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Anfänge der Studentenrevolte: Wie der SDS die Massen mobilisierte

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Linker Studentenbund SDS »Die Frauen durften die Aschenbecher sauber machen«

Zu radikal – die SPD brach vor genau 60 Jahren mit ihrem Hochschulverband SDS. Inge Jahnke sah das als Glücksfall. Sie erinnert sich an Aufruhr, linke Machos und ein unmoralisches Angebot vom Verfassungsschutz.

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Zu seinen besten Zeiten konnte der SDS Zehntausende Studenten zu Großdemos mobilisieren, jedes Audimax zum Kochen bringen, das Bürgertum und die Politik in Schrecken versetzen. Doch als Inge Jahnke 1961 den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) an der Uni Hamburg suchte, irrte sie über den Campus.

»Ich fand ihn einfach nicht«, erzählt die 79-Jährige lachend. Keine Schilder, nichts. »Ich musste mich durchfragen, wann die denn wo tagen. Es war etwas mühevoll.«

Jahnke, damals 19, war frisch eingeschrieben als Lehramtsstudentin für Pädagogik und Geografie. Sie kam aus einem antimilitaristischen, linken Elternhaus: »Mein Vater ist im Krieg gefallen, die Großeltern waren ernsthafte Sozialdemokraten.« Schon als Schülerin demonstrierte sie am 1. Mai und lief bei den ersten Ostermärschen mit. Für sie war es »völlig logisch«, sich an der Uni sofort beim SDS zu melden.

»Anfangs waren alle ganz brav«

Als sie ihn endlich fand, traf sie jedoch auf keine große, dynamische Truppe, sondern auf eine Splittergruppe mit ein paar Dutzend Mitgliedern. Die meisten waren männlich, älter als Jahnke und referierten theoretisch-historisch über den Marxismus oder die Französische Revolution.

»Das war anfangs alles ziemlich steril, ja irgendwie fast tot«, erzählt Jahnke. »Alle waren ganz brav.« Wie bei ihren frühen Demos: »Da bin ich auch lieb und hübsch gekleidet mit Transparenten zum Ostermarsch durch die Heide gepilgert. Gebracht hat es nichts.«

Und doch veränderte sich der SDS zu dieser eher faden Zeit grundlegend. Eine politische Entfremdung gipfelte vor 60 Jahren in einem Knall: Am 6. November 1961 spalteten die Sozialdemokraten den SDS ab. Ein Parteitag beschloss, die SPD-Mitgliedschaft sei fortan »unvereinbar« mit einer Mitgliedschaft im SDS. Wer Parteigenosse bleiben wollte, musste den Studentenbund verlassen.

Der Bruch hatte viele Ursachen. Die SPD wollte den 1959 in Bad Godesberg beschlossen Wandel zur Volkspartei nicht gefährden und fürchtete, dauerhaft von marxistischen und radikal linken Gruppierungen vorgeführt zu werden. Der SDS wiederum lehnte grundlegende Positionen der Bundesregierung wie der Sozialdemokraten ab. Er kämpfte gegen die deutsche Wiederbewaffnung, die Nato-Mitgliedschaft und atomare Aufrüstung.

Streit um ehemalige NS-Richter

Auch bei der Vergangenheitsbewältigung gab es großen Zwist. Der SDS organisierte ab 1959 in Universitätsstädten die Wanderausstellung »Ungesühnte Nazijustiz« . Strafanzeigen gestellt wurden dabei auch gegen 43 frühere NS-Juristen, die nun in der Bundesrepublik unbehelligt als Richter und Staatsanwälte arbeiten konnten.

Nicht nur die CDU, auch die SPD-Parteispitze witterte hinter der Ausstellung jedoch »Komitees«, deren »Hintermänner und Absichten nicht bekannt sind«. Sie befürchtete, einer DDR-Propaganda auf den Leim zu gehen – obwohl die Fälle gut dokumentiert waren.

Bald observierte der Verfassungsschutz die Macher der Ausstellung, die auf massiven politischen Druck vielerorts nur in Privaträumen gezeigt werden durfte. Kurz nachdem Inge Jahnke in Hamburg ihr Studium aufgenommen hatte, versuchte das Oberlandesgericht, die Ausstellung zu verbieten – vergeblich.

Lange war der 1946 gegründete SDS ein gewöhnlicher Hochschulverband der SPD gewesen und brachte später große Namen der politischen Mitte hervor: Helmut Schmidt etwa, der 1947/48 SDS-Bundesvorsitzender wurde, trotz Vorbehalten wegen seines Dienstes in der Wehrmacht. Der Bruch mit der SPD 1961 aber entfachte eine neue, ungeahnte Dynamik. Sie sollte den SDS in wenigen Jahren zum Antreiber der Außerparlamentarischen Opposition (APO) und der Studentenbewegung machen.

