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Kaiserin Auguste Victoria: »Die bessere und zugleich stärkere Hälfte seines Daseins«

Foto: Jörg Kirschstein / ZDF

Vergessene Monarchin Auguste Victoria Wie die letzte deutsche Kaiserin um die Krone kämpfte

Alle kennen Wilhelm II., doch wer kennt seine Frau? Bismarck verhöhnte sie als »holsteinische Kuh«. Auguste Victoria, die vor 100 Jahren starb, wollte mit allen Mitteln den Thron retten – und scheiterte krachend.

Am Abend des 1. November 1918 wird Auguste Victoria zur Furie. Deutschlands Kaiserin greift zum Telefon und staucht Reichskanzler Prinz Max von Baden zusammen, bis der Vetter ihres Mannes Wilhelm II. buchstäblich am Boden liegt.

Max von Baden sei »total zusammengeklappt« und habe einen Arzt benötigt, berichtete Adjutant Eduard von Racknitz. 36 Stunden lang schwebte der Prinz nach seinem Nervenzusammenbruch in einem komatösen Zustand – so sehr hatte Auguste Victoria ihm zugesetzt.

Grund ihres Zorns: Der Reichskanzler hatte sein Versprechen gebrochen, alles daranzusetzen, um den Thron zu retten. Doch der Untergang der Monarchie  ließ sich zum Ende des Ersten Weltkriegs nicht mehr aufhalten: Am 9. November 1918 verkündete Prinz Max von Baden unautorisiert die Abdankung des Kaisers, die Hohenzollern waren am Ende.

Bald darauf, am 11. April 1921, starb Auguste Victoria, mit erst 62 Jahren. »Der Kaiserin hat der Umsturz das Herz gebrochen«, notierte Wilhelm II. in seinen Erinnerungen.

Über ihn, den letzten deutschen Kaiser, wissen wir nahezu alles – von der traumatischen Geburt über seine Armlähmung, mentale Labilität und die Affäre mit der Edelprostituierten »Miss Love« bis hin zu seinem Holzhackfimmel, den der Ex-Monarch im Exil auslebte. Kaum ein Detail, das nicht ausgeleuchtet worden wäre.

Nur: Wer kennt seine Frau? Wer kennt Auguste Victoria Friederike Luise Feodora Jenny, immerhin 30 Jahre lang Deutschlands First Lady?

Heute ist sie nahezu vergessen. Dabei versteckt sich hinter der Fassade der Perlenkettenmatrone mit dem blasierten Blick eine facettenreiche Kämpfernatur. Das zeigt die zu ihrem 100. Todestag ausgestrahlte neue Arte-Dokumentation »Auguste Victoria – Die letzte Kaiserin«  (Regie: Annette von der Heyde) ebenso wie die jetzt erschienene Biografie von dem Hohenzollern-Experten Jörg Kirschstein.

»Kirchenjuste« und feurige Liebhaberin

»Auguste Viktoria war weit mehr als nur die erzprotestantische ›Kirchenjuste‹, unermüdliche Wohltäterin und Stifterin zahlreicher Gotteshäuser«, sagt Kirschstein, Archivar und Schlossbereichsleiter von Babelsberg, dem SPIEGEL.

Kirschstein beschreibt sie als eine Frau voller Widersprüche: Die konservative Kaiserin hielt wenig von Feminismus, förderte aber Mädchenbildung sowie Frauenstudium. Auguste Victoria liebte Prunk und beanspruchte ein Dutzend Schneiderinnen, zugleich suchte sie Bedürftige persönlich in den Armenvierteln auf und stillte ihre sieben Kinder – damals völlig unüblich. Zudem zeigen die von Kirschstein ausgewerteten Ehebriefe die vermeintlich bieder-brave Monarchin als feurige Liebhaberin: »I shall let you have all your little pleasures«, schrieb sie ihrem Gatten im Juli 1892. »I always have gloves on at night now.«

Vor allem jedoch war die letzte deutsche Kaiserin eines: machtbewusst. Sie setzte alles daran, den Thron zu retten – und ihren eigenen Status. Immer dann stark, wenn der wankelmütige Wilhelm  schwach war, beeinflusste Auguste Victoria die Politik mehr als gemeinhin bekannt.

