Legendäre Achterbahnen Kopfüber durch das Kurvenmonster

Arme hoch und Aaaaaaahhh! 1908 kam die Achterbahn nach Deutschland. Beim Oktoberfest drehte sich die hölzerne "Auto-Luft-Bahn" noch in einer braven Acht, inzwischen sorgen gigantische Rollercoaster mit Loopings und Killerkurven für Kribbeln im Bauch - bis an die Grenzen der Physik.

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Von Moritz Miebach


Langsam, ganz langsam ruckelt die kleine Wagenkolonne die 40-Grad-Steigung hoch; "Sitzen bleiben!", warnt ein Schild die Passagiere. Mit feuchten Hände umklammern die Insassen den Sicherungsbügel, der sie wie eine eiserne Pranke im Griff hält. In 26 Meter Höhe eine letzte, kleine Kurve. Dann: der Absturz! Mit Tempo 90 rast die "Cyclone"-Achterbahn auf ihren Holzschienen in die Tiefe, im Hintergrund die Skyline von New York City.

Seit 1927 verschafft der legendäre Rollercoaster im Vergnügungspark Coney Island bei New York ganzen Generationen das ultimative Kribbeln im Bauch. Seit 1988 steht die vielleicht berühmteste Achterbahn der Welt gar unter Denkmalschutz - und fährt selbst nach der Schließung von Coney Island im September 2008 weiter.

Denkmalschutz für ein Rummelplatzgefährt? In Deutschland schwer vorstellbar. Dabei ist es genau 100 Jahre her, dass die Achterbahn Deutschlandpremiere feierte - unter dem holperigen Namen "Auto-Luft-Bahn". Der Münchner Schausteller Carl Gabriel ließ 1908 auf einer Landwirtschaftsausstellung parallel zum Münchner Oktoberfest aus Holzbalken ein in Deutschland nie gesehenes Fahrgeschäft zimmern. Die Strecke in Form einer liegenden Acht gab der neuen Attraktion den Namen - als Achterbahn eroberte das Gefährt bald deutsche Jahrmärkte und Festwiesen. Während sich am ersten Tag der Wiesn 1909 gerade mal 692 Gäste auf das Holzgestell des Münchner Schaustellers Max Stehbeck trauten, war der Andrang am Ende riesig: Am Schlusstag des Oktoberfestes fuhren über 8000 Passagiere mit - die Deutschen waren infiziert.

Bremsen mit Muskelkraft

Zu einer ersten Blüte kamen die Rollercoaster in den vergnügungssüchtigen zwanziger Jahren, vor allem in den USA gab es in den "Roaring Twenties" einen regelrechten Achterbahn-Boom. Holzbahnen wie der "Cyclone" auf Coney Island in New York schossen wie die Pilze aus dem Boden, in den amerikanischen Vergnügungsparks gab es damals so viele Achterbahnen wie heute auf der ganzen Welt zusammen.

Konstruiert wurden die Schleudern auf Schienen damals noch ohne große Rücksichtnahme auf Kurvendynamik und Fliehkraft. In vielen Achterbahnen fuhren deshalb Bremser mit, die die Wagen per Muskelkraft vor dem Abflug in den Kurven bewahrten. Erst mit der Zeit wurden Sicherungssysteme entwickelt, die verhinderten, dass Züge beim Aufstieg plötzlich zurückrollten oder bei zu hoher Geschwindigkeit auf den Kuppen abhoben wie Skispringer auf der Flugschanze.

Während in den USA Rollercoaster meist fest in Freizeitparks installiert waren, wurde der Großteil der Achterbahnen hierzulande als Fahrgeschäft von Kirmes zu Kirmes gekarrt. Es gab auch Ausnahmen, wie die große Gebirgsachterbahn, die bis zur Schließung durch die Nazis 1934 eine der Attraktionen des Berliner Luna-Parks. Doch in der Regel waren deutsche Achterbahnen mobil - obwohl Auf- und Abbau selbst kleinerer Anlagen mehrere Wochen dauern konnte. Zimmerleute sägten die Bohlen und Bretter vor Ort zu, dann schraubten und nagelten sie alles zusammen. Möglich wurde das aufwändige Verfahren durch niedrige Lohnkosten - die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland zwischen den Weltkriegen sorgte für genügend Tagelöhner, die die schwere Arbeit verrichteten.

