Loveparade-Katastrophe "Bilder, die überfordern"

Es geschah vor seiner Haustür: 2010 wurde Michael Wildberg Zeuge, wie aus einem großen Spektakel eine tödliche Massenpanik wurde. Zwei Jahre nach dem Unglück erinnert sich der Duisburger an die Loveparade-Katastrophe - und wie eine ganze Stadt mit dem Unglück rang.

dapd

Wir stehen in der Gegend herum. Direkt an einem der Lautsprecherwagen, vielleicht 300 Meter Luftlinie vom Tunnel entfernt. Wir überlegen, kurz zu dem Gelände zu gehen, eine Bande von 30-Jährigen, alle irgendwie zu alt für den Massenauflauf direkt vor der Tür, aber zu aufgekratzt, um sich das Spektakel Loveparade entgehen zu lassen.

Duisburg ist an diesem 24. Juli 2010 voller Verrückter. Rosa Plüsch und Mallorca-Touristen, Kegelclubs und Junggesellenabschiede, die Twilight-Zone zwischen Langeweile und Party. Was machen. Wohin? Ein Polizist erklärt uns, dass der Tunnel zu voll ist. "Feiert hier irgendwo." Wir gehen Richtung Wohnung, vorbei an tanzenden Volltrunkenen, die über die Straße gen Tunnel wabern, manche trällern mit ihren Pfeifen herum, andere recken die Arme in den Himmel und tanzen.

Zu Hause hole ich Bier aus dem Kühlschrank, manche drängen sich ins Bad, einer macht den Fernseher im Nebenraum an. Er will sehen, wie es so läuft und tanzt, die Stadt, die Medien und der ganze Rest. Als er rüberkommt, sagt er: "Zehn Tote im Tunnel."

"Dort hab ich gewohnt"

Wir versuchen, unsere Eltern zu erreichen, aber das Netz ist kollabiert. Über das Festnetz krieg ich meine Mutter an den Apparat. "Wir sind es nicht. Alles ist gut." Dann ist der Nächste an der Reihe.

Wir gehen zum Sternbuschweg. Die Rettungswagen fahren an uns vorbei, eine endlose Notfall-Kolonne. Müde Menschen kommen aus der anderen Richtung gelaufen, eine Gruppe Amerikaner: "What happened?" Ich sage: "It's our Nine-Eleven", und gehe weiter. Ein befreundeter Journalist schickt aus Bremen eine Nachricht: Heute morgen sei er in die Redaktion gekommen und habe gesagt: "Endlich ist diese Stadt einmal positiv in den Schlagzeilen." Jetzt sitzt er vor einer Karte und erklärt den Journalistenkollegen, wo der Tunnel ist, welche Routen die Menschen laufen, sagt: "Dort hab ich gewohnt" und zeigt auf meine Wohnung, die ich übernahm, als er sich nach Bremen aufmachte.

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Loveparade-Katastrophe: Duisburg trauert

Wir sagen den Menschen, dass sie sich ein wenig ausruhen sollen. Dass der Bahnhof verstopft ist, dass weitere Menschenmassen ihnen den Rest geben würden. Ich treffe David, einen Studienkollegen. Er sitzt auf einer Wiese, den Kopf in die verschränkten Arme gelegt. Er erzählt von mehr als zehn Toten: "Ich habe mindestens fünfzehn gezählt." Er erzählt von Silberpapier, ausgebreitet auf zerquetschten Körpern, von Bildern, die ihn überfordern.

"The Party is over"

In der "Kulisse" wartete Thilo auf den Umsatz des Jahres, jetzt sitzt er auf einem Hocker und starrt den Fernseher an, seine Freundin daneben, sie hält die Hand vor den Mund. Ein Bekannter kommt durch die Tür, dreckverschmiert, sagt: "Das ist vollkommen irre dort. Alles drückt und tritt, denen war irgendwann alles egal, so panisch war es." Wir raten ihm, nach Hause zu gehen, zu duschen, einen klaren Kopf zu bekommen und haben keinei Ahnung, ob das jetzt das Richtige ist.

Ein lautes "The Party is over" hallt durch die Stadt, ohne dass es jemand gesagt hat, nistet sich ein in die Körper, ersetzt den Beat und die wummernden Bässe.

Am Tag danach legt sich das Schweigen wie ein bleierner Schatten über die Stadt, ruhige Menschen allerorten. Im Verbundsystem der Straße verständigen sich Bewohner und Spaziergänger durch Gesten. Kopfschütteln und Betroffenheit, abwinken und resignieren. Manche starren in die Auslagen der geschlossenen Geschäfte, versuchen der Normalität den Rücken zu stärken, scheitern daran und ziehen weiter.

Die letzten Party-Flaneure tummeln sich im Bahnhof, liegen auf Rucksäcken, der Kater der Vornacht ist dem Schock gewichen, betroffene Gesichter, glücklich, wieder nach Hause zu kommen, entsetzt und ruhig und traurig und wütend. Müde Gestalten. Ich ziehe weiter, an dem Tunnel vorbei. Dort, wo gestern noch die Krankenwagen standen, stehen nun die Übertragungswagen aller Sender in Reih und Glied.