»Stille, sanfte Kuh«

Auguste Victoria, älteste Tochter des entmachteten Herzogs Friedrich VIII. zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, wuchs in Niederschlesien auf und hatte es zunächst nicht leicht, als sie aus der Provinz ins noble Berlin kam: Die feine Gesellschaft tratschte und raunte über die schüchterne Prinzessin aus dem Schlesischen. Auguste Victoria wirke »wie eine stille, sanfte Kuh, die kalbt, langsam Gras frisst und wiederkäut«, lästerte Fürstin Daisy von Pless.

Reichskanzler Otto von Bismarck verspottete die junge Frau als »holsteinische Kuh«, Kaiser Wilhelm I. weigerte sich monatelang, die Hochzeit von Prinz Wilhelm mit der wenig glanzvollen Partie zu genehmigen. Ende 1879 gab er endlich nach. »Hip, Hip, Hurrah! Endlich habe ich sie«, frohlockte der verliebte Thronfolger.

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Kaiserin Auguste Victoria: »Die bessere und zugleich stärkere Hälfte seines Daseins«

Foto: Jörg Kirschstein / ZDF

Anfangs tat Auguste Victoria sich schwer mit ihrem rasanten Aufstieg: »Ich fühle mich wie eine Strafgefangene«, klagte die Frischvermählte, seit ihrer Hochzeit von Schutzleuten umgeben, in einem Brief. Vollends bang wurde ihr, als Wilhelm I.  sowie Friedrich III. 1888 starben – und ihr Mann den Kaiserthron erklomm: »Diese ganze entsetzliche Verantwortung, oh, es ist schrecklich. Mein armer Wilhelm.«

»Ihr Stolz ist so gewaltig«

Rasch jedoch fand die Regentin Gefallen an ihrer Macht – und spielte sie offenbar gern aus: »Ihr Stolz ist so gewaltig, und sie hält sich für besser als alle anderen, da sie die Kaiserin ist«, schimpfte Auguste Victorias Schwiegermutter gegenüber Queen Victoria . Sie habe etwas »Herablassendes & Bevormundendes« an sich.

Auch ihren Mann bevormundete Auguste Victoria: immer dann, wenn politische Probleme den zur Depression neigenden Monarchen für Tage ans Bett fesselten. Erstmals nahm sie Wilhelm im Herbst 1908 das Heft aus der Hand.

Der Kaiser, berüchtigt für seine undiplomatischen Fauxpas, hatte bei einem Englandurlaub mit unbedachten, im »Daily Telegraph« veröffentlichten Äußerungen für internationales Entsetzen gesorgt. »Ihr Engländer seid toll, toll, toll wie Märzhasen«, hatte Wilhelm II. getönt und sich selbst als friedliebend dargestellt. Der deutsche Flottenbau richte sich gar nicht gegen die Briten, denn: »Ich bin ein Freund Englands, (...) eine Minderheit in meinem eigenen Land.«

Anbiedernd-englandfreundlich, schimpften die Deutschen; respektlos, schimpften die Engländer: Die »Daily-Telegraph-Affäre« wurde zum Skandal. Wilhelm zog sich die Decke über den Kopf, versank in Schwermut und wollte abdanken – was Auguste Victoria energisch zu verhindern wusste: ein Schachzug, den sie im Ersten Weltkrieg perfektionieren sollte.

Des Kaisers »böser Geist«

»Das leidenschaftliche Engagement dieser hohen Frau im Existenzkampf der deutschen Monarchie war beispiellos«, schreibt Kaiser-Kenner Lothar Machtan, emeritierter Professor für Neuere Geschichte. Je stärker Wilhelm II. gegen Kriegsende in Bedrängnis geriet, desto massiver intervenierte seine Frau.

Politisch recht unbedarft, glaubte sie felsenfest an das gottgewollte Kaisertum und geriet zum »bösen Geist Wilhelms II.«, so Machtan – weil sie den Monarchen immer wieder aufrichtete, von schlechten Nachrichten abschirmte, zum Weitermachen antrieb.

Zunehmend mischte sie in Personalfragen mit und drängte darauf, den »uneingeschränkten U-Boot-Krieg« wieder aufzunehmen. Sie sprach sich für das Hardliner-Duo Paul von Hindenburg und Erich von Ludendorff an der Spitze der Obersten Heeresleitung  aus. Damit trieb sie allerdings ungewollt die Entmachtung ihres Mannes voran.

