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»Der Tod ist ein Meister aus Deutschland« – das Massaker von Babyn Jar

Foto: Hamburger Institut für Sozialforschung / Capital Pictures / action press

Massaker von Babyn Jar Warum auch ein 99-Jähriger vor Gericht gehört

Es war Massenmord im Akkord: Vor 80 Jahren erschossen SS-Mörder bei Kiew 33.771 Menschen. Nur wenige wurden verurteilt. Ein deutscher Anwalt will nun einen der letzten mutmaßlichen Täter vor Gericht bringen.

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Dem Anwalt, 73 Jahre alt, läuft die Zeit davon.

Mit jedem Tag sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass er sein Ziel erreicht. »Es ist ein Wettlauf, der kaum noch zu gewinnen ist«, sagt Hans Brehm, der hier nicht mit richtigem Namen genannt werden will. Schließlich kann der 99-jährige Herbert W. jederzeit sterben. Brehm, der aus Selbstschutz anonym bleiben möchte, will es trotzdem versuchen: Der Jurist will einen der letzten noch lebenden mutmaßlichen Täter von Babyn Jar vor Gericht bringen.

»Ich möchte erreichen, dass der Mann vor den Kadi gezerrt wird«, betont Brehm im Gespräch. Ihm sei nicht daran gelegen, dass der Hochbetagte anschließend ins Gefängnis komme. Aber zumindest eine Anklage, die möchte er erwirken. »Es geht hier um Sühne, um späte Gerechtigkeit«, sagt Brehm. »Warum sollte man einen 99-Jährigen nicht zur Rechenschaft ziehen? Es wurden doch auch 99-Jährige in Babyn Jar ermordet.«

Aller Würde beraubt: Vor ihrer Ermordung mussten sich die Jüdinnen und Juden nackt ausziehen – das Foto entstand am 14. Oktober 1942 bei einer Massenerschießung in Misosz (heute Ukraine).

Aller Würde beraubt: Vor ihrer Ermordung mussten sich die Jüdinnen und Juden nackt ausziehen – das Foto entstand am 14. Oktober 1942 bei einer Massenerschießung in Misosz (heute Ukraine).

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Greise, Säuglinge und Kinder, Frauen und Männer: Am 29. und 30. September 1941 richteten die SS-Mörder und ihre Gehilfen am Stadtrand Kiews ein beispielloses Blutbad  an. Babyn Jar, »Altweiberschlucht«, wird die Senke genannt. Dort ermordeten Angehörige des Sonderkommandos 4a der SS-Einsatzgruppe C, unterstützt von Waffen-SS und Polizeieinheiten, der Wehrmacht und ukrainischen Milizen, exakt 33.771 Juden – so steht es in der »Ereignismeldung UdSSR Nr. 101« vom 2. Oktober 1941.

Opernmusik und Schnaps für die Killer

33.771 Menschen in 36 Stunden, das macht mehr als 15 pro Minute – Babyn Jar bedeutete Morden in Rekordzeit. Es war das größte Einzelmassaker des Zweiten Weltkriegs in Europa. Nicht einmal in den Nazi-Mordfabriken Auschwitz, Treblinka oder Belzec wurden so viele Menschen auf einmal am selben Ort getötet.

Im Glauben, sie würden umgesiedelt, liefen die Jüdinnen und Juden in einer langen Reihe zur Schlucht. Dort mussten sie ihre Wertsachen sowie Pässe abgeben, sich nackt ausziehen und teils bäuchlings auf die Leichen der zuvor Erschossenen legen.

Regelmäßig wurden die Angehörigen der Mordkommandos ausgetauscht. Auch an deren leibliches Wohl hatten die Organisatoren des Massakers gedacht: Ein Küchenwagen versorgte die Schergen mit warmen Mahlzeiten und Schnaps; Opernmusik hallte durch die Schlucht, um die Todesschreie zu überdecken.

