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Mission im Osten: Die mutigen jungen Frauen vom Roten Kreuz

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Fonds personnel Les enfants de l’Escadron bleu / Tous droits réservés

Ärztin holt 1945 Gefangene nach Frankreich zurück Mit Charme, ein paar Brocken Russisch und Lucky Strikes

Die Mission der Frauen der "blauen Schwadron": französische Landsleute aus sowjetischen und deutschen Todeslagern befreien. Dafür riskierten die Ärztin Madeleine Pauliac und junge Frauen vom Roten Kreuz 1945 ihr Leben.
Von Günter Scheinpflug

Es ist grau an diesem Frühlingstag 1945. Nazi-Deutschland hat kapituliert. Eine Rot-Kreuz-Ambulanz holpert nahe Warschau über eine Landstraße. Überall russische Soldaten, zu Fuß, auf Pferdekarren, auf Lastwagen, sie wollen nach Hause. Dann taucht ein Schild auf: "Camp Madelon", ein Internierungslager.

Die französische Militärärztin Madeleine Pauliac hat eine Mission: Landsleute aus Gefangenenlagern retten. Ein Wachmann stoppt ihren Wagen und weist die Ärztin ab. Doch ihr Charme, ein paar Brocken Russisch und eine Packung Lucky Strike wirken - wenig später sitzen fünf Männer im Fahrzeug, total abgemagert, zwei haben Tuberkulose. So beschreibt der Pariser Autor Philippe Maynial den Einsatz seiner Tante Madeleine Pauliac und stützt sich auf ihre Berichte und Briefe, Tage- und Fahrtenbücher, Archivrecherchen.

Im Zweiten Weltkrieg musste Frankreich auf Befehl der Nazis viele Zwangsarbeiter in die damaligen deutschen Ostgebiete schicken; sie wurden in der Landwirtschaft und in Fabriken eingesetzt. Eine halbe Million Franzosen vermutete General de Gaulle nach Ende des Zweiten Weltkriegs jenseits der Oder-Neisse-Linie, als die Grenze neu gezogen wurde. Bereits bevor die Alliierten im Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 über Polens Grenzen entschieden, wurde das deutsche Gebiet zwar der polnischen Administration unterstellt - gegen Proteste Großbritanniens und der USA. De facto aber kontrollierte die Sowjet-Armee weite Teile im ehemaligen deutschen Osten und richtete Internierungslager ein.

Festgehalten wurden Franzosen, die während der Besatzung 1940 bis 1944 mit den Nazis kollaboriert hatten - sie galten als Feinde. Viele entkamen dennoch dem Zugriff Stalins. Wie konnte man denen helfen, die verletzt, zu schwach oder krank waren, um sich gen Westen durchzuschlagen? Das französische Rote Kreuz konnte nach der Befreiung von den Nazi-Truppen kaum mehr Kräfte einsetzen.

Freundliche Ärztin mit eisernem Willen

Die kleine Gruppe L'escadron bleu ("Die blaue Schwadron") entsteht. Mit fünf Krankenschwestern, fünf Sanitäterinnen mit Fahrerlaubnis, einer Anführerin sowie einer Militärärztin: Madeleine Pauliac, 32. Die jungen Frauen haben schon Erfahrung in der Résistance und an der Front gesammelt. Sie erhalten lediglich fünf Ambulanzfahrzeuge vom Typ Austin, ein Geschenk der Briten. Die blauen Uniformen stammen von US-Boys der Army.

Für sein Buch "Madeleine Pauliac - L'insoumise" – "Die Widerspenstige" recherchierte Philippe Maynial die weitgehend vergessene Geschichte seiner Tante. General Charles de Gaulle höchstselbst hatte sie beauftragt, mit der blauen Schwadron Franzosen zurück in die Heimat zu holen und regelmäßig aus dem Osten zu berichten.

