Fotostrecke

Werner Teske - letztes Blutopfer der DDR-Justiz

Foto: BStU, MfS, HA IX, Nr. 24640, Bl. 63

Todesstrafe in der DDR Nach Verhandlung Kopfschuss

Vor 40 Jahren wurde in Leipzig die letzte Hinrichtung Deutschlands vollstreckt. Mit der grausigen Tat entledigte sich die Stasi eines abtrünnigen Mitarbeiters – und verwischte anschließend ihre Spuren.

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Ein kahler Raum, in der Mitte ein Gully. Zwei Gefängniswärter schoben den Häftling hinein. Unbemerkt schlich sich der Henker von hinten an den Verurteilten heran und schoss ihm mit einer schallgedämpften Pistole in den Hinterkopf. Hinrichtung durch »unerwarteten Nahschuss« – eine Exekution nach sowjetischem Vorbild. So wurde am 26. Juni 1981 die Todesstrafe gegen den ehemaligen Stasi-Hauptmann Werner Teske, 39, in der Leipziger Justizvollzugsanstalt vollstreckt.

Der wegen angeblich vollendeter Spionage und Fahnenflucht verurteilte Ex-Geheimagent, der in Wahrheit die Republikflucht nur vorbereitet und keinen Kontakt zu westlichen Diensten gehabt hatte, wurde vor 40 Jahren »das letzte Todesopfer der DDR-Militärjustiz«. So beschreibt es Gunter Lange in der nun erschienenen Biografie »Der Nahschuss«. Teskes Verbrechen war, so Lange, ein »Verrat im Konjunktiv«.

Der promovierte Finanzökonom Werner Teske war 1969 als hauptamtlicher Mitarbeiter ins Ministerium für Staatssicherheit (MfS) eingetreten, nachdem er bereits zwei Jahre lang als Inoffizieller Mitarbeiter des DDR-Auslandsgeheimdienstes HVA Agenten in der Bundesrepublik betreut hatte. Erfolgreich führte Teske westdeutsche Spione, die in Großkonzernen und Wirtschaftsverbänden tätig waren. Aber Teskes Hoffnung, an einer Stasi-Hochschule Professor werden zu können, erfüllte sich nicht.

Geheimnisse in der Waschküche

Ihm war klar, dass er als Geheimnisträger nie wieder von der Stasi loskommen würde. So reiften Fluchtgedanken. Da Teske dienstlich auch den Westbahnsteig des S-Bahnhofs Friedrichstraße betreten durfte, hätte er die DDR leicht verlassen können. Weil er nicht mit leeren Händen in den Westen gehen wollte, hortete er geheime amtliche Unterlagen bei sich zu Hause. Doch zwei konkrete Gelegenheiten, sich abzusetzen, ließ Teske verstreichen.

Im August 1980 kam heraus, dass Teske schon sechs Jahre lang Operativgelder für private Zwecke abgezweigt hatte: 20.800 West- und 21.478 Ostmark. Er wurde festgenommen und vom Dienst suspendiert. Am 9. September 1980 holten Stasi-Offiziere Teskes Ehefrau Sabine von ihrem Arbeitsplatz ab und brachten sie in das konspirative Objekt »Holzhaus«, eine Villa bei Oranienburg. Sie wurde befragt, was sie über die Unterschlagungen wisse.

Am Abend wurde auch Teske ins »Holzhaus« gebracht, das Ehepaar durfte die Nacht miteinander verbringen. Teske spürte drei Abhörwanzen auf, aber er fand nicht alle. So hörten die Lauscher, wie Teske seine Frau bat, die in der Waschküche über ihrer Wohnung versteckten Papiere zu verbrennen. Im Waschkessel fand die Stasi Umschläge voller Dokumente und Mappen mit Aufzeichnungen – insgesamt 3370 Blatt.

Acht Monate dauerten die Verhöre, bei denen Teske, wohl auf Strafmilderung hoffend, alles gestand. Doch zwei Jahre nach der Flucht des Stasi-Oberleutnants Werner Stiller, der beim Bundesnachrichtendienst ausgepackt und zahlreiche DDR-Spione in der Bundesrepublik verraten hatte, wollte die Stasi ein Exempel statuieren.

