Lektüre der Top-Nazis "Echte Germanen"

Führende Nazi-Politiker inszenierten sich als belesene Intellektuelle. Tatsächlich konsumierten die Rassekrieger lieber seichte Stoffe – von Jules Verne bis Karl May.

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Im Jagdhaus Carinhall nördlich von Berlin erholte sich Hermann Göring gerne von seinen Amtspflichten. Für den Reichsluftfahrtminister stand dazu eine gut bestückte Bibliothek bereit, mit "Prachtausgaben aus allen Buchzeiten und den gesammelten Werke aller Geistesheroen der Welt", wie ein zeitgenössischer Chronist vermerkte.

Dort habe sich Göring zur täglichen Bücherstunde ausgiebig bedient: "Immer liegen im Schlafzimmer des Generalobersten etwa ein Dutzend von ihm selbst ausgewählter Bücher, entweder sind es Geschichtswerke oder Bücher, die sich mit Kunst und Natur befassen."

Allein: Nach 1945 konnte sich kein Zeitzeuge erinnern, den gewichtigen Nazi-Promi jemals bei ebensolcher Lektüre beobachtet zu haben. Ein Beamter des Reichssicherheitsdienstes hatte im Schlafzimmer Görings vor allem Kriminalromane liegen sehen, und ein tschechoslowakischer Gesandter erinnerte die Stapel auf dem Nachttisch: "Einzige Bücher: Werke von Jules Verne und Karl May."

Angebliche Belesenheit als Imagepflege

Im Dritten Reich wurde Deutschland von einer Clique selbsternannter Literaturexperten regiert. Fast alle Angehörigen des engsten Führungszirkels stilisierten sich als Buchkenner, nicht wenige traten selbst als Autoren hervor. Umgeben von anspruchsvollen oder besonders schneidigen Erzeugnissen des Geistes, so sollte das Volk seine Vorderen sehen.

Tatsächlich war der von den Nazi-Größen betriebene Kult um die Belesenheit vor allem Image-Pflege. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Germanisten Christian Adam, die vor kurzem erschienen ist. Sie untersucht die Lesegewohnheiten der Deutschen und ihrer politischen Führer im Nationalsozialismus.

Wo die bisherige Forschung vor allem auf die verbrannten und verfemten Bücher blickte oder im Schrifttum die Wurzeln der Rassenideologie identifizierte, widmet sich Adam dem gängigen Lesegeschmack. Und darin hoben sich die NS-Bonzen entgegen ihrer Selbstdarstellung als Avantgarde nicht groß hervor.

Jules Verne, Alexandre Dumas

Das "unpolitische Mittelmaß" dominierte die Bestsellerlisten, von Sachbüchern über historische Romane bis hin zu humoristischen Textsammlungen. Während des Zweiten Weltkrieges nahm die Nachfrage nach seichten Stoffen noch zu, so Adam. "Fluchtlektüre erschien jetzt so wertvoll wie nie zuvor." Blut-und-Boden-Literatur habe hingegen kaum Abnehmer gefunden.

Heinrich Himmler, Sohn eines Oberstudiendirektors aus Lindau am Bodensee, hielt penibel seine Lesefrüchte fest. 346 Werke finden sich auf einer von 1919 bis 1934 geführten Liste, die bislang weitgehend unbeachtet im Koblenzer Bundesarchiv lagerte.

Jules Vernes "20.000 Meilen unter dem Meer" sind dort aufgeführt, zusammen mit anderen Unterhaltungsautoren des 19. Jahrhunderts, Alexandre Dumas, Jack London. Zum Historienschmöker "Ein Kampf um Rom" von Felix Dahn über die Ostgoten in der Spätantike notierte Himmler: "Eine packend lebendig geschriebene Geschichte eines guten Volkes echter Germanen. Man könnte weinen. Welsche Tücke und Weiberintrigen und deutsche Geradeheit und Treue."

Auch Hermann Hesses "Siddharta" traf den Geschmack Himmlers: "Ein herrliches Buch. Indischer Brahmanen-Geist, tiefstes Wissen um Ringen und Erlösung." Mit der Pflichtlektüre von Hitlers "Mein Kampf" quälte sich Himmler hingegen zwei Jahre lang. Sein Urteil fiel eher verhalten aus: "Es stehen unheimlich viel Wahrheiten darin. Die ersten Kapitel über die eigene Jugend enthalten manche Schwäche."

Eine Hitler-Reportage löst eine Karl-May-Welle aus

Auch Joseph Goebbels führte manisch Tagebuch, es sollte das Bild eines Reichspropagandaministers vermitteln, dessen Hunger nach Gedrucktem unstillbar war. Immer wieder heißt es dort "Noch bis tief in die Nacht gelesen", "Noch lange gelesen und geschrieben". Chefideologe Alfred Rosenberg, Goebbels Rivale in Publikationsangelegenheiten, war ebenfalls um seinen Ruf als Leser bemüht. "Wie in einem Fieber", so Rosenberg, habe er früher täglich bis zu 13 Stunden in der Bayerischen Staatsbibliothek zugebracht.

Was und wie viel die Nazi-Größen tatsächlich lasen, ist bei all dieser Selbstinszenierung nur noch schwer nachzuvollziehen. Adolf Hitler selbst gebot über eine Bibliothek von 16.000 Bänden. Die meisten waren indes Geschenke von Verehrern und Weggefährten, in die Hand genommen hat Hitler wohl nur einen Bruchteil.

Der Münchener Journalist Oscar Achenbach, der im April 1933 durch das Schlafzimmer Hitlers auf dem Berghof stöbern durfte, erhielt einen seltenen Einblick in die Präferenzen des Führers: "Auf einem Bücherbord stehen politische und staatswissenschaftliche Werke, einige Broschüren über die Pflege und Zucht des Schäferhundes, und dann - deutsche Jungens hört her! – dann kommt eine ganze Reihe Bände von – Karl May!"

Achenbachs schwärmerische Reportage löste eine wahre Karl-May-Welle aus. Allein vom "Schatz im Silbersee" wurden während des gesamten "Dritten Reiches" rund 300.000 Exemplare abgesetzt.

Als es an allen Fronten bereits lichterloh brannte, durfte sich auch der deutsche Landser mit der Wildwest-Schmonzette zerstreuen: 1943 erschien eine Sonderedition des Oberkommandos der Wehrmacht mit dem Vermerk "nur für den Gebrauch innerhalb der Streitkräfte".



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Thomas Marx, 17.06.2013
1.
Das Josef Goebbels einen Doktortitlel in Germanistik besass und an der Universität Heidelberg über deutsche Literatur promoviert hatte, Doktovater war der jüdische Literaturwissenschaftler Max Freiherr von Waldberg, gehört wohl nicht in einen solchen Artikel. Warum auch. Zuviel Information verwirrt die Menschen doch bloss.
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