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Berliner Luftbrücke: "Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt"

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Berliner Luftbrücke Revival der Rosinenbomber

Im Sommer 1948 begannen Flugzeuge das Überleben der eingeschlossenen Berliner zu sichern. Bald sollen 40 historische Maschinen die Stadt erneut anfliegen - und Bonbons regnen lassen. Die Idee kam drei Freunden beim Whisky.

Am 16. April 1949, Rekordtag der Luftbrücke, setzte alle 62 Sekunden eine Maschine auf. Quasi nonstop röhrte es im Himmel über Berlin - doch über Fluglärm beschwerte sich niemand, im Gegenteil. Das Dauerbrummen erfüllte die gut zwei Millionen Menschen in der isolierten Stadt mit Glück, wie Schauspielerin Ethel Reschke in ihrem "Insulaner-Lied" trällerte:

"Der Insulaner verliert die Ruhe nich.
Der Insulaner liebt keen Jetue nich!
Und brumm' des Nachts auch laut die viermotor'jen Schwärme,
Det is Musik für unser Ohr, wer red't vom Lärme?"

Denn anders als noch 1945 verhießen Flugzeuge am Himmel nicht Tod und Verwüstung. Diesmal warfen die Piloten keine Spreng- und Brandbomben über Berlin ab, sondern brachten Kohle und Medikamente, Trockenmilch und Mehl, Benzin und Papier: Tag und Nacht, 15 Monate lang. Mitunter saßen die gleichen Männer im Cockpit der sogenannten Rosinenbomber, die im Zweiten Weltkrieg Luftangriffe auf Nazideutschland geflogen hatten.

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Nun, 70 Jahre nach der bislang größten humanitären Hilfsaktion, soll das dumpf-sonore Dröhnen der Kolbenmotoren erneut den Berliner Luftraum erfüllen. Drei Freunde wollen die lebensrettende Luftbrücke über der eingeschlossenen Stadt nachstellen - mit den historischen Douglas-DC-3-Maschinen von damals.

97-jähriger "Candyman" als Schirmherr

"Knapp 40 Flugzeugeigentümer haben bereits fest zugesagt, sogar aus Südafrika kommen zwei Maschinen", so Thomas Keller, 61, im Gespräch mit dem SPIEGEL. Der Hamburger Unternehmensberater gehört neben Jörg Siebert und dem Niederländer Peter Braun zu den Initiatoren des Rosinenbomber-Revivals. Die drei flugzeugbegeisterten Freunde, ehemalige Fallschirmjäger bei der Bundeswehr, hatten die Idee im Sommer 2016 beim Whisky.

Sie fanden heraus, dass von den 16.000 produzierten DC-3-Flugzeugen weltweit noch rund 200 existieren. Die meisten gehören Vereinen oder Privatleuten, manche sind sogar noch im Einsatz: auf Nostalgie-Flügen in Kanada ebenso wie für Transporte im kolumbianischen Dschungel. Mehrere Piloten sicherten sofort ihr Kommen zu; aus der Schnapsidee wurde ein ambitioniertes Fünf-Millionen-Euro-Projekt.

Mittlerweile gibt es einen gemeinnützigen Verein  inklusive Sponsoren und Spendenkampagne , auch Bundeswehr und US-Armee unterstützen die Aktion "Berlin Airlift". Ehrenschirmherr ist der 97-jährige "Candyman" Gail Halvorsen: jener an der Luftbrücke beteiligte US-Pilot, der einst Schokolade an Taschentücher band und über Berlin herabregnen ließ. "Als wir dem betagten Mann von unserer Idee erzählten, fing er an zu weinen", erzählt Keller.

Zwischentanken auf Grönland

Der Plan: Im Juni 2019, zum Ende der Jubiläumsfeierlichkeiten, sollen die alten Propellermaschinen aus der ganzen Welt nach Deutschland fliegen. Erste Etappe ist der Flughafen Wiesbaden-Erbenheim, wo die Amerikaner einst ihre Rosinenbomber starteten. Danach werden die Flugzeuge weiter nach Faßberg bei Celle und Schleswig-Jagel fliegen, zu wichtigen Luftbrücken-Stützpunkten in den Jahren 1948/49.

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Zum Abschluss sollen die Candy-Bomber Berlin ansteuern. Zwar werden sie Ehrenrunden über der Hauptstadt fliegen, direkt dort landen dürfen sie jedoch nicht: Zwei der damals angesteuerten Flughäfen, Gatow und Tempelhof, sind längst stillgelegt - und Tegel ist zu voll, um die Veteranen bei laufendem Flugbetrieb aufzunehmen. Die Rosinenbomber weichen auf den Flugplatz Schönhagen bei Trebbin im Süden Berlins aus.

Wie die historische Luftbrücke, ist auch die kommende Aktion eine technische Herausforderung: Die Rosinenbomber fliegen nicht mit Kerosin, sondern benötigen Avgas, verbleites Flugbenzin. Da die alten Maschinen alle 1000 Kilometer tanken müssen, errichtet das Team um Keller, Siebert und Braun derzeit spezielle Tankstützpunkte, etwa auf Grönland und Island.

