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»Märzaktion« der Arbeiterbewegung 1921: »Die Waffe bringt die Entscheidung«

Märzaufstand der roten Rebellen 1921 Mit der Artillerie gegen Arbeiter

Kommunisten führten die Revolte an, die vor hundert Jahren die Industrieregion um Halle und Leuna erschütterte. Als der Umsturzversuch blutig scheiterte, war die Arbeiterbewegung gespalten und geschwächt.

Linksradikale sprengen Gebäude, in mehreren Städten kämpfen bewaffnete Arbeiter gegen die Polizei, eines der größten deutschen Chemiewerke wird mit Artillerie beschossen und von Polizeitruppen gestürmt – das war brutale Realität in Deutschland, vor genau 100 Jahren.

Regiert wurde das Land im März 1921 von einer Koalition bürgerlicher Parteien unter Führung des konservativen Katholiken Constantin Fehrenbach. Es war sozial und politisch tief gespalten, die Inflation galoppierte: Anfang 1920 hatte die deutsche Mark gegenüber dem US-Dollar nur noch ein Zehntel des Wertes von 1914, im Oktober 1921 sogar ein Hundertstel.

Dem bürgerlichen Lager stand eine zerstrittene Linke gegenüber, aus drei mitgliederstarken Parteien: der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), der linkssozialistischen Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) und der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Sie alle stützten sich auf Teile der Arbeiterschaft. Deren Mehrheit sympathisierte mit der SPD, aber im mitteldeutschen Bezirk Halle-Merseburg war die radikale Linke weit stärker. Dort entstand ab Ende 1920 eine explosive Situation.

Lenin hoffte auf einen mächtigen Verbündeten

Im Dezember 1920 vereinigte sich in ganz Deutschland ein Großteil der USPD mit der KPD, die der Zustrom von gut 300.000 linken Sozialdemokraten zur »linksradikalen Massenpartei« machte, so der Historiker Hermann Weber. Zwei Monate später erhielt die KPD bei den preußischen Landtagswahlen in Halle-Merseburg 200.000 Stimmen, dreimal so viel wie die SPD.

Der rechte Sozialdemokrat Otto Hörsing als Oberpräsident der Provinz Sachsen, annähernd identisch mit dem heutigen Sachsen-Anhalt, befürchtete eine kommunistische Machtübernahme. In der Gegend kam es zu wilden Streiks, Raubüberfällen, Plünderungen. Frierende Arbeiter klauten Holz in Betrieben, um zu Hause den Ofen zu heizen. Viele Arbeiter hatten noch ihre Gewehre aus dem Ersten Weltkrieg versteckt.

Die KPD war die deutsche Sektion der Kommunistischen Internationale (Komintern). In der Moskauer Zentrale keimte Hoffnung. Das sowjetische Russland – die Sowjetunion wurde erst im Dezember 1922 gegründet – war international isoliert und durch Krieg und Bürgerkrieg zerrüttet. Lenin propagierte die »proletarische Weltrevolution«. Sein Kalkül: Eine von Kommunisten geführte Revolution in Deutschland werde Russland einen mächtigen Verbündeten verschaffen. Lenin sprach Deutsch und beriet sich mit deutschen Kommunisten.

Zur Lenkung entsandte die Komintern Emissäre, darunter Reisende in Sachen Weltrevolution wie Bela Kun, der 1919 mit dem Versuch einer »Räterepublik« im stockkonservativen Ungarn gescheitert war. Im KPD-Zentralorgan »Die Rote Fahne« verkündete er:

»Die Waffe bringt die Entscheidung. Ein jeder Arbeiter pfeift auf das Gesetz und erwirbt sich eine Waffe, wo er sie findet.«

Bela Kun

Zur Eskalation hatte zuvor Oberpräsident Hörsing durch seine Ankündigung beigetragen, den »jetzigen Zuständen« durch »starke Polizeikräfte ein Ende zu machen«. Denn das Industrierevier sei »ein dauernder Herd von Unruhe«. So aber machte er den Unruheherd erst recht heiß. Die Kommunisten riefen am 21. März zum Generalstreik auf; etwa 300.000 Arbeiter schlossen sich an, die meisten im Mansfelder Bergbaugebiet und der Chemieregion Halle/Bitterfeld.

Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) verhängte in der Nacht zum 24. März den Ausnahmezustand über die gesamte Provinz Sachsen. Anderswo blieben die roten Rebellen jedoch isoliert. Was Komintern-Strategen für einen Anstoß zur Revolution hielten, erwies sich als verzweifelter Abwehrkampf, regional begrenzt. In Hamburg etwa folgten den Rebellen nur wenige Tausend Arbeiter mit Solidaritätsaktionen.

Den Aufstand führte eine schillernde Figur an: Max Hoelz, 31, Sohn eines Tagelöhners, gehörte zur Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD), einer KPD-Abspaltung mit anarchistischem Touch. Am 22. März 1921 reiste er mit der Bahn gen Mansfeld. Im Eislebener »Volkshaus« rief er die Arbeiter auf, sich zu bewaffnen. Mit »50 beherzten Männern« könne er die Polizisten vertreiben, sodass sie »in Unterhosen davonliefen«, tönte Hoelz und erhielt tosenden Beifall.

Revolutionsromantiker Max Hoelz: Polizisten »in Unterhosen« verjagen

Revolutionsromantiker Max Hoelz: Polizisten »in Unterhosen« verjagen

Foto: Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte

Der sprunghafte Revolutionsenthusiast Hoelz verstand es, vor allem junge Anhänger zu begeistern – eine Minderheit der radikalisierten Arbeiterschaft. Rasch konnte er eine bewaffnete Truppe von 400 Mann mit sechs Maschinengewehren formieren. Doch von einer »Hoelzschen Elitetruppe«, von der das bürgerliche »Berliner Tageblatt« fabulierte, war der verlorene Haufen weit entfernt. Der Rebellenführer, im Ersten Weltkrieg Soldat an der Ost- und der Westfront, verfügte weder über militärische Ausbilder noch über genug Zeit, um seine Kämpfer zu trainieren.

Hoelz war stolz auf seine Truppe und schrieb später in seinen Memoiren »Vom Weißen Kreuz zur Roten Fahne«, dass in den Kämpfen »kein Rotgardist das Alkoholverbot übertrat«. Auch nüchtern verbreiteten sie in bürgerlichen Kreisen Angst und Schrecken. In Eisleben lieferten sie sich am 25. März ein Gefecht mit der Polizei und sprengten auch die Wohnung eines Generaldirektors eines Unternehmens. In Hettstedt am Südrand des Harzes jagten sie einen Teil des Bahnhofsgebäudes, zwei Villen und eine Druckerei in die Luft.

Hoelzl rechtfertigte die Sprengungen so: »Unter dem Schutz einer solchen riesigen Staubwolke war es für uns viel leichter, im Straßenkampf vorzugehen, da der Gegner nichts sehen konnte und daher kein gutes Zielobjekt hatte.« Am Ostersamstag rückten die Kämpfer in die Kleinstadt Sangerhausen ein und zwangen jeden Gasthof, für 100 bis 150 Rotgardisten zu kochen, kostenlos. Als Geiseln nahm Hoelz beim Abzug den Polizeiinspektor, den Bürgermeister und den örtlichen Chef der rechten Deutschnationalen Volkspartei mit.

Die Leuna-Werke – eine Fabrik im Bürgerkrieg

Zur Fortbewegung dienten Autos, die sie »irgendwo requiriert« hatten, wie Hoelz bekannte. Bald aber zeigte sich, dass die Fahrt nicht in Richtung Revolution ging. Während die KPD-Zentrale Durchhalteparolen verkündete, rüstete die Gegenseite zum Entscheidungskampf: Die Reichsregierung beorderte aus Düsseldorf vier Hundertschaften Soldaten, eine Reichswehrbatterie mit 10.5-Zentimeter-Geschützen und Minenwerfern ins Aufstandsgebiet.

Ein Protestzentrum lag in den Leunawerken in Halle. Die Arbeiter forderten seit Januar 1921, die branchenübliche 56-Stunden-Woche auf 48 Stunden zu verkürzen. Einem Aktionsausschuss, der wilde Streiks organisierte, folgten vor allem junge Arbeiter mit wenig politischer Erfahrung.

