Mauerfall "Das glaub ich nicht!"

Diskussionen, Demonstrationen, Umbruchstimmung: Was seine Freundin ihm aus der DDR berichtet, konnte sich Eckard Klages nicht vorstellen. "Die werden alle Reiseerleichterungen wieder zurücknehmen", sagte er noch beim Abendessen. Da tanzten schon Menschen auf der Berliner Mauer.

Mauerfall 1989: Für Lange Zeit unvorstellbar
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Mauerfall 1989: Für Lange Zeit unvorstellbar


Das Feuer knisterte, und es zischte im Kamin, wenn das Fett aus dem Kotelett in die Flammen tropfte. Wir drehten die Eisenzangen langsam hin und her, damit unser Fleisch von allen Seiten knusprig braun wurde. Koteletts selbst über dem offenen Feuer zu grillen, war eine Spezialität in "Bremers Bauerndiele". Der Dorfschmied hatte vor Jahrzehnten Spezialzangen geschmiedet. In diesen saß das Kotelett fest und konnte wunderbar vor sich hinbrutzeln. Dazu tranken wir heißen Apfelsaft mit Calvados. Es war saugemütlich. Nach der Radtour durch das grässliche und kaltfeuchte November-Wetter wurde uns langsam wohlig warm.

Wir hatten uns lange nicht gesehen. Anke war zuletzt für vier Wochen in Leipzig gewesen. Sie hatte die Erlaubnis erhalten, als westdeutsche Studentin in der Uni-Bibliothek für ihre Diplomarbeit über Frauenrechtlerinnen der Weimarer Zeit zu recherchieren. "Es war eine unglaubliche Erfahrung", sagte sie. "Du machst Dir keine Vorstellung davon, was im Osten los ist. Was hier in den Nachrichten erscheint, ist nichts im Verhältnis zu der Stimmung in Leipzig. Die einen hauen ab in den Westen, die andern diskutieren über Demokratie, freie Wahlen und über einen menschenfreundlichen Sozialismus. Keiner weiß, was in den nächsten Tagen und Wochen passiert."

"Kaum lässt man dich mal in die ,Ostzone', schon zettelst du dort einen Aufstand an." Anke ging auf meine Blödelei nicht ein. "Ich fürchte, dass sich die SED an der Zerschlagung der chinesischen Opposition auf dem ,Platz des himmlischen Friedens' orientieren wird. Man kann nur hoffen, dass die NVA und die Volkspolizei Gehorsam durch Vernunft ersetzen", sagte Anke. "Ich habe Diskussionen in Leipzig miterlebt, die wären hier unter Studenten nicht möglich. Demokratie interessiert hier nicht so, die hat man! In der DDR geht es nicht mehr um die SED. Die gehen einfach davon aus, dass die kein Volk und keine Macht mehr haben. Die Studenten haben eher Angst, dass sich in den Bürgerrechtsbewegungen die falschen Leute durchsetzen und die Macht an sich reißen."

"Ich glaube nicht an wirkliche Veränderungen in der DDR", antwortete ich. "Im Gegenteil, ich bin davon überzeugt, dass jegliche Reiseerleichterungen wieder zurückgenommen werden, wenn die DDR-Führung mitbekommt, wie ausreisewillig das Volk wirklich ist."

Wir setzten uns an den Tisch und bekamen diverse Salate zu unserem Kotelett. Der Wirt brachte uns ein weiteres Mal heißen Apfelsaft mit Calvados. Ich konnte mir absolut nicht vorstellen, dass Ankes Erzählungen einen realistischen Hintergrund hatten. Ich war mit der Existenz dieses Staates groß geworden. Mit Begriffen wie SBZ, Ostzone und DDR - mit und ohne Anführungszeichen. Wir diskutierten lange über Ankes Erfahrungen, sprachen über ihre Diplomarbeit und erzählten uns neue und alte Witze aus der DDR.

Es war schon sehr spät, als ich, noch einmal durchgefroren, mein Fahrrad in die Garage stellte. In der Küche machte ich mir noch einen heißen Tee und schaltete aus Gewohnheit den Fernsehapparat ein. Es lief gerade der Filmausschnitt, in dem Walter Momper aus der Diskussionsrunde im Fernsehen lief, um live an der Grenze dabei zu sein. Es wurden Bilder von Trabbis gezeigt, die über die Grenze fuhren. Menschen, die laut schreiend das Gefühl genossen, einfach die Grenze überschreiten zu können. Eine wahnsinnige Massen-Euphorie, Spaß, Freude, Party.

Ich wählte Ankes Nummer und ließ es lange bimmeln. Ich musste noch ein zweites Mal wählen. Dann nahm sie ab. "Du? Ist dir was passiert?"

"Hast du den Fernseher noch nicht angehabt?" Anke verneinte. "Ich muss doch schlafen." "Das musst Du jetzt miterleben", sagte ich. "Die Mauer ist auf. Sieh Dir die Bilder an. Junge Leute, die auf der Mauer tanzen, die Trabbis, die durch Westberlin rollen, überall eine Wahnsinns-Party."

Anke hatte an meiner Stimme längst gehört, dass ich sie nicht veralbern wollte. "Danke, dass Du mich angerufen hast, danke auch für den schönen Abend." Wir legten auf. Ich sah mir weiter die Bilder an. Irgendwann kamen mir die Tränen, ich ließ es einfach geschehen, auch wenn ich diese Gefühlsregung nicht begreifen konnte. War es der historische Augenblick, den ich miterleben konnte? Ein tief vergrabenes Nationalgefühl, das sich mittels Tränen endlich nach draußen traute?

Alle möglichen Bilder schossen mir durch den Kopf. Die abgesetzten Greise der SED beim Dinner einer bedeutungslosen Exilregierung in Moskau. Fahrradurlaub an der Oder. Einmal oben auf dem Brocken stehen. Tausende von Vogelscheuchen, die in NVA-Uniformen ihre Pflicht taten. Wolf Biermann, der mit seiner Gitarre durch den Palast der Republik wanderte und aus lauter Trotz und Schabernack das Lied vom sozialistischen Gang spielte. Unsere westdeutschen SED-Anhänger von der DKP, zusammengesunken wie Marionetten, die ihre Schnüre verloren hatten.

Ich saß nachts um zwei mit einem Glas Wein vor dem Fernsehapparat und lachte über meine eigenen Witze. Beim Aufwachen lag ich immer noch in meinem Sessel. Die Bilder der vergangenen Nacht wurden wiederholt. Kein Kribbeln mehr - die offene Grenze gehörte bereits jetzt zur Geschichte dieses Landes.



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