Wiedergeburt in Stahl

Die deutschen Achterbahnen waren vielleicht weniger spektakulär als ihre amerikanischen Vorbilder, dafür waren sie sicherer - von Anfang an überwachte der TÜV die Fahrtüchtigkeit der Bahnen. Selbst das half allerdings nicht immer: "Ruprechts Gebirgsbahn", die 1921 auf dem Oktoberfest Premiere feierte, krachte umgehend zusammen. Der Betreiber hatte - wohl um das Transportgewicht zu verkleinern - am Material gespart; eine Windhose riss die Konstruktion um. Die Achterbahn wurde komplett zerstört, der Schaden betrug über eine Million Reichsmark.

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Achterbahnen: Immer wieder hoch und runter

Die Wirtschaftskrise der frühen dreißiger Jahre beendete den Achterbahnen-Boom diesseits wie jenseits des Atlantiks zunächst; dann zerstörte der Zweite Weltkrieg die meisten europäischen Anlagen. Erst nach dem Krieg feierten die Coaster ein glänzendes Comeback - ein stahlglänzendes sozusagen. Hochfeste Legierungen und neue Schweißtechniken machten nun Achterbahnstrecken möglich, die bis dahin nur in der Fantasie funktionierten. Ineinander verschlungene Trassen, Waggons, die sich gefährlich zur Seite neigen, eng am Gestänge vorbei geführte Strecken - die Formbarkeit des Werkstoffs und seine Robustheit setzten den Ideen der Schausteller und Ingenieure kaum noch Grenzen.

Die erste große Stahlachterbahn der Welt, die "Matterhorn Bobsleds" im Disneyland, markierte deshalb einen Meilenstein in der Geschichte des Rollercoaster. Walt Disney persönlich gab 1958 den Auftrag, den Steelcoaster zu bauen. Inspiriert hatte ihn eine Reise in die Schweiz - fortan stürzten Disneyland-Besucher im kalifornischen Anaheim auf schlittenartigen Waggons inmitten einer kitschigen Alpenlandschaft in die Tiefe. Die "Wooden Coasters" blieben in Amerika auch weiterhin populär. Von den europäischen Rummelplätzen verschwanden die Holzbahnen hingegen in nur wenigen Jahren - der Auf- und Abbau von transportablen Stahlbahnen war nämlich in wenigen Tagen und mithin für die Schausteller deutlich kostengünstiger zu bewältigen.

Looping - König des Schreckens

Mit dem Einzug des Stahls rollten die Innovationen nun mit ebenso schnellem Tempo heran wie die Achterbahn selbst. Wilde Kurven, wie Korkenzieher im Raum verdrehte Schienen und natürlich der König des gepflegten Schreckens, der Looping. Auch wenn der einfach oder gleich mehrfache Schienensalto inzwischen untrennbar mit der Achterbahn verbunden ist, gehört der Looping tatsächlich erst seit relativ kurzer Zeit ins Repertoire. In Paris und London gab es zwar schon Mitte des 19. Jahrhunderts Versuche mit Looping-Holzbahnen, die aber ganz schnell wieder verboten wurden - sie waren der Obrigkeit zu waghalsig. Und noch rund hundert Jahre später trat 1954 die Polizei auf den Plan, um auf dem Bremer Freimarkt eine Doppel-Loopingbahn stillzulegen, nachdem sich Fahrgäste über Schmerzen an der Wirbelsäule beklagt hatten.

Erst 1976 war die Zeit reif für das wohl letzte Abenteuer auf Schienen: "The Great American Revolution" hieß die erste, große Achterbahn mit vertikalem Looping. Möglich gemacht hatte die Kopf-Über-Figur der deutsche Achterbahnkonstrukteur Werner Stengel. Der spezielle Clou: Stengels Looping war nicht kreisrund, sondern hatte Tropfenform - die Belastungen für die Insassen wurden so erheblich reduziert. Außerdem baute Stengel Achterbahnen nun so, dass der Kopf des Fahrgastes immer gerade auf einer Linie mit dem Rumpf blieb und nicht, wie bis dahin üblich, ständig hin- und hergeschleudert wurde.