Endlosschleife

Am Abend stehe ich am Tunnel. Zwei Runden gehe ich hin und her, sehe das Lichtermeer aus roten Kerzen, die Trauer auf Plakaten und Wänden, das Mc-Fit-Plakat im Tunnel ist heruntergerissen. Die Menschen legen Kränze und Blumen nieder, sammeln sich in Gruppen und verlaufen sich wieder, angespannte, ängstliche Stille, eine Wunde, die klafft.

N-TV, RTL, ARD, ZDF und WDR berichten in Endlosschleife von dem Geschehen, das niemand begreift, dem Tod der Menschen, die einfach unter einer Decke aus Körpern verschwanden. "It's our Nine-Eleven" - und jeder hat eine Antwort auf die Frage, wo er war, als die Katastrophe passierte. In jedes Mikrofon werden die Geschichten diktiert.

Und dann ist da dieser Mann, der immer schreit. Er geht vor dem Tunnel auf und ab, sucht sich andere, kreischt: "Das ist eine bodenlose Schweinerei. Unfassbar ist das, unglaublich unfassbar." Niemand hört ihm zu, er ist zu laut, zu hektisch, zu schnell, seinem Tempo kann keiner folgen, nicht jetzt, an diesem Abend. Er baut sich vor mir auf, schreit: "Das Schwein muss weg", dann zieht er weiter. Manche schauen irritiert, als er an ihnen vorbeiläuft. Er wirkt wie ein Theaterschauspieler in einer schlechten Inszenierung. Er redet mit allen und jedem, ohne in einen Dialog treten zu können, alle sind mit ihrem Entsetzen allein.

Keine Schuld, nirgends

Einen Tag nach dem Unglück hatten Adolf Sauerland, der Oberbürgermeister, und alle anderen Verantwortlichen ihre Statements zu dem Unglück abgegeben: "Individuelle Schwächen" hätten wahrscheinlich zu der Katastrophe geführt, übersetzt hieß das: Betrunkene und Drogen, Menschen, die sich daneben benahmen. Keine Schuld, keine Fehler, keine Mängel und Schwächen in den eigenen Reihen, keine zu engen Tunnel und falschen Konzepte.

Ermittler nehmen ihre Arbeit auf. Im Visier: der Veranstalter, die Polizei, die Stadtverwaltung. Dem Betrachter bietet sich ein verworrenes Bild aus Sicherheitsmängeln, aber keine Schuld, nirgends. Keiner, der verantwortlich ist.

Ein paar Tage später demonstrieren ein paar hundert Bürger vor dem Duisburger Rathaus. Einmal noch richten die Kamerateams ihren Blick auf die Menge: Ich erkenne den Mann, der vor dem Tunnel auf- und abgelaufen war, hier wie dort wild schreiend und gestikulierend, jetzt am richtigen Platz, inmitten einer Menge wütender Leute, die ebenso wie er kreischen und schreien.

Offene Wunde

Die Wunde klafft noch, als die Kamerateams und Übertragungswagen Duisburg längst wieder verlassen haben, als alle Toten betrauert und beerdigt sind, als Familien sich in ihre Wohnungen zurückziehen, um ihre ureigene Wunde zu schließen, als der Verkehr wieder durch den Tunnel rollt und die Kerzen und Blumen bleiben. Sie klafft noch, als Adolf Sauerland auf Veranstaltungen mit Ketchup bespritzt wird, und als Preisträger ihre Auszeichnungen ablehnen und Trauernde ihn von Feiern ausschließen. Auch noch, als ein Bürgerbegehren damit anfängt, die nötigen Unterschriften einzusammeln, um ein Abwahlverfahren einzuleiten.

Ein Jahr später wird das Denkmal für die Toten eingeweiht. Eine Stahlplatte mit dem Datum der Katastrophe, dahinter 21 umgefallene Steelen, davor eine Tafel mit den Namen der Toten, schlicht, 3,5 mal sechs Meter. Adolf Sauerland ist nicht geladen, stattdessen hält der Alt-Oberbürgermeister die Rede. Das Denkmal steht auf einer kleinen Anhöhe, umrandet von einem hellen Steinweg, eine Treppe führt runter auf die Straße, wo man rechts in den Tunnel abbiegen kann.