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Pauliac fliegt zunächst nach Moskau und trifft General Georges Catroux, einen engen Vertrauten de Gaulles und Mitglied der Bewegung des freien Frankreichs. Catroux ist als offizieller Botschafter Frankreichs in der UdSSR und weiht Madeleine Pauliac ein, was sie am Einsatzort Warschau erwartet. Franzosen sind in den Augen von Stalins Getreuen in erster Linie Hitler-Kollaborateure, die nur Verachtung verdienen. Deshalb kann die blaue Schwadron kaum auf Unterstützung hoffen und muss sich vor sowjetischen Soldaten in Acht nehmen.

Viele Franzosen flüchten aus Lagern nach Warschau, um von dort nach Odessa zu gelangen, dann per Schiff über das Schwarze Meer und das Mittelmeer bis nach Marseille. Sie haben Angst, beschossen zu werden und unterzugehen. Tatsächlich sinken immer wieder Boote. Viele hoffen deshalb, auf dem Landweg weiterzukommen.

200 Touren, um Franzosen zurückzuholen

Der sowjetische Geheimdienst hat Pauliac wohl schon eingehend observiert, als sie am 29. April 1945 mit Verbandszeug, Medikamenten und Spritzen in den Zug nach Warschau steigt. Was sollte eine Frau wie sie schon erreichen, diese freundliche Person mit schüchternem Blick? Die Sowjets sollten sich täuschen.

Schon die viertägige Bahnfahrt ist ein Horror. Waggons brechen auseinander, Gleise müssen repariert werden, es fehlt an Kohle für die Lokomotive. An Bord gibt es keine Heizung, keine Toilette, kaum etwas zu essen. Vom Bahnhof des in Trümmern liegenden Warschau erreicht die junge Ärztin am 2. Mai mit einem Ziehkarren den Stadtteil Praga. Einige Häuser sind noch intakt, auch das Domizil des französischen Botschafters. Er zweigt Geld aus seiner Kasse ab, damit kann Pauliac gegenüber ein Krankenhaus einrichten.

Unterdessen machen sich die fünf Rot-Kreuz-Ambulanzen von Paris auf den Weg Richtung Warschau. Ihre Fahrt führt zunächst über Dachau, am 29. April 1945 sind sie bei der Befreiung des Konzentrationslagers durch die US-Armee  dabei. Danach fahren die Ambulanzen rund um die Uhr dem Tode entronnene Franzosen in Krankenhäuser jenseits der deutschen Grenze, nach Mulhouse und Straßburg - gut 50 Mal, bis sie die Route nach Warschau einschlagen.

Die Chefin der Escadron bleu versorgt derweil mit dem Medizin-Leutnant Charles Liber in Warschau Insassen des nahen Lagers Remertow. Es fehlt an allem, Pauliac greift auf ihr medizinisches Material aus Moskau zurück. Die Schwerverletzten werden in ihr Hospital transportiert. Dort rettet Pauliac mit Rot-Kreuz-Schwestern bis Anfang November Tag für Tag Menschenleben. Durch Nacht und Nebel steuern die Frauen unermüdlich Ambulanzen und riskieren dabei ihr Leben. Die blaue Schwadron bringt es bis zum Ende der Rückführungsmission auf rund 200 Touren, die sie in Lager wie nach Majdanek führen. Zurück in Warschau bringen Züge oder Flugzeuge die Reisefähigen nach Hause.

Viele Inhaftierte sind am Ende ihrer Kräfte

In Danzig und bei Warschau wurden Nonnen in Klöstern von deutschen Soldaten wie auch von Rotarmisten überfallen und vergewaltigt. Einige sterben, viele werden schwanger. Madeleine Pauliac hilft ihnen heimlich bei der Niederkunft, kümmert sich um die Neugeborenen und gründet im Kloster ein Waisenhaus. So können die Nonnen ihre Babys bei sich behalten. Waisen aus Warschau kommen hinzu. 24 Kinder vermittelt Pauliac zur Adoption nach Frankreich und lässt sie ausfliegen. Dieses Drama verfilmte die französische Regisseurin Anne Fontaine 2016 unter dem Titel "Les Innocentes" ("Die Unschuldigen").