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»Ich sah, wie Menschen in Sekundenschnelle alt und grau geworden sind«, berichtete Dina Pronitschewa, eine der wenigen Überlebenden. »Man hörte solches Stöhnen, dass einem die Haare zu Berge standen. Als ich auf die Leichen fiel, wurde ich mit Blut übergossen; das Blut drang sogar in meinen Mund, und ich musste erbrechen.« 1968 schilderte Pronitschewa das grauenvolle Gemetzel vor dem Darmstädter Schwurgericht, ihre erschütternde Zeugenaussage wurde 2021 in der Zeitschrift »Osteuropa« erstmals publiziert .

»Aktion reibungslos verlaufen«

Die Mörder indes waren hochzufrieden: »Die Aktion selbst ist reibungslos verlaufen«, vermerkte die »Ereignismeldung UdSSR Nr. 106« vom 7. Oktober 1941. Aufgrund »einer überaus geschickten Organisation« hätten die Juden »bis unmittelbar vor der Erschießung noch an ihre Umsiedlung« geglaubt, hieß es in einem Bericht nicht ohne Stolz.

Blutspur durch Osteuropa: Die Wege der deutschen Einsatzgruppen in der Sowjetunion

Blutspur durch Osteuropa: Die Wege der deutschen Einsatzgruppen in der Sowjetunion

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Selbst nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes wirkten die Täter von Babyn Jar, Symbol für den »Holocaust durch Kugeln« in Osteuropa, nicht schuldbewusst. Mitleid empfand man weniger mit den Ermordeten als mit den Mördern. »Bei denen«, also den Juden, »da galt eben ein Menschenleben nichts, gewissermaßen«, sagte SS-Offizier Paul Blobel, als Standartenführer des Sonderkommandos 4a maßgeblich für das Massaker verantwortlich, beim Einsatzgruppenprozess in Nürnberg.

»Sie kannten ihren inneren Wert nicht«, so der Angeklagte Blobel im Verhör. »In anderen Worten, Sie bemitleiden eher die Männer, die geschossen haben, als die Opfer?«, hakte Staatsanwalt Benjamin Ferenz  nach. Blobels Antwort: »Ja, also unsere Schützen mussten betreut werden.« Und: »Ich muss sagen, dass unsere Männer, die daran teilgenommen haben, mehr mit ihren Nerven runter waren als diejenigen, die dort erschossen werden mussten.«

»Man kann sich gar nicht vorstellen, welche Nervenkraft es kostete, da unten diese schmutzige Arbeit auszuführen.«

SS-Verbrecher Kurt Werner

In Selbstmitleid erging sich auch der Angeklagte Kurt Werner, Angehöriger des Sonderkommandos 4a. Vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal sagte er 1947: »Mir ist heute noch in Erinnerung, in welches Entsetzen die Juden kamen, die oben am Grubenrand zum ersten Mal auf die Leichen in der Grube hinuntersehen konnten. Viele Juden haben vor Schreck laut aufgeschrien. Man kann sich gar nicht vorstellen, welche Nervenkraft es kostete, da unten diese schmutzige Arbeit auszuführen.«

Die Massenmörder als bedauernswerte Opfer: Abscheulicher kann man die Toten kaum verhöhnen. Das rassistische Weltbild der Täter blieb auch nach 1945 wirkmächtig – es begann der »lange Prozess der Vertuschung fast aller Spuren«, die zu einer Aufklärung des Kriegsverbrechens von Babyn Jar hätten beitragen können, so Historiker Wolfram Wette.

Zwar wurden in den Nürnberger Nachfolgeprozessen 1947/48 drei hochrangige NS-Verbrecher (Paul Blobel, Otto Rasch und Waldemar von Radetzky) wegen ihrer Verantwortung für das Massaker zur Rechenschaft gezogen; SS-Offizier Blobel wurde am 7. Juni 1951 hingerichtet. Aus den Reihen der ebenfalls am Massaker beteiligten Wehrmacht jedoch wurde niemand juristisch belangt, wie die Historikerin Franziska Davies betont.

»Babyn Jar, ist das nicht eine Stadt in der Mongolei?«

Straffrei blieben auch die meisten Angehörigen der Sonderkommandos und der laut Davies mindestens 700 Männer in den Einsatzgruppen, die an den Massenmorden beteiligt waren. Erst 1967/68 standen im sogenannten Callsen-Prozess in Darmstadt zehn Mitglieder des Sonderkommandos 4a vor Gericht. Drei Angeklagte wurden freigesprochen, die anderen wegen Beihilfe zum Mord – nicht aber wegen Mordes – zu Gefängnisstrafen zwischen 4 und 15 Jahren verurteilt.

