Verlassene Psychiatrien in Italien Wahnsinnig schön

In Italien vermodern und verfallen viele psychiatrische Kliniken, seit eine Radikalreform vor 40 Jahren zur Schließung führte. Lost-Places-Fotograf Sven Fennema hat sich auf Spurensuche begeben.

Sven Fennema

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Es zieht sie immer wieder hierher. Auch wenn sich Novella Limite dann fragt, wie das zusammenpasst, "so viel Schmerz" in einem "architektonisch so intelligenten und wunderbaren Bau".

Da waren die Zwangsgurte und Isolationszellen, die Elektroschocks und eiskalten Bäder. Hier verbrachten Menschen Jahrzehnte und wurden doch nicht gesund, wie jene schizophrene Frau, die kurz vor ihrer Entlassung ein Feuer legte: ganz so, als wolle ein Teil von ihr lieber doch nicht frei sein.

Die ehemalige Psychiatrie in Limites Heimatstadt Voghera in Norditalien ist ein majestätisches Gebäude aus dem 19. Jahrhundert mit einer Kirche und lichten Innenhöfen. Eine von Dutzenden Psychiatrien in Italien, die seit Jahren verfallen. Novella Limite, Autorin, Regisseurin und Literatur-Dozentin, sammelt derzeit Geld für eine Dokumentation über die ehemalige Anstalt. Es soll ein Film gegen das Vergessen werden, der den früheren Patienten die Würde zurückgibt, derer man sie hier beraubte.

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Italiens verlassene Psychiatrien: Wir sind dann mal alle weg

Novella Limites Lieblingsraum in der alten Klinik ist das verstaubte Archiv. Eine Fundgrube mit 17.000 medizinischen Einträgen ab 1876 - Schicksale längst Vergessener.

Da gab es den Mann, den alle Patienten nur Celentano nannten, weil er so wunderbar singen konnte wie Weltstar Adriano Celentano. Einmal im Jahr hatte er seinen großen Auftritt auf einer Feier in der Anstalt. Und da war Linda: Alle liebten sie, weil Linda sich noch als erwachsene Frau verhielt wie ein unschuldiges Kind. Oder dieser vermeintlich hochkultivierte Patient, der plötzlich im Streit einen anderen Patienten mit einem Schuh totprügelte.

Flucht vor den Schwestern

Limites Arbeit ist auch eine Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte. Ein Onkel zweiten Grades verbrachte Jahre in der Klinik, auch ihre Großmutter wurde als Kind eingewiesen: "Sie war eine sehr rebellische Tochter, abweichendes Verhalten reichte damals aus für eine Internierung."

Wenn die 46-Jährige heute durch die verlassenen Gänge der Klinik läuft, geht in Gedanken immer ihre Familie mit. Der Onkel überlistete oft die Krankenschwestern und bewahrte sich so seine Freiheit. Statt in seiner Zelle schlief er dann nachts unter freiem Himmel in einem Innenhofgarten.

Überall entdeckt Limite Spuren der Vergangenheit. Patienten ritzten in die Wände, was ihnen am meisten fehlte: Blumen, Bäume, Sonne, Mond - und nackte Frauen. Männer und Frauen wurden in der Klinik lange strikt getrennt. Die schwersten Fälle sperrte man hinter schwere Eisentüren in einen halbkreisförmigen Pavillon. "Viele Bürger, die in der Nähe des ehemaligen Irrenhauses wohnten, erinnern sich an die Schreie aus diesem Trakt", berichtet Limite.

Ehemalige Psychiatrie in Venetien
Sven Fennema

Ehemalige Psychiatrie in Venetien

Auch Sven Fennema beeindruckte dieser Teil der Anstalt besonders. Dabei hat der Krefelder Fotograf schon viele düstere, verfallende Gemäuer gesehen - er hat sich mit opulenten Bildbänden einen Namen als Lost-Places-Fotograf gemacht. "Von diesem Flur mit den kleinen, runden Zellen habe ich sofort Gänsehaut bekommen", sagt er. "Nach hinten, durch die eisernen Rollläden, ging es in einen isolierten Außenhof, von dem man auf hohe Mauern blickte": Ende der Freiheit.

Für seinen aktuellen Bildband "Melancholia" (Frederking & Thaler) hat Fennema einige frühere Psychiatrien besucht. Dass es in Italien davon so viele gibt, ist für Fotografen ein Glücksfall - und dem Psychiater Franco Basaglia zu verdanken. Dessen radikale Reformen sorgten weltweit für Aufsehen, weil sie ab 1978 zur Schließung aller italienischen Anstalten führten.

"Freiheit heilt"

Basaglia rief 1973 mit Ärzten und Sozialarbeitern die Bewegung Psichiatria Democratia ins Leben, um unwürdige Zustände in Kliniken zu bekämpfen. Ihr Schlagwort: "Freiheit heilt". Denn lange galten in Italien psychisch Schwerkranke als unheilbar. Sie wurden als "gemeingefährlich" eingestuft, wie Verbrecher behandelt, entmündigt, dauerhaft weggesperrt. Viele Kliniken waren heillos überfüllt.

