Maßnahmen zum Energiesparen Ade, Lichter der Großstadt!

Denkmäler bleiben dunkel, Leuchtreklame erlischt um 22 Uhr: Ab heute herrscht nachts Finsternis, Stromsparen ist angesagt. Eine Ära geht zu Ende, in der künstliches Licht für Fortschritt stand – und Überwachung ermöglichte.
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Grell und sorglos: Je besser die Zeiten, desto heller die Straßen – Party am Set der US-Schmonzette »Einer mit Herz« (1982, Regie: Francis Ford Coppola). Dass die Metropolen in gleißendem Licht erstrahlen und die Menschen bis zum Morgengrauen durch die Nacht stromern können, ist keine Selbstverständlichkeit: Jahrhundertelang war es in den Städten zappenduster.

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Licht ist Macht: Dann kam der französische Herrscher Ludwig XIV. und machte die Nacht zum Tag. 1667 ordnete der Monarch die Aufstellung von Straßenlaternen an, um den öffentlichen Raum unter die Kontrolle des absolutistischen Staates zu bringen. Hier zu sehen: die Bewohner von Paris bei der ehrfürchtigen Betrachtung der neuartigen Beleuchtung. Die ersten Laternen waren viereckige Kästen, in denen Kerzen brannten. Später kamen Öl– und Gaslampen auf.

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Hell erstrahlt der Kreml: Auch im Russischen Reich stand die künstliche Beleuchtung für Macht und Herrschaft, wie dieses Gemälde des gleißend erleuchteten Moskau von 1883 zeigt. Zu diesem Zeitpunkt regierte der autokratische, reformfeindliche Zar Alexander III. – übrigens ein wichtiges Vorbild des aktuellen russischen Präsidenten Wladimir Putin.

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Akt des Ungehorsams: Wer Kritik am Staat üben wollte, zertrümmerte das Symbol obrigkeitlicher Überwachung – ein französischer Revoluzzer bei der Laternenzerstörung. Es ging darum, »symbolisch die Herrschaft auszulöschen, die die Laterne repräsentierte«, schrieb der Historiker Wolfgang Schivelbuch in seiner Studie »Lichtblicke«. In dieser aufmüpfigen Tradition stand auch der Slogan »Licht aus, Messer raus!« – ein 1918 komponierter Schlachtruf der kriegsmüden deutschen Novemberrevolutionäre.

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»Das Gaslicht ist zu rein für das menschliche Auge, und unsere Enkel werden blind werden«, warnte Ludwig Börne Anfang des 19. Jahrhunderts. Wie der deutsche Denker hielten viele Menschen die Gasbeleuchtung anfangs für eine brandgefährliche Sache. Den Anfang machten die Engländer – 1807 wurde in London erstmals eine Straße mit Gaslaternen illuminiert (zeitgenössische Karikatur).

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Symbol für Fortschritt, Freiheit, Frohsinn: Nach dem Gas kam die elektrische Glühlampe – und tauchte den Globus in gleißendes Licht. Auf der Weltausstellung 1900 in Paris huldigte die Öffentlichkeit der 1880 von Thomas Alva Edison patentierten Erfindung: Tausende Exemplare illuminierten den »Palast der Elektrizität« auf dem Champ de Mars (Illustration). »Aus dem Gips ist ein in allen Farben leuchtendes Kristall geworden, schön und groß wie die Bauten, von denen die Märchen erzählen«, schwärmte der Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe damals.

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Lichter der Großstadt: Mit dem Siegeszug der Elektrizität erstrahlten die Metropolen fortan in mondänem Glanz. Hier ein Gemälde von 1925, das den Times Square in New York zeigt. Die Elektrizität galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als wahres Allheilmittel: »Im Kampf gegen die Ermüdung«, so eine zeitgenössische Studie, »tritt die Elektrizität als die alles überragende Wunderwaffe auf«. Strom wurde nicht nur zur Behandlung diverser Krankheiten eingesetzt, sondern sogar als Dünger auf die Felder geleitet. Die so traktierten Radieschen und gelbe Rüben »besaßen einen exquisiten Geschmack und waren sehr zart und saftig«, hieß es in einer Abhandlung.

