Erstbesteigung des Matterhorns "Das beste Blut Englands verschwendet"

Briten und Italiener lieferten sich 1865 ein Wettrennen um die Besteigung des Matterhorns. Die Sieger jubelten, verhöhnten ihre Widersacher - dann riss ein Seil. Chronik der ersten Tragödie des Alpinismus.

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Er war gewarnt. Dieser Berg sei unbezwingbar, raunten die Talbewohner am Matterhorn dem britischen Bergsteiger Edward Whymper zu. Auf dem Gipfel befinde sich eine Stadt in Trümmern, bewohnt von Geistern der Verdammten. Diese "wütenden Teufel" würden Felsbrocken auf jeden "Frevler" hinabschleudern, der sich dem Gipfel nähere.

Whymper hielt das für Geschwätz. Er wollte Geschichte schreiben und als Erster diesen großen Alpen-Gipfel stürmen. An Übernatürliches glaubte er keine Sekunde. Bis zu jenem 14. Juli 1865, der ihn zeitlebens verfolgen sollte.

Soeben waren vier seiner Begleiter am Matterhorn in die Tiefe gestürzt: ein Fehltritt, ein Schrei, ein gerissenes Seil. Und unmittelbar danach sah Whmyper plötzlich ein Regenbogen und zwei riesige Kreuze, gebildet aus Nebelwolken. "Ein furchtbarer und wunderbarer Anblick, den ich noch nie gehabt hatte", notierte der Brite später erschüttert. Das Ganze kam ihm wie "ein Bote aus einer anderen Welt" vor.

"Eine fürchterliche Rache"

Whymper und seine beiden verbliebenen Männer waren sich einig, wie sie die Nebelkreuze deuten sollten: Ihre Kameraden waren tot. Abgestürzt nach ihrem größten Erfolg, der Besteigung des vermeintlich unbezwingbaren Matterhorns. Der Berg, so Whymper, habe als "heimtückischer Gegner" eine "fürchterliche Rache" genommen.

Bei kaum einem Gipfel liegen Triumph und Tragödie so nahe zusammen wie beim Matterhorn. Das Drama vor 150 Jahren machte den Berg bei Zermatt über Nacht weltbekannt. Luis Trenker drehte hier später mit "Der Berg ruft" sein bekanntestes Werk, Walt Disney ließ sogar eine Replik des Berges im Disneyland aufbauen. Auch in zahlreichen Romanen wurde das Duell Mensch gegen Natur ans Matterhorn verlegt. Heute ist der "Zuckerhut mit schiefer Spitze" (Whymper) ein Symbol der Schweiz wie würziger Käse und präzise Uhren.

Aus Sicht von PR-Strategen hätte der Region also nichts Besseres passieren können als das Unglück. In Wahrheit aber raubte es dem jungen Bergsteigersport seine Unschuld.

"Ist das nicht kriminell?"

Dem Suchtrupp bot sich damals ein Anblick des Grauens. Er fand zerschmetterte Gliedmaßen und nackte Körper; die Wucht des Absturzes hatte den Bergsteigern die Kleider vom Leib gerissen. Vom Kopf des Bergführers Michel Croz wurde nur der Unterkiefer entdeckt, überhaupt keine Überreste fanden sich von der Leiche des jungen britischen Lords Francis Douglas.

Der erste tödliche Unfall beendete faktisch eine bis dahin glorreiche Epoche, das Goldene Zeitalter des Alpinismus: Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hatten europäischen Bergsteiger einen Gipfel nach dem anderen gestürmt, um den Ruhm ihrer Heimat zu mehren. Jetzt fragten Zeitungen wie die "Times" anklagend: "Warum muss das beste Blut Englands für das Ersteigen unzugänglicher Gipfel verschwendet werden? Ist das zulässig? Ist das die Pflicht? Ist das nicht kriminell?"

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Erstbesteigung Matterhorn: Die Rache des Berges

Der glühende Patriotismus, mit dem Bergsteiger im Wettkampf mit anderen Nationen noch kurz zuvor als Helden verehrt wurden, war plötzlich verpufft. Edward Whymper, ein gelernter Holzstecher aus einfachen Verhältnissen, war ein Kind dieser Alpinismus-Begeisterung gewesen. Erst war er in die Schweiz gefahren, um sein Geld mit Illustrationen beliebter Berg-Panoramen zu verdienen. Dann hatte ihn selbst ein unbändiger Ehrgeiz gepackt - besonders am Matterhorn.