Als ich abends nach Hause komme, sehe ich den schreienden Mann, wie er um das Denkmal herumgeht. Wie er an der Glasplatte stehen bleibt und versucht, die Namen zu lesen. Er starrt auf die Stelen, schüttelt den Kopf, immer noch unruhig, ohne hysterisch zu sein. Er kühlt sich langsamer als alle anderen ab, immer noch Opfer und Aktivist, ein Verletzter. Auch er versucht, seine Wunde zu schließen.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Stephan Brücker, 24.07.2012
1.
Wir waren auch vor den Tunnelbereichen, dort wurden Polizei- bzw. Securitysperren platt gerannt, es war eine alkoholisierte und eher agressive Stimmung vor den Eingängen - Partyleute mit guter Laune haben wir fast keine gesehen, das Absperren der Strasse links und rechts mit Bauzäunen vor den Tunneln hatte uns ein Gefühl gegeben, dort nicht reinzugehen, eben weil auch die immer so beschriebene Partystimmung nicht existierte. Rücksichtsnahme gab es auch dort nicht und auch diese hat zu dem Tode von vielen Menschen geführt. Das Sicherheitskonzept war mit Sicherheit überfordert und Fehler wurden gemacht, das immer weiter Hineindrängeln, das rücksichtslose Verhalten von vielen und einzelnen Besuchern jedoch war und bleibt der Hauptgrund des Unglücks. Schade, aber dies müßte man viel öfters noch erwähnen.
Jürgen Karp, 24.07.2012
2.
Die Schuld auf die Masse zu verteilen ist mehr als dreißt. Wer so eine Veranstaltung plant muss mit dem Verhalten Einzelner und dem Verhalten der Masse rechnen, es ist ja nicht so, das die Leute dort ein anders Verhalten an den Tag legen als es irgendwo anders andere tun würden. Es kann also garnicht angehen, dass die Planer die Schuld so abwälzen können. Der Tunnel war schlicht zu eng. Bei den offiziellen Besucherzahlen wurde so getrickst, dass man überhaupt eine Genehmigung für dieses Gelände erhielt. Vor allem Herr Sauerland trägt die Verantwortung der die Loveparade aus reiner Profilierung nach Duiesburg holte. Er trägt m.M. nach zu 90% die Schuld an dem Unglück.
Erik Sturgis, 24.07.2012
3.
"?Wir raten ihm, nach Hause zu gehen, zu duschen, einen klaren Kopf zu bekommen und haben keine Ahnung, ob das jetzt das Richtige ist?" Solche nichtssagenden Aussagen sind stellvertretend für alle welche der "Love Parade 2010", noch vor dem Unglück, etwas Gutes abgewinnen konnten. "? haben keine Ahnung, ob das jetzt das Richtige ist?" ?"?aber wir sagen was dazu, so wie wir zu allem irgendetwas sagen, auch wo's völlig überflüssig ist und wir keinen Furz wissen, worum es eigentlich geht..." ?"?und dass die Love Parade, spätestens als diese nicht mehr in Berlin stattfand, ihren Namen gar nicht mehr verdient hat, dass das in Duisburg nur noch ein Abklatsch vom Abklatsch, schon Jahre tot, ein Zombie war, ist irgendwie blöd. Na ja, in Duisburg ist halt so was mit Techno-Party irgendwie und Junggesellenabschied. Ist doch auch super wenn wir uns danach wieder auf uns konzentrieren können: Häusle baue, Geld scheffle, samstags Auto putze?"?."?den Rat haben wir von Mama und Papa eingebläut bekommen?da hatten wir auch gar keine Zeit, uns um Techno oder Musik zu kümmern, so irgendwie?". Mal Tacheles: Was bitte war jemals an dieser Pseudo-Love-Irgendwas-Kirmes-Kacke interessant, gut, schön oder dass es einen Grund gegeben hätte darauf, als (Ex)-Duisburger stolz zu sein? Schon zu Ende-Berlin-Zeiten war das Konzept von der ursprünglichen Loveparade-Idee verwässert. Als dieser Fitness-Vorturner die Hülle Namens "Love Parade" übernommen hat und dann irgendwie sowas mit Techno und so in NRW stattfand, müsste doch eigentlich jedem klar gewesen sein, dass es nur noch um eins, nur noch um Kohle, Asche, Schotter, Euronen und Penunzen geht.
Christoph Kokot, 25.07.2012
4.
Die Katastrophe wurde von partygeilen, egoistischen und zugedröhnten Spinnern verursacht, die alle nur ihren eigenen Vorteil gesucht haben. Möglichst schnell, vor allen anderen und ohne Rücksicht auf Verluste auf das Partygelände zu kommen war der größte Antrieb. Es wird viel Massenpanik geschrieben, für mich ist eine Panik nicht zu erkennen, lediglich der Drang, endlich voll geile Party zu machen ey. Das ist das Ergebnis unserer Partygesellschaft, die sich ausschließlich mit sich selbst beschäftigt und nur das Freizeitverhalten organisiert. Die fehlende Trauerbereitschaft und Anteilnahme an den schrecklichen Ereignissen ist ein weiterer Beleg dafür. Die Gemeinde will feiern, nicht trauern und wen stört es schon, wenn ein Paar draufgegangen sind, mir doch egal. So ist der Eindruck, den die Ereignisse vermitteln. Alle Trauerveranstaltungen sind medial Überzogen und werden von den Teinehmern nicht verlangt, für beide Seiten peinlich.
Uwe Koschnick, 26.07.2012
5.
wussten doch alle, dass das eine Riesen Drogenparty war. So viel Scheinheiligkeit.
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