Mauerfall Der verwirrende 9. November

Ulf Buschmann jubelte nicht, als die Mauer fiel. Das Radio berichtete, die Grenze sei offen - und ihn beschlich ein ganz mulmiges Gefühl.

BRD-Grenzbeamte begrüßen die Neuankömmlinge aus dem Osten, angereist im mintfarbenen Trabi am Grenzübergang Helmstedt
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BRD-Grenzbeamte begrüßen die Neuankömmlinge aus dem Osten, angereist im mintfarbenen Trabi am Grenzübergang Helmstedt


Ich werde den 9. November 1989 nie vergessen. Ich fuhr abends gegen 22 Uhr auf der Autobahn. Ich hatte Radio an und hörte, dass die Menschen in Berlin vor Freude taumelnd durch die Stadt zögen: Die DDR-Regierung hatte die Grenzen gen Westen geöffnet. Das erste Mal in meinem damals 23-jährigen Leben empfand ich das Land, in dem ich aufgewachsen war, als fremd.

Während sich alle um mich herum freuten, konnte ich nicht in den Jubel einstimmen. "Das ist nicht mehr mein Land", hörte ich mich sagen, während ich in unserem alten grünen VW Golf über die Autobahn A 27 brauste. Aber warum? Ich brauchte einige Zeit, bis mir die Antwort klar wurde: Ich hatte nicht damit gerechnet. Ich war wie viele andere aus meiner Generation mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass die DDR ein souveräner Staat war. Hier waren wir, die Westdeutschen, jenseits der Grenze die Ostdeutschen. Uns verband zwar eine gemeinsame Geschichte, doch nach 1945 waren wir eigene nationalstaatliche Wege gegangen. Und jetzt sollten wir wieder eins werden? Das wollte nicht recht in meinen Kopf.

Am Abend war ich als Disc-Jockey für das Betriebsfest einer Bremer Bank gebucht. Die Banker dachten zuerst, ich wolle sie hochnehmen, als ich sagte, dass die Grenzen offen und die DDR-Bürger zu Tausenden gen Westen unterwegs seien. Einigen älteren Mitarbeitern standen die Tränen in den Augen, denn sie hatten "drüben" Verwandte.

Skeptiker, Chronist und Teil des Geschehens

Die Folgen der Grenzöffnung bestimmten meinen Alltag in den nächsten Wochen. Als freier Mitarbeiter unserer lokalen Medien berichtete ich darüber. Zum Beispiel über den Zorn der Einheimischen, wenn die Bremer Sozialbehörde wieder eine Sporthalle mit "Übersiedlern" aus der DDR belegte, weil sie dem Ansturm nicht Herr werden konnte. Und während ich vormittags Chronist der Ereignisse war, wurde ich am Nachmittag als Mitglied des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) selbst zu einem Teil des Geschehens.

Alle Angehörigen des DRK-Katastrophenschutzes wurden in Alarmbereitschaft versetzt, um nötigenfalls schnell Betten bauen zu können. Ich selbst gehörte als Leiter einer Bereitschaft zu den verantwortlichen Führungskräften und musste eine ganze Woche lang eine Rufbereitschaft organisieren.

Das bedeutete, abends das Haus nicht zu verlassen und meinem DRK-Kreisverband eine Nummer zu hinterlassen, unter der ich tagsüber erreichbar war. Das war leichter gesagt als getan, es gab schließlich noch keine Mobiltelefone. Und die Bremer Universität, an der ich studierte, war nicht gerade klein. Glücklicherweise hatte der für das Audimax zuständige Haustechniker Verständnis für meine Lage und die zweier weiterer Studienkollegen: Während unserer Vorlesungen rührte er sich nicht aus seinem Raum heraus und blieb am Telefon in Bereitschaft. Derweil wurden wir von unseren Mitstudenten gelegentlich komisch angeschaut, weil wir zu unseren zivilen Sweatshirts die grauen Diensthosen und blauen Hemden des DRK trugen.

Angekommen in der gesamtdeutschen Realität

Und weil wir Politikwissenschaftler waren, diskutierten wir in den kommenden Semestern heftig über das, was in unserem Land geschah. Besonders gespalten waren wir, wenn es um die Hauptstadtfrage ging. Eine Abstimmung in einem der Seminare fiel genauso knapp für Berlin aus wie später im Bundestag. Auch ich sprach mich für die Spree statt für den Rhein aus. Meine Begründung: So steht es im Grundgesetz.

Doch ich brauchte Jahre, um in der gesamtdeutschen Realität anzukommen. Erst 1996, nachdem ich eine Krebserkrankung überstanden hatte, wurde ich zu dem, was die Menschen wohl gemeinhin einen Patrioten nennen - einem mit linksliberalen Wurzeln. Diesen Paradigmenwechsel habe ich erst vollziehen können, seitdem ich die neue Wirklichkeit akzeptiert habe, und weil ich entdeckte, welche Möglichkeiten sich uns in diesem Land bieten. Was nützt es uns letztlich, immer der Vergangenheit nachzutrauern? Wir sollten nach vorne schauen. Übrigens: Heute kann ich sogar die Nationalhymne auswendig - die gesamtdeutsche.



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