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Holocaust-Geschichte: Im Bett mit der Aufseherin

Klage gegen Historikerin Lesbische Beziehungen im KZ – zu intim für die Forschung?

Die SS-Aufseherin verliebte sich – für die junge Jüdin ging es ums Überleben. 75 Jahre später beschäftigt der Fall einer Holocaustüberlebenden die Justiz: Die Tochter sieht das Andenken ihrer Mutter in Gefahr.

An einem Junisamstag 2019 checkt Anna Hájková ihre E-Mails. Gerade ist sie von einer Führung für US-Studierende in der Gedenkstätte Theresienstadt zurück in England, da entdeckt sie zwischen Nachrichten ihres Uni-Fachbereichs über Benotungen und Sitzungen das Schreiben einer Frankfurter Anwaltskanzlei. Entsetzt liest die Historikerin, was ihr vorgeworfen wird: Sie soll die Persönlichkeitsrechte eines Holocaustopfers verletzt haben. 

Hájková forscht zur Homosexualität im Holocaust. Ein heikles Thema, eines mit »politischer Dimension«, sagt sie. Denn was über die Opfer erzählt und gesammelt werde, bestimme die Erinnerung. Zehntausende Berichte von jüdischen Überlebenden lagern in Archiven. Fast nie erzählen sie von gleichgeschlechtlichem Begehren – »als wären dies zwei vollkommen getrennte Welten: jüdische Holocaust-Verfolgte einerseits, die heterosexuell waren, und schwule Nichtjuden andererseits«, schrieb die Forscherin 2018 in einem Fachaufsatz. 

Denn natürlich gab es auch queere Jüdinnen und Juden. Recherchiert hat Anna Hájková unter anderem im riesigen Visual History Archive  (VHA) der Shoah-Stiftung an der University of Southern California. Mehr als 52.000 Überlebende wurden in den Neunzigerjahren befragt. 

Dass Homosexualität in den Zeitzeugeninterviews nicht zur Sprache kommt, erklärt die Historikerin damit, dass am Ende der Videos stets die Familien der Überlebenden auftreten sollten. Dieser Abschluss sei von den VHA-Wissenschaftlern »als Happy End und als Zeichen des Erfolgs über den Holocaust inszeniert«. Hájková: »Der kinderlose, ledige, homosexuelle Überlebende wäre in dieser Logik ein sozialer Misserfolg« und damit »nicht geeignet, Zeugnis abzulegen«. 

Gleichgeschlechtliche Erfahrungen mit Liebe, Intimität oder sexuellem Tauschhandel in der Gefangenschaft hingegen würden von den Überlebenden meist verschwiegen – vermutlich weil sie schon während der Haft ein Stigma bedeuteten. Denn auch unter KZ-Häftlingen war Homophobie verbreitet: Mithäftlinge hätten Menschen, die nach gleichgeschlechtlicher Intimität suchten, als »deviante Monster« bezeichnet, schrieb die Wissenschaftlerin. Diese abschätzige Bewertung beeinflusse bis heute, wie an sie erinnert werde.

Wirkung auf Männer wie auf Frauen 

Hájková beschäftigt das Thema schon lange. Sie ist Associate Professor für moderne kontinentale Geschichte an der Universität von Warwick, veröffentlicht in Fachzeitschriften, schreibt für die Bundeszentrale für politische Bildung. Dazu hält sie Vorträge über die queere Geschichte des Holocausts in Deutschland, Großbritannien, Israel, Österreich, den USA und Kanada. Doch dann kam 2019 der Brief des Anwalts. Die in Australien lebende Tochter einer Holocaustüberlebenden wirft ihr vor, den Ruf ihrer 2010 verstorbenen Mutter zu beschädigen: durch die Behauptung einer lesbischen Beziehung zu einer SS-Aufseherin. 

Vordergründig geht es darum, was Hájková tatsächlich behauptet hat, wie gut sie es belegen kann und inwieweit die Aussagen gegen Persönlichkeitsrecht verstoßen. Dahinter jedoch steht die weitreichende Frage, ob juristische Verfahren genutzt werden können, Historiker und Publizisten auszubremsen, wenn sie Neuland in der Forschung betreten.

Der strittige Fall dreht sich um die junge Hamburgerin Anneliese Kohlmann. Sie wurde im November 1944 als Aufseherin für Hamburger Außenlager des KZ Neuengamme zwangsverpflichtet und sollte Häftlingsfrauen beim Ausheben von Panzergräben beaufsichtigen. Wegen ihrer kurzen Haare nannten Häftlinge sie »Bubi«. Die Quellen zeigen eindeutig: Kohlmann verliebte sich dort in L., eine tschechische Jüdin – die Mutter der heutigen Klägerin. 

