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Als der Papst sich gegen Hitler stellte: "Konfrontation ohne Bruch"

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Legendäres Geheimschreiben "Mit brennender Sorge"

Coup der Kirche: 1937 ließ der Vatikan einen geheimen Text des Papstes über die Alpen schmuggeln. Die einzige jemals auf Deutsch verfasste Enzyklika wurde von Tausenden Pfarrern zeitgleich im ganzen Reich verlesen. Hitler tobte, das NS-Regime war bloßgestellt - dabei war eine Kopie der Botschaft auch bei der Gestapo gelandet.

Um 3.30 Uhr hatte der Kardinal seine Arbeit beendet. Vor ihm lagen in dieser Januarnacht 1937 in Rom elf Seiten eines dicht beschriebenen Manuskripts, das er in den vergangenen 72 Stunden handschriftlich verfasst hatte, um keinen Stenografen einweihen zu müssen. Der Auftrag für das Schreiben war direkt von Papst Pius XI. gekommen, sein Inhalt: eine Sensation.

Sechs Wochen später wurde das überarbeitete Manuskript in der Druckerei des Vatikans vervielfältigt und ging auf eine abenteuerliche Reise. Ein diplomatischer Sonderbote brachte es über die Alpen bis zur Nuntiatur in Berlin, von wo es über Kuriere direkt an die deutschen Bischöfe übergeben wurde. Den Postweg scheute man aus Gründen der Geheimhaltung.

Jetzt musste der Text noch an Tausende deutsche Pfarreien verteilt werden - eine gigantische logistische Herausforderung. Kirchennahe Druckereien schoben Nachtschichten, weitere Kopien wurden handschriftlich oder mit der Schreibmaschine erstellt. Schließlich brachte ein Heer vertrauenswürdiger Kirchenmitarbeiter das Papier per Fahrrad und Motorrad in die Pfarrhäuser.

Die Boten mieden öffentliche Straßen und nutzen Wald- und Feldwege, um kein Aufsehen zu erregen. Die Kopien des geheimen Textes wurden konspirativ im Beichtstuhl übergeben und in den Tabernakeln der Gotteshäuser aufbewahrt. Selbst für den Fall einer staatlichen Gegenaktion waren die Kirchenmänner gewappnet: Jede Gemeinde erhielt zwei Kopien des Dokuments, die getrennt aufbewahrt werden sollten, falls eine vorzeitig beschlagnahmt werden sollte.

"Irrlehre" und "Götzenkult"

Am 21. März 1937 stand fest: Eine der spektakulärsten Geheimaktionen des Vatikans war geglückt - und Nazideutschland düpiert. In allen 11.500 Gemeinden des "Dritten Reichs" verlasen Priester im Sonntagsgottesdienst zeitgleich das Lehrschreiben von Papst Pius XI. und verteilten schließlich 300.000 Kopien des Textes an die Gläubigen. "Mit brennender Sorge" war mehr als eine sonst für Papstenzykliken übliche langatmige theologische Abhandlung - sie war ein Brandbrief. Mit beißenden Worten kritisierte der Papst darin die Hitlerdiktatur. Eine unfassbare Demütigung für die Machthaber.

Nicht für möglich gehaltene Worte über Hitler und seine Diktatur hallten von den deutschen Kanzeln. Der Papst verurteilte den Personenkult um den "Führer" und seine Anhänger als "Wahnpropheten", auf die "das Schriftwort erschütternde Anwendung findet: 'Der im Himmel wohnt, lachet ihrer' (Ps 2,4)." "Irrlehre" und "Götzenkult" des Nationalsozialismus wurden gebrandmarkt. Von "Machenschaften", die einen "Vernichtungskampf" gegen die Kirche zum Ziel hätten, war die Rede. Der Pontifex, der die Enzyklika genau eine Woche zuvor abgesegnet hatte, wurde noch deutlicher: "Wer die Rasse, oder das Volk, oder den Staat [...] zur höchsten Norm aller, auch der religiösen Werte macht und sie mit Götzenkult vergöttert, der verkehrt und fälscht die gottgeschaffene und gottbefohlene Ordnung der Dinge. "


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Die Kirche feierte ihren spektakulären Coup, die Verbreitung der Enzyklika, fast eine Woche lang vor dem allgegenwärtigen Überwachungsapparat im Dritten Reich verborgen zu haben. "Das Volk lauschte mit größter Ergriffenheit. Die Sonderdrucke wurden den Verteilern aus der Hand gerissen, weil alle ein Exemplar mit heimbringen wollten", berichtete Kardinal Michael von Faulhaber, der ursprüngliche Verfasser, stolz an den Papst.

