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Ohne Fleisch kein Preis - die Miss-Wahl 1970

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Skandal beim Miss-World-Wettbewerb 1970 Mit Stinkbomben gegen Sexismus

Sie lärmten und warfen faules Obst - Feministinnen sprengten vor 50 Jahren die Miss-World-Gala in London. Dass an diesem Abend mit Jennifer Hosten erstmals eine Schwarze den Schönheitswettbewerb gewann, ging beinahe unter.

Im Bus sitzen die 58 schönsten Frauen der Welt, aufgebrezelt, aufgekratzt und lampenfiebrig. Auf der Straße tobt ein Trupp sehr wütender Feministinnen. Sie tragen Schilder mit Parolen wie "Wir sind nicht hübsch, wir sind nicht hässlich, wir sind sauer!", "Miss World Man's World" und "Viehmarkt". Auf einem anderen steht "Ihr armen Kühe".

Polizisten riegeln den Eingang der Londoner Royal Albert Hall ab, wo am nasskalten Abend des 20. November 1970 eines der größten TV-Ereignisse des Jahres stattfinden wird: die Miss-World-Gala. Mit rund 100 Millionen Zuschauern weltweit, darunter 22 Millionen in Großbritannien. Doch dieses Mal wird alles anders sein - die Demo vor der Halle ist nur der Auftakt.

Als der Bus stoppt, schlagen die Frauenrechtlerinnen mit Fäusten dagegen und versuchen ihn umzukippen. Irgendwann singen sie "We shall overcome". Ein paar Schönheitsköniginnen im Bus stimmen ein, anderen hat es vor Angst die Stimme verschlagen. Unter ihnen: Jennifer Hosten, Flugbegleiterin und Rundfunksprecherin. 22 Jahre alt, 1,74 Meter groß, Maße: 91-60-97. Sie versucht, ihren Atem mit Yoga-Übungen unter Kontrolle zu bringen.

Heute ist sie 72 und fünffache Großmutter. "Was die Frauen mit 'Viehmarkt' meinten, verstand ich anfangs gar nicht", sagt Hosten am Telefon und lacht. "Für mich war der Wettbewerb eine riesige Chance." Denn sie ist schwarz und stammt aus einem unbedeutenden Land, dem Inselstaat Grenada, mitten in der azurblauen Karibischen See.

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Voller Stolz flog Jennifer Hosten im Herbst 1970 nach London - um dort von Feministinnen die Show gestohlen zu bekommen. Der lautstarke Protest gegen die Miss-World-Fleischbeschau steht im Mittelpunkt des Films "Misbehaviour" ("Die Misswahl") der britischen Regisseurin Philippa Lowthorpe, seit Donnerstag in den deutschen Kinos zu sehen.

Wunderschön, aber unsichtbar

In der Hauptrolle verkörpert Hollywood-Star Keira Knightley die Frauenrechtlerin und damalige Geschichtsstudentin Sally Alexander. Weit weniger prominent: Die schwarze Schauspielerin Gugu Mbatha-Raw schlüpft in die Rolle von Jennifer Hosten - der Siegerin des Schönheitswettbewerbs. In diesem historischen Moment prallten Sexismus, Rassismus und Feminismus mit Wucht aufeinander.

"Sie wären genau die Richtige, um für Grenada am Miss-World-Wettbewerb teilzunehmen": Mit diesem Kompliment hatte "Miss Guyana", Passagierin eines Flugzeuges, die hochgewachsene Stewardess Jennifer Hosten einst zum Lachen gebracht. Beim Miss-Grenada-Contest machte sie spaßeshalber mit, als Gefallen für einen Freund, dessen Mutter den Wettbewerb organisierte.

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Ohne Fleisch kein Preis - die Miss-Wahl 1970

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Hosten gewann wider Erwarten - und erklärte sich bereit, 1970 für Grenada bei der Wahl zur Miss World anzutreten. "Ich empfand das quasi als Bürgerpflicht", schreibt Hosten in ihrer im März erschienenen Autobiografie "Miss World 1970". Hosten joggte und sonnte sich, kaufte in Trinidad ein goldenes Häkelkleid für die Gala, bimste die Geschichte ihrer Heimat. Das karibische Mini-Land nahm zum ersten Mal an der Schönheitskonkurrenz teil, kaum jemand räumte der Newcomerin Chancen ein.

"Die Menschen verwechselten Grenada mit der spanischen Stadt Granada, die Journalisten zeigten kein großes Interesse an mir", erzählt Hosten. Sie war eine "Miss Nobody", wunderschön, aber unsichtbar. Am Vorabend der Gala wählte Veranstalter Eric Morley 15 Mädchen aus - 14 waren weiß. Nur sie hatten das Recht auf eine Generalprobe in Anwesenheit des Maestros. Hosten gehörte zu den 43 anderen.

"Auf Kommando mussten wir uns alle umdrehen, damit die Jury unsere Hinterteile inspizieren kann"

Jennifer Hosten

Sie probte trotzdem, auf eigene Faust. Desillusioniert und zunehmend nervös: In der Nacht vor dem Wettbewerb hatten Linksterroristen der "Angry Brigade" einen Anschlag auf einen BBC-Bus nahe der Royal Albert Hall verübt. Verletzt worden war niemand - dennoch gesellte sich Beklommenheit zur Aufregung. Bevor Hosten in ihr goldenes Kleid schlüpfte, spülte sie ihr Unwohlsein mit zwei Heineken herunter.

