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Maria Theresia und die Pockenimpfung

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Impfgeschichte Die Kaiserin und die Pocken

Als die Blattern 1767 die Habsburger-Dynastie bedrohten, stand Maria Theresia vor einer schwierigen Frage: Sollte sie ihre Kinder impfen lassen? Die Kaiserin wurde zur Impf-Pionierin.

Es war eine Umarmung, die Maria Theresia von Österreich, Kaiserin des Heiligen Römischen Reichs, beinahe das Leben gekostet hätte. Noch ein letztes Mal hatte die Habsburgerin im Mai 1767 ihre an Pocken erkrankte Schwiegertochter in die Arme geschlossen, dann wurde die sterbenskranke Josepha in ihrem Krankenzimmer eingesperrt. Der kurze Kontakt reichte schon aus: Wenige Tage später brachen die Blattern auch bei Maria Theresia aus. Der Hof in Wien bangte - denn ein Drittel der Infizierten überlebte die Krankheit nicht. Am 1. Juni verlangte die Kaiserin die Sterbesakramente. Doch wie durch ein Wunder überlebte sie.

Maria Theresia, damals 50 Jahre alt, muss bei der Umarmung um das Risiko gewusst haben. Die Pocken - auch Blattern genannt - galten zu ihrer Zeit als gefährlichste Infektionskrankheit überhaupt, schlimmer noch als die Pest. Übertragen wurde die Infektion ganz ähnlich wie derzeit Covid-19: Einmal kurz angehustet, schon konnte es losgehen mit Fieber, Schaudern, Erstarren, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit. Nach einigen Tagen erschienen die Pocken, die der Krankheit ihren Namen gaben. Erst rote Flecken, dann eitergefüllte Pusteln, die verschorften und vernarbten - sofern der Patient überlebte.

An der Krankheit starben Kinder wie Erwachsene. Andere überlebten mit schweren Folgen, sie erblindeten, ertaubten oder blieben durch Narben entstellt. Auch Maria Theresia soll nach ihrer Genesung die Spiegel in der Wiener Hofburg verhängt haben, um nicht an die Pockennarben erinnert zu werden. Wer wie sie überlebte, war lebenslang immun gegen die Krankheit - etwa Mozart, Beethoven, Goethe oder Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV. Unzählige andere hatten weniger Glück, darunter auch viele gekrönte Häupter.

Für Europas Herrscherhäuser waren die Pocken eine immense Bedrohung, weil sie Thronfolger dahinraffen und so den Weiterbestand der Dynastien infrage stellen konnten. Kein Wunder, dass es Königshäuser waren, die maßgeblich die Impfung gegen die Pocken vorantrieben. Auch Maria Theresia sollte zu einer Vorreiterin der "Inokulation" werden, um den Fortbestand des Hauses Habsburg zu sichern.

Der Erzfeind des Hauses Habsburg

Die Pocken hatten schon mehrfach die Familienpolitik der Habsburgerin durchkreuzt. Bereits ihre erste Schwiegertochter Isabella von Parma war 1762 an der Infektion gestorben - als Frau von Maria Theresias Sohn Joseph hätte sie mit ihm zusammen die Regentschaft übernehmen sollen. Dann erlag auch Josephs zweite Gattin Josepha der Krankheit.

Die Liste der Pockenopfer in der kaiserlichen Familie war noch viel länger, denn vier ihrer insgesamt 16 eigenen Kinder hatte Maria Theresia ebenfalls an die Seuche verloren: Ihre erste Tochter Maria Elisabeth starb als Dreijährige, Johanna im Alter von zwölf Jahren und Karl mit 16. Maria Josepha folgte als 15-Jährige, kurz bevor sie den König Ferdinand von Neapel heiraten sollte (der bekam dann ihre Schwester Maria Carolina zur Frau). Zwei weitere Kinder immerhin überlebten.