Acht Mal zwischen 1861 und 1865 versuchte er es hier. Jede Niederlage stachelte ihn weiter an. Er nahm sich vor, den Berg mit seinen Begleitern "so lange zu belagern, bis er oder wir besiegt seien", schrieb Whymper. Er beließ es nicht bei martialischen Worten. Im Juli 1862 fand er keinen Bergführer und zog kurzerhand allein los. Whymper kletterte auf 4085 Meter, so hoch wie niemand vor ihm. Dann fiel er.

"Noch drei Meter weiter, und ich wäre in einem riesigen Satz von 250 Metern auf den Gletscher hinuntergestürzt", schrieb er später. "Mein Blut floss aus mehr als 20 Wunden." Verzweifelt versuchte er sie mit der einen Hand zu schließen, während er sich mit der anderen an einem Felsen festkrallte, um nicht abzustürzen. "Es war nutzlos, das Blut spritzte bei jedem Pulsschlag hervor." Schließlich griff er in den Schnee, stoppte so die Blutungen und schleppte sich - zwischendurch ohnmächtig - irgendwie ins Tal zurück.

Schon vier Wochen später griff er erneut an, dieses Mal brach er seinen eigenen Rekord um 15 Höhenmeter. Bis zur Spitze fehlten nur noch knapp 400 Meter, doch senkrechte, überhängende Felswände schienen das Vorhaben unmöglich zu machen. Whymper aber suchte unbeirrt nach neuen Routen - so auch am 13. Juli 1865.

Diesmal probierte er es über den Hörnligrat zwischen der Ost- und Nordwand. Seine Mannschaft musste der Brite überstürzt zusammenstellen, als er erfuhr, dass der Italiener Jean-Antoine Carrel, einst Whympers eigener Bergführer, bereits aufgebrochen war. Whmyper fühlte sich von seinem alten Gefährten hintergangen, der ihm versprochen hatte, gemeinsam den Berg zu bezwingen. So entspann sich am Matterhorn ein nationales Wettrennen zwischen Italien und Großbritannien. Es war gleichzeitig das Duell einstiger Freunde.

Carrels Team hatte aus patriotischen Gründen die schwierigere Strecke von Italien aus gewählt. Für die Briten, geleitet vom erfahrenen französischen Bergführer Michel Croz, lief es dagegen optimal. Whympers neue Route entpuppte sich als Glücksgriff: Nach einer Nacht im Zelt auf 3350 Meter ging es am nächsten Morgen über eine mächtige, natürliche Treppe von 900 Metern schnell Richtung Gipfel. Einige Stellen waren schwierig, aber als Whymper die letzte "ziemlich schlimme Ecke" überwunden hatte, wusste er, dass er gewonnen hatte.

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"Um Viertel vor zwei lag die Welt zu unseren Füßen, und das Matterhorn war besiegt. Hurra!" Zuvor, auf den letzten Metern zum Gipfel, hatte der Brite sich aus dem Seil gelöst - ob gebunden oder geschnitten ist umstritten - und ein internes Wettrennen gegen seinen Bergführer Croz gewonnen. Viel wichtiger aber war: Croz und Whymper entdeckten auf dem Gipfel keine anderen Fußspuren.

Dann sahen sie die Italiener, etwa 400 Höhenmeter tiefer. Um den Triumph perfekt zu machen, brüllten die Briten zu ihnen hinunter und rollten Felsbrocken den Berg hinab. "Die Italiener machten kehrt und flohen", notierte Whymper später selbstzufrieden. "Ich hätte gewünscht, dass … (Carrell) in diesem Augenblick neben uns gestanden hätte, denn unser Siegesgeschrei sagte ihm, dass er sein höchstes Lebensziel verfehlt hatte."

Griff zum falschen Seil

Sofort bastelten die Männer aus einer Zeltstange und einem Hemd eine provisorische Fahne. Nach einer Stunde Rast ging es wieder bergab, Whymper kehrte als Letzter zurück. Mitten in der Euphorie des Sieges glitt der Brite Douglas Hadow aus und stürzte drei Begleiter 1200 Meter mit sich in die Tiefe, bevor das Seil riss.

"Das Werk eines Augenblicks", schrieb Whymper noch Jahre später fassungslos. Um genau diese Sekunden entbrannte ein heftiger Streit um die Schuldfrage, die bis heute nicht endgültig geklärt ist. "Mit Entsetzen" habe er sofort gesehen, schrieb Whymper, dass seine Mannschaft versehentlich das schwächste der drei mitgebrachten Seile benutzt hätte. Zum Sichern am Berg sei es "nicht bestimmt und hätte auch nie dazu verwendet werden sollen".