Regelmäßig reiste Auguste Victoria zu Wilhelm ins Hauptquartier, um den seelisch angegriffenen Kaiser im Krieg zu stärken. Das war höchst ungewöhnlich, für die Militärs lästig, für Wilhelm II. unerlässlich. »Er braucht in seiner Schwäche eine Anlehnung an die bessere und zugleich stärkere Hälfte seines Daseins«, so der Chef des Militärkabinetts Moritz Freiherr von Lyncker.

Fast vier Wochen weilte die Kaiserin im Sommer 1918 im Großen Hauptquartier in Spa, sogar ihre Reitpferde wurden nach Belgien transportiert, um Auguste Victoria – und damit den Obersten Kriegsherren höchstselbst – bei Laune zu halten.

Rote Rose zum Abschied

Als Wilhelm II. Anfang September 1918 begriff, dass der Krieg verloren war, verfiel er in Apathie und spielte mit dem Gedanken, hinzuwerfen. Obwohl ein Schlaganfall sie geschwächt hatte, eilte die Kaiserin herbei und richtete Wilhelm wieder auf. Zudem intrigierte sie gegen Friedensverhandlungen – und trug so dazu bei, den Weltenbrand unnötig zu verlängern.

Einen Monat darauf knickte Wilhelm erneut ein und blieb diesmal für fünf volle Tage im Bett. Wieder stärkte seine Frau dem Kaiser den Rücken und befahl der Entourage, »alles zu tun, um die Stimmung Seiner Majestät aufrecht zu halten, dass er nicht auf törichte Gedanken komme«.

Ende Oktober war alles zu spät, der Krieg verloren und der Untergang der Hohenzollern eine Frage von Tagen. Um den abdankungswilligen Wilhelm aus dem Verkehr zu ziehen, drängte Auguste Victoria ihn, Berlin zu verlassen: Am 30. Oktober 1918 bestieg er den Zug nach Spa, zu Hindenburg. Zum Abschied reichte die Kaiserin ihrem Mann eine rote Rose – und küsste ihn erstmals in 37 Ehejahren in aller Öffentlichkeit.

Die Kriegsniederlage und das Ende der Monarchie in Deutschland konnte Auguste Victoria nicht abwenden, sosehr sie auch Reichskanzler Max von Baden am 1. November 1918 per Telefon malträtierte. Resigniert folgte sie Wilhelm II. Ende November ins niederländische Exil.

»Ich bleibe bei Papa bis zuletzt«

Am Boden zerstört, erwog das Ex-Kaiserpaar wohl sogar den Freitod – auch um einer drohenden Auslieferung Wilhelms an die Siegermächte zuvorzukommen. »Ausliefern lassen wir uns nicht«, schrieb Auguste Victoria ihren Kindern in einem Abschiedsbrief. »Ich bleibe bei Papa bis zuletzt (...). Unsere gegenseitige heiße Liebe und unser Gottvertrauen geht übers Grab.«

Der Ex-Kaiser wurde nicht an die Siegermächte des Ersten Weltkriegs ausgeliefert, das entthronte Paar lebte im niederländischen Exil, recht luxuriös und von der verhassten Republik mit reichlich Geld ausgestattet . Doch Auguste Victoria war eine gebrochene Frau, kraftlos, matt, gezeichnet von einem zweiten Schlaganfall im Mai 1920 – und dem Suizid ihres jüngsten Sohnes Joachim zwei Monate später. Am 11. April 1921 um 6.15 Uhr hörte ihr Herz auf zu schlagen.

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Als Kaiserin durfte sie nicht sterben, aber wie eine Kaiserin wurde sie beerdigt: 200.000 Menschen säumten die Trauerstrecke, als der Sarg Auguste Victorias, aus den Niederlanden nach Potsdam überführt, zum Antikentempel im Park Sanssouci getragen wurde.

»Wie man auch zur Monarchie und zum Niedergang des Hohenzollernhauses stehen mag«, schrieb die »Vossische Zeitung« aus Berlin, »dem Unglück dieser Gattin und Mutter wird niemand sein Mitgefühl versagen.«