Meuterei auf der "Potemkin" "Die wollen die Suppe nicht essen!"

Frühjahr 1905: Russland ist in Aufruhr. Ein verlorener Krieg und die Wirtschaftskrise schüren Wut und Zorn bei der Bevölkerung. Davon hören auch die Matrosen auf dem Panzerkreuzer "Fürst Potemkin" - und reden hinter vorgehaltener Hand über die neuesten Gerüchte.


Der Auftrag ist eindeutig: Die "Knjas Potjomkin Tawritscheski", Kriegsschiff in Diensten der russischen Schwarzmeerflotte, soll vor der Küste Odessas Zielübungen machen. Doch die Besatzung interessiert sich mehr für die Arbeiteraufstände ein paar Kilometer weiter, wo sich Teile der Bevölkerung gegen Zar und Regierung erhoben haben. Sie fordern bessere Lebensbedingungen - und die wünschen sich die Matrosen auf der "Potemkin" auch.

Die zurückliegenden Monate waren für das russische Volk schwer gewesen. Im Russisch-Japanischen Krieg von 1904/05 hatte Russland eine demütigende Niederlage erlitten und einen großen Teil seiner Flotte verloren. Schuld daran war nicht zuletzt das ungeschickte diplomatische und strategische Vorgehen des Zaren und seiner Minister gewesen.

Die Folge war die bislang größte Wirtschaftskrise in der russischen Geschichte. Wer noch einen Job hatte, musste nicht selten zwölf Stunden und mehr am Tag arbeiten, wurde dafür schlecht bezahlt und bekam für sein Geld immer weniger. Zahlreiche Bauern waren infolge der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts gezwungen gewesen, ihre Höfe aufzugeben und ihren Lebensunterhalt in den Fabriken der Städte zu verdienen. Als jetzt die europäischen Finanzmächte ihre Gelder aus den russischen Fabriken abzogen, führte das innerhalb kürzester Zeit zu mehr als 200.000 Arbeitslosen.

Die Mär vom gütigen Zaren

Die Stimmung der Bevölkerung war auf dem Siedepunkt. Viele Bauern träumten von der Aufteilung des immer noch bestehenden Gutsbesitzes, während die Fabrikarbeiter den Acht-Stunden-Tag herbeisehnten. Sie waren bereit, für ihre Ansprüche zu kämpfen. Und jede sichtbare Erschütterung zaristischer Autorität bestärkte sie in dem Glauben, dass die Obrigkeit zwar vieles im Sinn hatte - nur nicht das Wohlergehen des eigenen Volkes.

Bereits zu Anfang des Jahres 1905 war es zu einem Zwischenfall gekommen, dem so genannten "Blutsonntag". Um dem vermeintlich gütigen Zaren Nikolaus II. eine Petition zu überreichen, versammelten sich am 22. Januar (nach dem alten russischen Kalender war es der 9. Januar) mehr als 150.000 Menschen friedlich vor dem Winterpalast in St. Petersburg. Doch die Wachen des Palastes zögerten nicht lange, griffen zu den Waffen und töteten mehr als 200 Menschen. Hunderte wurden außerdem verletzt. In den Gerüchten, die sich in Windeseile im ganzen Land verbreiteten, war jedoch von tausenden Verletzten die Rede - vom gütigen Zaren sprach da niemand mehr.

Auch an Bord der "Potemkin" machte sich in den folgenden Wochen und Monaten Unzufriedenheit breit. Die Versorgung war erbärmlich und die Offiziere hatten Mühe, die Disziplin aufrecht zu erhalten. Als am Morgen des 27. Juni 1905 das Gerücht die Runde machte, die Mahlzeiten würden auch an diesem Tage wieder - wie schon so oft zuvor - aus verdorbenem Proviant bestehen, war die Wut der Matrosen kaum noch zu bremsen. Unermüdlich verteidigten sie schließlich ihre Heimat! So viele ihrer Kameraden hatten gerade erst im Krieg ihr Leben lassen müssen - und ihr Land und der Zar, dem sie doch die Treue geschworen hatten, dankten ihnen diesen Einsatz mit gammeligem Fleisch?

Todesstrafe für Suppenverweigerer

"Ganz Russland erhebt sich, sollen wir die letzten sein?", fragte der Matrose Wakulintschuk seine Kameraden und erntete begeisterte Zustimmung. Um die aufgebrachten Männer zu besänftigen, wurde der Schiffsarzt hinzugezogen und gebeten, das Fleisch, aus dem heute die Suppe gekocht werden sollte, zu untersuchen. Es sei genießbar, verkündete er - und fügte zynisch hinzu: "Die paar Maden kann man doch mit Salzwasser leicht abwaschen." Einmütig beschlossen die Matrosen, die Suppe nicht zu essen. Das Maß war voll.

