Martin Walser

Martin Walser erinnert sich an den Sommer 1945 Ich habe nicht gehorcht. Aber aus diesem Grund habe ich überlebt

Martin Walser
Von Martin Walser
Ich war bei den Gebirgsjägern. Der Major unseres Haufens hat gebrüllt: »Ein deutscher Soldat ergibt sich nicht!« Da hat ein Leutnant zu mir und zwei anderen gesagt: »Das wird hier nichts mehr, wir hauen ab.«
Martin Walser: "Ein Sommer wie seither kein anderer"

Martin Walser: "Ein Sommer wie seither kein anderer"

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Jakob Schnetz und Janek Stroisch/ DER SPIEGEL

Anruf bei Martin Walser. Käthe Walser nimmt ab. Sie und ihr Mann sind seit 70 Jahren verheiratet. Sie übergibt ihrem Mann den Hörer. Wenn ich Ihnen vom ersten Friedenssommer erzähle, sagt Walser, möchte ich erst einmal damit beginnen, warum ich überlebt habe. 

Am 19. Oktober 1944 bin ich eingezogen worden nach Garmisch. Ich war "kriegsfreiwillig", das hieß, ich konnte die Waffengattung wählen. Ich habe mich zu den Gebirgsjägern gemeldet. Weil ich Brillenträger bin, konnte ich nicht zu den Panzersoldaten gehen wie mein zwei Jahre älterer Bruder Josef. Und an diesem 19. Oktober 1944, dem Tag, an dem ich nach Garmisch zu den Gebirgsjägern aufbrach, kam die Nachricht, dass Josef gefallen sei. So sagte man damals: "gefallen". Ich war froh, dass ich von dem Schmerz meiner Mutter wegkam.

Zur Person
Foto: Jakob Schnetz und Janek Stroisch / DER SPIEGEL

Martin Walser, Jahrgang 1927, wurde in Wasserburg am Bodensee geboren, wo seine Eltern ein Bahnhofslokal und eine Kohlenhandlung betrieben. Nach der Oberrealschule wurde Walser als Flakhelfer eingezogen, das Kriegsende erlebte er als Soldat der Wehrmacht. Nach dem Krieg studierte er Literaturwissenschaft, Geschichte und Philosophie, 1950 heiratete er Katharina Neuner-Jehle, "Käthe" genannt. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Romane "Ehen in Philippsburg" und "Brandung" sowie die Novelle "Ein fliehendes Pferd". Das Buch "Tod eines Kritikers" löste 2002 eine Kontroverse aus.

Ich kam zu dem traditionsreichen Regiment 98. Im Tal absolvierten wir eine Grundausbildung, und dann kamen wir hinauf zur Hochgebirgsausbildung aufs Kreuzeck. Die elegante Gaststätte oben war vom Militär beschlagnahmt worden und war nun ein Quartier für uns Soldaten. Als die Grundausbildung zu Ende war, hat der Oberleutnant, der im Zivilberuf ein freundlicher schwäbischer Lehrer gewesen ist, vorgelesen, welche Soldaten jetzt nach Mittenwald zur Offiziersausbildung dürften. Und da war ich nicht dabei. Ich bin nachher hin zu ihm und habe gesagt: "Ja, warum bin ich nicht dabei?" Er antwortete: "Der Oberjäger hat gesagt: Wer nicht gehorchen kann, kann auch nicht befehlen."

Warum hatte der Oberjäger das gesagt? Ich will es Ihnen erzählen: Bei diesem Oberjäger hatten wir eine Ausbildung am Maschinengewehr. Wir standen also um das Maschinengewehr herum, oben in tausend Meter Höhe, und der Oberjäger hat gesagt, der Schnee sei schwarz. Und zu mir dann: "Walser! Wie sieht der Schnee aus?" Ich hätte antworten sollen: "Der Schnee ist schwarz." Ich aber habe gesagt: "Herr Oberjäger, wenn Sie sagen, der Schnee sei schwarz, dann sage ich auch, der Schnee sei schwarz." Und das war für ihn skandalös. Ich habe nicht gehorcht, jedenfalls nicht so, wie er das erwartet hatte.

Aber aus diesem Grund habe ich überlebt!

Denn die Reserveoffiziersanwärter zogen ab nach Mittenwald und von dort in die Kämpfe der Ardennenoffensive, ich aber kam im Frühjahr 1945 zu einem Ersatzhaufen in Wörgl im Inntal. Von Innsbruck her näherten sich die Franzosen und von Rosenheim her die Amerikaner, und dazwischen waren wir. Und dann kam einmal ein Amerikaner mit der weißen Fahne als Parlamentär auf uns zu und wollte uns sprechen. Der Major unseres Haufens - ein schrecklicher Mensch - rief: "Wer kann Englisch?" Und ich sagte: "Hier!" Da wurde ich zu dem Parlamentär geschickt, und der sagte, dass wir die Waffen auf die eine Seite legen und uns auf der anderen Seite aufstellen sollten. Das habe ich dem Major ausgerichtet. Der hat zurückgebrüllt: "Ein deutscher Soldat ergibt sich nicht, wir kämpfen weiter!" Und da hat ein Leutnant zu mir und zwei anderen gesagt: "Das wird hier nichts mehr, wir hauen ab."

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