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Der Sternenkult: Vernünftig, zuverlässig - Strich-Acht

Foto: Kai Hessing

Mercedes Strich-Acht Mein Lebensretter

Automobile Entschleunigung: Als Jungspund riskiert man im Auto oft Leib und Leben. Zumindest, wenn es einigermaßen schnell fährt. Dieses Prinzip hatte Elmar David rasch durchschaut - und setzte deswegen auf Dieselkutschen aus dem Hause Daimler Benz. Doch dann wurde aus der Vernunft-Ehe eine heiße Romanze.

Mein Strich-Acht- Geschichte beginnt eigentlich mit einem Opel. Einem Kadett. Den hatte ich genau zwei Tage, dann kam der erste Schnee und der Opel ging - kopfüber in den Graben. Anschließend bekam ich wieder einen Kadett, diesmal ein Coupe, ein 1.2S, mit waghalsigen 60 PS. Der blieb ungefähr ein Jahr, dann kam meine erste Begegnung mit einem Mercedes, er traf mich hinten rechts, beim Abbiegen.

Den flotten Kadett hatte ich immer bis aufs Letzte ausgefahren, ich war schließlich noch jung. Doch langsam aber sicher kamen Befürchtungen auf, ob ich so im Straßenverkehr überleben würde. Ich dachte um - etwas Langsames, gemütliches musste her. Der Autohändler unseres Vertrauens besorgte dann einen Mercedes-Benz, Baureihe W115, im Volksmund "Strich-Acht" genannt. Einen ehemaligen 230er Benziner, der aber irgendwann mal nachträglich auf 200D, also die Zweiliter-Dieselmaschine, umgebaut worden war. 55 PS standen zur Verfügung, Gemächlichkeit war angesagt-

Er war auch umlackiert worden, Dunkelblau Metallic. Mit den getönten Scheiben sah er dann auch eher nach Mafia aus, als nach "Bauernkutsche". Damals fuhren nämlich alle Bauern einen Strich-Acht Diesel, zumindest die, die noch nicht das Nachfolgemodell W123 hatten.

Unterirdische Beschleunigung, überirdische Endgeschwindigkeit

Der Strich-Achter war ein Modell der zweiten Baureihe, hatte also die großen Rückspiegel, und die geriffelten Rückleuchten. Da er ja ehemals ein Benziner gewesen war, stimmte vermutlich die Achsübersetzung nicht mehr, auf jeden Fall war die Beschleunigung unterirdisch, selbst für einen Diesel.

Nach gut einer Minute erst hatte er bei Vollgas die 100 km/h Marke erreicht. Dank der langen Übersetzung lief er aber auch gut 160 km/h und das wiederum war für einen Diesel damals überirdisch! Dabei verbrauchte er nie mehr als 7 Liter auf 100 km. Zum Tanken ging's immer nach Holland. Wir wohnten nicht weit weg von der Grenze, und der Liter Diesel kostete dort damals umgerechnet ungefähr 49 Pfennige, und das war deutlich billiger als in Deutschland.

Es gab aber auch Nachteile bei diesen Hollandfahrten: Man stelle sich vor, ein großer, dunkler, Wagen mit getönten Scheiben, ein junger Kerl von Anfang 20, mit Sonnenbrille und lauter Musik, auf dem Weg von Holland nach Deutschland. Was würden Sie denken? Eben, die Zöllner dachten das auch. Also immer rechts ran, Kofferraum auf, Verkleidungen abbauen etc. das ganze Programm. Aber gefunden haben Sie nichts, Tanken war ja erlaubt.

Zur Not ging's auch ohne Lichtmaschine voran

Nun rief der Bund und ich kutschierte mehrmals pro Woche eine ganze Ladung Soldaten zur Kaserne und wieder nach Hause. Dann kam der Supergau - Motorschaden. Aber zum Glück gabs die Dieselmotoren von Mercedes ja in Massen, so dass schnell eine Ersatzmaschine aufgetrieben- und eingebaut war. Eines Morgens auf der Fahrt in die Kaserne ging das Licht aus, langsam schleichend, das Radio wurde leiser und leiser, und wir hatten keine Ahnung was los war, aber die Fuhre lief, und so fuhren wir im Dunkeln zur Kaserne. Der Posten am Tor machte uns pflichtbewusst darauf aufmerksam, dass wir ohne Licht fuhren.

