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"Look"-Fotograf Stanley Kubrick: Klickwerk Orange

Foto: Stanley Kubrick/Library of Congress

"Look"-Fotograf Stanley Kubrick Klickwerk Orange

Bild für Bild zum Superregisseur: Bevor Stanley Kubrick mit Filmen wie "Full Metal Jacket", "Clockwork Orange" oder "Shining" zum Regie-Superstar wurde, verdiente er sein Geld als Fotograf. In seinen Bildern hielt er das Amerika der vierziger Jahre fest - und ließ so manches Mal schon das Genie späterer Tage durchblitzen.

Das erste Foto, das er verkaufen konnte, zeigt einen Kioskbesitzer im April 1945 in New York. Der Mann hat den Kopf mit der Schiebermütze auf eine Hand gestützt und blickt kummervoll ins Leere. Die Zeitungen ringsum verkünden den Tod von Präsident Franklin Delano Roosevelt. Zu diesem Zeitpunkt fotografierte Stanley Kubrick gerade mal seit vier Jahren, seit ihm sein Vater, der Chirurg Jacques T. Kubrick, zum 13. Geburtstag eine Kamera geschenkt hatte. Es handelte sich um eine aufwändige, aber unverwüstliche "Graflex", und sie begleitete den Jungen bei seinen Streifzügen durch die Stadt.

Damals besuchte Kubrick die William Howard Taft High School in der Bronx, und er besuchte sie ungern. "Meine Eltern wollten, dass ich auch Arzt werde", sagte Kubrick später einmal, "aber ich war schon in der Highschool so miserabel, dass ich mit viel zu schlechten Noten abschloss, um das College zu besuchen".

Für das Foto vom Zeitungsverkäufer zahlte ihm das Magazin "Look" damals 25 Dollar, verbunden mit der Aussicht auf weitere Aufträge. Sechs Monate arbeitete der Teenager frei für die Illustrierte, bevor er schließlich 1946 fest angestellt wurde. Mit einem Gehalt von maximal 105 Dollar im Monat war der Job nicht überragend bezahlt. Aber er ermöglichte Kubrick, dem jüngsten Fotografen des Magazins, das Reisen, erst quer durch die USA, dann sogar nach Europa.

Er fotografierte Alte und Junge, Arme und Reiche, und er befreite sich schnell von der Vorgabe, pure "Reportagen" zu liefern. Vor allem aber lernte er hier das Handwerk der Fotografie auf so nachhaltige und akribische Weise, dass man in manchen der Bilder bereits seine Handschrift als Regisseur zu erkennen glaubt. Schon seine Fotos zeugen von der Vorliebe für strenge und manchmal sehr komplexe Symmetrien - als Regisseur zeigte Kubrick oft ein Faible für starre, eben fast fotografische Perspektiven auf ein möglichst perfektes Tableau.

Tatsächlich ging der junge Fotojournalist bald dazu über, sich als Künstler zu begreifen. Das hatte zur Folge, dass viele seiner Aufnahmen inszeniert waren - von der Beleuchtung über die Stellung der Figuren bis hin zum Arrangement ganzer Szenen. Immer haftet den gelungeneren Bildern eine künstliche, kühle Absurdität an.

Zugleich zeigt sich in den frühen Bildern eine Liebe zum Experiment. Manche Aufnahmen wurden in Infrarot hergestellt, und von ihnen verläuft eine direkte Linie zu einem Film wie "Barry Lyndon", der mit avanciertester Kameratechnik ohne jede zusätzliche Beleuchtung nur bei Kerzenlicht entstand. Erkennbar ist auch ein Interesse an sexuell aufgeladenen Szenen, zu denen Kubrick später in "Lolita" oder "Eyes Wide Shut" zurückkehren sollte.

Allzu sehr sollten die Auftragsarbeiten aber wohl nicht auf Anzeichen für spätere Großtaten abgeklopft werden - auch wenn die Fotografie immer das Rückgrat auch seiner filmischen Arbeiten blieb. Im Nachlass des Regisseurs sind noch schwarzweiße Polaroids enthalten, die den Astronauten aus "2001: Odyssee im Weltraum" zeigen. Anhand der Grauwerte dieser Bilder errechnete Kubrick die Belichtungseinstellungen für die Filmkamera.

Auch sein nie realisiertes "Napoleon"-Projekt hatte er in zahllosen Fotos - von Kostümen über Landschaften bis zu Modellen vom Set - bereits bis zur Filmreife vorbereitet. Es muss freilich nicht viel interpretiert werden, um unter den lange verschollenen Bildern auch das ganz handfeste "missing link" zwischen dem Fotografen und dem Regisseur Kubrick zu entdecken - es sind die Aufnahmen, die den Boxer Walter Cartier 1948 beim Kampf zeigen, blutig, geschwollen, verschwitzt.

Drei Jahre später drehte Kubrick über Cartier seinen ersten Film, die Dokumentation "Day Of The Fight", über den Kubrick später in einem Interview sagte: "Der Film kostete mich 3.900 Dollar, und ich verkaufte ihn für 4000 Dollar an RKO. Ich dachte, mit Dokumentarfilmen sei meine Zukunft gesichert, aber keiner meiner Filme brachte Geld ein."

Es war an der Zeit, sich dem Spielfilm zuzuwenden.

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