In jenen Tagen spielen sich beispiellose Dramen ab. Neben deutschen werden auch polnische Soldaten von der sowjetischen Armee festgesetzt und interniert, viele in sibirische Lager deportiert. Das droht ebenso Franzosen, die Wehrmachts- oder SS-Uniformen tragen. In einem Lager speziell für Elsässer, Lothringer und Luxemburger in Tambow, 400 Kilometer südöstlich von Moskau, sind 18.000 Kriegsgefangene eingesperrt, die meist als Zwangsrekrutierte in der deutschen Wehrmacht gedient hatten, die sogenannten Malgré-nous ("wider unseren Willen"). Ein Drittel verlässt das Lager nicht mehr lebend.

Trotz Hunger und Kälte gelingt manchen die Flucht. Pauliac und der Escadron kümmern sich auch um diese Menschen, im Sinne des hippokratischen Eides und des Versprechens, als Rot-Kreuz-Schwestern für Menschlichkeit einzutreten.

Fast täglich erhält Madeleine Pauliac neue Informationen über Internierungslager. Am Ende hat sie 32 Adressen, darunter Auschwitz und Majdanek. Überall suchen die unerschrockenen Medizinerinnen nach Landsleuten und bewahren wohl rund 1500 vor dem Tod. Sie erleben viele Déjà-vus: die Lager, Inhaftierte am Ende ihrer Kräfte, lange gefährliche Fahrten, verarzten und pflegen. In Bialystok nordöstlich von Warschau gelingt es Pauliac und der verwegenen Truppe, die Wärter abzulenken und acht gefangene Landsleute zu befreien.

Die letzte Mission endet an einem Baum

Rund 50.000 Kilometer legt die Schwadron insgesamt zurück. Als sie in der Nacht des 4. Oktober Landsleute aufsammeln wollen, misslingt ein Bremsmanöver, der Wagen stürzt eine Böschung hinunter. Die Fahrerin und Pauliac überleben, aber sie erleidet eine Schädelfraktur. Die Mission ist ohnehin am 11. November zu Ende. Die Sowjets schließen die Grenzen. Jetzt gilt es, rasch aus Warschau abzureisen.

Über Weihnachten erholt sich Pauliac zu Hause in Villeneuve-sur-Lot. Warschau lässt sie indes nicht los. Trotz aller Warnungen ihrer Familie und Mitkämpferinnen bricht sie im Februar 1946 erneut nach Polen auf und will sich um die Waisenkinder im Kloster kümmern. Doch so weit kommt es nicht.

In Warschau gerät Madeleine Pauliac abermals ins Fadenkreuz des sowjetischen Geheimdienstes. Auf einer vereisten Landstraße kommen Pauliac und ihr Begleiter mit einem Wagen der französischen Botschaft ins Schlingern und prallen gegen einen Baum. Am Abend des 13. Februar stirbt sie noch an der Unfallstelle, wie auch der Militäroberst Georges Sazy. Das jedenfalls wird der französischen Botschaft telefonisch mitgeteilt. Der Fahrer, ein Botschaftsmitarbeiter, überlebt schwer verletzt. Ob die Bremsen manipuliert waren, lässt sich nicht rekonstruieren. Auszuschließen ist es nicht.

Mutig, leichtsinnig, kühn, selbstlos, verrückt? Wohl alles auf einmal seien sie gewesen, Madeleine Pauliac und die blaue Schwadron, sagt Philippe Maynial. Mit Regisseurin Emmanuelle Nobécourt produzierte er den Dokumentarfilm "Les filles de l’escadron bleu". Die Dokumentation holt Christopher Buchholz, Festivalleiter der Französischen Filmtage, nun zur Deutschlandpremiere nach Tübingen (29. Oktober bis 4. November). Erstmals sind die Filmtage auch im Online-Kanal abrufbar . Für Philippe Maynial eine Möglichkeit, das Vermächtnis seiner Tante einzulösen, die in einem ihrer Berichte schrieb: "Von alledem soll die Welt erfahren".