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Frühe Sexualwissenschaft: Eine Zufluchtsstätte in Berlin

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Wenn Menschen ihr Geschlecht wechseln »Wie einer, der versucht, einen Wasserfall herunterzusegeln«

In seinem Berliner Institut operierte Sexualforscher Magnus Hirschfeld schon vor fast hundert Jahren zur Geschlechtsangleichung. Lili Elbe zählte zu den Patientinnen – sie verzweifelte an ihrem Leben als Mann.

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Im Nachtzug verfasst Lili Elbe ihren Nachruf auf einen Reisebegleiter: »Der Maler Einar Wegener ist tot. Er starb im Zug zwischen Paris und Berlin. Die übrigen Mitreisenden glaubten, er sei auf seinem Platz in der einen Fensterecke des Abteils eingeschlafen.« Eine Leiche indes wird nie gefunden – Elbe setzt mit dem Nachruf symbolisch um, was sie in Paris beschlossen hat. Denn Lili Elbe und Einar Wegener sind, zumindest von außen betrachtet, dieselbe Person.

In offiziellen Dokumenten existiert keine Lili Elbe. Noch nicht. Ihr Pass lautete auf Einar Wegener, geboren in Dänemark, wohnhaft in Paris, verheiratet mit Gerda Wegener, ebenfalls erfolgreiche Malerin. Doch damit soll Schluss sein. »Alle Brücken sind abgebrochen«, schreibt Elbe. Und ergänzt über Einar: »Sein ganzes Leben scheint ihm etwas Vergangenes… etwas Verlorenes … Verlaufenes zu sein.«

Hatte sie Ärzten ihre Situation geschildert, nämlich eine Frau in einem Körper zu sein, der allen anderen als der eines Mannes erschien, erklärten die sie für hysterisch oder nahmen sie nicht ernst. Zumeist beides. »Ich gelobte mir in aller Stille, dass mich fortab keine Macht auf Erden dazu bewegen würde, neue Ärzte zu befragen. Zum Gespött der Herren Mediziner wollte ich denn doch nicht degradiert werden«, schreibt sie so empört wie verzweifelt – und beschließt im Mai 1929, sich das Leben zu nehmen, sollte sie binnen zwölf Monaten keine Hilfe finden.

Nun scheint im Februar 1930 die ersehnte Hilfe möglich. In Berlin, im Institut für Sexualwissenschaft. Während ihr Zug durch die Dunkelheit rauscht, findet Lili Elbe in den Schlaf.

»Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit«

Das riesige Institut, in dem sie sich vorstellen will, befindet sich im edlen Viertel Tiergarten in zwei benachbarten Häusern. Auf einigen Gängen sind Gegenstände ausgestellt: Husarenstiefel, die von Fetischisten vergöttert werden. Peitschen aus einem Sado-Maso-Studio. Und seltene Kultgegenstände aus aller Welt. Auch der Institutsgründer und -leiter lebt hier: Magnus Hirschfeld. Zur Einweihung 1919 beschrieb er es als eine »Forschungsstätte, eine Lehrstätte, eine Heilstätte und eine Zufluchtsstätte«. Als sein Lebenswerk soll es sein Motto umzusetzen helfen: durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit.

Vehement engagiert sich Hirschfeld für eine Reform des Sexualrechts in Deutschland. Er kämpft vor allem gegen den berüchtigten Paragrafen 175 des Strafgesetzbuchs, der Liebesbeziehungen zwischen Männern verbietet. Obwohl die 1920er-Jahre vor allem in Berlin als liberales, geradezu verruchtes Jahrzehnt gelten, ist es ein langer, harter Kampf. Denn große Teile der gesellschaftlichen Elite lehnen Reformen ab.

Als junger Allgemeinmediziner in Magdeburg erfuhr Hirschfeld von den Folgen der rechtlichen und gesellschaftlichen Diskriminierung Homosexueller. Ein Patient, den er wegen Depressionen behandelte, sagte ihm, in wenigen Tagen werde er heiraten. Dabei sei er in Wahrheit homosexuell, bringe es aber nicht übers Herz, dies seiner Braut und der Familie zu gestehen. Kurz darauf nahm sich der Patient das Leben. Davon geprägt wandte sich Hirschfeld der Sexualwissenschaft zu und zog nach Berlin.

