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Legendenbildung: Wer tötete Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht

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Luxemburg und Liebknecht Dauerfehde um einen Doppelmord

Linke Legenden: Im Januar 1919 töteten Rechtsextreme die KPD-Führer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Der Mord wirkt bis heute nach - Tausende ziehen zu den Jahrestagen an das Grab der beiden Revolutionäre. Und bis heute gibt es Streit, ob sie ein Sozialdemokrat oder ein Kommunist ans Messer lieferte.
Von Christian Habbe

"Ab nach Moabit!", befahl der Kommandant - und die Schergen verstanden: Der Ausruf galt als Mordbefehl. Stundenlang waren die Gefangenen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg im Berliner Hotel Eden, einem provisorischen Militärquartier, misshandelt und verhört worden. Nun brachte man sie spätnachts aus dem Haus. Erst startete der Wagen mit Liebknecht und verschwand Richtung Tiergarten. Kurz darauf knallten Schüsse - die Bewacher hatten Liebknecht im dunklen Park aus dem Auto gezwungen und von hinten das Feuer auf ihn eröffnet. Dann wurde Rosa Luxemburg weggefahren. Vom Gewehrkolbenhieb eines Soldaten war sie nahezu bewusstlos, als ein Leutnant ihr in die Schläfe schoss. Anschließend lieferten die Täter den toten Liebknecht als "unbekannte Leiche" bei einer Rettungsstelle ab, Luxemburgs Leiche warfen sie in den Landwehrkanal.

Der Doppelmord am 15. Januar 1919, wurde ein Fanal für die Geschichte der Deutschen. Opfer waren die beiden wichtigsten Wortführer jener revolutionären Gruppen, die nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg den bewaffneten Umsturz der alten Ordnung betrieben. Täter waren überwiegend ultrakonservative Mitglieder der "Garde-Kavallerie-Schützen-Division", die in Berlin die linken Aufständischen bekämpften. Noch heikler an dieser Konstellation: Auftraggeber der reaktionären Gegengewalt war der SPD-geführte Rat der Volksbeauftragten, die nach Abgang des Kaisers eingesetzte provisorische Reichsverwaltung.

Die staatliche Ordnung stand Anfang 1919 vor dem Zerfall. Der Matrosenaufstand in Kiel hatte eine Revolution in Gang gesetzt, quer durchs Land wurden Arbeiter- und Soldatenräte gegründet. Karl Liebknecht, der kurz zuvor am 9. November vom Balkon des Berliner Stadtschlosses die "Freie sozialistische Republik Deutschland" ausgerufen und zum Jahreswechsel gemeinsam mit Rosa Luxemburg die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) gegründet hatte, drängte auf Absetzung der provisorischen Regierung. Redaktionen und Bahnhöfe wurden besetzt, Waffen an die Regierungsgegner verteilt, Barrikaden gebaut. Dagegen rief der Vorsitzende des Rats der Volksbeauftragten, der Sozialdemokrat Friedrich Ebert, das Militär zu Hilfe und beauftragte seinen Parteifreund Gustav Noske mit der Aufsicht über die Aktion.

Mord auf höhere Weisung?

Überall im Land gerieten nun die revolutionären Selbstverwaltungen unter Beschuss - wortwörtlich. In dem Bürgerkrieg starben binnen weniger Wochen an die 5000 Menschen, als die in vielen Großstädten amtierenden Arbeiter- und Soldatenräte durch Freikorps und Reichswehr niedergemacht wurden - allen voran von der Garde-Kavallerie-Schützen-Division. Zwar wüteten die reaktionären Truppen nun nahezu unkontrollierbar gegen die verhassten Feinde von links - formal aber trug die sozialdemokratische Übergangsregierung dafür Verantwortung. Er habe "der Bluthund" sein müssen, gab Eberts Sicherheitsbeauftragter Gustav Noske zu. Die Gewalt hatte von da an auch noch ein sozialdemokratisches Gesicht.

