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Lehrerinnen um 1900: Nervöse Vorkämpferinnen

Lehrerinnen um 1900 Nervöse Vorkämpferinnen

Erst Ende des 19. Jahrhunderts konnten bürgerliche Frauen einen Beruf ergreifen: Lehrerinnen erkämpften sich langsam aber beharrlich ihre Rechte - Studium, ein angemessenes Gehalt und Anerkennung. Doch viele litten unter dem Beruf und seinen Bedingungen.
Von Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten

Immer wieder kämpfte das Fräulein Adele Welcker mit den gleichen Symptomen: einen "Zustand von Reizbarkeit, Unzufriedenheit und unklarer Vielgeschäftigkeit" diagnostizierten die Ärzte in der psychiatrischen Klinik Kiel. Als Grund machten sie eine kurzfristige, jedoch "ziemlich schwere Geistesstörung auf degenerativ-hysterischer Basis" aus, wie ein Gutachter am 10. Juli 1909 konstatierte.

Unmöglich, so die Ärzte, könne Fräulein Welcker in ihrem Zustand als Lehrerin arbeiten - statt in einem Lyzeum landete die junge Pädagogin vorübergehend in der Großherzoglichen Landesirrenanstalt im hessischen Heppenheim. Auch nach ihrer Genesung hielt sie es nicht lange aus in ihrem gewählten Beruf: Im Alter von 43 Jahren quittierte Fräulein Welcker 1915 den Schuldienst.

"Nervosität" oder "Neurasthenie" galt zur Jahrhundertwende als typische Berufskrankheit von Pädagogen. Eine zeitgenössische Studie ging 1905 davon aus, dass mehr als 50 Prozent aller deutschen Lehrerinnen unter den ebenso zahlreichen wie diffusen Beschwerden litten, die der Krankheit zugeschrieben wurden - phänotypische Vertreter eines "Zeitalters der Nervosität", wie der Bielefelder Historiker Joachim Radkau die Epoche vor dem Ersten Weltkrieg charakterisierte.

Klar ist: Nicht nur der Beruf selbst, auch die Lebensumstände der Lehrerinnen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert machten sie anfällig für Krankheiten. Die meisten Lehrerinnen der Jahrhundertwende entstammten dem gehobenen Bildungsbürgertum - Bildung war teuer und daher in der Regel den Söhnen vorbehalten.

Bildung als Luxus

Mädchen mit einer höheren Bildung auszustatten, war aus Sicht der Eltern ein Luxus. Der Schritt in den Beruf und die damit verbundene, bescheidene finanzielle Unabhängigkeit wählten viele Frauen eher notgedrungen: Beinahe ein Drittel der jungen Frauen, die sich an den Lehrerinnenseminaren des Kaiserreichs ausbilden ließen, hatten mit 20 Jahren bereits ihren Vater verloren. Hinzu kam, dass Familien mit mehreren Töchtern häufig nicht allen eine ausreichende Mitgift für eine "gute Partie", einen gutsituierten Gatten also, angedeihen lassen konnten - eine Versorgung unabhängig vom Ehemann wurde notwendig.

Andererseits war der Beruf der Lehrerin der einzige, der gebildeten jungen Frauen offen stand: Ein Hochschulstudium, mit dem sie etwa Ärztin, Anwältin oder Wissenschaftlerin hätten werden können war für Frauen noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur mit Ausnahmegenehmigung möglich. Preußen gewährte dem weiblichen Geschlecht erst 1908 Zugang zur Universität - allerdings nicht, damit Frauen sich selbst verwirklichten, sondern "der deutsche Mann nicht durch die geistige Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit seiner Frau an dem häuslichen Herde gelangweilt" werde.

Auch eine kaufmännische Lehre stand ihnen in aller Regel nicht offen, in den Kontoren und Bureaus fanden Frauen bestenfalls als Schreibkräfte Anstellung. So ist es wenig verwunderlich, dass die Vorreiterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung in Kaiserreich und Weimarer Republik Lehrerinnen waren - und diesen Beruf als Sprungbrett für ihre spätere politische Karriere nutzten. Die 1848 geborene Helene Lange etwa, Gründerin und Vorsitzende des "Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins" (ADLV), ab 1893 auch Vorsitzende des "Allgemeinen Deutschen Frauenverein" (ADF) und Herausgeberin das Zentralorgans der bürgerlichen Frauenbewegung, der Zeitschrift "Die Frau".

