Mein Mauerfall Fahrt in die Freiheit

In der Nacht des 9. November 1989, auf dem Weg zur Grenze - und plötzlich ist der Tank leer. Nur weil Wildfremde ihr Benzin schenkten, kam Fotografin Ute Mahler nach West-Berlin. Und erlebte an der Mauer die Menschen im Glückstaumel.
DDR-Fotografin Ute Mahler

DDR-Fotografin Ute Mahler

Foto: imago

Ich glaube, mit meinem Beruf war ich privilegiert. Ich war nicht angestellt, sondern nur mir verantwortlich, ich war nicht in der Partei. Ich befand mich in einer Gruppe von gleichgesinnten Kollegen und fotografierte Dinge, die mich interessierten. Geld verdiente ich mit Modefotos, Porträts und dem Fotografieren von Rockgruppen.

Ich habe für die "Sibylle" gearbeitet, das war eine "Zeitschrift für Mode und Kultur" vom Verlag für die Frau, die sechsmal pro Jahr in einer Auflage von 200.000 Exemplaren erschien und immer sofort vergriffen war. Wir haben Kleider fotografiert, die dann fast ein Jahr später im Heft veröffentlicht wurden, weil der Verlag langen Vorlauf hatte. Die Aktualität war also sowieso weg, und die Kleider konnte man ein Jahr später eh nicht mehr kaufen. Im Grunde genommen war es ein Bilderbuch, man konnte Anregungen bekommen, wie man sich kleiden kann, wie man selbstbewusst und individuell sein kann.

Meist arbeiteten wir in Berlin und fuhren mit unseren eigenen Fahrzeugen zum Fotoshooting. In der "Sibylle"-Redaktion gab es nur ein Dienst-Auto, und wir konnten es beim Fotografieren nicht allzu häufig benutzen.

Weite Reisen waren selten, einmal im Jahr an die Ostsee oder in den Thüringer Wald war schon super. Die "Sibylle" hatte mit dem Reisebüro der DDR eine Vereinbarung, einmal im Jahr ging es ins Ausland. Weil wir ja mehrere Fotografen waren, gab es diese Möglichkeit für den Einzelnen nur alle paar Jahre.

Ansonsten fand vieles in der Friedrichstraße vor der Tür der Redaktion statt. Ich weiß nicht, wie viele Serien in der Umgebung vom Redaktionsgebäude entstanden sind. Die Models zogen sich in der Redaktion um, dann suchte man einen Hintergrund und fotografierte. Das klingt ein bisschen simpel, aber jeder Fotograf hatte natürlich seine eigene Idee und seine eigene Bildsprache. Deshalb sahen die Bilder auch verschieden aus, obwohl wir am selben Ort fotografiert haben. Ich fand den Gendarmenmarkt für Modefotos sehr schön. Er hatte so ein Flair und wirkte so französisch auf mich. Auch der Bahnhof Friedrichstrasse war ein guter Ort für Modefotos.

Neuanfang nach der Wende

Zu Ostzeiten habe ich Rockgruppen fotografiert, Schauspieler, Maler. Wenn ich in den Achtzigerjahren gewusst hätte, wie die Situation sich entwickeln würde, hätte ich in meinen freien Projekten viel intensiver dokumentarisch gearbeitet und weniger so subjektiv auf die Dinge reagiert.

Ab Mitte der Achtzigerjahre gab es für mich das Gefühl der Stagnation. Was die Arbeit betrifft, hatte ich das Gefühl, alles gemacht zu haben, was für mich möglich war, ohne dass ich mich verbog. Bestimmte Wünsche hatte ich ausgeklammert. Ich wäre natürlich gern in die Welt gereist und hätte als Reporter an den Brennpunkten des Weltgeschehens fotografiert. Das war ausgeschlossen, weil ich bei keiner staatlichen Institution angestellt war und eben nicht in der Partei. Aber das, was mir möglich war, das habe ich machen können. Das hat mir auch eine lange Zeit genügt. Aber dann kam das Gefühl der Wiederholung.

Ein unheimliches Glück für mich, dass die Mauer fiel. Statt der ewigen Wiederholungen kam mit Wucht all dieses Neue auf uns zu. Wir mussten uns völlig neu sortieren und eigentlich neu anfangen. Wir überlegten, eine Agentur mit DDR- Fotografen zu gründen. Im Oktober 1989 haben sich etwa dreißig Profis mit diesem Gedanken zusammengetan. Das hat leider nicht geklappt.

Im Stau zur Grenze

Im Januar 1990 gab es eine große Ausstellung in Paris: "DDR-Künstler". Rund 120 Künstler waren eingeladen und auch die sieben, die dann "Ostkreuz" gründeten. Sibylle Bergemann, Werner Mahler, Harald Hauswald, Thomas Sandberg, Jens Rötzsch, Harf Zimmermann und ich haben uns gesagt, na gut, dann machen wir das eben im kleineren Format und halten an der Idee fest, eine Gruppe zu haben, um miteinander zu arbeiten, über Fotografie zu reden, die Räume zu teilen, vielleicht auch jemanden im Büro sitzen zu haben, der Anrufe annimmt, während wir in der Welt sind und fotografieren.

