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Leningrader Sinfonie: "So klingt in meinen Ohren Krieg"

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Leningrader Sinfonie Mit Pauken und Trompeten gegen den Terror

Ein Triumph in C-Dur: 1942 führten völlig entkräftete Musiker im belagerten Leningrad Schostakowitschs 7. Sinfonie auf. Lautsprecher übertrugen das Konzert überall in der Stadt - selbst die Wehrmacht hörte zu.

Die erste Probe? Ein Fiasko von wenigen Minuten. Nur 15 Musiker waren noch am Leben, als Dirigent Karl Eliasberg sein Radio-Sinfonieorchester im Frühjahr 1942 einbestellte. Vor Schwäche konnten sie sich kaum auf den Beinen halten. "Ich erkannte die Spieler nicht wieder, sie sahen aus wie Skelette", beschrieb Oboistin Ksenia Matus den traurigen Anblick.

Allen war klar: Mit dieser Trümmertruppe ist die 7. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch kaum zu stemmen. "Das schaffen wir nie", soll Eliasberg verzweifelt gerufen haben, als er die Partitur erstmals sah. Doch die Musiker machten das Unmögliche möglich: Mitten in der belagerten Stadt führten sie am 9. August 1942 die legendäre "Leningrader" auf. Ein Fanal gegen die Barbarei, das den Überlebenswillen der geschundenen Zivilbevölkerung symbolisiert.

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Leningrader Sinfonie: "So klingt in meinen Ohren Krieg"

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Die Entstehungsgeschichte von Schostakowitschs Werk steht im Zentrum des brillanten Doku-Dramas "Leningrad Symphonie. Eine Stadt kämpft um ihr Leben" von Christian Frey und Carsten Gutschmidt. Schlüsselfigur des heute erstmals im TV ausgestrahlten Films: Dirigent Eliasberg, der die Stellung in der belagerten Stadt halten musste. Während das angesehene Philharmonie-Orchester längst nach Novosibirsk ausgeflogen worden war, hatte die zweite Musik-Garde in der Hölle von Leningrad auszuharren.

Ratten, Sägemehl, Menschenfleisch

"Die Stadt wird nur eingeschlossen, mit Artillerie zerschossen und ausgehungert": So lautete Hitlers teuflischer Plan. Nachdem das Deutsche Reich die Sowjetunion am 22. Juni 1941 überfallen hatte, sollten die Bewohner der von ihm verachteten Metropole langsam und qualvoll krepieren. Im September 1941 schloss sich der Belagerungsring um Leningrad.

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Gezielt vernichtete die Luftwaffe die Lebensmittellager der Stadt. Schon nach einem Monat waren die Getreidevorräte leer. In ihrer Not aßen die Menschen Katzen und Ratten, Sägemehl, Leim - und Menschenfleisch: Für den Winter 1941/42, mit bis zu 40 Grad minus ungewöhnlich hart, registrierten die Behörden mehr als 1000 Fälle von Kannibalismus.

"Wir werden alle wie die Fliegen verrecken", schrieb die 16-jährige Schülerin Lena Muchina während der Belagerung in ihr Tagebuch. Knapp 900 Tage dauerte die "tödlichste Blockade einer Stadt seit Menschengedenken", so die britische Historikerin Anna Reid. Am Ende waren laut Schätzungen von Historikern knapp eine Million Menschen tot.

"Hitler setzte nur den Schlusspunkt"

Schostakowitsch selbst war diesem entsetzlichen Kriegsverbrechen nur wenige Wochen lang ausgesetzt: Der Komponist wurde Anfang Oktober 1941 gegen seinen Willen nach Kuibyschew an der Wolga evakuiert und vollendete dort die "Leningrader". "Meine Sinfonie Nr. 7 widme ich unserem Kampf gegen den Faschismus, unserem sicheren Sieg über den Feind und meiner Heimatstadt Leningrad", erklärte der Musiker vor der Kamera:

Gebrüder Beetz / ARTE

Doch galt Schostakowitschs Zorn nicht nur dem Nazi-Terror, sondern auch Stalins Schreckensherrschaft. In seinen posthum veröffentlichten Memoiren heißt es:

"Ich empfinde unstillbaren Schmerz um alle, die Hitler umgebracht hat. Aber nicht weniger Schmerz bereitet mir der Gedanke an die auf Stalins Geheiß Ermordeten. Ich trauere um alle Gequälten, Gepeinigten, Erschossenen Verhungerten. Es gab sie in unserem Lande schon zu Millionen, ehe der Krieg gegen Hitler begonnen hatte. (...) Ich habe nichts dagegen einzuwenden, dass man die Siebte die 'Leningrader' Sinfonie nennt. Aber in ihr geht es nicht um die Blockade. Es geht um Leningrad, das Stalin zugrunde gerichtet hat. Hitler setzte nur den Schlusspunkt."

Um die Echtheit der Memoiren und Schostakowitschs politische Haltung wird bis heute gestritten. Fest steht: Der Musiker war der Willkür Stalins ebenso ausgeliefert wie alle anderen.

Angst vor Verhaftung

Zunächst als Wunderkind gefeiert, fiel Schostakowitsch 1936 in Ungnade - dem Diktatur hatte die Oper "Lady Macbeth von Mzensk" missfallen. "Chaos statt Musik", wütete die "Prawda" in einem Leitartikel. Der Komponist erhielt ein Aufführungsverbot und lebte in ständiger Angst vor der Verhaftung.

