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Lavinia Schulz und Walter Holdt: Ein Künstlerpaar tanzt am Abgrund

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Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Maskentänzerin Lavinia Schulz Avantgarde, Anmut und Armut

Mit bunten Ganzkörpermasken und freizügigem Spektakel tanzten Lavinia Schulz und Walter Holdt vor hundert Jahren am Abgrund. Inmitten der Krise beendeten Revolverschüsse ihr Leben.

Am Abend des 22. Februar 1924 traten zwei seltsame Figuren auf die Bühne des Curio-Hauses in Hamburg. Ihre Köpfe bestanden aus großen Dreiecken, tassengroße Pupillen schielten ins Publikum, eine Trägerbrücke auf dem Scheitel wippte zu jeder Bewegung. Die Figuren krochen, zuckten, verrenkten ihre Gliedmaßen, dazu spielte Musik mit schrägen Tönen.

Das Publikum applaudierte begeistert. Im »Hamburger Anzeiger« lobte ein Kritiker den »strengen Stil« der Masken und die »exakte Bizarrheit« des Tanzes.

Lavinia Schulz und Walter Holdt, die Tänzer in den Ganzkörpermasken, waren zweifellos die Stars des Künstlerfestes »Cubicuria«. Doch dieser Tanz sollte ihr letzter großer Auftritt bleiben. Vier Monate später fand die Polizei die beiden tot in ihrer Kellerwohnung auf – mit Revolverkugeln in den Köpfen.

Die Geschichte der beiden Maskentänzer ist typisch für die Widersprüche der frühen Weimarer Jahre. Die Avantgarde probierte neue Ausdrucksformen, die im Kaiserreich noch undenkbar waren. Zugleich verlor das Geld an Wert, Millionen Menschen hungerten; das Elend war so groß, dass es viele in den Tod trieb.

Kennengelernt hatten sich Schulz und Holdt im Herbst 1919. Sie war 23, er 19 Jahre alt. Zusammen spielten sie bei der Kampfbühne, einer expressionistischen Theatergruppe. Sie verliebten sich wohl bei den ersten Proben.

An den Haaren durch die Aula geschleift

Beide stammten aus bürgerlichen Familien. Walter Holdt war mit seiner Familie zerstritten, weil er den Kaufmannsbetrieb des Vaters nicht übernehmen wollte. Schulz' Vater war ein Bankangestellter aus der Lausitz. Ihre Eltern hatten Lavinia unterstützt, als sie mit 16 Jahren ihre Heimat verlassen hatte, um Tänzerin zu werden.

1918 sorgte sie an der Berliner Sturmbühne mit einem Nacktauftritt im Drama »Sancta Susanna« für Furore – mehr oder weniger nackt, die »Vossische Zeitung« erinnerte sich an ein »reizendes Sturm-Schwimmhöschen und einen Brusthalter«.

Die expressionistische Künstlergruppe zog nach Hamburg, das Paar dort in eine Kellerwohnung in der Nähe des Hauptbahnhofs: ein Zimmer, Außentoilette, kein Warmwasser. Nachts schliefen sie in Hängematten und wickelten sich in Pferdedecken. Die Miete verdienten sie, indem Schulz Kostüme für Theater nähte und Holdt manchmal im elterlichen Betrieb aushalf.

Die beiden stritten immer wieder heftig. Den Gruppennamen Kampfbühne nahmen sie wörtlich und gingen sogar bei einer Probe aufeinander los. »Beide wälzten sich auf dem Boden«, schrieb Bühnenleiter Lothar Schreyer in seinen Memoiren, »schließlich wurde Lavinia von Walter an den Haaren durch die Aula geschleift.« Er warf die beiden hinaus. In Schulz' Nachlass tauchte später eine Karikatur auf, die Schreyer als Schwein zeigt.

Das Paar versöhnte sich – und heiratete später heimlich. Zusammen starten sie ein neues, eigenes Projekt, den Maskentanz, und sammelten für ihre Ganzkörpermasken Schrott von der Straße: Sackleinen, Matratzenstoff, Pappe, Draht, Gips, Sperrholz, Pappmaschee, Metallsiebe und einen Eimer Teer.

Die Masken, die sie im Jahr 1920 herstellten, trugen Namen wie »Toboggan«, »Kipplefips« oder »Skirnir«. Manche wogen mehr als 40 Kilogramm, fast alle schränkten Sicht und Bewegung ein. Aus den Holzrahmen ragten Nägel und Drähte nach innen. Die Tänzer mussten ihre Köpfe in Bandagen wickeln und dicke Hemden überziehen, damit sie sich nicht verletzten. Lavinia Schulz schrieb einmal: Kunst müsse anstrengend sein – »sonst taugte sie nichts«.

»Sie bohrt sich in den Weltkörper«

Ihren ersten Auftritt als Maskentänzer hatten sie wohl am 7. Februar 1921. Anlass war eine Veranstaltung der Tafelrunde; diese Gruppe junger Expressionisten traf sich einmal im Monat im Hinterzimmer eines Cafés am Jungfernstieg. Dabei war auch der 19-jährige Hans Heinz Stuckenschmidt, der gerade nach Hamburg gekommen war und eine Bleibe suchte.

