Liebschaften mit Kriegsgefangenen Die vertuschte Hinrichtung

Deutschen Frauen drohte im "Dritten Reich" bei Affären mit Kriegsgefangenen Haft. Eine 39-jährige Frau starb offiziell am "plötzlichen Herztod" - aber in Wahrheit offenbar per Fallbeil.
Haftanstalt Bützow-Dreibergen (Foto von 2014): Hier richteten die Nazis Hunderte Gefangene per Fallbeil hin

Haftanstalt Bützow-Dreibergen (Foto von 2014): Hier richteten die Nazis Hunderte Gefangene per Fallbeil hin

Foto: Jens Büttner/ picture alliance/dpa

Im Zweiten Weltkrieg gerieten Millionen Soldaten in deutsche Kriegsgefangenschaft. Teils wurden sie in Lagern ermordet oder starben an Hunger und menschenunwürdigen Lebensbedingungen, teils wurden sie als Zwangsarbeiter eingesetzt, vielfach auch auf dem Land. Im heutigen Mecklenburg-Vorpommern waren besonders viele französische und belgische Kriegsgefangene interniert und arbeiteten etwa auf den Feldern bei der Ernte.

Nicht selten waren sie bald unentbehrlich - und ebenfalls nicht selten verliebte sich eine deutsche Frau in einen Kriegsgefangenen. So finden sich auf Listen aus dem Landeshauptarchiv Schwerin mehr als 170 dokumentierte Namen von Kindern französischer oder belgischer Väter in der Zeit des Nationalsozialismus.

Neben den Kriegsgefangenen, die um ihr Leben fürchten mussten, gingen auch die Frauen damit ein hohes Risiko ein. Ihnen drohte nicht nur die soziale Ausgrenzung und Demütigung in ihren Dörfern oder Städten, sondern zudem die Strafverfolgung durch die Nazis und Haft. Oder Schlimmeres.

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Liebschaften mit dem Feind: Scham, Schande, Schweigen

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Sammlung Rainer Gessert

Immer noch leben Menschen, die sogar selbst berichten könnten, wie gefährlich solche Liebschaften damals waren. Maria Wolf, die in Wirklichkeit anders heißt, ist 90 Jahre alt. Sie hätte nichts zu verlieren. Aber sie will diese Geschichte nicht erzählen, sie wühlt sie zu sehr auf, lässt sie ausrichten, selbst ihre Kinder und Enkel kennen sie nicht.

Orgien "bis morgens um drei"

Was vor 75 Jahren in einer Gemeinde nördlich von Schwerin geschah, lässt sich auch aus Gerichtsakten rekonstruieren: Demnach bändelte die noch minderjährige Maria Wolf 1943 mit einem Franzosen an und nahm ihn zu Weihnachten mit nach Hause. Ihre Mutter hatte, wie auch eine Freundin der Mutter, ebenfalls eine Affäre mit einem französischen Kriegsgefangenen. Und bezahlte dafür höchstwahrscheinlich mit dem Leben.

Wegen "verbotenen Umgangs mit Kriegsgefangenen" wurde die 15-jährige Maria 1944 zu drei Monaten Jugendgefängnis verurteilt. In der Urteilsbegründung ist von Orgien bei "Kuchen, Bohnenkaffee, Rot- und Weißwein" die Rede; bis "morgens um 3 Uhr" hätten die drei Paare am Heiligabend "geschlechtlich" verkehrt. Ähnliches habe sich danach regelmäßig wiederholt.

Ein Urteil gegen Maria Wolfs Mutter ist in den Archiven dagegen nicht zu finden. Aber ihre Sterbeurkunde, die offenbar ihre Hinrichtung kaschieren soll: "plötzlicher Herztod" am 18. Januar 1945 in Bützow-Dreibergen um 15.17 Uhr. Im Alter von erst 39 Jahren.

Hinrichtungen im Minutentakt

Auch der Todesort macht misstrauisch. In Bützow-Dreibergen, 40 Kilometer südlich von Rostock, betrieben die Nazis eine berüchtigte Haftanstalt. In einem umgebauten Keller richteten sie dort von Dezember 1944 an Gefangene mit einem Fallbeil hin, das zuvor in der Zentralen Hinrichtungsstätte Hamburg gestanden hatte.

Olaf Both, Historiker am Volkskundemuseum in Schönberg, hat den Fall der Familie Wolf untersucht. Er ist überzeugt, dass Maria Wolfs Mutter geköpft wurde. Neben Berichten von Zeitzeugen, die sich ihm anvertrauten, passt dazu auch eine Untersuchung: Die sowjetische Militäradministration stellte nach dem Krieg fest, dass der angebliche plötzliche Herzstillstand in der Bützower Haftanstalt damals "eher im Fünf-Minuten-Takt" stattgefunden habe, sagt Both.

So erlagen an dem Tag, als Frau Wolf starb, sieben Menschen binnen 23 Minuten dem "Herztod". Und die zynische Formulierung "plötzlicher Herztod" war genau die, die zur Zeit des Nationalsozialismus in Sterbeurkunden häufig gewählt wurde, um Hinrichtungen und Morde zu vertuschen.

Alles spricht dafür, dass die NS-Diktatur die Mutter von Maria Wolf mit dem Tod bestrafte: die Guillotine für eine Frau, die einen Franzosen liebte.


Verbotene Liebe: Lesen Sie hier, wie Rainer Gessert lange nach dem Franzosen suchte, der als Kriegsgefangener im Dorf Slate sein Vater wurde.

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