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US-Regierungsexperiment: Sechs Monate in der Hungerhölle

Foto: Brethren Publishing House/Library of Adelle Frank

US-Regierungsexperiment Sechs Monate in der Hungerhölle

Sie hungerten sich fast zu Tode. Freiwillig. 1944 setzten sich 36 junge Amerikaner für ein halbes Jahr extremer Unterernährung aus. Für das qualvolle Experiment im Auftrag der Regierung ertrugen sie Haarausfall, Ödeme, Depressionen - und verloren langsam den Verstand.

Wie besessen hackte er auf das Holz ein. Durch die Fenster hörte er die Stimmen der beiden Damen, für die er im Hinterhof ackerte, und das Kratzen von Besteck auf Porzellantellern. Er konnte sich kaum noch konzentrieren. Genussvoll malte er sich aus, was sie gerade essen mochten: Pudding? Eis? Oder Kuchen? Eigentlich war es egal, denn feststand: Er würde ohnehin nichts davon abbekommen. Hastig hackte er weiter, um die Gedanken zu verscheuchen. Aber es wollte einfach nicht gelingen.

Sam Legg glich zu diesem Zeitpunkt längst einem wandelnden Skelett. Sein Gesicht und sein Bauch waren eingefallen, die Beine wirkten dünn wie Streichhölzer. Seit Monaten hungerte er. Stoisch hatte er das Martyrium ertragen, doch an diesem Abend im Spätsommer 1945 brannten ihm plötzlich die Sicherungen durch: Ruhig drapierte er die drei mittleren Finger seiner linken Hand auf dem Holzblock, holte mit dem Beil aus - und schlug zu. Drei blutige Finger landeten im Dreck. Sie waren sein Ticket ins Krankenhaus, wo es vernünftige Essensrationen gab. Dann fiel er in Ohnmacht.

"Mein Gott. Ich quäle sie", entfuhr es Ancel Keys, als er von dem Zwischenfall erfuhr. Der Direktor des Labors für Körperhygiene an der Universität von Minnesota trug die Verantwortung für Sam Leggs erbarmungswürdigen Zustand - und den von 35 anderen Männern. Seit Herbst 1944 waren sie in der Obhut des Mediziners und hungerten sich im Dienst der Wissenschaft sechs Monate lang fast zu Tode. Das Minnesota-Hungerexperiment trieb die Teilnehmer regelmäßig an ihre physischen und psychischen Grenzen. Dennoch machten sie weiter, auch Legg. Denn für sie war das Experiment zu einer persönlichen Mission geworden.

Hungern für die Ehrenrettung

Die Schreckensnachrichten über Millionen hungernder Menschen in Europa hatten in den letzten Kriegsjahren auch die USA erreicht: Russland, die Niederlande, Griechenland - in etlichen Regionen kämpfte die Bevölkerung gegen den Hungertod. Die Regierung in Washington fragte sich, wie sich all diese unterernährten Menschen am besten wieder aufpäppeln lassen würden. Aber auch, wie sich Körper und Psyche von Hungernden verändern und welchen Einfluss dies auf Gesellschaft und Politik Europas haben könnte. Ancel Keys war der Mann, der die Antworten auf diese Fragen finden sollte.

Doch dazu brauchte er erst einmal Versuchspersonen, die bei einem solchen Experiment mitspielen würden. Mit dem Spruch "Willst du hungern, damit sie besser ernährt werden?" rührte Keys die Werbetrommel und machte so deutlich, dass das Experiment vor allem humanitären Charakter hatte. Gezielt wandte er sich an Kriegsdienstverweigerer, weil er hoffte, dass sie am ehesten darauf anspringen würden. Für viele von ihnen war die gesellschaftliche Ächtung, die sie als vermeintliche Drückeberger erfuhren, nur schwer zu ertragen. Daher, so vermutete der Forscher, würden sie dankbar für eine Möglichkeit sein, einen Kriegsbeitrag zu leisten, ohne die Waffe in die Hand zu nehmen.

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Keys Rechnung ging auf: 400 Männer bewarben sich, 36 von ihnen wählte er aus. Alle waren voller Enthusiasmus bei der Sache. "Es war eine Gelegenheit, etwas zu tun, was einem echte Opfer abverlangte", sagte Versuchsperson Henry Scholberg später. Bis zum Ende des Experiments hielt sich dieser Idealismus, selbst bei denen, die all die Entbehrungen kaum mehr ertrugen. Als Legg beispielsweise mit seiner verbundenen Hand im Krankenhaus lag und nach seiner Selbstverstümmelung zum ersten Mal mit Keys sprach, bettelte er den Arzt förmlich an, ihn nicht aus dem Experiment zu schmeißen. "Für den Rest meines Lebens werde ich gefragt werden, was ich im Krieg gemacht habe. Dieses Experiment ist meine Chance, eine ehrenhafte Antwort auf die Frage zu geben."

Rasender körperlicher Verfall

Im November 1944 zogen die 36 Männer - alle in den Mitzwanzigern - ins Labor ein. In den ersten Monaten wurden sie medizinisch untersucht und normal ernährt. Am 12. Februar 1945 begann schließlich das große Hungern: Statt 3400 kcal am Tag bekamen sie nur noch 1500, aufgeteilt auf zwei magere Mahlzeiten morgens und abends. Auf dem Speiseplan stand immer das Gleiche: Kohl, Rüben, Kartoffeln, Brot.