Doch wie konnte es zu dieser offenen Konfrontation zwischen Vatikan und NS-Diktatur im Frühjahr 1937 kommen?

Vier Jahre zuvor hatten sich der Heilige Stuhl und das erst seit wenigen Monaten herrschende Hitler-Regime im Juli 1933 noch auf ein Konkordat zur Regelung der katholischen Angelegenheiten im Reich verständigt. Der Vatikan hatte mit dem Vertrag das Ziel verfolgt, wenigstens das Mindestmaß an eigenständigem kirchlichen Leben, etwa in Vereinen und Jugendverbänden oder durch eigene Zeitungen und Verlage, in der gleichgeschalteten Diktatur aufrechtzuerhalten.

Der Papst spitzt zu

Das NS-Regime sonnte sich in dem Prestigeerfolg der internationalen Anerkennung durch den Heiligen Stuhl, verletzte aber immer wieder einzelne Bestimmungen des Konkordats. Die Übergriffe auf die Kirche und ihre Vertreter häuften sich. Kardinalsstaatssekretär Eugenio Pacelli (der spätere Pius XII.) übergab dem Botschafter des Deutschen Reiches am Heiligen Stuhl über die Jahre mehr als 50 diplomatische Protestnoten - ohne jede Wirkung.

Papst Pius XI. entschied sich daraufhin, in die Offensive zu gehen. Im Januar 1937 empfing der alte und schwerkranke Pontifex die wichtigsten deutschen Bischöfe an seinem Krankenbett und weihte sie in seine Pläne ein, die Verletzungen des Konkordats und die Zustände in Deutschland öffentlich zu kritisieren. Den Münchner Kardinal Faulhaber beauftragte er mit dem Verfassen der Enzyklika.

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Dem zunächst vorsichtig formulierten Entwurf Faulhabers fügten Pacelli und Pius XI. dann einige Verschärfungen hinzu. Wo seine ursprünglichen Anfangsworte "Mit großer Sorge" lauteten, wollte der Kardinalstaatssekretär dramatischer beginnen, so dass aus der "großen" eine "brennende" Sorge wurde - unter diesem Namen sollte die Enzyklika in die Geschichte eingehen.

Zugleich entschloss sich Pius XI. zu einer bedeutsamen Geste und einer kirchenhistorischen Premiere: Die Enzyklika wurde nicht wie sonst auf Latein verfasst, sondern als erstes und bis heute einziges Lehrschreiben überhaupt in deutscher Sprache. Worum es darin gehen sollte, machte schon die Überschrift klar: "Über die Lage der katholischen Kirche in Deutschland." Unmissverständlich warf der Papst der Reichsregierung darin in Bezug auf das Konkordat vor "die Vertragsumdeutung, die Vertragsumgehung, die Vertragsaushöhlung, schließlich die mehr oder minder öffentliche Vertragsverletzung zum ungeschriebenen Gesetz des Handelns gemacht" zu haben.

"Wir werden Verbrecher entlarven!"

Um ein Haar wäre der Kirchencoup vereitelt wurden. Nur einen Tag vor der geplanten Veröffentlichung gelangte ein Exemplar der Enzyklika in die Hände der Gestapo. Allerdings zu spät. Die Sicherheitsorgane konnten Priester und Bischöfe nicht mehr daran hindern, die harten Papstworte gegen das Regime bekanntzumachen. Es war aussichtslos, Hunderttausende Kopien im ganzen Land über Nacht beschlagnahmen zu wollen. Nur an wenigen Orten wurde am folgenden Tag die Verlesung gestört – etwa im Bistum Münster, wo ein Polizist während des Gottesdienstes auf die Kanzel stieg, um dem Priester eigenhändig den Text zu entreißen.

