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Chinas Kampagne gegen Schädlinge: "Spatz, du bist ein Mistvogel"

Als China gegen Vögel in den Krieg zog Mit Kanonen auf Spatzen

Mao Zedong ordnete 1958 an, den Spatz in China auszurotten. Drei Tage lang ging das ganze Volk auf Spatzenjagd. Es war der Anfang eines ökologischen und humanitären Desasters - mit Millionen Toten.

An einem unscheinbaren Morgen 1958 schreckt der sowjetische Wissenschaftler Mikhail Klochko aus dem Schlaf. Auf dem Dach eines Anbaus seines Hotels schlägt eine Frau auf eine Trommel. Dazu schreit sie aus voller Kehle. Klochko ist beruflich in China - und hat keinen Schimmer, was das soll. 

Verblüfft beobachtet er, wie sich weitere Menschen zu der Frau gesellen: Angestellte des Hotels, Pagen, Zimmermädchen, selbst der Übersetzer. Sie alle stehen auf dem Vordach, machen Lärm mit Töpfen und Geschirr und schreien wie von Sinnen in den Himmel. An Schlaf, so beschreibt es der niederländische Historiker Frank Dikötter in seinem Buch "Mao's Great Famine", ist für Klochko an diesem Morgen nicht mehr zu denken. 

Und nicht nur für ihn. Sondern auch für Millionen Chinesen. 

Kampf gegen die "vier Plagen" 

Denn seltsame Dinge tragen sich in jenen Tagen in China zu. Für Ausländer wie Klochko müssen sie vollends unerklärlich wirken. Mao Zedong, Chinas "Großer Vorsitzender", will das kommunistische Land durch den "Großen Sprung nach vorn" radikal umkrempeln und mit verschiedenen Initiativen den Rückstand Chinas zu den westlichen Industrieländern aufholen. 

Ein irrwitziges Vorhaben, das desaströs schiefgehen wird. Nur weiß das 1958 noch niemand. 

In einer staatstragenden Bekanntgabe erklärt Mao in einer der ersten Initiativen den "vier Plagen" den Krieg. Stechmücken, Fliegen, Ratten - und Spatzen. Die Tiere, so verkündet er, seien Schädlinge, die dem Menschen Krankheiten bringen und Nahrung nehmen. Daher gehörten sie vernichtet. "China muss zu einem Land werden, in dem es keinen einzigen der vier Schädlinge mehr gibt", sagt Mao. Und was Mao sagt, ist Gesetz. 

Folglich wird die "Ausrottung der vier Plagen", so der Name der Kampagne, zur Bürgerpflicht. Besonders im Visier: der gemeine Spatz. Mao ist überzeugt, dass dieser kleine Vogel den Menschen die Ernte von den Feldern und das Saatgut aus den Scheunen frisst. Also bläst ganz China zur Spatzenjagd. 

"Spatz, du bist ein Mistvogel" 

Diese Jagd treibt eigenartige Blüten. Propagandaposter der Kommunistischen Partei zeigen die vier vermeintlichen Schädlinge martialisch auf einem Dolch aufgespießt, ähnliche Abbildungen finden Eingang in Schulbücher. Der Dichter Guo Moruo versteigt sich zu einem 18-zeiligen Gedicht, in dem es heißt: 

"Spatz, du bist ein Mistvogel, ein Verbrecher seit Tausenden Jahren. Heute rechnen wir mit dir ab. Wir schlagen dich und zerstören deine Nester. Am Ende werden wir dich verbrennen. Wenn du und alle vier Übel vernichtet seid, ist die Welt wieder in Harmonie."

Propagandaplakat gegen den Spatz

Propagandaplakat gegen den Spatz

Foto: IISH/ Stefan R. Landsberger/ Private Collection

Von Harmonie kann keine Rede sein, mit der Abrechnung hingegen hat Guo Mouro allerdings recht. Die Spatzenjagd eskaliert zur Massenbewegung. Von staatlicher Stelle koordiniert versinkt das Land drei Tage lang in lautem Getrommel und Gepfeife, das die scheuen Tierchen davon abhält, zu landen und sich auszuruhen. Die Vögel sollen erschöpft oder am besten tot vom Himmel fallen. 

China-Experte Frank Dikötter erinnert 2018 in einem Podcast  an die bizarre Aktion: "Eine gesamte Nation im Gleichschritt. Zeitgleich geht jedes Dorf auf die Jagd und macht so viel Lärm wie möglich." 

