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Charles Manson: Der mörderische Guru

Foto: MONTY BRINTON/ AP

Massenmörder Charles Manson Das Gesicht des Bösen

Es war ein Mord, der die Welt schockierte. Am 9. August 1969 tötete eine Hippie-Gang im Drogenrausch sieben Menschen auf grausame Weise - darunter die schwangere Schauspielerin Sharon Tate. Befohlen hatte die Tat ein Mann, dessen Name bis heute ein Synonym für das Böse ist: Charles Manson.
Von Ingo Rentz

Noch im August 1969 war den meisten Amerikanern der Name Charles Manson unbekannt. In den USA gab es in diesen Tagen Wichtigeres: eine Generation junger Menschen protestierte gegen die US-Armee in Vietnam, sie feierte in Woodstock ein rauschendes Festival und wurde Zeuge der Mondlandung. Amerikanische Hippies taten sich bis dahin vor allem durch freie Liebe, Drogenkonsum und Protest für den Weltfrieden hervor. Doch etwas außerhalb von Los Angeles hauste eine Gruppe, die sich mit alldem nicht zufrieden gaben: die Manson-Familie, benannt nach ihrem Anführer Charles Manson. Der 34-Jährige war gerade seit zwei Jahren aus dem Gefängnis raus. Bevor er einsitzen musste, hatte er die Hälfte seines jungen Lebens mit Zuhälterei, Diebstahl und Scheckbetrug verbracht.

Eigentlich wollte Manson ein bekannter Musiker werden. Der Rockstar in spe mit anziehend fröhlichem Wesen scharte junge Frauen und Männer um sich, mit denen er im Sommer 1969 auf der Spahn-Movie-Ranch, einem alten Hollywood-Filmset außerhalb von Los Angeles lebte. Die Gruppe kümmerte sich um den greisen Besitzer George Spahn und durfte im Gegenzug umsonst das Gelände bewohnen. Gruppensex, freie Partnerwahl und LSD-Trips machten den Alltag bunt. Doch Manson wurde zunehmend unzufrieden, denn der erhoffte Karriereschub ließ auf sich warten. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, einen Plattenvertrag zu bekommen, fühlte er sich von der Gesellschaft betrogen. Manson entwickelte einen tiefen Hass auf die High Society, die ihm seiner Meinung nach den Weg nach oben versperrte. Er träumte nicht nur davon, eine Gruppe von Anhängern hinter sich zu scharen, sondern eines Tages die gesamte Zivilisation.

Seine Bezeichnung für das, was ihm diesen Aufstieg verschaffen sollte, war "Helter Skelter", der Name eines Beatles-Songs. Das Lied beschreibt die wilde Rutschpartie in einer von Großbritanniens damals beliebtesten Freizeitattraktionen, der Riesenrutschbahn in Brighton. Manson interpretierte den Text auf seine Weise. In "Helter Skelter", was frei übersetzt etwa "Holterdiepolter" bedeutet, erkannte er eine gesellschaftliche Umwälzung, die aus dem Konflikt zwischen Schwarzen und Weißen resultierte. Manson erwartete einen Rassenkrieg und dass ihn die Schwarzen gewinnen würden. Da die aber unfähig wären, eine funktionierende Gesellschaft aufzubauen, käme die Reihe an seine Familie: Sie sollte die perfekte Ordnung errichten - an der Spitze Charles Manson. In jenem Glauben führte er seine Anhänger von der Spahn-Ranch weg in die lebensfeindliche Umgebung des Death Valley, wo sie auf den prophezeiten Krieg warteten.

Doch trotz der Rassenunruhen in den späten Sechzigerjahren blieb der erwartete Kampf der Rassen aus. Gegen Ende des Sommers 1969 entschied Manson daher, die Unruhen selbst herbeizuführen.

Mordpläne

Mansons Plan: einige Morde an reichen Weißen in Los Angeles. Nach seinem Kalkül würde die Gesellschaft diese Morde den Schwarzen anlasten.