Vom Lehrerinnenseminar in den Seziersaal

Mit der legendären Formulierung: "Sehr geehrte Herren und Damen!" eröffnete Lange 1919 als Abgeordnete der neuen Demokratischen Partei (DDP) und Alterspräsidentin die konstituierende Sitzung der Hamburger Bürgerschaft. Helene Langes 25 Jahre jüngere Freundin und enge Verbündete Gertrud Bäumer, mit der Lange von 1898 bis zu ihrem Tod 1930 zusammen lebte und arbeitete, war zur gleichen Zeit Mitglied der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar, wurde Reichstagsabgeordnete und 1922 die erste deutsche Ministerialrätin im Reichsinnenministerium. 1945 war Gertrud Bäumer unter den Gründungsmitgliedern der CSU. Auch sie hatte ihre Karriere zur Jahrhundertwende als Lehrerin an einer "Höheren Töchterschule" begonnen.

Den Besuch der Universitäten erkämpften sich Frauen schließlich ebenfalls über die Pädagogikausbildung: Als ab 1896 die ersten Frauen in deutschen Hörsälen als Gasthörerinnen zugelassen wurden, waren diese fast ausnahmslos Lehrerinnen. Die ersten Ärztinnen, die zur Jahrhundertwende als Einzelfälle und nur mit Ausnahmegenehmigungen ihr Examen ablegen durften, hatten zuvor ein Lehrerinnenseminar besucht.

Schon 1888 hatte der ADF um Helene Lange eine Petition an das preußische Abgeordnetenhaus gerichtet, um eine wissenschaftliche Lehrerinnenausbildung und die Zulassung zum Medizinstudium für Frauen zu erreichen. Doch erst 20 Jahre später war es soweit.

Waren die Lehrerinnen einerseits Pioniere der Frauenbewegung, mussten viele von ihnen doch mit den schwierigen Seiten des von ihnen gewählten Berufes kämpfen. Mindestens ein Drittel weniger Gehalt als ihre männlichen Kollegen erhielten die Frauen. Und als sich zwischen 1880 und 1900 zu viele männliche Lehrer auf die wenigen Stellen an den höheren Knabenschulen bewarben, rückten die noch recht jungen Mädchenschulen ins Blickfeld der männlichen Pädagogen.

Liederliche Weibsbilder

Um die weibliche Konkurrenz loszuwerden, führt das Deutsche Reich 1880 das "Lehrerinnenzölibat" ein: Wer heiratete, musste seinen Job aufgeben. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie war aus zeitgenössischer Sicht für Frauen weder möglich noch erstrebenswert - eine Sicht, die übrigens damals auch die Standesvertretung der Lehrerinnen, der ADLV, vertrat. Allerdings legten die Schulbehörden diese Regelung pragmatisch aus: Bei Lehrermangel - der spätestens ab der Jahrhundertwende das gesamte Reichsgebiet betraf - konnten auch verheiratete Lehrerinnen "provisorisch" weiterbeschäftigt werden. Pensionsansprüche erwarben sie nach der Hochzeit jedoch nicht mehr.

Fräulein Adele Welcker könnte, wie vielen ihrer Kolleginnen auch, das Lehrerinnenzölibat buchstäblich auf die Nerven gegangen sein. Denn die Neurasthenie-Kranken empfohlene Ablenkung - ein Nachmittag in der Badeanstalt, Ausflüge in die Natur oder ein Theaterbesuch - standen Unverheirateten nur sehr bedingt offen. Frauen, die sich ohne männliche Begleitung in die Öffentlichkeit wagten, gar Bäder oder Cafés besuchten, galten schnell als "liederlich".

Ganz normale Alltagsaktivitäten wurden vom sozialen Umfeld in die Nähe unsittlichen Verhaltens, ja Prostitution gerückt und konnten zur sozialen Ächtung führen - gerade im Lehrerberuf eine durchaus gefährliche Aussicht. Mit ihrem spärlichen Gehalt mussten alleinstehende Pädagoginnen nicht nur Beruf und Haushalt allein bewältigen, sie waren auch sozial weitgehend isoliert. Gleichgesinnte und Gesellschaft fanden sie vor allem in den Frauenverbänden - und von dort war der Schritt in die Politik nicht mehr weit.

Dieser Artikel basiert auf einem preisgekrönten Beitrag für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Weitere Informationen zum Originalbeitrag "Dankbar rückwärts, gläubig aufwärts, freudig vorwärts. Lehrerinnen an der höheren Mädchenschule in Gießen um 1900" von Fiona Fritz können in der Datenbank des Geschichtswettbewerbs recherchiert werden.

Text: Helene Heise
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