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19. Juli 2008, 09:13 Uhr

Legendäre Konzerte

Stars and Stripes über Ost-Berlin

Von Steffen Gerth

Rock-Revolte auf der Radrennbahn: Die Mauer stand noch, als Bruce Springsteen 1988 vor 200.000 Menschen in der DDR auftrat. Die SED wollte den Rocker für ihre Propaganda einspannen, doch ihre Untertanen schwenkten US-Fahnen - und der "Boss" forderte den Abriss der Mauer.

Als um 19.07 Uhr der erste Gitarrenakkord über die Menschenmenge donnerte, war es für Bruno Remane so, als würde die Erde beben. Als sei er in einen Rausch versetzt worden, der erst nach dem vier Stunden dauernden Konzert langsam abklingen sollte. Ach was, nach vier Stunden: "Ich fühlte es einfach so, die Musik war so drin!", notierte der damals 23-jährige Soldat der Nationalen Volksarmee noch einen Monat später euphorisch in seinem Tagebuch: "Was für ein getanzter Abend, was für ein vertanzter Abend! Den Abend kann ich heute noch nicht fassen, tatsächlich. Kann es sein, dass ich heute noch elektrisiert bin? Phantastisch gewesen!!! Warum kann so ein Abend nicht andauern!"

Remane war einer von offiziell 160.000, geschätzt aber rund 200.000 DDR-Bürgern, die am 19. Juli 1988 Zeugen eines epochalen Ereignisses der DDR-Kulturgeschichte waren: US-Rocklegende Bruce Springsteen trat live in Ost-Berlin auf. "Ein Wunder scheint geschehen - unsere kleine DDR, in der doch nichts passierte", notierte Remane. Das Springsteen-Konzert auf der Radrennbahn im Ost-Berliner Stadtteil Weißensee war die "Erfüllung eines Traumes", wie er noch heute schwärmt.

Die Sehnsucht der Ostdeutschen nach Rockmusik aus dem Westen war Ende der achtziger Jahre gewaltig. Die harmonische Lyrik von DDR-Bands wie den Pudhys oder Karat, die gemäßigt abweichlerische Haltung von City und selbst das für DDR-Verhältnisse fast schon anarchische Auftreten der Gruppe Pankow reichte den Leuten nicht mehr. Hartmut Krüger, damals als Kultursekretär der Freien Deutschen Jugend (FDJ) Organisator des Springsteen-Konzerts, sprach später von einem gewaltigen Bedürfnisstau bei der Jugend des Landes.

Stones auf dem Index

Und tatsächlich - die ansonsten sture und unbelehrbare Staatsführung reagierte entgegenkommend: "Rockkonzerte mit zehntausenden Besuchern haben sich als wirksame Form der massenpolitischen Arbeit der FDJ unter der Jugend der DDR bewährt", stellt der Zentralrat der SED im Juni 1988 nüchtern fest.

Das Springsteen-Konzert wurde so 16 Monate vor dem Mauerfall zum finalen Höhepunkt des mühsamen Annäherungsprozesses der SED-Offiziellen an westliche Unterhaltungskunst jenseits des Schlagergedudels - und damit an den Musikgeschmack des eigenen Volkes. Bis in die siebziger Jahre waren DDR-Rockfans noch drangsaliert worden. Die Rolling Stones standen bis 1982 auf dem staatlichen Index, dann durfte das DDR-Jugendradio DT 64 in der Sendung "Musik für den Recorder" vier ausgewählte Stones-Titel senden.

Im Jahr darauf konnte Deutschrocker Udo Lindenberg nach jahrelangem Gezerre erstmals in Ost-Berlin auftreten - für zehn Minuten und vor einem ausgesuchten Publikum im "Palast der Republik". Die erhoffte Lindenberg-Tournee durch den Arbeiter- und Bauernstaat kam nicht zustande. Weitere Weststars, die die DDR in den Achtzigern beehren durften, waren David Bowie, Bob Dylan und Joe Cocker, der rund zwei Wochen vor Springsteen ebenfalls in Weißensee auftrat.

Der größte Stau der DDR-Geschichte

Für viele DDR-Bürger sind alle diese Konzerte Meilensteine - aber der Auftritt von Springsteen wird zum Monument und zur Legende. Natürlich war der "Boss" auch deshalb eingeladen worden, weil er als "progressiver" Westkünstler mit antikapitalistischer Gesinnung galt, als Komponist von "Songs über die Liebe, und einer Welt, in der sie gedeiht", wie das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" später titelte. Der Busfahrersohn aus dem Kaff Freehold im US-Bundesstaat New Jersey wird als Troubadour des Proletariats empfangen; das FDJ-Blatt "Junge Welt" deutet den des Englischen wenig kundigen Landsleuten Springsteens Klassiker "Born in the USA" sicherheitshalber als Amerika-kritisches Statement aus.