Todesursache: »Herzversagen«

Man machte kurzen Prozess mit Teske. Nach eintägiger Verhandlung verurteilte ihn der 1. Militärstrafsenat des Obersten Gerichts der DDR am 12. Juni 1981 zur Höchststrafe. Das Urteil war ein staatlicher Racheakt, die Hinrichtung ein Ritual der Vergeltung. Der Leichnam Teskes wurde umgehend zum nahe gelegenen Leipziger Südfriedhof geschafft und im Krematorium verbrannt. Man begrub die Asche in einer Pappschachtel anonym in einem Rasenstück.

Fotostrecke

Werner Teske - letztes Blutopfer der DDR-Justiz

Foto: BStU, MfS, HA IX, Nr. 24640, Bl. 63

Noch am selben Tag entließ die Stasi Sabine Teske aus der Untersuchungshaft. Ihr wurde mitgeteilt, dass ihr Mann soeben hingerichtet worden sei. Das Verfahren gegen sie wegen angeblicher Mitwisserschaft stellte man ein – in einem Prozess hätte das geheim gehaltene Todesurteil gegen den Ehemann offenbart werden müssen.

Das DDR-Regime verwischte die Spuren von Teskes Exekution. Den Totenschein stellte das Standesamt Stendal am 12. Juli 1981 aus. Danach war Teske im örtlichen Krankenhaus an Herzversagen gestorben. Unter ihrem Geburtsnamen und mit einer von der Stasi erfundenen Legende wurde Sabine Teske erst in Schwerin, später in Halle angesiedelt. Sie musste sich verpflichten, über ihr bisheriges Leben zu schweigen.

Prämien für den Henker

Wie im Fall Teske praktizierte die DDR seit ihrer Gründung die Todesstrafe in einer Mischung aus Propaganda und Paranoia. Seit 1949 wurden mindestens 160 Verurteilte getötet, davon 64 wegen NS-Verbrechen, 52 wegen politischer Straftaten und 44 wegen Tötungsdelikten. »Indem die Todesstrafe der Sicherung und dem zuverlässigen Schutz unseres souveränen sozialistischen Staates, der Erhaltung des Friedens und dem Leben der Bürger dient, trägt sie einen humanistischen Charakter«, rechtfertigte die DDR die barbarische Strafe, die in der BRD 1949 abgeschafft worden war.

1950 wurden in der DDR nach den berüchtigten Waldheimer Prozessen gegen Tausende NS-Täter 24 Delinquenten von Offizieren der Volkspolizei stranguliert. Das Oberste Gericht der DDR fällte 1952 sein erstes Todesurteil: Johann Burianek, ein militanter Gegner der SED-Diktatur, der einen Sprengstoffanschlag auf eine Eisenbahnbrücke geplant hatte, wurde nach einem Schauprozess wegen »Boykotthetze« in Dresden geköpft.

Als Vorsitzende Richterin rechtfertigte die spätere DDR-Justizministerin Hilde Benjamin die drakonische Strafe: »Wir wären froh, wenn wir auf Todesurteile verzichten könnten, aber unsere heutige Situation, die sich ständig steigernden Angriffe gegen unsere Ordnung, gegen das deutsche Volk, zwingt uns dazu, ... die Todesstrafe heute noch anzuwenden.«

Schamhaft verschwieg die DDR die Exekutionen. Dass in Dresden in den Fünfzigerjahren 61 Menschen mit der Guillotine, im DDR-Jargon »Fallschwertmaschine« genannt, enthauptet worden waren, kam erst im Mai 1990 ans Licht. Weil die Guillotine gelegentlich klemmte, sodass die Köpfe erst nach mehreren Versuchen rollten, wurde 1968 eine neue Tötungsart nach sowjetischem Vorbild eingeführt: der »unerwartete Nahschuss in den Hinterkopf«.

Die letzten 20 Hinrichtungen auf deutschem Boden, nunmehr nach dieser Methode, vollzog Hauptmann Hermann Lorenz, Abteilungsleiter im Leipziger Strafvollzug. Für jede Exekution erhielt der nebenberufliche Henker 150 DDR-Mark Prämie. Acht der von Lorenz erschossenen Männer waren Mörder, sieben waren wegen NS-Verbrechen, fünf aus politischen Gründen verurteilt worden.

