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Mammutprojekt Erdgastrasse: Das Rohr zur Freiheit

Foto: Lutz Wabnitz/ Das Neue Berlin

Mammutprojekt Erdgastrasse Das Rohr zur Freiheit

Hart arbeiten, hart feiern: Um aus der Enge der DDR auszubrechen, schuftete Frank Michael Wagner 1977 bei bis zu 40 Grad Kälte an der Erdgastrasse in der UdSSR - und feierte die wildesten Partys seines Lebens. Denn bei Laune gehalten wurden die "Trassniks" mit Wodka, Westsalami und Rockkonzerten.

Das Flugzeug hob eine halbe Stunde nach der Geburt seiner ersten Tochter ab. Und katapultierte Frank Michael Wagner in eine neue Welt: Kiew lautete die Destination, von dort aus ging es per Bus weiter bis nach Krementschug in der Ukraine. Endstation war ein tief verschneiter Wald mitten im Nirgendwo. Bevölkert von ein paar neugierigen Elchen - und jeder Menge dick eingemummelter ostdeutscher Arbeiter.

Wagner, in jenem klirrend kalten November 1977 gerade einmal 19 Jahre alt, war am Ziel: Von Beruf Zimmermann, gehörte der Mann mit den langen, braunen Haaren ab sofort zu den Trassniks. So nannte man zu DDR-Zeiten jene Männer und Frauen, die am Bau zweier gigantischer, quer durch die UdSSR reichender Erdgasleitungen mitwirkten. Und mit ihrem Engagement, so die Ost-Propaganda, ganz entscheidend zum "Weltfrieden" beitrugen.

"Hau ruck/wir fahren mit dem nächsten Zug/oder stellen uns an die Straße/und wir trampen nach Krementschug/unsere Barrikade ist die Trasse", lautete eine Zeile aus dem FDJ-Schlager, mit dem Parteichef Erich Honecker ab 1974 die Jugend für einen Einsatz an der Trasse zu bewegen versuchte.

Das Mammutprojekt, verbrämt als "Schritt ins nächste Jahrtausend", galt den SED-Oberen als Beitrag zur sozialistischen Völkerverständigung, spannte der Kreml doch nicht nur die DDR, sondern auch die anderen Ostblockstaaten für den Trassenbau ein. Dies jedoch weniger aus ideologischen denn aus handfesten materiellen Erwägungen.

Sowjetisches Erdgas gegen westdeutsche Stahlrohre

Nachdem 1966 bei Urengoi im nördlichen Sibirien eines der gewaltigsten Erdgasvorkommen der Welt entdeckt worden waren, beschloss die Sowjet-Führung, diesen Reichtum gewinnbringend zu erschließen - und besiegelte dazu einen Pakt mit dem Klassenfeind BRD. "Sowjetisches Erdgas gegen westdeutsche Stahlrohre" hieß die Devise des Tauschdeals, den der SPIEGEL im August 1969 als "das größte und politisch bedeutsamste Ost-West-Geschäft der Nachkriegszeit" wertete.

Von Sibirien im Osten bis zu den Karpaten im Westen sollte die rund 2750 Kilometer lange Erdgasleitung führen. Um sie zu erbauen, rief die Sowjetunion DDR-Bürger ebenso wie Polen, Tschechen, Ungarn und Bulgaren auf den Plan. Jede Nation bekam einen Streckenabschnitt zugewiesen. Für den Bau erhielt sie kostenlose Erdgaslieferungen.

"Drushba-Trasse", "Trasse der Freundschaft" hießen die 550 von den DDR-Bürgern zu bewältigenden Kilometer zwischen Ost- und Westukraine. Für den kleinen sozialistischen Staat bot die "Drushba-Trasse", erstes Auslandsprojekt der DDR überhaupt, eine willkommene Möglichkeit, sich zu profilieren und internationale Anerkennung zu erwerben. Für Frank Michael Wagner indes, Mitautor des jetzt erschienenen Bildbandes "Die Trasse. Ein Jahrhundertbau in Bildern und Geschichten" (Das Neue Berlin 2012), verhieß die Arbeit an der Pipeline vor allem eines: ein großes Abenteuer, weit weg von der engen, kleinen DDR.