Mit dem Seil aber riss auch der Zusammenhalt unter den Überlebenden. Einig war man sich nur in der Strategie, auch den Verstorbenen zumindest einen Teil der Schuld zuzuschieben. Warum war ausgerechnet Croz, zweifellos der beste der drei Bergführer, vorangegangen? So konnte er beim Sturz seines Hintermannes nicht mehr eingreifen. Wieso war überhaupt der 19-jährige Hadow, der sich den Fehltritt leistete, mitgekommen? Hadow war ein exzellenter Kricketspieler, in den Bergen aber ein Anfänger mit schlechtem Schuhwerk.

Verbitterter Held

Am härtesten traf die Empörung aber den Bergführer Peter Taugwalder Senior - dabei hatte er womöglich seinem Sohn, Whymper und sich selbst das Leben gerettet. Als die vier Männer vor ihm fielen, stemmte sich der Schweizer mit all seiner Kraft gegen das Seil. Er habe, beteuerte er mehrmals, noch geistesgegenwärtig eine Seilschlinge um einen Felszacken geschlungen, um dem Ruck standzuhalten.

Genau diese Version aber bestritt Whymper beharrlich, denn eine Schlinge hätte bedeutet, dass er selbst das Seil nur lose und damit wenig fachmännisch gehalten hätte. Schlimmer noch für Taugwalder: Ein österreichischer Journalist behauptete, der Bergführer habe das Seil durchgeschnitten, um sein Leben zu retten - eine langlebige, völlig haltlose Legende, die Experten wie Reinhold Messner noch heute zornig macht.

Damals aber konnte Taugwalder noch so oft die Narben an seinen Händen zeigen, die er sich beim Festhalten des Seils zugezogen hatte - die Leute mieden ihn. Verbittert wanderte er in die USA aus. Acht Jahre später kehrte er nach Zermatt zurück, schottete sich aber auch dort ab bis zu seinem Tod.

Whymper hingegen galt trotz der Tragödie bald als bester Bergsteiger seiner Zeit. Sein Buch "Scrambles amongst the Alps", in dem er seine Erlebnisse am Matterhorn beschrieb und mit eigenen Illustrationen so bebilderte, als wäre es eine Live-Reportage, wurde als Meisterwerk der Alpenliteratur gefeiert. Zumindest er hatte diesen Berg wirklich besiegt.



insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
Herbert Meier, 14.07.2015
1. besser ein paar
...besteigen einen berg un verunglücken dabei. als andere Verrückte senden Hunderttausende in den Tod, wie weiland Napoleon, um mal in der Zeitepoche zu bleiben. Mit Ihrer Besteigung haben sie den, seit über hundert Jahren dauernden Tourismusboom begründet. Das ist mehr als alle Kriegsherren die letzen 1000 Jahre zustande gebracht haben!
Marc Wodischek, 14.07.2015
2. Font
Guten Tag, mir fällt auf, dass die Schriftart der "einestages" Wartikel von der in anderen "normalen" Spiegel Artikeln abweicht. Können sie mir sagen wie diese Schriftart heißt? Vielen Dank!
Bernhard Richert, 14.07.2015
3. Viele Tote nach der Erstbesteigung
Whymper hat es mehrmals erfolglos versucht. Vermutlich auch andere. Aber niemand ist dabei tödlich verunglückt. Nach der Erstbesteigung soll es jedoch fast 600 Todesfälle gegeben haben. Warum?
Wolfgang Pusch, 14.07.2015
4. @3 Warum, warum, warum...?
Warum gibt es jährlich tausende Tote im Straßenverkehr? Ganz einfach: Weil Millionen Autofahrer unterwegs sind und jeder individuelle Fehler macht, die dann halt in einem Bruchteil der Fälle zur Katastrophe führen. Und am Matterhorn ist`s ganz genauso. In diesen 150 Jahren waren hunderttausende am Berg unterwegs, viele davon haben kleine und großer Fehler bei der Besteigung gemacht und einige davon haben eben zur Katastrophe geführt, ganz einfach.
Axel Weitermann, 14.07.2015
5.
Wo wäre die Menschheit heute nur, wenn das Matterhorn nicht bestiegen worden wäre? Und all die anderen Berge. Das hat die Welt so richtig voran gebracht.
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