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Eingesperrte DDR-Bürger: »Die Mauer war doch richtig!«

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Mauerbau vor 60 Jahren »Ich wollte nicht, dass mein Hoffnungsland DDR ausläuft wie ein durchgerosteter Eimer«

Die Berliner Mauer trennte Familien und sperrte die DDR-Bürger ein. Dennoch rechtfertigten viele das Monsterbauwerk – auch Wolf Biermann, der am 13. August 1961 als Student zur Agitation gerufen wurde.

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Die DDR-Machthaber fürchteten sich vor ihrem Volk. »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten«, behauptete Walter Ulbricht als Staats- und Parteichef noch am 15. Juni 1961 – eine der wuchtigsten Lügen der Geschichte. Im Sommer, kurz vor dem Mauerbau, vertraute er dann dem sowjetischen Botschafter Michail Perwuchin an, man müsse »mit Massenaufläufen, offenen Versuchen des Ungehorsams, Schlägereien und vielleicht sogar mit Schießereien rechnen«.

Der große Bruder handelte fürsorglich: Marschall Andrej Gretschko, Oberbefehlshaber der Streitkräfte des Warschauer Pakts, ordnete an, das DDR-Gesundheitsministerium müsse dem Verteidigungsministerium bis zum 10. August 35.000 Krankenhausbetten zur Verfügung stellen, um kurzfristig Armeelazarette einrichten zu können.

Doch der Aufstand der Bevölkerung nach der Grenzschließung am 13. August 1961 blieb aus, zur Überraschung von SED und Staatssicherheit. Es gab nur vereinzelte Proteste: Hier rief ein Handzettel zum Widerstand auf, dort erregten sich einige versprengte Demonstranten, dazu kleine Streiks in einigen Betrieben. Während in West-Berlin Hunderttausende zu einer Kundgebung vor dem Rathaus Schöneberg strömten, herrschte im Osten weithin Friedhofsruhe. Wo einst die innerstädtische Grenze verlief, erläutert ein Text der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße, »erstickte das SED-Regime den aufflackernden Protest im Keim, die Volkspolizei zerstreute jede Menschenansammlung«.

Unterdrückten wirklich die Sicherheitsorgane jeden Widerspruch? Oder ist die gängige Annahme falsch, dass der Mauerbau in der DDR auf breite Ablehnung stieß?

Größere Proteste blieben aus

Der Historiker Robert Rauh, 1967 in Ost-Berlin geboren, stellt in einem neuen Buch das bisherige Geschichtsbild infrage. Er wundert sich, wie sich unbewiesene Behauptungen über den Widerstandswillen der DDR-Bürger im kollektiven Gedächtnis festsetzen konnten: »Obwohl keine statistischen Erhebungen über die Haltung der Ostdeutschen im August 1961 vorliegen, herrscht in der Forschung Konsens darüber, dass die Mehrheit dagegen war.«

So behauptete etwa Gerhard Sälter, Historiker der Gedenkstätte Berliner Mauer, 2011 in einer Publikation mit dem Fachkollegen Manfred Wilke: »Weder der nächtliche Aufmarsch bewaffneter Männer noch die Schließung der Grenze stieß bei den Ost-Berlinern mehrheitlich auf Zustimmung.« Auch die Historiker Armin Mitter und Stefan Wolle glaubten »unter der Bevölkerung ein quantitativ schwer auszumachendes Widerstandspotential« ausgemacht zu haben, »das in jedem Fall größer war als die Zahl derjenigen, die uneingeschränkt hinter der Regierung standen«.

Die Mehrheit war gegen den Mauerbau – stimmt das? Diese These stützt sich vor allem auf Mutmaßungen früherer DDR-Bürger, die bald darauf in den Westen geflüchtet waren. Sie berichteten, dass »80 Prozent der Bevölkerung diese Maßnahmen nicht billigen« oder »95 Prozent nicht mit dem Regime einverstanden« seien. Zwangsläufig ergebe sich die Frage, »warum die DDR-Bürger nicht massenhaft protestiert haben«, sagt Buchautor Rauh, der als Lehrer und Seminarleiter in Berlin arbeitet.