Die Maskentänzer nahmen den Komponisten und Pianisten in ihrer Kellerwohnung auf. Mit Holdt spielte er Jazz in einem Nachtklub auf St. Pauli, um etwas zur Miete beizusteuern. Stuckenschmidt begleitete auch die Maskentänze seiner Mitbewohner auf dem Klavier. Seine Stücke  orientierten sich an der Zwölftonmusik des Wiener Avantgarde-Komponisten Arnold Schönberg und klangen in den Ohren des Publikums schief.

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Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Bald hatten die Maskentänzer erste Erfolge. Ende 1921 spielten sie einen Soloabend im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, 1922 traten sie beim Künstlerfest »Der Himmlische Kreisel« auf. Ein Intendant lud sie zum Auftritt an seinem Theater in Düsseldorf ein.

Die Bühnenspektakel der beiden lassen sich kaum rekonstruieren, obwohl Schulz sogar eine eigene Notenschrift für die Tänze erfunden hatte. Die wenigen Beschreibungen gleichen expressionistischer Prosa. So heißt es über Schulz: »Sie quellt: dampfend, schnaubend, rafft, kurvt, wirft sich, schleudert, schiebt sich, zerreißt und sinkt, Weh-atmend zu Boden. Tot?! Sie hebt wieder neu an, Leiden-gepeitscht, Schmerz-zerquält, Schnauben-zersprengt. Sie bohrt sich wieder neu-gespeichert in den wehen, wunden Weltkörper.«

Dünne Suppe, dünner Tee

In ihren eigenen Schriften haderte Schulz mit dem Identitätsverlust im Industriezeitalter, so beschreibt es die Kunsthistorikerin Athina Chadzis. Ihr Sehnsuchtsort war die nordische Sagenwelt, ihr »heiliges Buch« die Edda mit mythischen Helden- und Göttersagen aus Island.

Trotz ihres künstlerischen Erfolgs kämpften die Maskentänzer mit Geldproblemen. Für die Auftritte nahmen sie aus Prinzip kein Honorar – um ihre Kunst nicht zu korrumpieren. Schulz notierte einmal: »Geist und Geld sind zwei feindliche Pole.«

Bald wurde Holdt krank und musste seine nächtlichen Auftritte in verrauchten Klubs einstellen. Auch die Unterstützung von Schulz' Familie versiegte: Der Vater hatte sein Vermögen in Kriegsanleihen gesteckt, die wegen der Inflation rapide an Wert verloren.

Dann wurde Schulz schwanger und konnte kaum noch nähen. Der befreundete Künstler Emil Nolde half ihnen zeitweise mit der Miete aus. Als Schulz im Sommer 1923 ihren Sohn zur Welt brachte, zog Stuckenschmidt aus der Einraumwohnung aus. Die Maskentänzer waren auf sich gestellt. Sie aßen dünne Gemüsesuppe und tranken dünnen Tee.

Bei ihrem »Cubicuria«-Auftritt 1924 zeigten die Maskentänzer wohl ein letztes Mal ihr künstlerisches Können. Holdt verfiel danach in eine tiefe Lethargie. Wie ein Freund des Paares berichtete, verließ er seine Hängematte kaum noch, fand keine Kraft mehr für Arbeit oder Kunst.

Zwischen den Leichen lag ihr Sohn

Den beiden brachen ihre letzten Einnahmequellen weg. Ein befreundeter Journalist schrieb später, sie hätten ab Mai 1924 »buchstäblich gehungert«; Holdts Gesicht »war ausgehöhlt von wildem Ungestüm und Leiden«.

Am Morgen des 18. Juni 1924 nahm Lavinia Schulz einen Revolver, setzte ihn an Holdts Schläfe und drückte ab. Sie lief zu einer Nachbarin und sagte, sie habe ihren Mann erschossen. Dann ging sie zurück in ihre Wohnung und richtete die Waffe gegen sich selbst; an den Verletzungen starb sie tags darauf. Der fast einjährige Sohn lag unversehrt im Kinderbett.

Die Zeitungen vermeldeten den Vorfall routiniert – solche Verzweiflungstaten passierten wegen der Wirtschaftskrise häufiger. »Als Grund für die Bluttat werden Nahrungssorgen vermutet«, schrieb das »Neue Wiener Tageblatt«.

Wenige Wochen nach der Beerdigung lud der Direktor des Museums für Kunst und Gewerbe zu einer Gedenkveranstaltung für Schulz und Holdt ein. Ausgestellt wurden auch die Ganzkörpermasken. Danach packten Assistenten sie in drei Kisten. Auf dem Dachboden gammelten die Werke vor sich hin, die Tänzer gerieten in Vergessenheit.

Erst 64 Jahre später öffnete man die Kisten wieder, fand neben den Kostümen Skizzen, Notizen und Briefe. Das Museum ließ die Masken nachbauen und ausstellen, der Deutschlandfunk recherchierte für ein Radiofeature über die beiden . Kürzlich griff die Autorin Berit Glanz Schulz' Biografie in ihrem Roman »Pixeltänzer« auf. Heute gilt Lavinia Schulz als bedeutendste Avantgarde-Tänzerin der Weimarer Jahre.

Der Sohn der Maskentänzer wuchs bei Verwandten des Vaters auf. Die traurige Geschichte seiner Eltern hörte er erst als Erwachsener.

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