Erst allmählich stieg Schostakowitsch wieder in der Gunst Stalins. Er schrieb Filmmusiken und Durchhalte-Lieder für Soldaten, diente seiner Stadt in der Bürgerwehr - und übersetzte das Grauen um ihn herum in Töne. "So jedenfalls klingt in meinen Ohren Krieg", sagte Schostakowitsch, als er einem Freund am Klavier 1941 das unerbittlich voranpreschende "Invasionsthema" aus dem ersten Satz seiner 7. Sinfonie vorspielte.

Am 5. März 1942 brachte er seine "Leningrader" in Kuibyschew zur Uraufführung, es folgten umjubelte Konzerte in der ganzen Sowjetunion. Unter Umgehung der feindlichen Linien wurde die Orchesterpartitur auf Mikrofilm über Teheran in Richtung Westen ausgeflogen, auf spektakulären Umwegen gelangte sie nach London und New York.

Schostakowitsch wurde zur internationalen Medienikone - seine "Kriegs-Sinfonie" zum Propagandainstrument. Die Sowjetführung befahl: die Siebte muss auch im belagerten Leningrad aufgeführt werden. Ein Militärflugzeug durchbrach die Luftblockade, um die Partitur zu Eliasberg zu bringen.

Fronturlaub für die Proben

Doch woher die Musiker nehmen in der sterbenden Stadt? Woher die Energie? Rund 75 Minuten dauert das vier Sätze lange Werk und braucht mindestens 80 Instrumentalisten. Dirigent Eliasberg klapperte die Krankenhäuser ab, überall in der Stadt suchte er Verstärkung für sein dezimiertes Orchester.

Gebrüder Beetz / ARD

Die Dokumentation "Leningrad Symphonie: Eine Stadt kämpft um ihr Überleben" ist am 27. Februar 2018 um 21.45 Uhr auf ARTE  zu sehen, außerdem am 28. März 2018 um 23 Uhr in der ARD .

Das Radio startete einen Aufruf an alle Musiker, sich zu melden. Und General Leonid Goworow ordnete an: Jeder, der ein Instrument spielen kann, bekommt für die Proben Fronturlaub. Unter ihnen war Posaunist Mikhail Parfionow. In einem Interview mit dem "Guardian" 2001 erinnerte er sich an den Probenalltag:

"Für Späße oder einen Schwatz war keine Zeit. Wir kamen, machten unseren Job und gingen wieder. Die Musiker waren in einem jämmerlichen Zustand. (...) Um ehrlich zu sein: Niemand war so richtig enthusiastisch. (...) Manchmal fiel einer von uns beim Spielen vor Erschöpfung einfach um."

Bei Verspätung: Zusatzration gestrichen

Posaunist Parfionow lebt längst nicht mehr, ebenso Oboistin Matus. Sie berichtete im "Guardian", wie despotisch sich der unterernährte Dirigent aufführte. Gepeinigt von Versagensängsten, leitete Eliasberg die Proben mit eiserner Disziplin:

"Wer beim Spielen Fehler machte oder nicht rechtzeitig erschien, bekam die Zusatzration gestrichen. (...) Eines Tages verspätete sich ein Mann, weil er an diesem Morgen seine Frau beerdigen musste. Doch Eliasberg meinte: Dies sei keine Entschuldigung. Und der Mann verlor seine Ration."

Die Musiker probten laut Matus an sechs Tagen die Woche. Erst drei Tage vor der Aufführung spielte das Orchester die Sinfonie einmal komplett durch. Am 9. August war es so weit - jenem Tag, an dem die Nazis eigentlich ein Siegesbankett im Leningrader Astoria-Hotel geplant hatten. "Doch ihre Party fand nie statt", so Matus. "Stattdessen spielten wir unsere Sinfonie, und Leningrad war gerettet."

"Der Wille, Mensch zu bleiben"

Um sicherzustellen, dass kein feindliches Feuer das Konzert stört, ließ General Goworow die deutschen Stellungen kurz vor Beginn massiv bombardieren. Um Punkt 18 Uhr strahlte das Radio eine Ansprache des Dirigenten Eliasberg aus:

"Kameraden, ein bedeutendes Ereignis in der kulturellen Geschichte unserer Stadt steht kurz bevor. (...) Schostakowitsch schrieb diese große Komposition (...), während die faschistischen Schweine ganz Europa in Schutt und Asche legten. Und Europa dachte, dass Leningrad am Ende ist. Doch diese Darbietung zeugt von unserem Widerstandsgeist, unserem Mut und unserer Bereitschaft zu kämpfen. Hören Sie zu, Kameraden!"

Kronleuchter tauchten den überfüllten Konzertsaal in gleißendes Licht, viele Besucher weinten vor Ergriffenheit. Trotz des Hochsommers trugen die unterernährten, permanent frierenden Musiker mehrere Lagen Kleidung übereinander. Oboistin Matus hatte "dicke Hosen, Strumpfhosen und Handschuhe mit abgeschnittenen Fingerkuppen" an.

Per Straßenlautsprecher wurde die live im Radio ausgestrahlte Sinfonie überall in der Stadt übertragen. Selbst die Wehrmachtssoldaten im Niemandsland vor den Toren der Stadt sollen den Klängen gelauscht haben. Eliasberg erinnerte sich nach Kriegsende, wie deutsche Veteranen ihn aufsuchten. Schostakowitschs 7. Sinfonie habe sie massiv beeindruckt, zitiert der britische Militärhistoriker Michael Jones die Männer:

"Uns dämmerte, dass wir Leningrad nie einnehmen würden. (...) Wir sahen ein, dass es etwas gibt, das stärker ist als Hunger, Angst und Tod - nämlich der Wille, Mensch zu bleiben."