Mithäftlinge beschreiben L. als besonders attraktiv. Demnach habe sie ihre Wirkung auf Männer genutzt, um den KZ-Aufenthalt erträglicher zu machen, für sich wie für ihre ebenfalls inhaftierte Mutter. Bevor sie nach Hamburg gebracht wurde, war L. in Auschwitz-Birkenau inhaftiert gewesen; dort sei sie eine Beziehung mit dem Lagerkapo Willy Brachmann eingegangen, der sie im Gegenzug mit Kaffee und Alkohol versorgt habe. Schon zuvor im KZ Theresienstadt, so berichteten andere Gefangene, sei sie mit mehreren Partnern sexuell aktiv gewesen. 

Die Überlebende Herta Kožičková etwa erzählte 1996 im Videointerview für das VHA: »Sie war sehr hübsch und schaffte es durch Liebe machen bis zum Ende in die Freiheit. Sie war meine Blockälteste, lag nackt auf ihrem Pritschenbett, sie hatte ihr eigenes, und sie sagte: ›Schau, Herta, was mein kleiner Laden mir eingebracht hat!‹ Sie hatte ein Stück Seife für Geschlechtsverkehr bekommen.« 

»Wir erschlagen dich, wenn du ihr hilfst!« 

Im Hamburger Lager wurde L. zusammen mit Kohlmann gesehen. So erinnerte sich die Gefangene Margot Heumann, dass die beiden Frauen Liebkosungen ausgetauscht hätten. Mehrere Frauen berichteten, Kohlmann habe in ihrer Baracke Nächte mit L. verbracht. Sie habe ihr Schuhe, Kleidung, Essen geschenkt, also »Dinge, die für die anderen Häftlinge unerreichbar waren«, schrieb Hájková 2018 in ihrem Aufsatz »Den Holocaust queer erzählen«. Die beiden hätten sich jedoch nicht dazu geäußert, ob die Beziehung auch körperlich gewesen sei. 

Bei einem Verhör durch die Alliierten im Juni 1945 sprach Kohlmann indes offen darüber, lesbisch zu sein. Ihre Beziehung zu L. hielt zumindest sie selbst für echt: Sie habe geplant, nach dem Krieg auf Einladung der Tschechin und anderer ehemaliger Gefangener nach Prag zu ziehen. Wie ernst es ihr war, zeigten die letzten Kriegstage: Kohlmann schlich sich heimlich ins KZ Bergen-Belsen, wo L. inzwischen war. Sie besorgte sich Häftlingskleidung und blieb bis zur Lagerbefreiung mit L. zusammen. 

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Bei Mitgefangenen stieß die Beziehung nicht auf Sympathie. Anita Lobel erinnerte sich 1993, wie Kohlmann zu ihnen in die Baracke kam: »Und da haben wir der L. gesagt: ›Wir erschlagen dich, wenn du ihr hilfst!‹ … Und da haben wir die sofort angezeigt und die war die Erste, die eingesperrt wurde.« Im Mai 1946 verurteilte ein britisches Militärgericht Kohlmann wegen Misshandlung von Häftlingen zu zwei Jahren Haft. Einige Zeugenaussagen über sie aus dem Prozess hat die KZ-Gedenkstätte Neuengamme dokumentiert .

L. kehrte nach Kriegsende nach Prag zurück, versuchte sich als Schauspielerin und heiratete 1947 einen Überlebenden. Sie wanderte mit ihm nach Australien aus und bekam zwei Töchter. Über ihre Beziehungen im Lager, ob zu Brachmann oder zu Kohlmann, sprach sie nicht mehr. In ihrem Videointerview für das Holocaustarchiv erwähnte sie 1996 lediglich, dass es lesbische Aufseherinnen gab, die versuchten, sich mit ihr anzufreunden: »Ich erinnere mich an eine, die mich mochte, und mir ihre Schuhe gab. Irgendwann hatte ich also richtige Schuhe, musste keine Holzschuhe tragen, aber es war nicht für lange.« 

Die Historikerin will Opfern ihre Namen zurückgeben 

Hájková schildert den Fall in Aufsätzen und Vorträgen, um deutlich zu machen, wie L. über ihre Verbindung zu Kohlmann sprach und wie andere Frauen sie beschrieben – als Beleg für die verbreitete Homophobie und als Beispiel queerer Holocaustgeschichte. 

L.s Tochter jedoch will verhindern, dass der Name ihrer Mutter in diesem Zusammenhang erwähnt wird. Sie klagte gegen Hájkovás Veröffentlichungen. Das Landgericht Frankfurt am Main hatte daher zu entscheiden, was schwerer wiegt: die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit, auf die sich Hájková beruft – oder der von der Klägerin geforderte Schutz des »postmortalen Persönlichkeitsrechts«, nach dem Tode also. 

»Es ist weder üblich noch rechtlich gefordert, von vornherein auf die Nennung von Namen Verstorbener zu verzichten«, sagte Hájkovás Anwalt Philipp von Mettenheim dem SPIEGEL. »Es gibt kein generelles Verbot der Namensnennung. Erst ein möglicher rechtsverletzender Kontext gebietet es, Angehörige zu fragen.« Zudem sei L.s Name bereits seit 1977 durch frei zugängliche Prozessakten bekannt; auch andere Autoren schrieben schon über sie. Sie selbst hatte 1996 in das Videointerview für das Holocaustarchiv eingewilligt. 2014 war ihre Geschichte Gegenstand eines Theaterstücks in Tel Aviv. 