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»Märzaktion« der Arbeiterbewegung 1921: »Die Waffe bringt die Entscheidung«

Am 21. März versammelten sich 12.000 Arbeiter auf einem Sportplatz, Ende März war das Werk von etwa 1000 bis 1500 Arbeitern besetzt. Sie verfügten über etwa 200 Gewehre, dazu ein oder mehrere Maschinengewehre. Auch die nahe Chemiearbeiterstadt Bitterfeld war in den Händen bewaffneter Aufständischer. KAPD-Hitzköpfe wollten dort Banken, die Sparkasse und die Post in die Luft sprengen. Doch dazu kam es nicht mehr.

In den letzten Märztagen rückte die Reichswehr in Bitterfeld ein. 2000 Schutzpolizisten, unterstützt von einer Reichswehrbatterie, kreisten die Leuna-Werke ein. Mitglieder des Betriebsrates und eines Aktionsausschusses boten die kampflose Übergabe an. Die Betriebsdirektion lehnte ab – sie unterstützte das bewaffnete Vorgehen der Staatsmacht.

Ein Anarchist im Staate Stalins

Am Morgen des 29. März gerieten die Leuna-Werke unter Artilleriefeuer, dann stürmte die Schutzpolizei das Werk. Die verbliebenen Arbeiter ergaben sich. Polizisten trieben sie zusammen und erschlugen dabei bereits entwaffnete Arbeiter. Die genaue Zahl der Opfer in Leuna ist nicht bekannt. Insgesamt starben bei den Kämpfen in der Region 180 Menschen, darunter 35 Polizisten.

Noch bis September 1921 galt der Ausnahmezustand. Etwa 6000 Aufständische wurden verhaftet. 4000 von ihnen erhielten Haftstrafen, vier das Todesurteil.

Die Hoelz-Truppe versuchte vergeblich, nach Halle vorzudringen, und wurde beim Dorf Beesenstadt von Regierungstruppen in einem Gefecht am 1. April aufgerieben. Max Hoelz konnte zunächst fliehen. Bald darauf wurde er verhaftet und zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. 1928 kam er durch eine Amnestie frei, wurde Mitglied der KPD und emigrierte 1929 in die Sowjetunion.

Dort empfing ihn Josef Stalin. Der Diktator hatte zunächst ein Herz für Hoelz, denn er kam selbst aus einem Milieu im Kaukasus, in dem die Grenzen zwischen Räuberhauptmännern und Revolutionären fließend waren. Doch Hoelz, mental weiter Anarchist, verzweifelte an den autoritären Strukturen im Staate Stalins. 1933 starb er unter unklaren Umständen, angeblich bei einem Badeunfall.

»Putschisten« oder »heldenhafte Kämpfer«?

Die politischen Folgen des Aufstandes wogen schwer. Die vertiefte Spaltung der Arbeiterbewegung in SPD und KPD nutzten die Nazis aus, um sich als die wahren Vertreter der »deutschen Arbeiter« darzustellen. Die Kommunisten verloren nach dem Fiasko rund die Hälfte ihrer Mitglieder. Der frühere KPD-Vorsitzende Paul Levi nannte die Parteiführung »Putschisten«, beschuldigte sie einer »Spielerei mit dem Aufstand« und kritisierte die »anarchistischen Wesenszüge dieses Märzaufstandes«. Die KPD schloss ihn daraufhin aus, er kehrte zur SPD zurück.

Die Kommunistin und frühere Sozialdemokratin Clara Zetkin forderte im Juni 1921 per Brief an den »geehrten, lieben Freund Lenin«, die Kommunistische Internationale müsse eine »grundsätzliche Ablehnung der Märzaktion aussprechen« – wegen des »putschistischen Charakters«. Lenin jedoch bezeichnete einen Monat später die »Märzaktion« als »großen Schritt vorwärts«. Denn: »Hunderttausende Arbeiter haben heldenhaft gekämpft.«

In einem Brief an die deutschen Kommunisten fügte Lenin  im August 1922 hinzu, die KPD-Mitglieder seien »noch schlecht organisiert, schlecht geschult«; ihnen fehle eine »engere Verbindung mit den Massen«. Der »Träumer im Kreml«, wie ihn der britische Schriftsteller Herbert Welles nannte, hoffte noch immer auf eine Revolution in Deutschland.

Dass nur 20 Jahre später Arbeiter auch aus Mitteldeutschland in der Uniform von Hitlers Wehrmacht die Sowjetunion überfallen würden  – das konnte Lenin sich damals sicher nicht vorstellen.