»Da flogen die Fetzen«

»Die Spaltung war ein Glücksfall für uns«, sagt Inge Jahnke heute. Sie beteiligt sich an einem Internetprojekt, das die Geschichte des Hamburger SDS aufarbeitet und dokumentiert . »Nur so konnten wir uns eigenständig entwickeln und ungehemmt unsere Meinung sagen, da flogen manchmal die Fetzen. Unter SPD-Obhut wäre vieles nicht möglich gewesen.«

Zunächst steuerte der SDS eher achselzuckend in die neue Zeit. In Hamburg habe man über die Spaltung kaum diskutiert, erzählt Jahnke, innerlich hätten sich viele wohl schon zuvor von der SPD verabschiedet. Aber auch der SDS wurde nicht über Nacht zur Speerspitze der Veränderung. Frauenbewegung? Lange kaum ein Thema. In der verrauchten Kellerbar, in der die SDS-ler über Marx und die Welt diskutierten, waren Studentinnen die Ausnahme.

»Die Frauen durften die Aschenbecher sauber machen«, sagt Jahnke. »Aber das lag auch an uns selbst. Wir hatten noch kein Bewusstsein zu dieser Frage.« Sie habe ihr Selbstbewusstsein erst später bei abendlichen Arbeitskreisen in ihrer Hamburger Kommune gefunden. »Dort lernte ich, dialektisch zu denken und zu diskutieren und fand langsam meine Rolle.«

Angebot vom Verfassungsschutz

Ab 1963 habe aber »ein anderer Wind« geweht und der SDS »eine tolle Entwicklung« genommen. So kam die linke Schauspielerin Helene Weigel, verheiratet mit Bertolt Brecht, zu einem Gesangsabend ins Audimax. »Das war heiß, ein Knüller.« Die Mitgliedszahlen stiegen, die Stimmung wurde besser. Der SDS feierte Fasching, diskutierte über den Spanischen Bürgerkrieg, schmetterte das berühmte Arbeiterlied »Avanti Popolo« (»Vorwärts, Volk«).

Jahnke nahm 1963 an einer internationalen Frauenkonferenz in Moskau teil, wo sie die Kosmonautin Valentina Tereshkova traf. Sie war schockiert über ein politisches Redeverbot für eine chinesische Teilnehmerin; Moskau und Peking fochten damals ihre ideologischen Gegensätze aus.

Drei Jahre später reiste sie selbst nach Peking und hielt nach ihrer Rückkehr chinafreundliche Diavorträge. Ihre Fotos und Kontakte interessierten bald den Verfassungsschutz. Ein Mitarbeiter habe ihr ein unmoralisches Angebot gemacht: Wolle sie nicht mit seinem Sohn in einem schönen Hotel auf den Kanaren urlauben? Natürlich kostenlos. »Ich warf ihn raus«, erzählt Jahnke.

Ihre linke Einstellung bereitete ihr auch weiter Ärger. Als Referendarin habe man ihr aus politischen Gründen die Verbeamtung verweigert, sagt sie. Im Kollegium fühlte sie sich bald wie ein Fremdkörper. 1968 warf sie den Lehrerberuf hin und schulte danach zur Programmiererin um.

Jahre der Euphorie

Zu dieser Zeit befand sich der SDS auf dem Zenit seines gesellschaftlichen Einflusses. »Plötzlich gab es da dieses Gefühl, dass man sich einhakt, miteinander läuft und die Welt sich tatsächlich verändert«, schildert Jahnke die Euphorie 1967 und 1968. Sie ergriff auch ihren Freund Michael, den sie 1968 in ihrer Hamburger Kommune kennengelernt hatte.

Sie und ihre SDS-Mitstreiter demonstrierten gegen den Besuch des persischen Schahs . Sie wetterten gegen Notstandsgesetze und Vietnamkrieg und feierten den Sturz des Denkmals, das in Hamburg den ehemaligen Kolonialgouverneur Hermann von Wissmann glorifizierte. »Die Wasserwerfer taten wahnsinnig weh, die waren damals schon mit Tränengas angereichert«, erinnert sich Jahnke. Beim Versuch, die Auslieferung der »Bild«-Zeitung zu blockieren, habe die Polizei sie krankenhausreif geprügelt.

Als sich die Wogen der Studentenrevolte glätteten, arbeitete Inge Jahnke beim Unilever-Konzern und engagierte sich fortan im Betriebsrat. Aus der Ferne verfolgte sie mit etwas Fremdschämen die zunehmenden Zerwürfnisse des SDS, bis zur Selbstauflösung 1970: »Diese Spaltungen und Fraktionskämpfe waren mir zutiefst zuwider.«

War also alles umsonst gewesen?

»Nein, ich denke, wir haben eine Menge initiiert«, sagte Jahnke. »Kolonialismus war doch in der breiten Masse kein Thema. Aus der 1968er-Bewegung ist viel entstanden: die antiautoritären Kinderläden, die Frauenhäuser und Wohngemeinschaften, die allgemeine Offenheit in der Gesellschaft. Dass unsere Debatten oft nicht sofort zu konkreten Veränderungen führten, ist Teil der Geschichte. Aber man muss es eben immer wieder probieren.«

Auch ihr eigenes Leben nahm dank des SDS eine Wendung: Ihr Freund Michael aus der Hamburger Kommune wurde ihr Mann – und ist bis heute ihr Lebenspartner.

Zum Weiterlesen: Die Geschichte des Hamburger SDS wird hier fortlaufend weiter mit historischen Dokumenten und Fotos weitererzählt .

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