Hájková beschreibt die Namensnennung als wichtigen Teil ihrer Arbeit: »Ich sehe es auch als meine Aufgabe als Historikerin der jüdischen Geschichte, Opfern ihre Namen wiederzugeben. Unterläge ich hier gerichtlichen Beschränkungen oder müsste ich jedes Mal Angehörige fragen, verlöre meine Arbeit an Greifbarkeit. Es macht einen deutlichen Unterschied, wenn ich aus der anonymen Zahl von sechs Millionen Opfern Schicksale personifiziert hervorheben kann.«

»Sie war charmant, schön und ein bisschen keck. Aber es war nicht physisch«, sagt die Tochter.

Die Klägerin beschränkte sich schließlich darauf, Hájková dürfe nicht mehr behaupten, dass es zwischen L. und Kohlmann eine sexuelle oder lesbische Beziehung gegeben habe. Kein Streitpunkt war hingegen die Beziehung zum männlichen Lagerkapo Brachmann. 

»Meine Schwester und ich wussten, dass sie besondere Gefälligkeiten bekam und dass die Aufseherin sie mochte«, sagte die Klägerin dem britischen »Guardian«  im Oktober. »Aber es war nicht physisch. Sie sagte ausdrücklich, sie sei nie sexuell oder körperlich missbraucht worden. Ich denke, sie kam bei vielem davon, weil sie charmant, schön und ein bisschen keck war.« Die Verliebtheit der Aufseherin habe ihre Mutter genutzt, um die Lager zu überleben. Die Behauptung einer lesbischen Beziehung, so argumentierte der Anwalt der Tochter, drohe das »lebenslange Image und die Leistungen« L.s zu zerstören. 

Mit Urteil vom 30. April 2020 befand das Frankfurter Gericht die Klage der Tochter teilweise für begründet. Hájkovás wissenschaftlichen Aufsatz nahm es davon ausdrücklich aus, sah aber in ihren Vortragsankündigungen einen »entstellenden Eingriff in das Lebensbild der Mutter«. Das postmortale Persönlichkeitsrecht schütze hier vor nachträglicher Offenbarung einer angeblichen homosexuellen Beziehung. 

Die Historikerin hatte in einer Vortragsankündigung in Bezug auf die im KZ vorherrschende Homophobie etwa geschrieben, dass »die Häftlinge des Frauenlagers ... mit Faszination und Abscheu die lesbische Beziehung zwischen der Aufseherin Anneliese Kohlmann und der tschechischen Häftlingsfrau [Echtname]« beobachteten. 

Wird Wissenschaft so ausgebremst? 

Hájková, selbst Nachfahrin von Holocaustopfern, akzeptierte die Entscheidung und räumte ein, dass die Formulierung, mit der sie ihre Vorträge kurz und prägnant habe ankündigen wollen, die differenzierte Darstellung in ihrer Forschungsarbeit unzulässig verkürze. Mittlerweile habe sie den Namen der Frau auch in ihrem Fachaufsatz durch ein Pseudonym ersetzt. 

Der Klägerin genügte das nicht: Sie verlangte strenge Disziplinarmaßnahmen der Universität Warwick und für sich selbst »eine Entschädigung für die extreme Belastung«. Sie habe »hysterisch geweint«, sagte sie dem »Guardian«. In einem weiteren Verfahren forderte die Tochter ein Ordnungsgeld von 25.000 Euro, weil Hájková in fünf Fällen gegen das erste Urteil verstoßen habe. Für das Gericht war zu prüfen, ob die Historikerin alles Zumutbare unternommen hat, damit der Name der Frau im Zusammenhang mit der unzulässigen Formulierung auch von Webseiten Dritter entfernt wird. 

Hájkovás Anwalt wertet das Ansinnen der Klägerin als Versuch, die Historikerin so massiv unter Druck zu setzen, dass sie von ihrem Forschungsthema insgesamt Abstand nimmt. Ein solches Vorgehen könnte am Ende »Journalisten, Wissenschaftler und andere Publizisten davon abhalten, aus Furcht vor wirtschaftlichen Folgen Positionen zu vertreten, die vielleicht unangenehm sind, aber zum geistigen Meinungskampf erheblich beitragen«, warnt Rechtsanwalt Philipp von Mettenheim. 

Im »Ordnungsmittelverfahren« hat das Landgericht Frankfurt am Main im November entschieden, Hájková müsse ein Ordnungsgeld von 4000 Euro zahlen, die Klägerin den Großteil der Verfahrenskosten. »Sehr erfreulich« finden Anwalt und Mandantin die Entscheidung. Anna Hájková hofft, dass ihr die juristischen Auseinandersetzungen nicht weiter schaden – etwa weil Veranstalter aus Furcht vor den Folgen solche Themen meiden.