Als Leiter mehrerer Einrichtungen zeigte Basaglia, verheiratet mit einer linken Politikerin, wie es anders geht: Er öffnete geschlossene Abteilungen, schaffte Zwangsjacken und Elektroschocks ab, ließ die Schlüssel in den Türen der Patientenzimmer stecken. Sein Konzept von der "Therapeutischen Gemeinschaft" leitete ein generelles Umdenken ein. Fortan sollte der Patient in Gruppentherapien im Mittelpunkt stehen - und sein Wahn nicht mehr mit roher Gewalt gebändigt werden.

Zum Pilotprojekt der Weltgesundheitsorganisation machte Basaglia die San-Giovanni-Klinik in Triest. Als er 1971 die Leitung übernahm, waren von 1200 Patienten 840 zwangsweise interniert. Basaglia verkleinerte die Klinik drastisch und ließ viele Patienten in eigenen Wohnungen oder Wohngruppen unterbringen. Für die Grundversorgung gründete er "Zentren für die geistige Gesundheit". Das war seine Vision für ganz Italien.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:31 Uhr
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Sven Fennema, Petra Reski
Melancholia. Zauber vergessener Welten. Bildband zu den schönsten Lost Places in Italiens Süden. Bewegende Texte von Petra Reski. Neues fotografisches Meisterwerk von Sven Fennema (»Nostalgia«).

Verlag:
Frederking & Thaler Verlag GmbH
Seiten:
320
Preis:
EUR 98,00

Mit einem schockierenden Bildband zum Klinikalltag und einer Unterschriftenaktion erhöhte er den politischen Druck. Als sich ein Volksentscheid über die Auflösung der Psychiatrien anbahnte, knickte Italiens Regierung ein. In nur drei Wochen peitschte sie das Gesetz 180 durch, bald Basaglia-Gesetz genannt. Patienten konnten fortan frei ihren Arzt wählen. Sie wurden nicht mehr als "gemeingefährlich" und "geisteskrank" stigmatisiert, Zwangseinweisungen waren nur noch in Ausnahmefällen möglich. Der Bau neuer Kliniken wurde untersagt, die alten Anstalten sollten nach und nach schließen und Allgemeinkrankenhäuser ihre Aufgaben übernehmen.

Sven Fennemas beeindruckende Bilder zeigen die Folgen dieser bis heute umstrittenen Reform. Schnell übernahm die Natur die Kontrolle über die leeren Gebäude, ein drastischer Rollenwechsel: Wurzeln und Efeu halten heute jene Mauern gefangen, die einst Menschen gefangen hielten. So auch in Volterra, damals eine der schlimmsten Kliniken im Herzen der Toskana.

Mysteriöse Botschaften von NOF4

"Die Schönheit der Umgebung und die schreckliche Geschichte bilden hier einen sehr harten Kontrast", sagt Fennema. Davon zeugen verwaiste Rollstühle, zellenartige Zimmer, Betten mit Zwangsgurten - und die Zeichnung eines Patienten, der sich NOF4 nannte.

NOF4, eine verdrehte Abkürzung seines Namens Oreste Fernando Nannetti, war als Zehnjähriger erstmals eingewiesen worden. Später, nach einer kurzen Karriere als Elektriker, landete er wegen Beamtenbeleidigung erneut in einer Psychiatrie, als schizophren diagnostiziert. In einer Klinik in Rom fiel er auf, weil er Tag und Nacht redete. Als er 1968 in die Toskana verlegt wurde, fiel er auf, weil er fast völlig verstummte - und sich in eine Phantasie-Parallelwelt flüchtete.

Mit einer Gürtelschnalle ritzte NOF4 jahrelang mysteriöse Zeichen in die Wände. Zentimeter für Zentimeter, bis weit mehr als 100 Quadratmeter bedeckt waren. In einer ganz eigenen Bildsprache meißelte er Seite für Seite sein rätselhaftes "Buch des Lebens" in den Putz. Damals verstand ihn kaum jemand. Heute gilt sein Werk manchen als große Kunst.

Von "nuklearen Einbrechern" berichteten seine Inschriften, von fernen Galaxien und per Telepathie empfangenen Botschaften. In seinen Erzählungen steigt er zum "Astral-Oberst" und "Weltraum-Bauingenieur des geistigen Systems" auf, schwärmt von Heldentaten seiner königlichen Familie.

In Wirklichkeit hatte er keine Familie. NOF4 schrieb vermeintlichen Verwandten Briefe, doch niemand antwortete. Als er 1973, nach 14 Jahren, in eine fortschrittlichere Klinik verlegt wurde, stand in seiner Krankenakte: "Es ist traurig. Wir ziehen es vor, nicht niederzuschreiben, was ein Geisteskranker nach so langem Aufenthalt in einer geschlossenen Anstalt zu sagen hat, in der er niemals von Freunden oder Verwandten besucht wurde."

