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Geschichte der Mikrowelle: Bacon in 90 Sekunden

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Erfindung des Mikrowellenherds Ssssss... Bing!

Ein Griff in die Hosentasche brachte die Erkenntnis: 1950 erfand der US-Forscher Percy Spencer den Mikrowellenherd. Wie so oft war das reiner Zufall - Spencer arbeitete eigentlich an einem militärischen Projekt.

Es begann mit einer Tafel Schokolade. Erdnuss, in Folie, Percy Spencer hatte sie in der Hosentasche - als kleine Zwischenmahlzeit während seines täglichen Kampfes gegen Hitler und die Nazi-Schergen. Das war in Waltham, Massachusetts, im Januar 1945.

In einem Labor der US-Firma Raytheon, die Kühlschränke und Transformatoren baute, tüftelten Wissenschaftler an einem viel sensibleren Projekt - einer Geheimwaffe, die die alliierten Truppen an der Kriegsfront zum Sieg führen sollte.

Die Geheimwaffe hieß Radar und Spencer war einer der Wissenschaftler: 50 Jahre alt, gedrungen, dicke Brille, ein sprichwörtlich zerstreuter Professor. Dabei hatte er nicht einmal einen Schulabschluss. Doch er verstand die elektromagnetischen Strahlungen, die dem Radarsystem zugrunde lagen, wie kein anderer - weshalb ihn sein unwahrscheinlicher Lebenslauf aus bitterer Armut bis zu Raytheon geführt hatte, in die innersten Zirkel der Militärforschung.

Ebenso unwahrscheinlich war jener Moment, da Spencer in die Tasche griff - und feststellte, dass sein Schokoladenriegel blitzschnell geschmolzen war.

Der Rest ist, wie man sagt, Geschichte. Die Erfindung - besser: die Entdeckung - der Mikrowelle war wie viele Durchbrüche in Wissenschaft und Technik reiner Zufall. Ein ziviles Abfallprodukt, über das die Forscher auf der Suche nach etwas ganz anderem stolperten.

Der Mann, der darüber stolperte, war chancenlos geboren worden, auf einer Farm in Howland im tiefsten Maine. Der Vater starb, die Mutter machte sich aus dem Staub. Spencer zog danach mit seiner Tante durchs Land, einer Weberin.

Von der "Titanic" inspiriert

Er war ein aufgeweckter Junge. "Percy Spencer ist der neugierigste Mensch, den ich kenne", schrieb sein Freund Don Murray 1958 in der Zeitschrift "Reader's Digest". "Bis heute besitzt er den intensiven Erkundungsdrang eines kleinen Kindes."

1912 sank die "Titanic", die schlimmste technologische Katastrophe des noch jungen Jahrhunderts. Spencer, gerade mal 18, war begeistert vom Heldenmut der Bordfunker, die bis zuletzt SOS-Rufe abgesetzt hatten. Er ging zur Marine, um sich als Funker ausbilden zu lassen. Alles andere suchte er sich abends aus alten Schulbüchern zusammen: Rechnen, Geometrie, Chemie, Physik.

Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete Spencer bei einem Unternehmen in Boston, das Funkgeräte herstellte. Oft schuftete er bis tief in die Nacht.

Doch es war sein nächster Arbeitgeber, der ihm Ruhm brachte: Raytheon. Gegründet von zwei Ingenieuren, konzentrierte sich die Firma zunächst auf Haushaltsgeräte. An vielen Raytheon-Erfindungen war Spencer beteiligt, darunter die Vorläufer der Fernsehröhren. "Er war einer der weltbesten Röhrendesigner", sagte ein Wissenschaftler dem "Reader's Digest". "Er konnte aus einer Sardinenbüchse eine funktionierende Röhre machen."

Patent Nr. US2495429 (A)

Mit dem Zweiten Weltkrieg kamen immer mehr Militäraufgaben hinzu. So entwickelte Spencer das Magnetron weiter, eine Röhre, deren Strahlung die Radarsysteme überhaupt erst ermöglichte. Damit konnten die alliierten Kampfbomber sogar die winzigen Periskope deutscher U-Boote aufspüren.

An eben einem solchen Magnetron stand Spencer, als der Schokoriegel in seiner Tasche zu schmelzen begann. Fasziniert ging er der Ursache auf den Grund. Als nächstes legte er Popcorn-Mais vor das Magnetron, er begann sofort aufzuplatzen. Dann ein rohes Ei - es explodierte einem Kollegen ins Gesicht.

Spencer platzierte alle möglichen Lebensmittel in eine Metallkiste und befeuerte sie mit Magnetron-Strahlen. Das Essen wurde heiß wie in einem Ofen - die Mikrowelle war erfunden.

Am 24. Januar 1950 ließ sich Spencer das Patent Nr. US2495429 (A) genehmigen: "Methoden zur Behandlung von Nahrungsmitteln (das Kochen selbiger mittels elektromagnetischer Energie)." Die ersten Mikrowellenherde waren noch Monster, zwei Meter hoch, Hunderte Kilo schwer, Radarange hießen sie und dienten industriellem Gebrauch. Erst 1967 bot Raytheon ein praktisches Haushaltsmodell an, nach heutiger Rechnung kostete es mehr als 3500 Dollar.

Spencer selbst verdiente daran nichts. Raytheon zahlte ihm einmalig zwei Dollar - die vertragliche Norm für Patente. Statt reich zu werden sammelte er Ehrungen und Orden, rückte in den Vorstand von Raytheon auf, wurde in die American Academy of Arts and Sciences aufgenommen und posthum in die National Inventors Hall of Fame, die Ruhmeshalle der Erfinder.

Raytheon ist heute einer der Top-Rüstungskonzerne der USA. Ein Konzerngebäude trägt Spencers Namen. In der Lobby steht ein alter Radarange-Metallkasten - gegenüber der Cafeteria mit ihren neuen Mikrowellenherden.

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