Nach der Verlesung der Enzyklika ließ die Rache des NS-Staates und seiner bloßgestellten Sicherheitsorgane nicht lange auf sich warten. Noch in der folgenden Woche kam es zu Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Bistumszeitungen, die den Text gedruckt hatten, wurden beschlagnahmt und für drei Monate verboten. Zwölf der an der Vervielfältigung beteiligte Druckereien wurden entschädigungslos enteignet. Katholische Schulen und Klöster wurden geschlossen. Zugleich begann eine Reihe von Sittlichkeits- und Unterschlagungsprozessen gegen einzelne Priester und Ordensleute, die propagandistisch ausgeschlachtet wurden. In Koblenz wurden 170 Franziskaner verhaftet und wegen "Verführung Jugendlicher und Verwandlung des Klosters in ein Bordell für Männer" verurteilt. "Wir werden keine Märtyrer machen; wir werden Verbrecher entlarven!", gab der Gauleiter von Baden, Robert Wagner, als Parole aus.

Über ihren Botschafter am Heiligen Stuhl protestierte die Reichsregierung offiziell gegen den Inhalt des Schreibens. Zugleich wurde den deutschen Diplomaten untersagt, an den bevorstehenden Osterfeierlichkeiten im Vatikan teilzunehmen. In Berlin wurde der Nuntius zwei Tage nach der Verlesung der Enzyklika ins Außenministerium einbestellt, wo man ihm eröffnete, dass das Schreiben "als Kampfansage gegen die Reichsregierung betrachtet werden müsse".

Als Hitler auf dem Obersalzberg am Abend vor ihrer Veröffentlichung von der Enzyklika erfuhr, soll er getobt haben. Er befahl, alle Exemplare zu beschlagnahmen und die weitere Verbreitung unter Strafe zu stellen. In seiner Ansprache zum 1. Mai 1937 drohte er im Berliner Lustgarten öffentlich: "Wenn sie versuchen, durch irgendwelche […] Enzykliken usw. sich Rechte anzumaßen, die nur dem Staate zukommen, werden wir sie zurückdrücken in die ihnen gebührende geistlich-seelsorgerische Tätigkeit." Angriffslustig fuhr er fort: "Es geht auch nicht an, von dieser Seite aus die Moral des Staates zu kritisieren, wenn man selbst mehr als genug Grund hätte, sich um die eigene Moral zu kümmern."

Über 100.000 Kirchenaustritte

Kirchentreue Katholiken - aber auch regimekritische protestantische Christen - fühlten sich durch die päpstlichen Worte gestärkt. Regimetreue Katholiken dagegen wandten sich in Scharen von der katholischen Kirche ab. Über 100.000 Kirchenaustritte im Jahr 1937 waren die Folge.

Dabei waren die Worte "Hitler" und "Nationalsozialismus" in der Enzyklika gar nicht gefallen - auch, um das Konkordat zu retten und den vollständigen Bruch mit dem Regime zu vermeiden. Die Verantwortlichen für Diktatur und Kirchenverfolgung wurden nicht konkret benannt. So blieb das Schreiben an einigen Stellen vage. Auch Antisemitismus und Judenverfolgung kamen nicht zur Sprache, wie Kritiker bis heute bemängeln. Und doch ist die Bedeutung der Enzyklika gewaltig: Der Vatikan stellte sich offen gegen die herrschenden Verhältnisse im "Deutschen Reich" - zum ersten und einzigen Mal in zwölf Jahren NS-Diktatur. Der Potsdamer Historiker Thomas Brechenmacher bezeichnet das Lehrschreiben als "Höhe- und Wendepunkt" einer päpstlichen Politik der "Konfrontation ohne Bruch".

Der Heilige Stuhl und die deutsche Reichsregierung erwogen in dieser Zeit immer wieder die Aufhebung des Konkordats. Dazu sollte es jedoch nie kommen. Der 1933 zwischen Staat und Kirche geschlossene Vertrag wurde auch später in Zeiten schlimmster Repressionen, als Priester und Ordensleute aus dem Widerstand in Konzentrationslagern starben, vom Vatikan nicht aufgekündigt. Er ist bis zum heutigen Tage in Kraft.