"Raus aus dem Mief"

"'Go West' war ja leider nicht möglich, also entschied ich mich für 'Go East'. Endlich durfte ich mal raus aus dem Mief, kam in den Genuss der weiten Welt", sagt der heute 53-Jährige. Zudem lockte ihn - genauso wie all die anderen, in den DDR-Medien als "Revolutionäre im Blauhemd" gefeierten Trassenbauer - die gute Bezahlung: 20 Mark, im Ural sogar 25 Mark gab es pro Tag als Zuschlag zum regulären Gehalt. Dazu kamen rund sechs Rubel Tagesgeld, von denen die Trassniks einen Teil auf ein Genex-Konto einzahlen und sich so begehrte Westwaren verschaffen konnten.

Zusätzlich winkte der SED-Staat mit Vergünstigungen wie etwa einer "Autokarte", welche die Wartezeit für den heiß begehrten Trabi oder Wartburg verkürzte. All das bekam, wer sich für die Trasse verpflichtete: ein knüppelharter Knochenjob, Tausende Kilometer fern der Heimat. Zwölf bis 14 Stunden schufteten die Trassniks im Schnitt pro Tag, sechs Tage die Woche - und das bei brütender Hitze ebenso wie bei bis zu vierzig Grad unter null.

"Um zu verhindern, dass die Maschinen einfroren, entfachten wir oftmals ein offenes Feuer unterm Motorblock", erinnert sich Wagner. Mit einer Mütze aus Hundefell schützte er sich vor Erfrierungen am Kopf. Mit literweise Mokka-Fix aus der Rakete, wie die Trassniks die russischen Kaffeemaschinen nannten, wappnete er sich gegen die beißende Kälte - die zumindest einen Vorteil besaß: Man sank nicht ein.

"Das sollte der Kommunismus sein?"

Denn bei Tau- oder Regenwetter verwandelten sich die sowjetischen Weiten in eine tückische Sumpflandschaft. Befestigte Straßen gab es vor Ort ebenso selten wie etwa zentrale Wasserversorgung oder Elektrizität. Für Wagner brach ein ganzes Weltbild zusammen, als er 1977 erstmals mit dem sowjetischen Alltag konfrontiert war.

Statt des in der DDR gepredigten, strahlenden Bildes vom grandiosen "Großen Bruder" boten sich ihm verfallene, windschiefe Hütten, riesige brachliegende Felder, leere Geschäfte und apathische, hungrige, oftmals betrunkene Menschen in zerlumpter Kleidung: "Propaganda und Realität klafften meilenweit auseinander. Das sollte der Kommunismus sein?", fragt Wagner. Nachdem er als junger Mann, wie er sagt, "noch auf dem Propagandaschleim gekrochen" war, machte sich nach Ankunft in der UdSSR ganz schnell Ernüchterung breit.

Dennoch liebte der Thüringer das Leben an der Erdgastrasse. Genoss den, wie er sagt, "einzigartigen Zusammenhalt" innerhalb der Trassenbauer, die ungewohnte Einsamkeit der Landschaft, die exzessiven Partys nach Feierabend. Den Mangel an Frauen längs der Trasse glichen die Arbeiter durch ein Übermaß an Alkohol aus: Schnaps und sehr preiswertes Exportbier aus der Heimat, mit dem die DDR-Führung die Trassenbauer bei Laune halten wollte.

Zudem ließ die FDJ, der das "zentrale Jugendobjekt Erdgastrasse" oblag, tonnenweise Delikatessen bis in die hintersten Winkel der Sowjetunion karren: Edelsalami, eingelegte Bananen, Halberstädter Würstchen, "Bückware, für die man in der DDR zu Weihnachten stundenlang anstehen musste", so Wagner. Um die Trassniks zu motivieren, standen oftmals Spitzenköche aus den Interhotels für sie hinterm Herd. Und regelmäßig gastierten berühmte Popgruppen wie die Puhdys und Karat längs der Trasse.

Ebenso wie die staatlich gelenkte Bespaßung und Verköstigung genoss Wagner die Arbeit mit der Technik des Klassenfeinds. Ob Bohrmaschinen, Handkreissägen, Raupenbagger oder Schweißaggregate: Die Gerätschaften zum Bau der Trasse stammten fast ausnahmslos aus Westeuropa, Japan und den USA, "das begann bei der kleinsten Schraube", so Wagner.

