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30. Oktober 2018, 15:42 Uhr

Meuternde Matrosen

Kaiserdämmerung am Jadebusen

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Als in Kiel Matrosen rebellierten, begann die Novemberrevolution und endete das Kaiserreich. Der erste Funke aber zündete in Wilhelmshaven. Dort waren Admiräle sogar bereit, die eigenen Schlachtschiffe zu versenken.

Es war ein Einlenken in letzter Minute: Vom sicheren Tod trennten Hunderte Matrosen nur wenige Augenblicke. Am 30. Oktober 1918 schien die Marineleitung fest entschlossen, das Aufbegehren zahlreicher Soldaten und Heizer vor Wilhelmshaven mit allen Mitteln zu unterbinden. Was die Torpedierung der eigenen Schlachtschiffe einschloss.

Auf der "Thüringen" hatten Matrosen und Heizer die Feuer unter den Kesseln gelöscht, die Ankerwinden sabotiert, somit das Schiff fahruntauglich gemacht. Ihre Vorgesetzten hatten sie entwaffnet und sich selbst im Mannschaftsraum verbarrikadiert. "Mit keiner Himmelsgewalt waren sie herauszubekommen", notierte Franz Ritter von Hipper, Chef der kaiserlichen Hochseeflotte, in einem Tagebucheintrag. "Das Luk oben musste aufgebrochen werden, war von innen auch noch zugebunden. Leute mit geladenem Gewehr standen oben davor. Nun wurden die Leute aufgefordert herauszukommen. Niemand erschien - unten war alles Licht aus."

Admiral Hipper drohte nun mit dem Äußersten und ließ längs zur "Thüringen" Torpedoboote auffahren. Lieber wollte er das eindrucksvolle Großkampfschiff mitsamt Hunderten Mann Besatzung zerstören als Zugeständnisse machen. Der Schießbefehl war bereits erteilt, als langsam die ersten Meuterer erschienen. Der Widerstand war gebrochen. 300 Leute wurden verhaftet, weitere 100 auf der in der Nähe vor Anker liegenden "Helgoland". Hipper gab sich erleichtert: "Ein Glück, die Folgen wären nicht auszudenken gewesen." Mit seinem konsequenten Durchgreifen habe er eine Revolution seiner Soldaten verhindert, war der Flottenchef überzeugt.

Doch Hipper irrte. Die Revolution war nur aufgeschoben.

In diesem Jahr jährt sich der Kieler Matrosenaufstand zum 100. Mal. Er gilt als entscheidender Impuls für die Novemberrevolution, damit für das Ende des Ersten Weltkrieges und der Monarchie in Deutschland. Doch der revolutionäre Funke glomm bereits in Wilhelmshaven.

Eine letzte Attacke gegen die Royal Navy

Am Jadebusen hatte sich im Oktober 1918 die gesamte deutsche Flotte versammelt. Seit dem Kriegseintritt der USA 1917 war das Übergewicht der Alliierten erdrückend, das Kaiserreich stand mit dem Rücken zur Wand. Im Spätsommer 1918 war Deutschland militärisch besiegt, mit letzter Kraft stemmten sich die deutschen Soldaten gegen ein vollständiges Zusammenbrechen der Front. Überall in Deutschland wurde das Kriegsende erwartet.

Nur in Wilhelmshaven nicht. Im Gegenteil: Auf den Schiffen wurden die Kohle- und Munitionsvorräte aufgestockt - ein Auslaufen musste also unmittelbar bevorstehen.

Tatsächlich plante die Seekriegsleitung im Stillen einen Angriff auf die britische Flotte. Die Reichsregierung in Berlin war über den Vorstoß Richtung Themsemündung nicht informiert; sie steckte in Waffenstillstandsverhandlungen mit den Alliierten und hatte alles untersagt, was den Friedensprozess gefährden könnte.

Die Marineführung missachtete diese Anordnung und schritt zur Tat. Ob sie tatsächlich an einen Erfolg ihrer Operation glaubte, inwieweit sie ihre eigene politische Agenda verfolgte, ist bis heute strittig. Als sicher kann gelten, dass die Admirale keine Rücksicht mehr auf die Ziele des Reiches nahmen - es ging ihnen in erster Linie um die Flotte selbst. Das Leben der rund 30.000 Matrosen an Bord schien der Admiralität ein hinnehmbarer Preis für die Rettung der eigenen Ehre und Zukunft. Der Kommandant der "Thüringen" erklärte später, es sei darum gegangen, "mit wehender Fahne" unterzugehen.

"Lieb Vaterland magst ruhig sein, die Flotte schläft im Hafen ein"

Während die Admiralität vom Heldentod fantasierte, waren die Mannschaften nach vier Kriegsjahren ausgezehrt. Schon vor dem Befehl zur "Todesfahrt" war die Stimmung an Bord angespannt.

