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Werbeklassiker: Bier im Bauchnabel

Legendäre Werbespots "Liebe 'Arald..."

Was sind die größten Werbeklassiker der deutschen TV-Geschichte? Als einestages seine Sammlung ausstrahlte, war die Resonanz der Leser überwältigend - und mitunter aufgebracht: Wo ist das Bier im Bauchnabel? Die marschierenden Maiskolben? Oder der Duft, der Frauen provoziert? Hier!

Bill Clinton hatte sich richtig ins Zeug gelegt. Am 12. Juli 1994 hielt er eine Rede vor dem Brandenburger Tor. Natürlich sollte die nicht weniger als historisch werden. Und natürlich beendete er sie in bester Kennedy-Tradition mit ein paar Brocken Deutsch. So gut ins Ohr wie Kennedys "Ich bin ein Berliner" ging seine recht abstrakt geratene Botschaft nicht. Und doch erinnerte sie das Volk an etwas. "Nichts wird uns aufhalten! Alles ist möglich", sprach Clinton weihevoll. "Nichts ist unmöööglich!", skandierten einige der Zuhörer daraufhin voll Inbrunst, "Tooyooootaaaaaaa".

Wie kann es sein, dass uns zu Worten des mächtigsten Mannes der Welt nicht mehr einfällt als dieser (zugegebenermaßen herrlich) stumpfe Reklamespruch? Dass sich ein Werbeslogan besser in unseren Hirnen und Herzen verfängt als die gewichtigen Sätze eines US-Präsidenten?

Die Antwort darauf scheint ernüchternd einfach: Irgendwie gelingt es der Werbung, uns bei den Emotionen zu packen - mitunter besser als Präsidenten. Das merkte auch die einestages-Redaktion, als wir vor einigen Wochen die Reklameklassiker des deutschen Fernsehens kürten. Seitdem erreichten uns immer wieder Nachrichten, welche unvergesslichen Spots wir vergessen hätten.

"Das war Kunst"

"Was definitiv fehlt: 'Sexy-mini-super-flower-pop-op-cola ('alles ist in Afri-Cola…')'", erinnerte uns etwa einestages-Leser Uwe Schmidt an den psychedelischen Werbeclip für die Coca-Cola-Konkurrenz, und meint begeistert: "Das war Kunst."

Christian Erdmanns Favorit ist ein schräger Spot für Nesquik, in dem irr singend und tanzend das Verfeinern der Milch mit dem Kakaopulver beworben wird. Der absurde Höhepunkt dieses Sechziger-Jahre-Spots ist das Ende: Da schleckt sich eine leidlich euphorisiert wirkende Katze über die Nase, während eine irgendwie unheimliche Piepsstimme sagt: "Mit Nesquik trink ich meine Milch viel lieber - miauuu!"

Erstaunlich bleibt es dennoch, dass diese wenige Sekunden langen Werbebotschaften sich so lange im Gedächtnis festsetzen. So war es etwa eine Bierreklame, die dafür gesorgt hat, dass heute in deutschen Fußballstadien tausende Kehlen "Ein schöner Tag, die Welt steht still, ein schöner Tag" grölen, wenn ein Tor fällt.

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Werbeklassiker: Bier im Bauchnabel

Aber wie gelingt es den Reklameprofis, dem Verbraucher immer wieder Bilder und Melodien in unsere werbemüden Hirne zu schummeln? Evelyne Wenzel muss es wissen. Schließlich hat sie nicht nur den Diebels-Spot gedreht, der die Fußball-Hymne "Ein schöner Tag" in den Stadien etablierte - sie hat sogar das Lied selbst getextet.

"Eselsbrücke zur Erotik"

Ihr Weg zu einer TV-Reklame, die so unwiderstehlich ist, dass sie sogar in den Volksmund übergeht, klingt trotz eines solchen Erfolgs fast langweilig einleuchtend: "Ich frage mich", meint die Chefin der gleichnamigen Werbeagentur, "warum könnte jemand das brauchen, gegenüber anderen Produkten bevorzugen, lieben?"

Etwa wegen eines Bauchnabels. Evelyne Wenzel ist nämlich auch daran Schuld, dass wir sofort an Bier und Bauchnäbel denken, wenn eine Frauenstimme mit französischem Akzent "Liebe 'Arald. Gannst du mier nicht etwas von dier schieckän" haucht.

Auf den legendären Weißbierspot, kam die Werberin beim Schmökern historischer Fanpost: "Ich habe eine Postkarte gelesen, die an Ringo Starr gerichtet war", erinnert sie sich. "Da stand: Lieber Ringo, ich liebe dich so sehr. Kannst du mir nicht etwas von dir schicken?" Und warum musste die Stimme der Dame im Bierspot einen französischen Akzent haben? "Weil der natürlich", so Wenzel, "eine Eselsbrücke zur Erotik bildet, zum inneren Bild, das der Konsument von der Marke haben soll."

Ein verführerischer Spot muss laut Wenzel aber noch mehr können, als den Zuschauer mit einem guten Einfall einzufangen. "Ich versuche Emotionen sehr glaubhaft darzustellen", sagt die Agenturchefin, "und ich biete etwas an, mit dem sich der Zuschauer identifizieren kann." Die Geschichte des Schöfferhofer-Spots sei ja nicht nur eine Werbeidee. "Es gibt ja diese Liebesverhältnisse auf Distanz."

Während sich das Pärchen in der Weißbierreklame nur an letzte Nacht erinnert, kriegen wir die Slogans, Lieder und Bilder, die uns Reklameblöcke einhämmern, oft für Jahrzehnte nicht aus dem Schädel. In der Bildergalerie haben wir nun die Lieblinge der einestages-Leser zusammengestellt und dabei selbst so manchen Nonsens-Ohrwurm ("Ja, der Mais, der Mais, der Mais marschiert!!!") kaum mehr aus dem Kopf bekommen.

Da ist es doch irgendwie beruhigend, zu wissen, dass sich auch ein Werbeprofi wie Evelyne Wenzel der merkwürdigen Macht der TV-Reklame nicht entziehen kann. Gefragt nach ihrer liebsten Werbung, hat sie sofort den gesamten Spot vor Augen: Da kriecht ein Regenwurm, erinnert sie sich, unbeachtet über die Waschbetonplatten eines Bürgersteigs, während rings um ihn hektisch Menschen durch den Regen eilen. "Und da ist dieser kleine Junge, der bleibt plötzlich stehen, hebt den Regenwurm auf und rettet ihn",  schwärmt Evelyne Wenzel. "Ich krieg jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich das nur erzähle." Der Junge trägt eine Brille von Fielmann.

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