Kurz vor der Wende hatte der "Stern" einen großen Empfang für DDR-Fotografen gegeben. Einfach um zu sehen, wen gibt es da. Der "Stern" hatte schon kurz vor dem Mauerfall einzelnen Fotografen von uns Aufträge gegeben. Ich sollte die Langzeitbeobachtung eines jungen Paares aus Hennigsdorf fotografieren. Beide Lehrer, zwei Kinder, einfach Alltag, sehen, was passiert so in der Familie.

Am 9. November 89 war ich bei ihnen zu Hause und machte Fotos. Gegen 18 Uhr besprachen wir bei einem Glas Wein gerade, wann wir weiter machen, als wir sahen, was im Fernseher lief.

Ich hatte ein halbes Glas Wein getrunken, habe kurz überlegt - in der DDR galt ja die 0,0-Promille-Grenze - , bin dann aber doch sofort nach Hause gefahren. Mein Mann hat unseren Sohn geschnappt, ab ins Auto und los zur Grenze. Von Oranienburg aus kamen wir gegen halb zehn auf die Wisbyer Straße, da ging gar nichts mehr. Endloser Stau. Mein Mann Werner hat gesagt: "Ich gehe los fotografieren, bleib du im Auto und versuch, vorwärts zu kommen!"

Aber durch das ständige Anfahren leerte sich der Tank. Ich war ganz verzweifelt und fragte die Leute im Auto neben mir, ob sie nicht einen Kanister haben und uns etwas Benzin verkaufen können. Der Fahrer wollte kein Geld, er sagte: "Hier hast Du den Kanister, wir brauchen das Benzin nicht mehr, wir kommen nicht mehr wieder!" Ich fand den Gedanken schräg, denn auch in Westberlin fährt ein Auto ja nur mit Benzin.

"Gehen sie mal schön wieder rüber nach Hause"

Ich war erst gegen vier Uhr morgens am Café Kranzler, wo wir uns um zwei Uhr verabredet hatten. Werner war verschwunden. Es war rappelvoll auf dem Ku'damm. Die Stimmung war merkwürdig, auf der einen Seite waren wir alle glückselig, wenn ich heute die Berichte dieser Zeit sehe, kommen mir immer wieder die Tränen.

Aber es gab auch schon Leute, die mit sehr kritischem Blick auf diese Massen guckten und nicht so ganz glücklich schienen. Im Grunde genommen war da schon erkennbar, dass es eine ganze Weile dauert, bis das Miteinander normal wird.

Werner war inzwischen zum Brandenburger Tor gelaufen und hat dort tolle Bilder gemacht. Irgendwann am sehr frühen Morgen saß er da oben auf der Mauer und rief zu den DDR-Grenzern: "Ich komm jetzt runter". Da sagten die Grenzer: "Nee, nee, gehen sie mal schön wieder rüber nach Hause". Aber er wohnte ja in Oranienburg, er wollte zur Friedrichstraße, um mit der S-Bahn nach Hause zu fahren. Und dann sprang er von der Mauer und war wohl einer der Ersten, die vom Westen in den Osten durchs Brandenburger Tor gelaufen sind.

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Goodbye, DDR: Erinnerungen an den Mauerfall

Verlag: Aufbau Verlag
Seitenzahl: 272
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Für mich war der Mauerfall großartig. Ich dachte, jetzt - ein zweites Leben, klack, Schalter an und los. Aber es war auch schnell klar, dass wahrscheinlich alle anderen Arbeitgeber oder Partner, mit denen wir bisher gearbeitet haben, wegbrechen würden.

Ich wollte endlich als Reporterin arbeiten, was ich mir nach dem Studium schon gewünscht hatte, was damals aber für mich nicht ging. Das habe ich dann auch gemacht. Fast fünfzehn Jahre lang konnte ich die Welt sehen, bin hauptsächlich vom "Stern" rausgeschickt worden und hab ganz viel fotografiert.

Meine erste Auslandsarbeit für den "Stern" war im Frühjahr 1990. Ich sollte ein Porträt von Ministerpräsident de Maizière machen. Wir fanden aber keinen Termin, weil er so beschäftigt war. Ich bin dann mit ihm nach Wien, wo er ein wichtiges Gespräch hatte. Da durfte ich aber nicht mit rein, sondern musste im Nebenzimmer warten. Es war ziemlich aufregend. Ich war vorher noch nie in Wien gewesen und dachte die ganze Zeit, jetzt bin ich hier und bin doch nicht hier!

Eine Stunde später flogen wir zurück. Das Porträt habe ich dann im Flieger gemacht.

Buchauszug leicht gekürzt.

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