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Leuchtreklame in der DDR: Es werde Licht

Foto: Sven Knüpfer/Das neue Berlin

Leuchtreklame in der DDR Es werde Licht

Wettleuchten statt Wettrüsten: Um mit dem schillernden Westen mitzuhalten, starteten DDR-Betriebe in den fünfziger Jahren eine Lichtrevolution. Bunte Leuchtreklame sollte die sozialistische Moral und den Absatz von Ost-Produkten beflügeln - leider hatte manche Werbung einen Haken.

Der Staatsratsvorsitzende war nicht amüsiert. Als Walter Ulbricht Ende der sechziger Jahre Dresden besuchte, schlenderte er auch am preußischen Schloss Albrechtsberg vorbei, das zu seinen Ehren in "Pionierpalast Walter Ulbricht" umbenannt worden war. Doch was musste der greise Staats- und Parteichef da lesen? "Pionierpalast alter Ulbricht"! Ein Buchstabe der großen Neonschrift war erloschen. Empört verlangte Ulbricht, dass der Lapsus sofort behoben werden solle.

Frank Müller war damals Chef des einzigen Dresdner Herstellers von Lichtwerbeanlagen. "Es war ein sehr regnerisches Wochenende", erinnert er sich an den grotesken Vorfall, von dem er beteuert, dass er sich genauso abgespielt habe. "Die Isolation der Leuchtschrift war schlecht, so dass der Buchstabe ausfiel. So etwas passierte fast täglich bei Lichtwerbeanlagen." Seine Firma ließ den Defekt reparieren, doch als Ulbricht am nächsten Tag an dem Elbschloss vorbeikam, schien ihn die Leuchtreklame erneut zu verspotten: Diesmal musste er "Pionierpalast Walter bricht" lesen.

"Sofort kam der Befehl von amtlicher Stelle der SED, die Neonschrift ganz abzureißen", berichtet Müller, der binnen weniger Tage die teuren Neonbuchstaben abmontierte. Gleichzeitig habe ein offizieller Erlass verlangt, Lichtanlagen müssten künftig so gestaltet werden, dass solch sinnentstellende Wortschöpfungen nicht mehr möglich seien.

Bunt sein, ohne den Kapitalismus zu kopieren

Der Furor des Staatsoberhaupts mag bezeichnend sein für das gespaltene Verhältnis, das die DDR zur Leuchtreklame besaß. Einerseits wollte die SED-Führung die Metropolen der DDR nicht im Dunkeln versinken lassen, andererseits wollte sie auch nicht die Neon-Leuchtgewitter aus den Städten des kapitalistischen Westens kopieren. Und so versuchte man einen ideologischen Balanceakt: Bunt sein, ohne eine grelle Warenwelt zu propagieren. Das Stadtbild aufwerten, ohne damit ungewollt die Sehnsucht nach dem Westen anzufachen. Denn viele DDR-Produkte, für die geworben wurde, waren nur nach langer Wartezeit erhältlich.

Ein jetzt erschienener Bildband ("Plaste und Elaste - Leuchtreklame in der DDR", Berlin 2010) erinnert an diese nahezu vergessene Kulturgeschichte. Denn die riesigen Werbeanlagen der DDR sind längst erloschen und abmontiert, die metergroßen Leuchtbuchstaben haben es bestenfalls in Museen oder Galerien privater Sammler geschafft. Nur wenige Ikonen der DDR-Lichtwerbung stehen heute unter Denkmalschutz. So wie eine vierköpfige DDR-Familie, die dank eines Umschalteffekts weiterhin unverdrossen ihre Teller leerlöffelt - und so auch nach der Wende farbenfroh für die "VEB Feinkost" und deren "doppelt konzentrierte Suppen" wirbt.

Dabei waren ausgefeilte und bunte Lichteffekte nach 1945 zunächst unerwünscht. Die russische Besetzung nutzte Neonlicht nur für die Sowjetsterne über den Zentralen ihrer Militärverwaltung. Und auch nach der Staatsgründung geißelten Parteikader jegliche Lichtreklame pauschal als "Ausgeburt des Kapitalismus". Erst Mitte der fünfziger Jahre begann ein langsames Umdenken: Walter Ulbricht forderte nun persönlich, die Städte aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken. Im Wettkampf der Systeme sollten nachts nicht allein die Metropolen der Bundesrepublik erstrahlen.

Die hellste Stadt der Republik

Leipzig war eine der ersten Städte, in denen der neue Geist spürbar wurde. "Unsere Stadt muss als Handelsmetropole von Weltgeltung selbstverständlich ein modernes Gesicht haben, auch bei Nacht", forderte die "Leipziger Volkszeitung" 1955. Die Stadtverwaltung organisierte flugs ein Preisausschreiben und belohnte die beste Idee für ein "Leipzig im modernen Licht" mit stattlichen 1000 Mark. Schon bald leuchteten nachts nicht nur die Werbetafeln der Ketten Konsum und HO, sondern auch die Schriftzüge kleinerer Geschäfte. Als "hellste Stadt unserer Republik" pries 1957 ein Werbefachblatt die Messestadt.