Aufatmen bei SED und Stasi

Die Volkspolizei und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) registrierten jeden noch so kleinen Vorfall am 13. August 1961. In den Meldungen und Lageberichten finden sich nur punktuelle Proteste an lediglich 5 von 85 Berliner Sektorenübergängen mit »Ansammlungen« von 100 bis 500 Personen. Über den ganzen Tag verteilt kamen kaum 8000 DDR-Bürger an die zunächst nur mit Stacheldraht, spanischen Reitern und Hohlblocksteinen abgeriegelte Grenze – und darunter waren auch Schaulustige und Befürworter des Mauerbaus.

DER SPIEGEL
Foto: SPIEGEL TV

Die Dokumentation Deutschland '61 - Countdown zum Mauerbau läuft am Freitag, 13. August, 22:35 Uhr bei SPIEGEL Geschichte  und vom 9. Aug. 21:50 Uhr bis 8. Sept. 21:50 Uhr auf Abruf bei Sky.

Die SED-Bezirksleitung konnte bereits am Nachmittag erleichtert bilanzieren, in der Hauptstadt der DDR herrsche »ein normales sonntägliches Leben«. Das MfS, dessen Spitzel die Haltung der Bevölkerung erkundeten, berichtete, dass »die positiven Stellungnahmen weitaus überwiegen«; hervorgehoben werde, dass »endlich der ›Republikflucht‹ ein Riegel vorgeschoben« und »den Grenzgängern und Schiebern das Handwerk gelegt« worden sei.

Mag sein, dass die »rituelle Feststellung einer zustimmenden Haltung der Bevölkerungsmehrheit zur Politik der Führung typisch für MfS-Stimmungsberichte« war, wie die Historikerin Daniela Münkel schreibt. Dennoch traf die SED-Propaganda den Nerv vieler DDR-Bürger: Mit Neid und Missgunst betrachteten sie die »Grenzgänger«, die in West-Berlin arbeiteten und in oder nahe Ost-Berlin wohnten.

Diese Pendler erhielten einen Teil ihres Gehalts in Westmark und kauften Konsumgüter, die in der DDR Mangelware oder gar nicht erhältlich waren. Oder sie tauschten das Westgeld zum günstigen Kurs von mindestens eins zu vier in Ostmark. Davon bezahlten sie im Osten die günstigen, weil staatlich subventionierten Lebensmittel und die Miete – jedenfalls bis Anfang August. Acht Tage vor dem Mauerbau meldete das »Neue Deutschland«, der Berliner Magistrat habe die »Wünsche der Bevölkerung« erfüllt: »Grenzgänger werden registriert und zahlen Miete, Strom, Gas und Wasser in Westgeld.«

Im Juli 1961 waren bei den West-Berliner Arbeitsämtern 61.200 Grenzgänger registriert. Hinzu kamen schätzungsweise 20.000 illegale, vorwiegend weibliche Grenzgänger, die vor allem in der Textilbranche oder als Reinigungskräfte in Privathaushalten tätig waren. Kurz vor dem Mauerbau arbeitete also mutmaßlich jeder zehnte der Ost-Berliner Erwerbstätigen in West-Berlin – und fehlte dem DDR-Arbeitsmarkt, den die anhaltende Fluchtbewegung ohnehin ausgedünnt hatte.

»Wir klingelten an den Wohnungstüren und quasselten die misstrauischen Bürger zwischen Tür und Angel voll.«

Wolf Biermann, damals Philosophiestudent

An die Notwendigkeit des Mauerbaus glaubte auch Wolf Biermann, der 1961 in Ost-Berlin Philosophie an der Humboldt-Universität studierte. 2016 schilderte der Liedermacher in seiner Autobiografie, wie er am 13. August 1961 »mit etlichen Studenten meiner Seminargruppe« zwecks Agitation »abkommandiert« wurde, um in Haushalten an der Sektorengrenze Flugblätter zu verteilen: »Wir klingelten an den Wohnungstüren und quasselten die misstrauischen Bürger zwischen Tür und Angel voll.«

Die »vorübergehende« Grenzschließung, argumentierte er damals, sollte »West-Berliner Schmugglerhorden« daran hindern, »unsere volkseigenen HO-Läden rechtswidrig leerzukaufen«, indem sie »zum Schwindelkurs von 1:5 das ohnehin schon spottbillige Brot und Fleisch und die sozialistische Butter« den Werktätigen der DDR vorenthielten. Auch sollten Grenzgänger »nicht länger im Westen für Westgeld arbeiten, aber im Osten für niedrige Mieten spottbillig wohnen dürfen«.