Sekundenlang im Grenzbereich

Trotz solcher Fortschritte gehören Unfälle seit jeher zur Achterbahn. Eines der schwersten Unglücke ereignete sich am 14. Juni 1986 auf der "Mindbender"-Bahn im kanadischen Vergnügungspark Galaxyland. Lose Bolzen an der Radkonstruktion eines Waggons ließen dessen Räder aus der Spur springen. Der vollbesetzte letzte Waggon prallte hin und her, mehrere Passagiere wurden aus dem Zug geschleudert. Drei Menschen starben.

Dennoch heißt es bis heute immer noch: Höher, schneller, verrückter. Bei der Schussfahrt in die Tiefe schießt der Puls hoch, im Tal wird der Passagier in den Sitz gedrückt wie ein Jetpilot. Bäume, Lichter und Schienen fliegen vorbei. "Es ist wie Sex", fasste das Männermagazin "Penthouse" die Flut an Sinneswahrnehmungen beim Achterbahnfahren zusammen: "Man wartet Stunden und Stunden auf diese eine wunderbare Minute."

Anders als ihre eher ahnungslosen Vorgänger spielen die Konstrukteure von Achterbahnen heute ganz gezielt mit der Physik - und deren Grenzen. In den Rollercoastern des 21. Jahrhunderts werden die Passagiere mit bis zu sechsfacher Erdanziehungskraft in den Sitz gepresst. Ein Achterbahnfahrer, der 70 Kilogramm wiegt, bekommt dann für kurze Zeit Gegenkräfte von über 350 Kilogramm zu spüren. Eine Belastung, die der Mensch nur Sekundenbruchteile aushält.

Hängen unter Schienen

Als schnellste und höchste Bahn der Welt gilt derzeit der "Kingda Ka" im Freizeitpark Six Flags Great Adventure bei New York. Das 140 Meter hohe Ungetüm katapultiert seine Besucher auf eine Spitzengeschwindigkeit von bis zu 204 Stundenkilometern. Andere Achterbahnen schießen die Passagiere beinah senkrecht in die Höhe - nur um sie dann mit Affenzahn rückwärts wieder herunter rasen zu lassen. Auf sogenannten Inverted Coasters hängen die Sitze direkt unter den Schienen, nichts versperrt den Blick nach unten - die Füße baumeln im Freien. "Es ist wie von der Pferdekutsche zum Formel-Eins-Wagen", beschreibt Ingenieur Stengel die Entwicklung der Achterbahn von der langsamen Rumpelfahrt zu Looping-Raketen.

Angesichts immer irrwitzigerer Kurvenmonster gibt es aber auch wieder einen Trend zur Tradition. Viele Parks bauen neben furiosen High-Speed-Coastern aus Stahl auch wieder majestätisch wirkende Holzachterbahnen wie anno dazumal. Im März 2008 etwa eröffnete in einem südkoreanischen Vergnügungspark nahe Seoul der "T-Express", ein riesiger "Wooden Coaster", auf dessen 1,6 Kilometer langer Strecke die Wagen bis auf 104 Stundenkilometer beschleunigt werden. Der Koloss ist eines der größten Holzbauwerke unserer Zeit, und trotz des altmodischen Materials auf allerneuestem technischen Stand.

Eins geht modernen Holzachterbahnen wie dem "T-Express" allerdings ab: das nostalgisch-rappelige Fahrgefühl ihrer Urahnen.



insgesamt 2 Beiträge
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Sven Stursberg, 08.10.2008
1.
Sowohl im Artikel als auch in der Bildergalerie fehlen eindeutig die schnellste und die längste Holzachterbahn der Welt: The Beast (längste, Fahrzeit ca. 4 Minuten) und Son of Beast (schnellste, 78mph), beide zu finden im Kings Island Park in Cincinnati, Ohio. Link: http://www.pki.com/attractions/category.cfm?ac_id=18
Jan Lohmann, 15.04.2018
2. Das nostalgische rappelte Fahrgefühl gibt es noch
Und zwar in Plohn in Sachsen. Da gibt es einen kleinen Vergnügungspark, dort steht eine Holzachterbahn. Und hier rappelt es noch ordentlich, dass Fahrgefühl ist wie bei einer uralten Schmalspurbahn die noch von eine Dampflok gezogen wird. Aber halt viel schneller. Meine Kinder und ich haben immer wieder Spass damit.
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