Doch auch in anderen Städten der Republik veränderte sich langsam das nächtliche Bild. Trafos wurden montiert und Kilometer von Kabel und Neonröhren verlegt. Ganze Straßenzüge wurden aus der Dunkelheit gerissen. Leuchtende Zierfische schwammen auf einmal in Berlin wie von Zauberhand durch Neon-Wasserblasen, ein blau-weißes "M" wurde zum Markenzeichen der Berliner Markthalle und ein Pinguin mit gelben Augen lud die Leipziger zum Eisschlecken in die Milchbar ein.

Die Konstruktion solcher Lichtanlagen verlief jedoch nicht problemlos: Zwar gab es in Thüringen hervorragende Glasbläsereien, doch mangelte es an Transformatoren und Hochspannungskabeln. Buchstaben aus Acrylglas, hinter denen Neonröhren montiert wurden, mussten mühsam mit der Stichsäge ausgeschnitten werden, da es kein Spezialwerkzeug gab. Überhaupt konnten nicht einmal ein Dutzend Firmen Leuchtwerbung herstellen. Mit der gewandelten Einstellung der DDR-Spitze zur Lichtreklame waren sie plötzlich hoffnungslos überbucht.

Werbung für Mangelwaren

"Wir haben uns regelmäßig mit den Kollegen aus Leipzig um Aufträge gestritten", berichtet Frank Müller, "und zwar darum, die Aufträge nicht machen zu müssen". Müller leitete seit 1967 die Dresdner Firma Neon-Müller, die sein Vater in der Weimarer Republik gegründet hatte, und koordinierte den Bau einiger spektakulärer Großprojekte: So montierte er etwa auf einem 17-geschossigen Hochhaus einen rotierenden Würfel mit einer Kantenlänge von fünf Metern. Die tonnenschwere Anlage, die Werbung für sowjetische Autos machte, musste in Einzelteile zerlegt und gar per Interflug-Hubschrauber auf das Hochhaus transportiert werden. Die Konstruktion kostete insgesamt fast eine halbe Million Ostmark.

Müllers Firma baute in Dresden auch eine 140 Meter lange Werbeanlage für die Elektroindustrie oder montierte den geschwungenen Neon-Schriftzug "Trink Margonwasser", der heute unter Denkmalschutz steht. Dabei benötigten manche der beworbenen Firmen eigentlich keine zusätzliche Aufmerksamkeit. "Es war schon absurd, mit viel Aufwand für Radeberger Pils oder die Möbelindustrie zu werben, wenn Bier knapp war oder man Jahre auf Möbel warten musste", erzählt der heute 73-Jährige.

In Wahrheit sei es der DDR gar nicht um Verkaufswerbung gegangen. "Das war reine Präsenzwerbung", erklärt Müller, "es ging nur darum zu zeigen, welche Industriezweige es gibt, welche Produkte wir produzieren und zu sagen: Seht her, wir haben etwas zu bieten!" Gleichzeitig habe die Lichtreklame die Städte attraktiver und lebendiger gemacht.

"Der Sozialismus siegt"

Mitunter setzte die Regierung Neonlicht aber weitaus plumper als Mittel der Propaganda ein. So musste Neon-Müller pünktlich zum 1. Mai 1968 den roten Schriftzug "Der Sozialismus siegt" auf ein Dresdner Hochhaus installieren. Die meterhohen Lettern "Plaste und Elaste aus Schkopau", Werbung für Chemieprodukte, leuchteten nicht zufällig direkt am Straßenrand der Transitautobahn – sie sollten auch den Klassenfeind beeindrucken. Und für den Berliner Alexanderplatz plante die SED 1969 für sechs Millionen Mark die aufwändigste Werbeanlage der DDR. Die zehn Quadratmeter große Bildwand sollte pünktlich zum 20. Jahrestag der DDR fertiggestellt sein.

Doch die Partei überschätzte die Möglichkeiten der heimischen Firmen: Der beauftragte Familienbetrieb aus Leipzig konnte den engen Zeitplan nicht einhalten, so dass am Geburtstag der DDR Bilder per Handsteuerung gezeigt werden mussten. Weil die Bildwand auch Jahre später noch nicht einwandfrei funktionierte, wurde sie diskret wieder abgebaut.

Andere ambitionierte Projekte scheiterten dagegen an der politischen Revolution: Als Gegenentwurf zum Kurfürstendamm plante Honecker Mitte der Achtziger eine großzügige Bebauung der Berliner Friedrichstraße. Doch zum Bau großer Lichtanlagen kam es kaum noch: Nur wenige Jahre später fiel die Mauer – und als nach dem rauschenden Fest das Massensterben der einstigen DDR-Betriebe begann, eroberte die Westwerbung schleichend und unaufhaltsam die Städte des Ostens.

Zum Weiterlesen:

Plaste und Elaste: Leuchtreklame in der DDR. Das Neue Berlin, Berlin 2010, 128 Seiten.

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