Was sie nicht ahnen konnte: Einige Feministinnen hatten sich in Schale geworfen und ins Gala-Publikum gemogelt. In ihren Handtaschen steckten Ratschen und faules Obst, Flugblätter, Stink- und Mehlbomben. Geplant hatten sie, die Veranstaltung in dem Moment zu stören, in dem alle Bewerberinnen im Badeanzug auf die Bühne treten. "Auf Kommando mussten wir uns alle umdrehen, damit die Jury unsere Hinterteile inspizieren kann. Das fand ich auch damals schon schlimm, im Jahr 1970", erinnert sich Hosten.

Hintern-Parade: Die 58 Miss-World-Kandidatinnen mussten auf Geheiß der Jury ihr Gesäß präsentieren

Hintern-Parade: Die 58 Miss-World-Kandidatinnen mussten auf Geheiß der Jury ihr Gesäß präsentieren

Foto: Rolls Press / Popperfoto / Getty Images

Doch so lange hielt es die Feministinnen nicht auf den Sitzen. Als US-Entertainer Bob Hope einen sexistischen Witz nach dem anderen riss, ironiefrei von "Viehmarkt" sprach und wie eine Kuh ins Mikro muhte, platzte Sarah Wilson der Kragen. Sie sprang auf und wirbelte ihre Ratsche in der Luft herum.

Bleischwere Siegerkrone

Auch ihre Mitstreiterinnen erhoben sich, skandierten Parolen und zielten mit ihren Geschossen Richtung Bühne. "Wir standen hinter dem Vorhang, hörten die Mehlbomben explodieren, verstanden überhaupt nicht, was da draußen los war", sagt Hosten. Ordnungskräfte eilten in den Saal, führten die Feministinnen ab. Einige wurden über Nacht im Frauengefängnis Holloway eingesperrt und mit Geldbußen bestraft.

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Ihren spektakulären Auftritt vor Millionenpublikum aber konnte ihnen niemand mehr nehmen: Der "Guardian" beschrieb den Miss-World-Protest als dramatischste Feministinnen-Aktion, seit sich die Suffragette Emily Davison im Jahr 1913 vor das Pferd des Königs geworfen hatte (es war ein Hengst). Zahlreiche Britinnen schlossen sich der Frauenbewegung nach dem Event von 1970 an - der Protest wirkte wie ein Katalysator.

Jennifer Hosten jedoch, der ersten schwarzen Miss World, hatten die Feministinnen den Triumph vermasselt. Im Tumult ging zudem unter, dass auch der zweite Platz an eine Schwarze ging: Pearl Jansen, "Miss Africa South", stach die "Miss South Africa" aus - das Apartheid-Land hatte damals zwei Missen gestellt.

Bleischwer habe sich die goldene Siegerkrone angefühlt, erzählt Gewinnerin Hosten. Ihr Stolz mischte sich mit Entsetzen, als nach der Wahl eine schmutzige Debatte in der britischen Öffentlichkeit entbrannte. "Abgekartetes Spiel!", giftete die Boulevardpresse, weil in der Jury Grenadas Premierminister Eric Gairy saß.

Die Anhänger der "Miss Sweden" protestierten vor der Halle, Hostens Rivalinnen gossen zusätzlich Öl ins Feuer: "Sie hat nicht mal eine gute Figur. Da war doch was faul", schimpfte "Miss Irland". "Sie hätte nie gewinnen dürfen", sekundierte "Miss Australia". "Ich habe nichts gegen schwarze Mädchen, aber wie sie gewinnen konnte, ist mir schleierhaft", zeterte "Miss Schweiz".

Die Schönheitskönigin wurde Diplomatin

Die Entrüstung ebbte auch dann nicht ab, als die Jury ihr Abstimmungs-Prozedere offenlegte, um den Betrugsvorwurf auszuhebeln. "Die Zeit war einfach noch nicht reif für eine schwarze Miss World", bedauert Hosten. Für die Minderheiten auf der ganzen Welt jedoch avancierte sie zur Heldin, einem Symbol der Hoffnung. "Wohin ich auch kam, ob zu Maori-Frauen nach Australien, nach Indien oder Afrika, überall feierten mich die Menschen und identifizierten sich mit mir", erzählt Hosten.

Ein Jahr lang sonnte sie sich im Titelglanz und tourte mit Moderator Hope um die Welt, um US-Truppen zu unterhalten. Dann verabschiedete sich Hosten aus dem Glamour-Geschäft. Die einstige Schönheitskönigin zog nach Kanada, studierte Politikwissenschaften und arbeitete im diplomatischen Dienst, etwa in Bangladesch. Zudem probierte sie sich als Farmerin und Immobilienbesitzerin aus. Mit Mitte 60 schrieb sich Hosten erneut an der Uni ein, diesmal für Psychologie. Und arbeitete bis 2019 als Psychotherapeutin.

Das lässt der Spielfilm aus. "Sie haben zwar die Feministinnen von damals zu Wort kommen lassen. Was nach dem Wettbewerb aus mir wurde, findet in 'Misswahl' jedoch nicht statt", bedauert Hosten.

Genau dies jedoch hätte - neben der feministischen Agenda - eine weitere zentrale, mutmachende Botschaft des Films sein können: "Wenn du an dich glaubst und nicht auf die Nörgler hörst, kannst du dich jederzeit neu erfinden. Und es sogar ganz nach oben schaffen", sagt Jennifer Hosten. "Unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht und Herkunft."

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