Allerdings war der Tribut hoch, den der Thüringer persönlich zahlte, um an der Trasse mitzuarbeiten: Als er nach drei Monaten aus der Ukraine zurückkehrte, lag seine Beziehung in Scherben. Im Sommer 1978 kehrte er an die Trasse zurück und verliebte sich, wie viele seiner Kollegen, in eine einheimische Frau. Sie hieß Oxana. Wagner schwebte auf Wolke sieben - bis zwei Polizisten ihm die Frau vom Arm weg verhafteten. "Diese Form der deutsch-sowjetischen Freundschaft wurde nicht geduldet", sagt er.

"Plötzlich hob man Stalin vom Sockel"

Später wurden die Behörden toleranter und so häuften sich längs der Erdgaspipeline die sogenannten Trassenhochzeiten: fulminante, drei Tage währende Feiern, zu deren Auftakt die Liebenden stets einen Kranz vor dem Denkmal Lenins niederlegten. Im Spätsommer 1978 war Wagners Einsatz in der Ukraine zu Ende, da er zum Militärdienst antreten musste. Ein Jahr später war die Arbeit an der "Drushba-Trasse" erledigt.

Doch schon 1982 ließ sich die DDR auf ein zweites Erdgastrassenprojekt ein: Diesmal sollte eine Pipeline von Nowy Urengoi im Nordwesten Sibiriens bis nach Westeuropa gebaut werden. Gemeinsam mit Tausenden DDR-Arbeitern kehrte auch Wagner in die Sowjetunion zurück - diesmal jedoch als "Schreiber", wie er sagt. Er hängte seinen Beruf als Zimmermann an den Nagel und verdingte sich fortan als Autor und Reporter.

Dies ließ ihm die Freiheit, immer wieder an die Trasse zu reisen, knapp acht Jahre lang, fast immer gemeinsam mit Fotograf Lutz Wabnitz. Hautnah erlebte Wagner vor Ort, wie Glasnost und Perestroika das Leben in der UdSSR veränderten. "Plötzlich hob man Stalin vom Sockel, deckte Missstände in den Zeitungen auf, problematisierte das grassierende Alkoholproblem im Land", so Wagner. Er fasste sich ein Herz - und exportierte diese Aufbruchsstimmung in seine Heimat.

"Einer der Sargnägel der DDR"

"Wenn das bei den Russen möglich war, dann auch bei uns", sagt er. Schließlich sei man in der DDR jahrzehntelang mit dem Spruch "Von den Sowjets lernen, heißt siegen lernen" behelligt worden. Als Dramaturg am Rudolstädter Theater mischte er immer unverhohlenere Regimekritik mit ins Programm - bis schließlich die Mauer fiel.

Bei so manchen Trassniks, die sich Tausende Kilometer weiter östlich durch den Schlamm kämpften, kam die Nachricht vom Kollaps der DDR indes erst Tage später an und sorgte für große Unruhe. Umso erstaunlicher, dass die Männer dennoch weiterarbeiteten und den rigiden, vom Kreml diktierten Plan erfüllten: ein Plan, der sich für die DDR nicht rentiert hat.

Sieben Milliarden Mark pumpte das SED-Regime späteren Berechnungen des Bonner Wirtschaftsministeriums zufolge in die beiden Trassen. Die DDR investierte tonnenweise Material und schickte die besten Facharbeiter in die Sowjetunion - bis zu 25.000 Männer und Frauen waren dies seit 1974. Sie errichteten für den "Großen Bruder" nicht nur die beiden Pipelines, sondern auch Häuser, Straßen, Wohnblöcke, Kindergärten längs der Trasse: Ein Kraftakt, der den kleinen sozialistischen Staat in vielerlei Hinsicht überforderte - und laut Wagner dessen Ende beschleunigt hat: "Die Trasse war einer der Sargnägel der DDR", sagt er im Rückblick.

Dennoch ist Frank Michael Wagner stolz auf die Trasse. Stolz darauf, an einer Pipeline mitgearbeitet zu haben, durch die noch heute Erdgas von Ost nach West fließt. Ohne dass es bislang zu einer nennenswerten Havarie gekommen ist. "Die Rohre", resümiert Wagner, "sind ebenso langlebig wie die Freundschaften, die wir an der Trasse geschlossen haben."

Zum Weiterlesen:

Hajo Obuchoff/Lutz Wabnitz/Frank Michael Wagner: "Die Trasse - Ein Jahrhundertbau in Bildern und Geschichten". Das Neue Berlin, Berlin 2012, 176 Seiten.

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