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Maria Theresia und die Pockenimpfung

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Erkrankte ein Familienmitglied an Pocken, setzte die Kaiserin alles daran zu helfen. Am Hof und im Land wurde zu Gebeten aufgerufen. Ansonsten vertraute Maria Theresia ihrem Leibarzt, dem gebürtigen Niederländer Gerald van Swieten, der meist Aderlässe anordnete. Viel mehr konnte er nicht machen. Heilmittel gab es nicht, die Patienten mussten die Pocken durchleiden. Die einen überlebten, andere nicht. Van Swieten, der selbst einen Sohn an die Pocken verloren hatte, war lange überzeugt: Es bleibe nichts als abzuwarten.

Die Kaiserin aber wollte nicht weiter machtlos zusehen, wie sie Kinder und Schwiegerkinder verlor, und machte die Pockenimpfung zur Chefsache. Sie soll die Pocken einmal den Erzfeind des Hauses Habsburg genannt haben. Und sobald sie selbst wieder gesund war, sagte sie diesem Feind den Kampf an.

Impfgegner, so alt wie die Impfung

Die Diskussion um die Pockenimpfung war in Europa zu dieser Zeit schon länger im Gange. Die Idee, Menschen kontrolliert mit abgeschwächten Erregern einer Krankheit zu infizieren, um sie durch einen leichten Verlauf lebenslang zu immunisieren, stammte ursprünglich aus Asien. Dort wurde schon seit mehreren Hundert Jahren gesunden Menschen Pockensekret verabreicht. Mary Wortley Montagu, Ehefrau des britischen Diplomaten in Konstantinopel, lernte diese Methode 1718 kennen und konnte englische Ärzte davon überzeugen, das Prinzip weiterzuverfolgen.

Europas Monarchen wurden rasch auf das neue Verfahren aufmerksam. In langen Briefwechseln zwischen den Höfen wogen sie Nutzen und Risiken ab. England war Vorreiter auf dem Gebiet. Der britische Thronfolger George II. hatte schon 1722 seine Kinder gegen Pocken impfen lassen. Vermutlich war es Voltaire, der die Idee der Impfung 1728 aus dem englischen Exil mitbrachte und am Hof in Preußen bekannt machte. Maria Theresia bekam den Tipp, die eigenen Kinder impfen zu lassen, damals von ihrer Cousine Antonia von Sachsen, die wiederum vom preußischen König Friedrich II. dazu überredet worden war.

Variolation wurden die Immunisierungsverfahren damals auch genannt, nach dem lateinischen Namen der Pocken: Variolae. Menschliches Blatternsekret wurde durch Einritzen, Schlucken oder Spritzen in den gesunden Körper eingebracht, um das Immunsystem auf eine echte Pockeninfektion vorzubereiten. Doch diese Lebendimpfung war riskant: Zwei von hundert Geimpften starben durch die Immunisierung. Dagegen überlebten etwa 30 von 100 Kranken einen unkontrollierten Pockenausbruch nicht.

Immunisierung einer Familie

Eltern standen vor einer schwierigen Abwägung. Sie mussten sich entscheiden, entweder das Schicksal walten zu lassen und ihre Kinder eventuell an die Pocken zu verlieren. Oder das Risiko einer Impfkomplikation in Kauf zu nehmen, wenn sie ein gesundes Kind impfen ließen - das danach allerdings lebenslang geschützt wäre. Auch Maria Theresia schwankte immer wieder, ob das Impfen mit seinen Risiken wirklich dem Risiko einer Ansteckung vorzuziehen sei.

Um ihre Entscheidung abzusichern, korrespondierte Maria Theresia mit Verwandten und suchte zudem den Kontakt zu Experten. 1768 schrieb sie an den englischen Impfpionier Daniel Sutton, um ihn für einen Besuch zu gewinnen, doch er wollte nicht nach Wien kommen. Also testeten die Wiener Ärzte das Impfverfahren auf eigene Faust weiter.