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Vertreibt Geister und Gesindel: Trotz der Einführung der Elektrizität waren vielfach noch Gaslampen in Gebrauch – dieser Laternenanzünder wurde 1949 in der Londoner Tower Bridge Road bei der Arbeit fotografiert. Wie wichtig die künstliche Helligkeit schon früh für das Sicherheitsgefühl vieler Menschen war, betonte etwa der Ökonom Johann Heinrich von Justi: »Eine nicht allein zur Bequemlichkeit und Zierde der Städte, sondern auch zur Beförderung der nächtlichen Sicherheit gereichende Anstalt sind auch die Laternen oder Leuchten, die zur Nachtzeit angezündet werden«, hieß es in seiner Schrift »Grundsätze der Polizey-Wissenschaft« von 1756.

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Auch in Berlin gingen seit Beginn des 20. Jahrhunderts immer mehr Lichter an – hier eine Ansicht des Potsdamer Platzes (um 1935). »Die Intensität einer Weltstadt kann gemessen werden an der Intensität ihres nächtlichen Lichtbildes. Wo nachts keine Lichter brennen, ist finstere Provinz«, befand der Architekt und Stadtplaner Hugo Häring.

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In Wien wiederum erstrahlten Riesenrad und Lustspieltheater (handkoloriertes Glasdiapositiv, um 1910). Als der österreichische Schriftsteller Gustav von Festenberg nach jahrelanger Abwesenheit 1935 in die Stadt zurückkehrte, war er überwältigt: »Alles glüht in Licht. Alles strahlt. Der Himmel mit seiner fernen Sternenpracht ist versunken. Aber die Straßen wie riesige Schaufenster eines Juweliers glitzern und locken mit farbigen Strahlen. Alles ruft, bittet, befiehlt.«

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Arbeiten bis zum Kollaps: Die künstliche Beleuchtung stand jedoch nicht nur für Modernität, Luxus und Party, sondern bildete auch die Voraussetzung dafür, dass Menschen rund um die Uhr ausgebeutet werden konnten – die Ära der kräftezehrenden Nachtschichten setzte ein. Hier zu sehen: Arbeiter im Borsigwerk in Berlin-Tegel beim Gießen eines 70 Tonnen schweren Nietbügels (um 1920).

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Werbung, überlebensgroß: Ab dem 1. September 2022 soll sie zwischen 22 und 6 Uhr ausgeschaltet werden, um Energie einzusparen – die Leuchtreklame in den Innenstädten ist als Stromfresser entlarvt worden. Diese Illustration von 1914 stammt aus einer Zeit, als man mit Energie sorglos umging.

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Allerdings wurde in Krisen- und Kriegszeiten auch bereits in der Vergangenheit im öffentlichen Raum ab und zu das Licht ausgeknipst. So ordnete New Yorks Bürgermeister William O’Dwyer im Februar 1946 aufgrund von Energieknappheit an, die beleuchteten Außenschilder abzuschalten – das Foto aus jenen Tagen entstand auf dem Times Square.

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Das Ende der Nacht: Doch die von oben angeordnete Verdunklung dauerte nicht lange an – so sah es vor einem halben Jahrhundert nachts auf dem Times Square in New York City aus. Längst hatte sich nach der Glühbirne die als noch moderner geltende Neonröhre durchgesetzt.

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Die Neonreklame verwandelte auch die Städte des einstigen Ostblocks (hier zu sehen: der Wenzelsplatz in Prag im Jahr 1963) in nächtliche Lichtermeere. Aufgrund wirtschaftlicher Krise gingen in den Achtzigerjahren jedoch vielerorts die Lichter aus.

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In der DDR besaßen die nächtlich bunt strahlenden Schilder unter anderem eine politische Aufgabe: Die Leuchtreklame sollte die sozialistische Moral und den Absatz von Ostprodukten beflügeln. Diese »Löffelfamilie« wurde 1973 an der Karl-Liebknecht-Straße in Leipzig installiert. Nach dem Fall der Mauer wurde die berühmte Leuchtreklame 1993 zum Kulturdenkmal erklärt und 1999 mithilfe einer Spendenaktion saniert.

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Es boomt so bunt: Auch Hongkong verwandelte sich mit steigendem Wohlstand in ein Meer aus gleißender Lichtreklame. Welche Unmengen an Energie dort Nacht für Nacht verbraucht wurden, spielte damals keine Rolle.

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Doch jetzt soll – zumindest hierzulande – alles anders werden: Auf der Hamburger Reeperbahn nachts um halb eins (Foto) wird es künftig nicht mehr sündig strahlen, sondern schüchtern schimmern – vielleicht sorgt das Stromsparen ja sogar für ein wenig Romantik.

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