Selbst den Doppelmord am Tiergarten haben Kommunisten seither den Sozialdemokraten mit angelastet - schließlich hatten sich die Mörder von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht später auf höhere Weisung berufen. Hauptmann Waldemar Pabst, Anführer der Garde-Kavallerie-Schützen-Division und Befehlshaber im Hotel Eden, gab später zu Protokoll, es habe "bei Herrn Noske und mir nicht der geringste Zweifel" bestanden, dass die beiden prominenten Politiker ermordet werden sollten. die Revolutionäre waren zu Staatsfeinden geworden: "Tötet Liebknecht" forderten Plakate an Berliner Hauswänden, und im SPD-Parteiblatt hieß es drohend, die "Stunde der Abrechnung" sei gekommen. Angesichts der Drohungen tauchten Liebknecht und Luxemburg unter, doch nach Tipps aus der Bevölkerung spürte eine Bürgerwehr ihr Versteck auf und schleppte die Staatsfeinde ins Folterhotel des Hauptmanns Pabst.

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Die folgenden Ereignisse haben die Linke in Deutschland für immer gespalten, mit fatalen Folgen. Der Hass zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten schwächte die demokratischen Kräfte in der Weimarer Republik nachhaltig; den Nazis sollte das später den Durchmarsch an die Macht wesentlich erleichtern.

Rosa wirbelt Staub auf

Rosa Luxemburg, 1871 geboren, stammte aus dem russischen Bereich des geteilten Polen, der Vater war ein wohlhabender Holzhändler. In der Familie sprach man neben russisch und deutsch auch polnisch, obwohl die Moskauer Obrigkeit das in der Öffentlichkeit nicht duldete. Nach dem Abitur in Warschau eckte Rosa Luxemburg durch illegale Kulturarbeit bei den Besatzern an und floh als 18-jährige in die Schweiz. Während des Studiums in Zürich kam die junge Emigrantin in Kontakt mit der internationalen Arbeiterbewegung; sie machte "Summa cum laude" ihren Doktor der Rechte und zog nach Deutschland. 1898 trat sie in die SPD ein - seinerzeit die progressivste Arbeiterpartei weltweit. Durch eine Formalehe mit einem Deutschen war sie nun preußische Staatsangehörige.

In der politischen Öffentlichkeit wirbelte die wortgewaltige Zuwanderin sogleich heftig Staub auf. Mit großäugigem, schmalem Gesicht, klein gewachsen und seit ihrer Kinderzeit etwas gehbehindert, fasziniert die junge Agitatorin Parteifunktionäre wie Massenversammlungen fast magisch. Das war eine ganz neue Stimme, die da zur internationalen Erhebung gegen die alte Ordnung aufrief, zur Gewalt gegen Eigentum, zur Befreiung der Frauen, gegen den Militärstaat und für Massenstreik. Sie habe immer für andere gehandelt, kaum je für sich selbst, urteilte Philosophin Hannah Ahrendt: "Sie konnte sich mit der Ungerechtigkeit in der Welt nicht abfinden."

Die alarmierte Obrigkeit machte es sich einfach mit der Aufrührerin - in knappen Abständen wurde sie verhaftet: Mal saß Luxemburg wegen "Aufreizungen zu Gewalttätigkeit", mal wegen "Majestätsbeleidigung" oder "pazifistischer Hetze" ein, mal einfach nur in "Sicherheitshaft". Die Sozialdemokraten hatten es schwerer mit ihrer Kritik. Ihren Genossen hielt sie Versagen im Kampf gegen Militarismus und Unterdrückung der unteren Schichten vor. Insbesondere den "revisionistischen" Ansatz der Parteiführung, auf das Parlament und auf Reformen zu setzen, kritisierte sie schneidend. In der offiziellen SPD isolierte Luxemburg sich bald, besonders auch, als sie später die Anpassung ihrer Partei an die Kriegspolitik des Kaiserreichs ablehnte.

"Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden"

Vergeblich versuchte sie 1914 zusammen mit Liebknecht, noch rechtzeitig genügend Kriegsgegner zu mobilisieren. Daraufhin gründeten beide eine SPD-interne Zelle namens "Gruppe Internationale", später "Spartakusbund" genannt. Der machte 1917, als sich die USPD von der Gesamtpartei abspaltete, gemeinsame Sache mit den Abtrünnigen - Rosa Luxemburgs Bruch mit der klassischen Sozialdemokratie war vollzogen.