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Experimentiert wurde - wie damals üblich - in Waisenhäusern. Gefragt wurden die Probanden nicht. Als der kaiserliche Leibarzt van Swieten nach mehreren Versuchsrunden sah, dass die etwa 100 Kinder die Impfung gut überstanden hatten, ging Maria Theresia einen Schritt weiter und ließ auch vier ihrer eigenen Kinder impfen. Keines von ihnen erkrankte.

Die Kaiserin ließ daraufhin für die Bevölkerung in Wien ein Inokulationshaus errichten und überredete auch die eigenen erwachsenen Kinder und viele weitere Verwandte zur Immunisierung. Die Herrscherfamilie ging mit gutem Beispiel voran. Eine Impfpflicht allerdings  verhängte die in der Immunisierungsfrage so aufgeschlossene Monarchin Maria Theresia nicht.

Die Politik und die Pocken

Die Neuigkeiten aus Wien verbreiteten sich über die Netzwerke des Hochadels in ganz Europa. Maria Theresia stand permanent mit ihren bereits verheirateten erwachsenen Kindern an verschiedenen Höfen in Kontakt und wusste sehr genau, wer impfte und wer nicht. Ihre Tochter Marie-Antoinette, die sie erfolgreich und prominent mit dem französischen Thronfolger verheiratet hatte, berichtete in Briefen, dass ihr Mann Ludwig XVI. sich hatte impfen lassen - war doch sein Vorgänger Ludwig XV. den Pocken erlegen. Ludwig XVI. starb dann auch nicht an den Pocken, sondern unter dem Fallbeil der Revolutionäre.

Nicht zuletzt die Aristokratie brachte somit die Idee einer Impfung gegen Pocken voran und förderte die Forschung - um den Fortbestand der Familien zu sichern. Bei einfachen Menschen auf dem Land aber blieb das riskante Verfahren lange eher unpopulär; österreichische Ärzte dachten deshalb sogar über eine Medaille oder eine finanzielle Belohnung für impfwillige Familienväter nach.

Erst 1796 gelang dem englischen Landarzt Edward Jenner der entscheidende Schritt von der Variolation zur Vakzination. Ihm war aufgefallen, dass Menschen, die sich mit einer milderen Form der Kuhpocken infiziert hatten, auch gegen menschliche Pocken immun waren. Er forschte weiter und erarbeitete schließlich die "Vaccination" - benannt nach der Kuh. Erfunden war die Schutzimpfung.

Das Verfahren setzte sich in ganz Europa und weltweit durch - mit unterschiedlichem Tempo und Erfolg. Doch die Impfgegner waren auch mit der neuen Methode nicht zufrieden: Manche hielten es ganz grundsätzlich für gotteslästerlich, dem himmlischen Plan etwas entgegenzusetzen. Andere befürchteten die Vermischung von tierischem und menschlichem Sekret und damit die Verbiesterung des Menschen.

Mit groß angelegten Kampagnen oder sogar mit Gesetzen sorgten die Obrigkeiten schließlich dafür, dass große Teile der Bevölkerung sich impfen ließen - und dass die Pocken ihren Schrecken nach und nach verloren. 1807 führte das Königreich Bayern als erstes Land weltweit eine Impfpflicht ein. Das Großherzogtum Hessen folgte, Preußen zögerte.

Dann aber brachte der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 eine Pockenepidemie mit sich, die mit 125.000 Toten um ein Vielfaches mehr Opfer forderte als der Krieg selbst. Nun befasste man sich im neu gegründeten deutschen Kaiserreich mit der Frage, 1874 unterzeichnete Kaiser Wilhelm schließlich das Reichsimpfgesetz.

Die Pockenimpfung wurde weiterentwickelt, das Risiko für Impfschäden immer weiter minimiert. Die Geschichte des Kampfes gegen die Blattern ist eine Erfolgsgeschichte. 1979 erklärte die WHO die Welt für pockenfrei.

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