Aus seiner Anhängerschaft schickte er dazu am späten Abend des 8. August 1969 Susan Atkins, Patricia Krenwinkel, die Fahrerin Linda Kasabian und den jungen Texaner Charles "Tex" Watson in Richtung Los Angeles, zu dem Haus des Musikproduzenten Terry Melcher. Melcher, Sohn der Schauspielerin Doris Day, hatte Manson und seine Musik einst abgelehnt. Was Manson nicht wusste: In dem Haus am Cielo Drive 10050, in dem Melcher gewohnt hatte, lebten im August 1969 die junge Schauspielerin Sharon Tate und ihr Ehemann, der polnische Regisseur Roman Polanski, der mit seinem Spielfilm "Tanz der Vampire" kurz zuvor Weltberühmtheit erlangt hatte. Seine Frau Sharon spielte damals die weibliche Hauptrolle und war im August 1969 hochschwanger.

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Die Frauen hatten die Anweisung bekommen, alles zu tun, was Tex Watson befahl. Am Cielo Drive angekommen, kappten die Eindringlinge zunächst die Telefonleitungen und kletterten über das Gatter der Zufahrt. Ehe sie zu dem Anwesen gelangten, bemerkten sie ein Auto, das die Auffahrt herunterfuhr. Watson stoppte den Wagen und erschoss den Fahrer, den 18-jährigen Steven Parent, mit vier Schüssen aus nächster Nähe. Parent hatte den Hausmeister William Garretson besucht, der auf dem Anwesen in einem Gästehaus lebte. Anschließend drangen Atkins, Krenwinkel und Watson in das Haupthaus ein. Sharon Tate befand sich zu dieser Zeit im Haus, zusammen mit ihrem Ex-Verlobten Jay Sebring, ein bekannter Hollywood-Friseur, Abigail Folger, Erbin eines Kaffee-Imperiums und deren Partner Voitek Frykowski, ein Freund Polanskis. Polanski selbst war zu Dreharbeiten in London.

Was in den folgenden Minuten geschah, konnte nie eindeutig geklärt werden. Sicher ist jedoch, dass Sebring, Frykowski, Folger und Sharon Tate durch insgesamt über hundert Messerstiche starben. Neben den fünf Leichen hinterließen die Mörder ein gespenstisches Zeichen an der Eingangstür des Hauses: Geschrieben mit dem Blut von Sharon Tate stand dort in großen Lettern "Pig", Schwein, auf dem schneeweißen Untergrund.

Los Angeles in Angst

Nur einen Tag später, am 10. August 1969, mordeten die Jünger Mansons erneut in Los Angeles. Wieder war Patricia Krenwinkel dabei, ebenso Tex Watson. Auch Manson befand sich in dem Wagen, der am späten Abend den Stadtteil Los Feliz ansteuerte. Neu war lediglich die blutjunge, schüchterne Leslie Van Houten, einst Abschlussballprinzessin ihrer High School.

Watson und Manson drangen in ein Haus am Waverly Drive 3301 ein, und entdeckten dort den Geschäftsmann Leno LaBianca zeitungslesend auf der Couch. Manson fesselte ihn und verließ anschließend das Haus. Wenig später waren Leno LaBianca und seine Ehefrau Rosemary tot, auf ähnlich bestialische Weise ermordet wie die Opfer am Abend zuvor. Und wieder waren die Wände mit Blut beschrieben: "Death to pigs" (Tod den Schweinen) und "Rise" (Erhebt euch) stand dort zu lesen. Auf dem Kühlschrank in der Küche prangte, ebenfalls in Blut, der Schriftzug "Healter Skelter", in der Hektik offensichtlich falsch geschrieben. In Leno LaBiancas Bauch war mit einem Messer das Wort "War" (Krieg) geritzt worden.

Nach Bekanntwerden der Morde breitete sich in Los Angeles die Angst aus, besonders unter der Prominenz. Da die Mordopfer zur Oberschicht gehörten, sahen sich andere Größen der High Society in Gefahr und verließen fluchtartig die Stadt. Die Polizei stand vor einem Rätsel: Weder gab es Hinweise auf die Täter, noch auf das Motiv. Dann half ihr der Zufall.