Es regnet - tote Vögel 

Vor allem in den Städten nimmt die Spatzenjagd gruselige Ausmaße an. In seinem Buch "Lesereise Peking" zitiert der Journalist Johnny Erling die Österreicherin Ruth Weiß, die zur Zeit des "Großen Sprungs" in China lebt. Für die "Sächsische Zeitung" schreibt sie einen Artikel mit dem Titel "Es ist kein Spaß, ein Spatz zu sein": 

"Drei Millionen Menschen, von Urgroßeltern bis zu Abc-Schützen, hatten ihre Aufgabe zu erfüllen. Die Stadt war in fünfhundert Frontabschnitte geteilt, deren Tätigkeit von einem Hauptquartier strategisch angeleitet wurde. Nur die lebenswichtigen Betriebe wurden aufrechterhalten, alle andere Arbeit gestoppt. Am Sonnabendmorgen wurde die ganze Stadt um vier Uhr früh durch anhaltendes Trommeln auf Töpfen, Blechen aus dem Schlaf geweckt. Sobald man aufgestanden war, lief man zu seinem vorher bestimmten Platz." 

Über das Ausmaß der Jagd führt die Partei Buch. Allein in Peking sollen an den drei Tagen mehr als 400.000 Spatzen getötet worden sein. Insgesamt, schreibt Erling, rafft es zwei Milliarden dahin. Die Exil-Österreicherin Weiß geht mit auf die Jagd und trommelt insgesamt 13 Stunden auf einem aufgehängten großen Stück Blech: 

"Andere Kollegen waren auf den Dächern postiert, wo sie bunte Fahnen gegen heranfliegende Spatzen schwangen. Dies war eine Schlacht gegen einen Feind, der dem Volk die Nahrung streitig machte, eine Schlacht allerdings, deren siegreicher Ausgang von vorneherein feststand."

Nester werden zerstört, Spatzen mit Gewehren, Zwillen und Steinschleudern abgeschossen. Dort, wo die Tiere stundenlang aufgescheucht werden, fallen sie tot zu Boden. Ein ökologisches Massaker, bei dem es erschöpfte Spatzen regnet. Videoaufnahmen  zeigen Wagenladungen voll toter Vögel. Menschen tragen Spatzen an Schnüren wie Schärpen um die Brust. Nach drei Tagen ist der Spatz in China quasi ausgestorben. 

Stolzer Spatzenjäger

Stolzer Spatzenjäger

Ruth Weiß' Prognose vom "siegreichen Ausgang" erweist sich dennoch als falsch. Die 600 Millionen Chinesen haben die Schlacht gegen die Spatzen zwar gewonnen. Einen ganz anderen Krieg aber werden sie bald verlieren. 

Besser der Spatz in der Hand als Heuschrecken auf dem Land 

Denn schon bald zeigt sich, dass in ökologischen Fragen die Wissenschaft der bessere Ratgeber ist als das Bauchgefühl eines ungebildeten Großen Vorsitzenden. Der chinesische Journalist Dai Qing sagt 2004 der BBC: 

"Mao wusste nichts über Tiere. Er wollte seinen Plan nicht diskutieren und er hörte auch nicht auf Experten. Er entschied einfach, dass die 'vier Plagen' ausgerottet werden sollen."

Die Auswirkungen auf das ökologische Gleichgewicht waren fatal. Der von Mao als Schädling ausgemachte Spatz nämlich frisst tatsächlich nur ab und an die Körner von den Feldern. Der Hauptbestandteil seines Speiseplans aber sind Insekten wie etwa Heuschrecken. Und die können sich in Abwesenheit ihres ersten Fressfeindes ungestört vermehren. 

Und so kommt es im ersten spatzenlosen Sommer Chinas zu apokalyptischen Szenen. "Der Himmel verdunkelt sich, als der Heuschreckenschwarm näherkommt", so Historiker Dikötter. "Sie bedecken die Felder, eine zitternde Decke, fressen alles." 

Der neue Feind - die Bettwanze 

Die Folgen für die chinesische Bevölkerung sind verheerend. Ganze Ernten werden vernichtet. Dazu kommen weitere fatale wirtschaftliche Fehlsteuerungen Maos, etwa die Zwangskollektivierung, der millionenfache Einsatz von Bauern in der Stahlindustrie, die dann auf dem Land fehlten, und die Einführung pseudowissenschaftlicher Landwirtschaftstechniken. 

Es kommt zu einer Hungersnot biblischen Ausmaßes. Bis zu 45 Millionen Menschen sterben, schätzt Dikötter. Maos "großer Sprung nach vorn" wird zu einem der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte. 

Opfer der Hungersnot 1959-61

Opfer der Hungersnot 1959-61

Foto: Topical Press Agency/ Topical Press Agency/ Hulton Archive/ Getty Images

Und der Große Vorsitzende? Hat erst nach zwei Jahren ein Einsehen und nimmt die Spatzen aus der Schusslinie. "Stellt die Jagd auf Spatzen ein und ersetzt sie durch die Bettwanzen. Unsere neue Parole soll heißen: Vernichtet Ratten, Bettwanzen, Fliegen und Moskitos." Für Millionen Menschen ist es da schon zu spät. 

Heutzutage steht der Spatz in China auf der Liste der bedrohten Arten. Für "Wilderei bedrohter Vögel" kann man sogar ins Gefängnis gehen. 

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