»Die mangelhafte juristische Aufarbeitung von Babyn Jar ist eines Rechtsstaats unwürdig«, sagt Hans Brehm. Ebenso inakzeptabel wie die Tatsache, dass noch immer kaum jemand in Deutschland über das Massaker Bescheid wisse. Der Anwalt hat in seinem Umfeld 100 Menschen befragt – nur wenige konnten etwas mit dem Begriff verbinden.

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»Der Tod ist ein Meister aus Deutschland« – das Massaker von Babyn Jar

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»Babyn Jar, ist das nicht eine Stadt in der Mongolei?«, habe einer geraten. »Die Leute interessiert das nicht, selbst Bekannte und Verwandte zeigen mir einen Vogel«, so Brehm. Was ihn nur noch mehr bestärkt: Nun setzt er alles daran, den derzeit 99-jährigen Herbert W. anklagen zu lassen. Der SS-Mann war einst Mitglied im Sonderkommando 4a der SS-Einsatzgruppe C – und zum Zeitpunkt des Massakers nach eigenen Aussagen in Kiew.

Noch bis ins hohe Alter von 95 Jahren legte der Nordhesse regelmäßig das Deutsche Sportabzeichen ab, wie die Regionalpresse berichtete. Dann wurde es still um den rüstigen Rentner: Gemeinsam mit zwei anderen SS-Männern war W. ins Fadenkreuz der Justiz geraten.

Er sei nur Sanitäter gewesen, behauptete er

Schon 2014 hatte das jüdische Simon-Wiesenthal-Zentrum  der Bundesregierung eine Liste mit Namen von rund 80 Angehörigen der Einsatzgruppen A bis D vorgelegt, unter denen sich auch mutmaßliche Täter von Babyn Jar befanden. 2017 leitete die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg ein Ermittlungsverfahren ein, anschließend übernahm die Staatsanwaltschaft in Kassel.

Doch die stellte ihre Ermittlungen gegen Herbert W. im März 2020 ein. Es gebe keine konkreten Anhaltspunkte, die eine Tatbeteiligung des Beschuldigten belegten, hieß es. Gegenüber der »Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen« hatte W. beteuert, niemanden getötet zu haben. Er sei nur Sanitäter gewesen.

»Wozu braucht man denn bei einem Massaker Sanitäter?«, fragt Hans Brehm und lacht bitter auf. Er will jetzt erreichen, dass das Verfahren gegen W. erneut eröffnet wird: »Die Opfer haben ein Recht darauf, dass den Dingen in dem notwendigen Maß nachgegangen wird.«

»Vom Bewusstsein des Geschehenen werden wir verrückt«

Doch juristische Ermittlungen gegen hochbetagte mutmaßliche NS-Verbrecher seien zumeist äußerst mühsam – und entsprechend unpopulär. Brehm sieht nur eine Chance, um den Fall Herbert W. erneut aufzurollen: Ein Babyn-Jar-Opfernachfahr muss ein rechtliches Interesse glaubhaft machen und gegen die Einstellung des Ermittlungsverfahrens Beschwerde einlegen.

Noch gibt es Nachfahren, die Brehm zu diesem Schritt bringen könnte: Am 21. September ist der Anwalt nach Kiew gereist, um Kontakt zu Familien der Opfer von Babyn Jar aufzunehmen.

Gut möglich also, dass die deutsche Justiz sich doch noch einmal mit dem Massaker beschäftigen muss – jenem ungeheuerlichen Kriegsverbrechen, über das eine Bewohnerin Kiews am 2. Oktober 1941 entsetzt schrieb:

»Gab es schon mal so etwas in der Geschichte der Menschheit? ... Man kann nicht schreiben, man kann nicht versuchen zu verstehen, denn vom Bewusstsein des Geschehenen werden wir verrückt. ... Verfluchtes Jahrhundert, verfluchte, schreckliche Zeit!«

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