»Transvestitenscheine« boten Schutz vor der Polizei

Besonders schwierig konnte die Lage für jene Menschen werden, die Hirschfeld als Transvestiten bezeichnete und für die wir heute andere Begriffe nutzen: Crossdresser, die gern die Kleidung des anderen Geschlechts tragen. Und transgeschlechtliche Personen, die sich wie Lili Elbe nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.

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Dazu zählte auch Katharina T., 1908 oder 1909 von der Berliner Polizei aufgegriffen, das genaue Jahr lässt sich wie der Nachname nicht mehr feststellen. Während Pass und Name eine Frau bezeichneten, fühlte sich T. als Mann und trug Männerkleidung. Das war im Kaiserreich  nicht explizit verboten, doch drohte stets Ärger wegen »groben Unfugs« oder »Erregung öffentlichen Ärgernisses« – beides Straftatbestände.

Als Hirschfeld vom Fall erfuhr, verfasste er ein Gutachten und bestätigte, T. fühle sich als Mann. Gemeinsam überreichten beide es dem Polizeipräsidenten – mit Erfolg, wie Hirschfeld stolz berichtet: »Zunächst interimistisch mündlich, dann auch vom Polizeipräsidenten von Stubenrauch schriftlich [wurde T.] die Erlaubnis erteilt, in Männerkleidern weiter gehen zu dürfen.« Es war der erste Vorläufer der sogenannten Transvestitenscheine, die Crossdresser in den folgenden Jahrzehnten vor Problemen mit der Polizei schützten.

Hirschfeld schrieb zahlreiche Gutachten, gab Zeitschriften heraus, gründete Vereine und eine Stiftung, rief dann in der Aufbruchsstimmung nach der Revolution von 1918 das Institut für Sexualwissenschaft ins Leben. Es sollte aus zwei Teilen bestehen, wie der Historiker und Hirschfeld-Experte Rainer Herrn erklärt: einem medizinisch-praktischen und einem wissenschaftlich forschenden.

Doch bald schon scheiterte der Plan. Die rasante Inflation vernichtete große Teile des Stiftungsvermögens. Das Institut musste sich auf medizinische Behandlung und Beratung konzentrieren.

Dafür allerdings nutzten Hirschfeld und seine Mitstreiter innovative, kreative Methoden. So veranstalteten sie Aufklärungsabende: Gäste konnten anonym Fragen stellen, ein Mitarbeiter beantwortete sie auf der Bühne. Das Institut bot Eheberatung an und, einmalig im Deutschland der Zwanzigerjahre, unterstützende Beratung für Homosexuelle und transgeschlechtliche Personen.

Verzweifelte Patienten drohten mit Suizid

Zum Institut kamen immer mehr Menschen, die nicht nur die Kleidung tragen wollten, in der sie sich wohlfühlten. Ebenso wollten sie ihren Namen und das Geschlecht in Ausweisen ändern, mitunter auch heiraten.

Manche wussten von neuen biologischen Kenntnissen, etwa über die Wirkung von Hormonen: Endokrinologen hatten entdeckt, dass Eierstock- und Hodengewebe Sexualhormone produziert, die den Körperbau beeinflussen. Und plastische Chirurgie hatte, nicht zuletzt durch die Behandlung im Ersten Weltkrieg schwer Verwundeter, neue OP-Methoden entwickelt. Konnten diese transgeschlechtlichen Patienten helfen, ihren Körper der Psyche anzupassen?

So groß waren die Hoffnungen, dass verzweifelte Patienten mit drastischen Schritten drohten, wenn die Ärzte skeptisch auf die Risiken geschlechtsangleichender Operationen verwiesen. Manche erklärten, sie würden eine Kastration zur Not an sich selbst vornehmen – oder sich umbringen. Über einen Patienten berichtete der Psychiater Arthur Kronfeld:

»Zur Konsultation kam er mit einem Revolver in der Tasche, wie er uns hinterher gestand; außerdem hatte er ständig Morphium bei sich, um ein Ende mit sich zu machen, falls ihm die Operation definitiv verweigert werde. An der Ernstlichkeit seiner Selbstmordabsichten war umso weniger Zweifel, je genauer wir ihn kennenlernten.«

Tatsächlich vollzog das Institut eine Reihe von geschlechtsangleichenden Operationen oder verwies die Patientinnen und Patienten für spezielle Eingriffe an andere Kliniken und Praxen.