"Potemkin"-Kapitän Golikow versuchte seine Männer zu beruhigen. Er appellierte an den geleisteten Treueschwur und versprach nahezu alles, von dem er glaubte, dass seine Mannschaft es hören wollte. Doch ohne Erfolg: Die Matrosen weigerten sich weiterhin, die verdorbene Suppe zu essen. Mit seiner Geduld am Ende, drohte der Kapitän den Aufmüpfigen: "Aufrührer lasse ich an der Rahe aufhängen!" Unbeeindruckt und stumm blickten die Männer ihren Kommandanten an. Golikow setzte nun auf Gewalt und befahl die Schiffswache mit aufgepflanztem Bajonett an Deck, um mit bedrohlichem Unterton zu verkünden: "Wer die Suppe essen will, rechts raus treten!"

Wakulintschuk und der Großteil der Mannschaft erkannten die Gefahr und traten zur Seite. Doch der Kapitän wollte die aufsässige Mannschaft nicht so glimpflich davonkommen lassen. Um seine eigene Autorität an Bord zu stärken, beschloss er, ein Exempel an denjenigen zu statuieren, die zu zögerlich beiseite getreten waren. Hierbei handelte es sich um etwa dreißig Mann, die - unschlüssig ob der Entwicklung - gerade erst im Begriff waren, zur Seite zu gehen. "Die wollen die Suppe nicht essen!", schrie der Kommandant und befahl, die vermeintlichen Unruhestifter auf der Stelle erschießen zu lassen. Die Wache verweigerte jedoch den Befehl. Die eigenen Kameraden erschießen - wegen verfaulter Suppe, die man selbst auch nicht zu essen im Stande war? Nein.

Kampf gegen die Aufständischen

In diesem Moment griff der regierungstreue 1. Offizier Giljarowski zu seiner Pistole, um den Befehl des Kapitäns selbst auszuführen. Offiziere und Matrosen stürzten aufeinander zu - und im Handgemenge löste sich ein Schuss, der den Wortführer der Matrosen, Wakulintschuk, tötete. Voller Wut brachten die Matrosen das Schiff in kürzester Zeit in ihre Gewalt, überwältigten die Offiziere und steuerten die "Potemkin" nach Odessa, wo sie sich mit den aufständischen Arbeitern zusammenschlossen und für einige Tage die rote Fahne an Bord hissten.

Die russische Regierung reagierte schnell, als die Meldungen von den Ereignissen auf der "Potemkin" einliefen. Die Meuterei war schon schlimm genug. Aber dass sich Soldaten der zaristischen Armee regierungsfeindlichen Gruppen anschlossen und mit ihnen für bessere Lebensbedingungen kämpften, war fast noch schlimmer. Die Regierung entsandte Truppen und Kriegsschiffe nach Odessa, um die Aufständischen zu überwältigen.

Zwei Tage später, am 29. Juni, marschierten pünktlich zum Begräbnis von Wakulintschuk die Truppen des Zaren in Odessa auf. Eine wütende Menschenmenge traf auf die Soldaten, und schnell fielen Schüsse. Erst als die "Potemkin" zwei Kanonenschüsse abfeuerte, löste sich die kämpfende Menge allmählich auf. Doch die Situation spitzte sich wieder zu, als die entsandten Kriegsschiffe des Zaren eintrafen. Noch weigerten sich deren Besatzungen, auf Kameraden ihrer eigenen Flotte zu schießen, doch niemand wusste, wie lange diese Weigerung Bestand haben würde. Derweil war die "Potemkin" isoliert und es mangelte an Bord nach wie vor an allem, was die Meuterer zum Überleben brauchten.

Ein Stummfilm als Denkmal

Der Panzerkreuzer nahm daher Kurs auf die Küste Rumäniens, um dort Unterstützung zu finden - eine trügerische Hoffnung. Am 8. Juli 1905, zwölf Tage nach Beginn der Meuterei, musste sich die Besatzung der "Potemkin" den rumänischen Behörden ergeben. Viele Matrosen wurden umgehend der russischen Regierung ausgeliefert, die einen Teil der Mannschaft zum Tode verurteilte und den Rest jahrelang in Zwangsarbeitslager schickte.

Nach der Machtübernahme durch Lenins Bolschewisten wurde der "Potemkin"-Aufstand zu einer zentralen Heldenerzählung der Sowjetunion. Hatten sich hier nicht erstmals Soldaten, Bauern und Arbeiter zu einer gemeinsamen Bewegung mit gemeinsamen Zielen zusammengecshlossen und damit den Grundstein für die Oktoberrevolution von 1917 gelegt?

Den Matrosen des Kriegsschiffs wurde zwanzig Jahre nach ihrer Meuterei auch ein filmisches Denkmal gesetzt. Am 21. Dezember 1925 hatte im Moskauer Bolschoi-Theater Sergei Eisensteins Stummfilm "Panzerkreuzer Potemkin" Premiere. Anders als in der Wirklichkeit winkt hier den meuternden Matrosen am Ende aber die Freiheit - und nicht das zaristische Erschießungskommando.



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