Biermann, 1936 in Hamburg geboren, 1953 in die DDR übergesiedelt und 1976 als Schlüsselfigur der DDR-Opposition ausgebürgert, »begrüßte damals den Bau der Mauer als Rettung in höchster Not«: »Ich wollte nicht, dass mein Hoffnungsland DDR ausläuft wie ein durchgerosteter Eimer.«

»Der Mauerbau war richtig«, sagen viele Ex-DDR-Bürger in einer Umfrage

So empfanden es viele Bürger. Dass die Menschen sich mit dem SED-Staat arrangierten, zeigt nach Rauhs Ansicht die Geburtenrate als »ein entscheidendes Indiz«: Sie stieg von 1961 bis 1963 kräftig, anders als nach dem gescheiterten Volksaufstand 1953 oder in den Krisenjahren 1956/57.

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Eingesperrte DDR-Bürger: »Die Mauer war doch richtig!«

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Rauh rechtfertigt den Mauerbau natürlich nicht, der Buchtitel »Die Mauer war doch richtig!« ist ein Zitat eines Ost-Berliners. Die Mauer, stellt der Autor klar, war Unrecht: »17 Millionen Ostdeutsche wurden ihrer Freiheitsrechte beraubt, Familien und Freundschaften auseinandergerissen, und mindestens 140 Menschen verloren allein an der Berliner Mauer ihr Leben.«

Die Reaktionen der Bevölkerung auf diese Zäsur wurden bisher kaum erforscht. Deshalb befragte Rauh mit Marten Paetzelt, Student der Sozialwissenschaften an der Humboldt-Uni, von November 2020 bis April 2021 gut 600 ehemalige DDR-Bürger, die den Mauerbau miterlebt hatten. Knapp 54 Prozent beurteilten ihn als »aus damaliger Sicht richtig«– überraschend auch für Rauh, zumal von den Befürwortern fast jeder Dritte Verwandte im Westen hatte und mehr als ein Drittel die DDR für nicht demokratisch legitimiert hält.

Die Zahlen wirken paradox: Auch die meisten Befürworter glaubten nicht der SED-Propaganda, dass der Grenzwall dem Schutz der DDR und dem Erhalt des Friedens diene. Sie wussten, dass das Monsterbauwerk Familien trennte und die Reisefreiheit beschränkte. Dennoch rechtfertigen sie es noch im Nachhinein. Wie ist das zu erklären?

Aufschluss geben könnten private Schreiben von Ost nach West, wie sie die Romanistin Hildegard Baumgart 1971 unter dem Titel »Briefe aus einem anderen Land« publizierte: Sie geben, so Rauh, »einen authentischen Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt der Menschen«. Trotz »stellenweise überraschend offen geäußerter Kritik an der DDR« hätten Briefschreiber aus allen Generationen und Bevölkerungsschichten die Mauer verteidigt.

Massenprotest nur bei einem Rockkonzert

Zwei Beispiele unter vielen: Ein älterer Mann litt unter der Trennung von seinen in den Westen geflüchteten Söhnen und schrieb ihnen, zwar sei die Grenze mitten durch die Stadt »erschütternd, und doch war es allerhöchste Zeit, uns zu sichern und vor weiteren Verlusten zu bewahren«. Ein Ingenieurstudent aus Thüringen hatte auf der Leipziger Messe einen westdeutschen Kaufmann kennengelernt; er schrieb im Zuge einer jahrelangen Brieffreundschaft, für ihn sei »auch die Bundesrepublik kein Ideal«: »Es wäre mir nicht im Traum eingefallen, die DDR zu verlassen.«

Andere Ereignisse versetzten mehr DDR-Bürger in Unruhe, etwa die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 oder die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 nach einem Konzert in Köln. In den Papieren der Oppositionsbewegung der Achtzigerjahre war die Mauer kein Thema, ebenso im Gründungsaufruf des Neuen Forums vom September 1989 oder bei der Großdemonstration am 4. November 1989.

Protest gegen die Mauer hatte es zwei Jahre zuvor gegeben. An Pfingsten 1987 strömten rund 5000 vorwiegend jugendliche DDR-Bürger vor die Absperrungen am Brandenburger Tor, um ein Rockkonzert vor dem Reichstag im Westen wenigstens akustisch mitzuerleben. Als die DDR-Polizei begann, die Menge auseinanderzutreiben, skandierten die Menschen »Die Mauer muss weg!« und »Macht das Tor auf!«.

»Es war«, resümiert Rauh, »der einzige Massenprotest gegen die Mauer in der Geschichte der DDR.«

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