Unter ihnen war Lili Elbe.

»Mein Zustand bringt mich zur Verzweiflung«

Je näher der Termin für eine erste Operation rückte, desto nervöser wurde Elbe. Als sie zwischen zwei Untersuchungen beim Spaziergang im Tiergarten Bachwasser eine Schleuse hinunterrauschen sah, erkannte sie sich darin wieder: »Wie einer, der versucht, einen Wasserfall hinunterzusegeln, bin ich jetzt.« Noch, das wusste sie, könnte sie umkehren.

Doch Elbe blieb bei ihrem Plan und ließ sich in einer Berliner Praxis kastrieren. Ärzte der Staatlichen Frauenklinik Dresden setzten die Behandlung fort und operierten sie in den folgenden Monaten drei weitere Male. Zwischendurch beantragte sie einen Pass auf ihren neuen Namen. Auch im Kirchbuch wurde Einar Wegener durch Lili Elbe ersetzt, die Ehe mit Gerda aufgelöst, das Verhältnis der beiden blieb aber gut.

Neben der Erleichterung darüber schilderte Lili Elbe in ihren Aufzeichnungen und Briefen die Sorge vor Schmerzen durch die Operationen. »Es wird das letzte Mal sein«, schrieb sie am 14. Juni 1931 vor der vierten Operation. Die verlief zunächst gut: »Heute ist es einen Monat her, seit ich operiert worden bin… es geht vorwärts.«

Bald darauf mehrten sich jedoch die Probleme, die Schmerzen nahmen überhand. »Mein Zustand bringt mich zur Verzweiflung«, beklagte sie. Zusehends ging es ihr schlechter. Am 12. September 1931 starb Lili Elbe in Dresden. Woran genau, ist unklar – ihre Unterlagen gingen im Zweiten Weltkrieg verloren.

Vorbild für spätere Generationen

Auch die Aussichten des Instituts für Sexualwissenschaft verdüsterten sich Anfang der Dreißigerjahre. Fortwährend scheiterte Hirschfeld daran, es der Berliner Universität anzugliedern. Den zumeist konservativen Professoren und Studenten war das moderne Institut ebenso suspekt wie der Gründer, der schwule, jüdische Sozialdemokrat.

Je mehr Zulauf die Nationalsozialisten erhielten, desto prekärer wurde Hirschfelds Lage. Gleich nach der Machtübernahme stürmten Nazihorden das Institut und plünderten es. Im Mai 1933 warfen sie eine Hirschfeld-Büste und große Teile der wertvollen Bibliothek in die Flammen der Bücherverbrennung. Hirschfeld befand sich gerade auf einer Weltreise und beschloss, nicht zurückzukehren. Er ging nach Frankreich ins Exil und starb dort 1935.

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Trotzdem wurde das Institut späteren Generationen zum Vorbild, ebenso Lili Elbe. Hirschfelds innovative Methoden inspirieren Sexualwissenschaftler bis heute. Und Elbes posthum veröffentlichte Aufzeichnungen wurden rasch zum Bestseller – erstmals lernte eine breite Bevölkerung die Gedanken, Wünsche und Ängste eines transgeschlechtlichen Menschen kennen. Ihr Buch wurde in viele Sprachen übersetzt und zur Basis für den erfolgreichen Film »The Danish Girl« (2015).

Und politisch? Zwar wurde der Paragraf 175 schrittweise entschärft, in der DDR 1989 und im vereinigten Deutschland 1994 gestrichen. Doch transgeschlechtliche Personen kämpfen weiterhin um das Recht, ihren eigenen Vornamen zu bestimmen. Erst im Mai 2021 entschied der Bundesgerichtshof  über die Klage einer Frau, die ihren neuen Namen auch auf der vor der Namensänderung ausgestellten Eheurkunde eintragen lassen wollte – das lehnten die Richter ab.

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