik eigentlich gar nicht geben durfte: Eine Zone mit eigener Wirtschaft, ungleich höheren Löhnen und Vergünstigungen. Die Wismut wurde zum blinden Fleck im politischen Korsett der DDR.

"Ich möchte bezweifeln, dass die Arbeit in der Wismut ein Traumjob war. Auf jeden Fall haben wir gut verdient. Wir haben Ferienschecks bekommen und konnten in Hotels an die Ostsee. In der Sache gab es wirklich alles, von Südfrüchten bis hin zum Auto, das wir früher bekamen. Wir hatten Lehrlinge von der Ostsee in unserer Gruppe, weil es da oben keine Lehrstellen gab. Hier konnte man gutes Geld verdienen. Außerdem gab es Schnaps, sechs Liter jeden Monat. Über Beziehungen konnte man damit viel machen."

Uwe Lorenz, Hauer

Stilllegung, Sanierung und Rekultivierung

Mit dem Aufbegehren der Bürger im Jahre 1989 kam das Aus für den Schacht, im Zuge der Wiedervereinigung wurde der Uranabbau eingestellt. Die Sowjetunion veräußerte ihre Anteile Mitte 1991 an die Bundesrepublik Deutschland. Seitdem saniert die Wismut GmbH das Gelände und beseitigt radioaktive Altlasten.

"Als die Nachricht von der Stilllegung kam, haben wir das zuerst nicht geglaubt. Es hieß, unter Tage wird nichts mehr abgebaut. Dann ging es ganz schnell. Die ganzen Loren sind unten geblieben, die wurden mit in den Versatz eingebracht. Aus denen wurde nur noch das Öl rausgemacht, damit es nicht ins Grundwasser hineinkam."

Gerd Ettlich, Installateur

"Bei der letzten Schicht unter Tage und dem letzten Arbeitstag dort hatte ich ein komisches Gefühl. Das habe ich auch jetzt noch, wenn ich das Gelände sehe und es ist nichts mehr von der Wismut da. Beim Abriss ist Stück für Stück alles weggenommen und wieder Lehm darauf verbracht worden. Wenn man jahrelang hier gearbeitet hat, wie ich, geht einem das nahe. Jemand anderes versteht das vielleicht gar nicht. Man kann es vielleicht vergleichen mit einem, der in der LPG gearbeitet hat. Wenn dem am letzten Arbeitstag der Traktor weggenommen wird, ist das auch irgendwie bedrückend."

Uwe Lorenz, Hauer

Zum Weiterlesen:

Kristin Jahn: "Rund um den Schacht Drosen: Zeitzeugen erzählen". Sutton Verlag, 2007, 127 Seiten.

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