Die psychischen und physischen Auswirkungen ließen nur wenige Wochen auf sich warten. Als Erstes verloren die Probanden ihre Libido. Von Tag zu Tag stumpften sie emotional weiter ab, ihr Blick wurde leer. Kaum einer der Männer konnte sich noch über einen längeren Zeitraum konzentrieren. Bald saßen im Speisesaal 36 völlig apathische und depressive Gestalten, die sich weder für Tischmanieren noch für Körperpflege interessierten - und erst recht nicht für ihre Kameraden. "Ich spüre den Drang, mich immer weiter von den anderen zu isolieren, die zum Teil absurde Verhaltensweisen an den Tag legen. Alle scheinen ihre Sozialkompetenz zu verlieren", schrieb Versuchsperson Lester Glick am 24. April 1945 in sein Tagebuch.

Ähnlich rapide setzte der körperliche Verfall ein. Die Männer bekamen überall Ödeme. Ihre Körpertemperatur sank leicht ab, sie froren selbst im Hochsommer. Der Puls verlangsamte sich auf 30 bis 40 Schläge pro Minute. Zudem klagten sie über Schwindel, ständiges Fiepen im Ohr, extreme Müdigkeit und Haarausfall. Im Schnitt verloren die Probanden ein Viertel ihres Körpergewichts. Erst bauten sie das Fett ab, dann die Muskeln, bald waren ihre Oberschenkel so dick wie einst ihre Oberarme.

Wilde Essensphantasien

Die täglichen Arbeiten, die sie in der Wäscherei, im Labor oder im Schlafquartier verrichten mussten, fielen ihnen immer schwerer. Kaum jemand nahm noch die Möglichkeit wahr, an den Uni-Vorlesungen teilzunehmen, und nur unter Qualen hielten sie das wöchentliche Laufpensum von 36 Kilometern ein. Das ganze Leben und Denken der Probanden konzentrierte sich nur noch auf eines: Essen. "Es scheint, als hätten sich meine Knochen, meine Muskeln, mein Magen und mein Verstand in ihrer Sehnsucht nach ESSEN vereint", notierte Glick am 10. Mai 1945.

Anfangs durften sich alle Probanden in der Stadt frei bewegen. Als einer sich aber heimlich mit Eis vollstopfte, wurde das so genannte Buddy-System eingeführt. Damit sie immer unter Aufsicht waren, bekamen die Männer nur noch zu zweit Ausgang und besuchten bei dieser Gelegenheit Freunde und Bekannte - so wie Sam Legg im Spätsommer die beiden Damen, für die er regelmäßig Holz hackte. Je erbärmlicher ihr Zustand wurde, desto mehr fielen sie in der Öffentlichkeit auf.

Die lokalen Zeitschriften "Minneapolis Star-Journal" und "St. Paul Dispatch" begleiteten das Experiment nun mit Berichten und erregten damit auch das Interesse überregionaler Medien. Am 30. Juli 1945 brachte das "Life"-Magazin eine reich bebilderte Geschichte mit dem Titel "Männer hungern in Minnesota. Kriegsdienstverweigerer nehmen freiwillig an Hungerexperiment teil, um das europäische Nahrungsproblem zu erforschen". So erfuhren die 36 Kriegsdienstverweigerer am Ende tatsächlich ein bisschen von der gesellschaftlichen Anerkennung, die sie sich erhofft hatten.

Von der Realität überholt

Ende Juli 1945 war es endlich so weit: Die sogenannte Rehabilitierungsphase begann. Nun wurden die Kalorien langsam wieder aufgestockt und die Ernährung normalisiert. Aber die Euphorie der Testpersonen darüber währte nur kurz. Die Rehabilitationsperiode war "für mich schlimmer als alles andere", erinnerte sich etwa Roscoe Hinkle später. "Ich hatte schwere Probleme, weil ich nicht das Gefühl hatte, dass sich mein Zustand verbessert".

So erging es vielen. Anfangs nahmen sie sogar noch weiter ab, weil sich Wasserablagerungen zurückbildeten. Und nur langsam verschwanden der Schwindel und das Piepen im Ohr. "Sich von Unterernährung zu erholen, ist nicht so leicht, wie es scheint", fasste Keys im Juni 1946 in der "New York Times" zusammen. "Vitaminpillen und Proteine allein reichen nicht aus. Man braucht einfach viele Kalorien." Ein ausgewachsener Mann benötige etwa 4000 kcal am Tag, um wieder auf die Beine zu kommen.

Für Europa kamen Keys Erkenntnisse allerdings zu spät. Denn es sollte noch vier Jahre dauern, bis er alle Daten ausgewertet hatte und sie 1950 in dem fast 1400 Seiten starken Buch "The Biology of Human Starvation" veröffentlichte. Doch zu diesem Zeitpunkt war die Hungersnot in Europa längst überwunden. Die politische Schlussfolgerung, die der Forscher aus dem Minnesota-Hungerexperiment zog, hat aber bis heute Gültigkeit: "Hungernden kann Demokratie nicht beigebracht werden."

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