Prozess bizarr

Im Oktober 1969 wurden Manson und seine Gruppe wegen Autodiebstahls inhaftiert. Im Gefängnis brüstete sich Susan Atkins gegenüber einer Mitgefangenen damit, an dem Mord an Sharon Tate beteiligt gewesen zu sein, was die Polizei zum ersten Mal auf die Spur Mansons und seiner Anhänger führte. Kurz darauf standen die Beteiligten an den Morden fest, doch noch immer fehlte das Motiv. Zeugenaussagen brachten die Ermittler schließlich auf Mansons Helter-Skelter-Theorie. Auch die rätselhaften Aufschriften bekamen so ihre Bedeutung: Ebenfalls in einem Beatles-Song des White Albums ist von weißen, reichen "Piggies" die Rede, die in den sauberen Vororten leben.

Im Juli 1970 schließlich standen Manson, Atkins, Krenwinkel und Van Houten wegen siebenfachen Mordes vor Gericht. Charles "Tex" Watson wurde in einem separaten Verfahren angeklagt, da es ihm gelungen war, nach Texas zu fliehen. Der Prozess wurde zu einem bizarren Schauspiel, denn die Frauen befolgten alle Anweisungen Mansons: Auf seinen Augenaufschlag hin standen sie während der Verhandlung auf, um wie im Wahn zu kreischen; als Manson sich den Schädel rasierte, taten sie es ihm gleich, und nachdem er sich ein Kreuz auf die Stirn geritzt hatte, fanden sich kurz darauf auch bei den Frauen gekreuzte Narben auf der Stirn. Manson erweiterte sein Kreuz wenig später zu einem Hakenkreuz.

Gegen Ende des Verfahrens hatten die Richter keine Zweifel mehr daran, dass Charles Manson der Urheber der grausamen Mordtaten war. Obwohl er an den Morden nachweislich nicht teilgenommen hatte, wurde Manson ebenso wie die jungen Frauen und Charles Watson zum Tode in der Gaskammer verurteilt. Einzige Ausnahme: die Fahrerin Linda Kasabian. Sie hatte sich der Anklage als Kronzeugin zur Verfügung gestellt, dafür gewährte man ihr Immunität.

Abkehr vom Guru und neue Fans

Doch die Verurteilten hatten Glück: Im Februar 1972 erklärte der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten die Todesstrafe für verfassungswidrig, entsprechende Urteile wurden in lebenslange Haftstrafen umgewandelt. Erst 1978 erlangte die Todesstrafe in Kalifornien wieder Gültigkeit, doch für die Mitglieder der Manson-Familie blieb es bei der Haftstrafe, die sie bis heute in kalifornischen Gefängnissen absitzen. Gnadengesuche wurden unzählige Male abgelehnt.

In der Haft wandten sich sämtliche Anhänger Mansons von ihrem einstigen Guru ab. Atkins und Watson wurden so genannte Wiedergeborene Christen und widmeten ihr Leben dem Gottesdienst. Krenwinkel und Van Houten berichteten in den frühen Neunzigern detailreich von ihren Beteiligung an den Morden. Alle vier beharrten darauf, dass jede ihrer Taten im Sommer 1969 von Charles Manson befohlen war. Dieser streitet dies bis heute ab.

Um Manson selbst entwickelte sich bis heute ein regelrechter Kult. Er ist der Häftling, der weltweit die meiste Fanpost bekommt. Der Schock-Rocker Marilyn Manson nahm Mansons Nachnamen an, um zwei Extreme amerikanischer Populärkultur, Charles Manson und die Schauspielerin Marilyn Monroe, zu vereinen. Und auch Manson selbst erlangte endlich die Aufmerksamkeit, die er sich als Künstler immer gewünscht hatte. Mehrere Musiker veröffentlichten Samples von Mansons Musik, wie zum Beispiel Guns'n'Roses mit dem Track "Look at your game girl", der ursprünglich aus der Feder Mansons stammt.

Anm. d. Red.: Charles Manson starb im November 2017 im Alter von 83 Jahren in Kalifornien.

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