Ihr Kampfgefährte Karl Liebknecht, ebenfalls 1871 geboren, entstammte sozialdemokratischem Urgestein. Sein Vater Wilhelm Liebknecht hatte zu den SPD-Gründern gehört, seine Taufpaten waren Karl Marx und Friedrich Engels. Mit Agitation gegen Klassenjustiz, Militarisierung und Rüstungsgeschäfte galt auch Liebknecht den Staatsorganen als vertrauter Feind und wurde regelmäßig eingesperrt. SPD-Reichstagsabgeordneter seit 1911, war er zunehmend in Opposition zu seiner weithin kaisertreuen Partei geraten. Als einziger SPD-Abgeordneter stimmte Liebknecht Anfang August 1914 gegen die Kriegskredite. 1916 landete er wegen Hochverrat im Zuchthaus und wurde erst kurz vor Kriegsende amnestiert.

Das Schicksal als prominenteste Opfer demokratiefeindlicher Gewalt in Deutschland hat Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht historischen Rang eingetragen. Um das Erbe der toten Spartakistin wetteifert ein breites politisches Spektrum - orthodoxe Linke, die die brillante Revolutionstheoretikerin in Ehren halten, ebenso wie mancher Liberale. Alle vereint gemeinsame Bewunderung für ein wahrhaft universales Wort Rosa Luxemburgs, das sie dem totalitären Oberrevolutionär Lenin entgegenhielt: "Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden."

Dubioser Kronzeuge

Vor allem im Osten Deutschlands schmückte der Name Rosa Luxemburgs Schulen, Straßen und Betriebe. Alljährlich am zweiten Sonntag des Januar zieht eine Gedenkdemonstration "Für Karl und Rosa" durch den Osten Berlins. Tausende bringen rote Nelken zur Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Friedhof Friedrichsfelde. Junge und Alte laufen mit, Idealisten, Verehrer und jedes Mal auch eine Menge Heuchler. Meist weit vorn im Umzug marschiert, soweit die Füße noch tragen, das einstige Establishment der DDR, all die Ex-Parteisekretäre, ZK-Veteranen und abgewickelte Stasi-Prominenz - jene Herren, die DDR-Bürger drangsalierten, wenn die das Freiheitsmotto Rosa Luxemburgs in den Mund nahmen.

Die linke Dauerfehde um Karl und Rosa bekam in Hauptmann Waldemar Pabst einen dubiosen Kronzeugen. Die Kommunisten griffen Pabsts Behauptung aus seinen Memoiren auf, er habe sich vor den Morden beim SPD-Verantwortlichen Noske abgesichert - dass der dem Mord tatsächlich zugestimmt hat, ist allerdings sonst nirgendwo belegt. Doch auch die kommunistische Seite bleibt in Pabsts Berichten nicht ungeschoren, denn danach spielte auch eine Heilsfigur der KPD in der Mordsache eine höchst zweifelhafte Rolle - Wilhelm Pieck.

Der junge Tischler aus Bremen, einer der Obleute des revolutionären Aufstandes, hatte sich zusammen mit Luxemburg und Liebknecht versteckt und war gemeinsam mit den prominenten Genossen verhaftet worden. Er allerdings entkam, weil es ihm nach eigenen Angaben gelang, sich im Verhör herauszureden und später auf dem Transport ins Gefängnis abzusetzen. Pabst freilich erinnert sich anders. Er habe die Freilassung Piecks angeordnet, da der ausgiebig kooperiert haben soll: "Herr Pieck war nämlich so freundlich gewesen, mir alle militärischen Angaben zu machen", wie Pabst notierte. Der gefangene KPD-Führer habe sich alles "aus der Nase ziehen lassen" - über Wohnungen und Ausweichquartiere der Rebellenprominenz, ihre Telefonanschlüsse, ihre Waffenlager, ihre Alarmorganisation, ihre Sammelplätze "und so weiter" (Pabst).

Anfang der dreißiger Jahre dann gab es eine KPD-interne Untersuchung der Verratsvorwürfe, die offiziell mit Piecks Entlastung endete. Die Unterlagen dazu blieben jedoch unveröffentlicht. Mehr wusste womöglich der Untersuchungsführer, der damalige Parteichef Ernst Thälmann. Der jedoch wurde gleich 1933 von den Nazis verhaftet, während Pieck als Komintern-Sekretär im Moskauer Exil Karriere machte. Auffälligerweise wurde KZ-Häftling Thälmann offenbar nie für einen Gefangenenaustausch in Betracht gezogen, wie ihn Moskau mit dem Hitlerreich in mehreren Fällen praktizierte.

Thälmann wurde von den Nazis 1944 im KZ Buchenwald ermordet. Pieck 1949 erster Präsident der neugegründeten DDR.

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