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Dort hat sich ein Mechaniker das Problem sofort angesehen und festgestellt, dass kein Lichtmaschinenregler eingebaut war. Wie dass? Damals gab es Lichtmaschinen, die hatten einen Regler, der nicht direkt in der Lichtmaschine saß, sondern in einem kleinen Kästchen im Motorraum. Und dieses war beim Motorwechsel schlicht vergessen worden. Also: Batterie aufgeladen, und wieder nach Hause gefahren - der Diesel läuft ja als Selbstzünder auch ohne Strom, wenn er mal läuft.

Dann kam die Zeit der Hauptuntersuchung beim TÜV, und wir trennten uns, mein erster Strich-Acht und ich. Er hatte Krebs im fortgeschrittenen Stadium, unheilbar. Also musste ein neues Auto her, natürlich wieder ein Strich-Acht. Diesmal ein weißer, ein 220 D der ersten Baureihe, also kleine Spiegel, ausstellbare Dreieckfenster vorne und glatte Rücklichter. Ahnungslos wie ich damals noch war, hatte ich den Wagen ohne fachkundigen Beistand von privat gekauft, und mit der Zeit offenbarten sich die verdeckten Mängel. Am schlimmsten war der Zustand des Motors. Er zog keinen Hering vom Teller, und rauchte wie eine ganze Fabrik.

Motorenwechsel so schnell wie in der Formel 1

Inzwischen hatte ich aber eine Lehre begonnen - als KFZ-Mechaniker in einem Motoreninstandsetzungsbetrieb, der hauptsächlich was machte? Genau, Mercedes-Motoren. Also nahm ich zwei Tage Urlaub um im Betrieb meinen Motor überholen.

Mit den Jahren wurde ich natürlich immer besser und schneller in meinem handwerk und irgendwann schaffte ich den Ausbau eines Motors in ca. 20 Minuten und

den Einbau in ca. zwei Stunden. Und das war auch gut so. Denn dieser Motor begleitete mich noch in drei weiteren Strich-AchtKarosserien. Ich kaufte gezielt Fahrzeuge mit Motorschaden, die aber noch TÜV hatten oder schaffen konnten. Wenn die zwei Jahre um waren, war meistens auch eine neue Karosserie fällig. Vielleicht hätte ein etwas begabterer Karosserieschlosser da noch etwas retten können, aber Blech-, Schweiß- und Spachtelarbeiten waren nie mein Ding gewesen. Lieber einen Motor ein- und ausbauen. Also Motor raus, neue Karosserie her, Motor rein und weiter ging's.

Aber irgendwann war die Strich-Acht-Ära vorbei. Ich verkaufte meinen letzten "Stricher", wobei: genai genommen verkaufte ich den Motor mit der Karosserie herum. Mein Traum war immer das Strich-Acht Coupe gewesen. Oder ein 240D 3.0, der legendäre Dreilirter- 5-Zylindermotor mit eindrucksvollen 80 PS, der vom Porsche-Enkel und späteren VW-Chef Ferdinand Piech für Mercedes entwickelt wurde.

Zu beiden hat es bei mir nie gelangt, aber auch der normale Strich-Acht war ein tolles Auto, geräumig, genügsam und zuverlässig.

Ach, ja - warum Lebensretter? Ich bin fest davon überzeugt, dass ich, wenn ich damals keinen Strich-Acht-Diesel gefahren hätte sondern einen Golf GTI oder ähnliches, heute vermutlich keinen Bericht mehr hätte schreiben können. Der Strich-Acht hat mich vom Rasen abgehalten, da man mit ihm einfach nicht rasen kann. Dafür aber genussvoll reisen.

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