Als reine Flugschau oder jubiläumsselige Kranzniederlegung will Keller das Projekt nicht missverstanden wissen: "Wir wollen eine Botschaft transportieren." Die Luftbrücke ist für ihn Ausdruck von Zivilcourage und Menschlichkeit. Die Hilfsaktion von 1948/49 zeige, wie wichtig es sei, auch in schwierigen Situationen zusammenzustehen, anzupacken, gemeinsam Lösungen zu finden.

Ouvertüre des Kalten Kriegs

Der Durchhaltewillen der eingeschlossenen Westberliner war ebenso legendär wie die Hilfsbereitschaft der Luftbrücken-Akteure. Dennoch war der Airlift nicht nur ein humanitärer, rein von Nächstenliebe getragener Kraftakt, sondern auch die Ouvertüre des Kalten Kriegs. Und zugleich eine erbitterte Propagandaschlacht um die Zukunft Deutschlands, wie der SPIEGEL-GESCHICHTE-Film "Operation Proviant" von Andreas Hancke und Michael Kloft zeigt. Großer Gewinner: Die USA - sie wussten die Luftbrücke meisterhaft als PR-Aktion für sich zu nutzen.

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Die Dokumentation "Operation Proviant - Propagandaschlacht Berliner Luftbrücke" läuft am Sonntag, 24. Juni 2018, um 14 Uhr auf dem Pay-TV-Sender SPIEGEL GESCHICHTE, der über Sky zu empfangen ist.

"Wir sind in Berlin, und da bleiben wir. Punktum", befand US-Präsident Harry S. Truman am 28. Juni 1948. Vier Tage zuvor, am 24. Juni, hatte die Sowjetunion als Reaktion auf die Währungsreform in den Westzonen alle Land- und Wasserwege nach Berlin gesperrt. Ab sofort waren die drei Westsektoren von der Versorgung mit Lebensmitteln, Elektrizität und Kohle abgeschnitten. Stalin nahm eine halbe Stadt in Geiselhaft, um den Abzug der Alliierten zu erzwingen

Zwar war die Blockade durchlässiger als vielfach dargestellt, Berliner konnten sich teils durch Hamsterfahrten und auf dem Schwarzmarkt mit Gütern versorgen. Dennoch war die Lage kritisch: Die Lebensmittel für die Menschen in den eingeschlossenen Sektoren reichten höchstens noch für fünf Wochen, die Kohlevorräte für zehn Tage.

Tegel binnen 90 Tagen errichtet

Die einzige Versorgungsmöglichkeit boten die drei 1945 vertraglich vereinbarten Luftkorridore zwischen Berlin und dem Westen Deutschlands. Binnen wenigen Tagen stellten die Westalliierten das laut Historiker Wolfgang Benz "größte Transportunternehmen in der Geschichte der Luftfahrt" auf die Beine.

Amerikaner und Briten flogen Güter nach Berlin, ebenso wie Piloten aus Frankreich, Australien, Neuseeland, Kanada und Südafrika. Um die Flughäfen Gatow und Tempelhof zu entlasten, errichteten die Berliner im französischem Sektor der Stadt binnen 90 Tagen den Flughafen Tegel - angesichts des aktuellen BER-Schlamassels schier unvorstellbar.

Mehr als 277.000 Flüge wurden in den 15 Monaten der Luftbrücke gezählt, 2,34 Millionen Tonnen Güter gelangten in die Stadt. Rekord war die sogenannte Osterparade 1949, als binnen 24 Stunden 12.940 Tonnen befördert wurden. Zum Vergleich: 1938 flogen laut Historiker Benz alle Luftverkehrsgesellschaften der Welt zusammen 60.000 Tonnen Fracht - im Jahr.

Ein ausgeklügeltes System machte diese logistische Meisterleistung möglich. Die Flugzeuge flogen in bis zu fünf Ebenen übereinander; verspätete sich eine Maschine, durfte sie nicht landen, sondern musste vollbeladen zurückfliegen und sich erneut in die Kette einreihen.

Aus Feinden wurden Freunde

Am Ende gab die Sowjetunion ihren Erpressungsversuch auf: Am 12. Mai 1949 um 0.01 Uhr hoben sich die Schlagbäume wieder, die Blockade war beendet. Um für Notfälle gewappnet zu sein, hielten die Westmächte die Luftbrücke bis zum 30. September aufrecht. Die erste Schlacht des Kalten Kriegs war geschlagen - und Berlin zu einer gespaltenen Stadt geworden. Die Besatzungsmächte von einst waren zu Beschützern avanciert.

"Aus Feinden wurden Freunde", resümiert Airlift-Organisator Thomas Keller. 2019 will er mit den historischen Rosinenbombern Luftbrückenflüge in den Originalabständen veranstalten, Carepakete nach Berlin transportieren, Jugendlichen die Fliegerei näherbringen.

Sogar Bonbons sollen erneut über der Hauptstadt vom Himmel prasseln. "Das wäre unser großer Traum", sagt er. Keller zeigt sich optimistisch: Die Pläne seien bei den örtlichen Aufsichtsbehörden wohlwollend aufgenommen worden.