An den Matrosen nagte nicht allein die Unzufriedenheit über den eigenen Kriegsbeitrag. Bis auf die Skagerrakschlacht 1916 waren Kampfhandlungen der Marine, vor dem Krieg mit viel Aufwand aufgerüstet und großen Erwartungen aufgeladen, kaum zu verzeichnen. Bald spottete der Volksmund: "Lieb Vaterland magst ruhig sein, die Flotte schläft im Hafen ein." Auch die miserable Versorgungslage ließ viele Matrosen murren. Schon 1917 kam es zur ersten Revolte, doch die Admiralität griff hart durch: Zahlreiche Matrosen wanderten ins Gefängnis, zwei wurden gar zum Tode verurteilt.

Archivaufnahmen der Kaiserlichen Flotte

Der Graben zwischen unteren und oberen Dienstgraden vergrößerte sich weiter. "An Bord der Schiffe gab es zwei vollkommen unterschiedliche Lebenswelten, die der einfachen Matrosen und die des Offizierskorps", erklärt Stephan Huck, Leiter des Deutschen Marinemuseums in Wilhelmshaven. "Insbesondere die jüngeren Offiziere nahmen sich Privilegien heraus, die - je länger der Krieg dauerte - unangemessen erschienen."

Das zeigte sich vor allem bei der Verpflegung: Die Mannschaft musste sich mit "Kälberzähnen" (Graupeneintopf), "Negerschweiß" (Ersatzkaffee) und "Drahtverhau" (undefinierbarer Eintopf) begnügen. In der Offiziersmesse wurde derweil üppig aufgefahren - vor den Augen der Mannschaft. "Den Offizieren fehlte einfach das Gespür dafür, dass man im selben Boot sitzt", so Huck.

Das weckte die Wut auch ursprünglich kriegsbegeisterter Marinesoldaten. So bemerkte der Matrose Richard Stumpf "heftige Zornesausbrüche infolge des Umstandes, dass die Mannschaft hungert und darbt, während die Offiziere schlemmen und im Gelde schwimmen". Die Opferbereitschaft der Seeleute schrumpfte. Das Gefühl, für eine gemeinsame Sache zu kämpfen, war im Jahr 1918 längst verloren gegangen.

"Diese Stichflamme bringt die Kronen zum Schmelzen"

Ende Oktober verschärfte sich die Lage. Matrose Stumpf beobachtete bereits vor den Meutereien eine Stimmung, die "einem brodelnden Vulkan" gleiche: "Massenhafte Gehorsamsverweigerungen sind alltäglich geworden, man spricht darüber mit einem Gleichmut wie früher vom Pferderennen."

Als am 29. Oktober 1918 erst der Befehl zum Auslaufen gegen England am folgenden Tag erging, dann am 30. ein neuer Seeklarbefehl, eskalierte die Situation vollends. Schiffe wurden unbrauchbar gemacht, Matrosen blieben an Land. Auf der "Helgoland" und der "Thüringen" kam es zur gewaltsamen Meuterei. Die Seekriegsleitung musste einlenken. An den geplanten Kampfeinsatz war nicht mehr zu denken, nun ging es um Schadensbegrenzung.

Zwecks Entschärfung wurde das besonders aufmüpfige III. Geschwader in den Heimathafen Kiel zurückgesandt. Auf dem Weg fällte Geschwaderkommandant Hugo Kraft einen folgenschweren Entschluss: Er ließ 47 weitere Matrosen verhaften. Die verbleibenden Matrosen kochten vor Wut.

Als Ventil beschlossen die Offiziere, den in Kiel ankommenden Mannschaften ausgiebigen Landurlaub zuzugestehen. Spaziergänge und Kinobesuche sollten die Ereignisse von Wilhelmshaven vergessen machen. Doch der Landurlaub bewirkte das Gegenteil: Die zornigen Soldaten trugen den Konflikt in die Stadt. In Kiel schafften sie, was ihnen in Wilhelmshaven nicht gelang - die Arbeiter schlossen sich ihnen an, schnell entstanden Soldaten- und Arbeiterräte. Die Revolution griff weiter um sich.

"Ohne Wilhelmshaven gäbe es kein Kiel", beschreibt Stephan Huck die Bedeutung der Ereignisse am Jadebusen. Die Wilhelmshavener Meuterei sei die Initialzündung, der erste Funke der Revolution gewesen. So sah es auch Carl Richard Linke. In einer Rede vor Soldaten rief der 29-jährige Matrose am 9. November 1918:

"Der Widerstand gegen den Flottenvorstoß ist zu einer hochpolitischen Bewegung herangewachsen, die gleich einer heißen Stichflamme von der Jade her über das Land schlägt. Wir verspüren sie nur als wohlige Wärme, doch an allerhöchster Stelle bringt sie die Kronen zum Schmelzen." Noch am selben Tag dankte Kaiser Wilhelm II. ab, am 11. November endete mit dem Waffenstillstand der Erste Weltkrieg.

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