160.000 Tickets wurden für diesen Abend gedruckt, 19,90 Ost-Mark kostete offiziell der Eintritt. Die Schwarzmarktpreise sind um ein Vielfaches höher, "aber Geld spielte für uns sowieso keine Rolle", erinnert sich Frank Hartung, der sich damals im Trabant mit Frau und einem Freund aus sächsischen Kleinstadt Eilenburg nach Berlin aufmachte. Springsteen sorgte nicht nur für das größte Rockkonzert der DDR-Geschichte, er verursachte auch den größten Verkehrsstau, den der SED-Staat vor der Maueröffnung je sah. Michael John aus Erfurt erinnert sich genau, wie er sich sein Ticket erkämpfte: Weil der Vorverkauf nur in Berlin stattfand, reiste er eigens per Zug in die Hauptstadt und stellt sich dort in "die längste Schlange meines Lebens", wie John der "Leipziger Volkszeitung" erzählte.

Wer nicht die Möglichkeiten hatte, ein Ticket im Vorverkauf zu erstehen, machte sich am 19. Juli 1988 auf nach Berlin - in der Hoffnung, an der Abendkasse zum Zuge zu kommen. "Menschen. Überall quollen Menschenmassen. Das war wie beim süßen Brei", beschreibt John den Ansturm. "Die FDJ-Ordner waren restlos überfordert und hatten es aufgegeben, zu kontrollieren." Absperrgitter wurden einfach beiseite geschoben - selbst die Volkspolizei traut sich nicht mehr, einzuschreiten. "Es herrschte Anarchie", erinnert sich auch Konzertbesucher Peter Matzke, heute Musikjournalist.

Lebensgefühl gegen Propaganda

Doch das Chaos blieb friedlich. Alkoholisierte mussten draußen bleiben, drinnen im Stadion fielen Fans, die sich im Gedränge schwindlig getanzt hatten, den Sanitätern in die Arme. Die meisten allerdings blieben aber brav auf ihrem Platz stehen, um überhaupt mitzubekommen, was da ganz vorne auf der Bühne passiert. Das Gelände der Radrennbahn ist viel zu weitläufig, um durchweg gescheite Akustik zu erzeugen. Der Sound war im ersten Teil des Konzerts ein Desaster. "Lauter!", schrieb ein Besucher auf ein schnell gefertigtes Plakat. Ohne die großen Videowände - bis dahin in der DDR bei Konzerten unbekannt - wäre Springsteen für viele fast unsichtbar geblieben. Die meisten standen so weit von der Bühne entfernt wie Frank Hartung, der "Springsteen in einer Größe von etwa 15 Zentimetern" zu sehen bekam.

Aber Springsteens Auftritt in Weißensee war ohnehin weit mehr als nur ein Rockspektakel: Es gab den sozialismusmüden DDR-Bürger eine konzentrierte Dosis westliches Lebensgefühl und bot Gelegenheit zu einem trotzigen politischen Statement - über der unübersehbaren Menschenmenge wehten in Heimarbeit gefertigte Fahnen des Klassenfeindes Amerika. Auch die SED-Führung versucht natürlich, aus dem Megaevent eine Propagandademonstration zu machen. "Konzert für Nikaragua" heißt die Veranstaltung, mit der der "5. FDJ-Rocksommer" eröffnet wird, offiziell.

Doch Stargast Springsteen vermiedet es, sich die offizielle Botschaft zueigen zu machen. In holprigem Deutsch schleudert seine eigene Message ins Volk: "Es ist schön, in Ost-Berlin zu sein. Ich bin nicht für oder gegen eine Regierung, ich bin gekommen, um Rock 'n' Roll für euch zu spielen, in der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren abgerissen werden." "Barrieren", sagte Springsteen, aber alle verstanden, was gemeint war: "Mauer". In der zeitversetzten Radioübertragung auf dem beliebten DDR-Jugendsender DT 64 sowie in der TV-Aufzeichnung im Kanal DDR 2 fehlte der entscheidende Satz des "Boss". Die, die da waren, hatten verstanden.

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