Zwei Liebende - in einer leeren Klinik

Für NOF4 kam Basaglias Reform wohl zu spät, zu sehr hatte sich seine Krankheit bereits verfestigt. Die Hälfte der Patienten in Volterra sei am Mangel an Liebe und Zuneigung zugrunde gegangen, klagte er einmal.

Und doch gibt es Menschen, die an solchen Orten plötzlich Liebe erfuhren. Mario und Luigina lernten sich in der Klinik in Voghera kennen, wie Novella Limite erzählt. Sie verliebten sich und heirateten in der Anstaltskirche.

Auch in Voghera hatte die Basaglia-Reform vieles verbessert - Kontakte in die Stadt, Kunsttherapie, Ende der Männer-Frauen-Trennung. In diesem Umfeld konnte man sich verlieben. Und so war es eine Katastrophe für Mario und Luigina, als die Klinik 1998 schloss: Wohin sollten sie jetzt gehen?

Also blieben sie in der verlassenen Klinik, mit Sondergenehmigung der Stadt, die ihnen die Schlüssel aushändigte. An die Tür des gemeinsamen Zimmers hängten sie ein herzförmiges Schild mit ihren Namen. Sie wuschen ihre Wäsche in der verwaisten Anstalt und schauten hier gern Fernsehen.

Es klingt wie im Märchen: Die Liebenden kamen immer wieder an diesen stillen Ort zurück, bis sie erkrankten und vor ein paar Jahren in einem Hospiz starben.

insgesamt 8 Beiträge
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Stefan Faller, 26.04.2019
1. Volterra...
..kann man übrigens auch im 2016 erschienenen Spiel "Town of Light" besuchen. Im Spiel übernimmt die/der SpielerIn die Rolle einer Frau, die als Jugendliche in die Klinik eingewiesen wurde. Ein lohnenswerter, wenn auch schockierender Einblick in die menschlichen Abgründe, das ich hier allen GamerInnen gern weiterempfehle. Link zum Spiegel-Artikel: https://m.spiegel.de/netzwelt/games/the-town-of-light-von-lka-fuer-pc-spielkritik-a-1082992.html
Hans Leonhard Stamm, 26.04.2019
2. Psychiatrie heute
die Psychiatriereform hatte Auswirkungen nicht nur in Italien. Heute werden in Italien psychisch Kranke ambulant behandelt oder leben auch in Wohngruppen. In den umfangreichen Sozialwohnungen gibt es oft auch psychisch Kranke. die Gesellschaft ist aber im Allgemeinen sehr tollerant und es wird nicht gleich die Polizei gerufen wenns mal laut wird. Für Norfälle gibt es die TSO Trattamento sanitario obbligatorio. Einweisung und obligatorische Behandlung, die im Allgemein Spital stattfindet. Da Italien die Bürgerversicherung kennt, sind einkommensunabhängig alle versichert.
Siri Feldmann, 27.04.2019
3. wunderschön aber
Ich trauer um die alten Burgen und Schlösser Deutschlands , die man einfach verfallen lässt . Wieso ist Deutschland so unpopulär . In meiner Umgebung, Münsterland gab es im Radius von 10 km mindestens 15 Burgen von 2 weiß man nur noch wo sie standen , alle aus dem frühen Mittelalter , einige noch aus der Zeit Karls des Großen , die Vorburg noch älter. Ich habe wunderschöne Fotos , und habe wirklich Angst , diese zauberhaften Orte zu verlieren .
Kirsten Düsberg, 27.04.2019
4. Freiheit und Gesundung
Schöner auch feinfühliger Artikel, danke. Nur zur "umstrittenen Basaglia- Reform" eine Klärung: in jenen italienischen Regionen in denen das Gesetz 180/ 833 konsequent umgesetzt wurde, profitieren gerade schwer Erkrankte von der Reform! In ganz Friuli Julisch Venetien ist seit 2006 die Fixierung (die in anderen Regionen und fast allen Ländern weit verbreitet ist) abgeschafft worden, es gibt keine geschlossnen Stationen mehr, die Versorgung von Krise bis zur Rehabilitation wird in kleinenoffenen gemeindenahen Zentren und Wohnungen garantiert;. Die Zahl der Zwangeinweisungen in Deutschland ist circa 10mal höher als in Italien! Woran liegt es, dass alternative, wiksamere, auf lange Sicht ökonomischere und "demokratischere" Methoden in der Psychaitrie seit Jahrzehnten von der Fachwel ignoriert und den Bürgern diese vorenthalten werden? Nur an der Dominanz der Krankenhaus- Psychiatrie und der Pharmaindustrie? Kirsten Duesberg, Soziologin und lanjährige Mitarbeiterin der psychiatrischen Dienste in Udine, FVG, Italien
Wolfgang Einenkel, 29.04.2019
5. Hsssan J. Richter
Vielleicht auch mal die wunderbaren Fotografien von Hassan J. Richter besprechen, liebe Leute vom Spiegel..der im Osten der Republik auch solche Objekte festhält, gerade ist er in Potsdam zu sehen...lohnt sich
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