»Alles Käse, Genossen. Hinrichten«

Auch die beiden Todeskandidaten vor Teske waren fluchtwillige Geheimdienstagenten. Am 10. Dezember 1979 exekutierte Lorenz den Stasi-Major Gert Trebeljahr, der nach der Aufdeckung dienstlicher Verfehlungen untergetaucht war und vergeblich Kontakte zur Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin und zum BND gesucht hatte. Am 18. Juli 1980 erschoss Lorenz den ehemaligen Fregattenkapitän Winfried Baumann. Er hatte sich dem BND mit angeblich geheimem Wissen angedient, obwohl er bereits 1970 als Abteilungsleiter der Verwaltung Aufklärung des Ministeriums für Nationale Verteidigung wegen Alkoholismus entlassen worden war.

Einige Verurteilte entgingen der Hinrichtung durch Begnadigungen der Staats- und Parteichefs, erst Walter Ulbricht, ab 1971 Erich Honecker. Bei kriminellen Tätern machte Honecker von seinem Gnadenrecht großzügig Gebrauch; der letzte Mörder wurde 1973 hingerichtet. Einen fünffachen Sexualmörder bewahrte Honecker 1985 vor dem Todesurteil. »Der Mann ist doch krank«, schrieb er auf die Vorlage der Generalstaatsanwaltschaft, die die Höchststrafe beantragen wollte.

Bei Teske übte Honecker sein Gnadenrecht nicht aus – falls ihn das Gnadengesuch überhaupt erreicht hat. Auf den Dienstweg über die im SED-Zentralkomitee zuständige Abteilung Staat und Recht gelangte es jedenfalls nicht.

Minister für Staatssicherheit Erich Mielke hatte einen klaren Standpunkt zur Gnade gegenüber Abtrünnigen. Zum Umgang mit ihnen empfahl er 1982: »Das ganze Geschwafel von wegen nicht Hinrichtung und nicht Todesurteil – alles Käse, Genossen. Hinrichten, wenn notwendig auch ohne Gerichtsurteil.«

Erst sechs Jahre nach Teskes Hinrichtung befand die SED-Führung, dass die Todesstrafe nicht mehr opportun sei. Das SED-Zentralorgan »Neues Deutschland« würdigte deren Abschaffung im Juli 1987 als »überzeugenden Ausdruck des zutiefst menschlichen Charakters unserer sozialistischen Staats- und Gesellschaftsordnung«.

Geheuchelte Humanität

In Wahrheit ging es Honecker um die internationale Reputation der DDR. Bei der Aufnahme in die Uno 1973 hatte sich der ostdeutsche Staat verpflichtet, die Völkergemeinschaft über jedes Todesurteil zu informieren – doch die DDR tötete einfach heimlich weiter. Daran änderte sich auch nichts, nachdem Honecker 1975 die KSZE-Schlussakte unterschrieben hatte, worin sich die DDR zur Einhaltung der Menschenrechte verpflichtete. Im September 1987 stand jedoch Honeckers Besuch in der Bundesrepublik bevor; da machte es sich gut, Humanität zu heucheln.

Die Hinrichtungen versuchte die DDR bis zuletzt zu vertuschen. In der Regierungszeit des letzten SED-Ministerpräsidenten Hans Modrow begann die Leipziger Gefängnisleitung, die Richtstätte noch schnell in ein Küchenlager umzubauen. Mitarbeiter des Leipziger Südfriedhofs, die mitbekommen hatten, wie angebliche Anatomieleichen unter Aufsicht der Stasi im Krematorium verbrannt worden waren, stellten Anfang 1990 bei der Bezirksstaatsanwaltschaft Leipzig Anzeige gegen Unbekannt.

1993 hob das Landgericht Berlin das Urteil gegen Werner Teske als rechtsstaatswidrig auf. Der ehemalige Militärstaatsanwalt Heinz Kadgien und der beisitzende Richter Karl-Heinz Knoche wurden 1998 zu jeweils vier Jahren Gefängnis verurteilt; die Verfahren gegen den Vorsitzenden Richter Fritz Nagel und den zweiten Beisitzer wurden aus Krankheitsgründen eingestellt.

Der Bundesgerichtshof verwarf die Revision: »Auch unter Berücksichtigung von DDR-Recht stellte die Verhängung der Todesstrafe Rechtsbeugung dar.«

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.