Monoräder Heißer Ritt auf dem Flitzereifen

Schnell wie der Blitz, ästhetisch wie ein Reifen: Jahrzehntelang feilten Tüftler an Monorädern. Sie hofften auf den großen Durchbruch, doch die kullernden Gefährte sahen nicht nur grotesk aus, sie waren unbequem - und brandgefährlich.

Getty Images

Von Alice Kohli


Es hätte Lewis H. Harpers großer Tag werden sollen. Endlich konnte er seinen Landsleuten die Erfindung präsentieren, mit der er in England auf einer Fahrradausstellung einen Preis abgeräumt hatte. Doch die erste öffentliche Vorführung in den USA wurde für den Tüftler zum Desaster - sein Fahrrad brach zusammen und Harper zog sich schwere Verletzungen zu.

Manche hatten es kommen sehen. Denn Harpers Fahrrad hatte eine klitzekleine Schwachstelle: Es bestand nur aus einem Rad. Darin bewegte sich, wie in einem Hamsterrad ein kleineres Rad, auf dem Harper radelte. Das "Monowheel" sah spektakulär aus, war aber vor allem spektakulär unbequem und gefährlich. Die Sicht nach vorn war durch das große Rad stark eingeschränkt und steuern ließ sich das Ungetüm ohnehin nicht. Dafür rollte es, einmal in Bewegung gebracht, wie entfesselt. Knapp 50 Kilometer pro Stunde hatte Harper mit seinem Ungetüm auf den Buckelpisten Englands geschafft.

Dabei war Harper nicht der erste Mann auf solch einer tollkühnen Maschine. 1869 war ein bedeutendes Jahr: Die erste Nierenoperation der Welt wurde durchgeführt, der Suezkanal für die Schifffahrt freigegeben - und Frankreich stellte das erste Patent für ein Monorad aus. Ein Handwerker aus Marseille hatte das elegante Rad mit einem Durchmesser von zwei Metern erschaffen. In seinem Innern bewegte sich ein mit Pedalen betriebenes Einrad wie auf einer Endlosschiene. Harpers Rad, das er knapp zwanzig Jahre später der Öffentlichkeit vorführte, sah dem französischen Pioniermodell zum Verwechseln ähnlich - gut möglich, dass seiner Erfindung eine inspirierende Frankreichreise vorangegangen war.

Harper und der Handwerker aus Marseille waren nicht allein. Seit fast 150 Jahren experimentieren Monorad-Enthusiasten mit unterschiedlichen Konzepten. Weder die Angstschreie der Fußgänger noch gelegentliche Schürfwunden und Knochenbrüche konnten sie davon abhalten, mit ihren Gefährten durch die Straßen zu kullern. Sie waren schnell, sie waren groß - wieso sollten ausgerechnet Monoräder nicht den Durchbruch schaffen? Um die teilweise sehr ratlose Kundschaft vom Fortbewegungsmittel ihrer Wahl zu überzeugen, ließen sich die Erfinder einiges einfallen: Sie skizzierten Regendächer, Tandemvarianten und sogar von Pferden gezogene Monoräder.

Sturzhelm und gepolsterte Kleidung waren die Lebensretter

Eine französische Firma lancierte ein Mono-Liegefahrrad, in dem man in bequemer Rückenlage über die Landstraßen donnern konnte. Lenken ließ sich auch dieses Modell nicht - wer trotzdem 300 Francs dafür opferte, tat gut daran, sich auch noch einen Sturzhelm und gepolsterte Kleidung zu besorgen. Ebenfalls nur etwas für Hartgesottene war das Monorad der Firma Greene & Dyer: Es hatte keinerlei Hilfsrädchen, der Fahrer saß mitten auf der Speichennabe und trieb sein Gefährt mittels Handkurbeln an - sofern er es zuvor geschafft hat, sich durch die Speichen hindurchzuzwängen um zu seinem Sitzplatz zu gelangen. Immerhin verfügte dieses Modell über ein praktisches Regendach.

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Irre Erfindung: Ein Rad + Motor = Desaster

Die meisten Einräder überlebten die Konzeptphase nicht, dafür nahmen zumindest auf dem Papier die irrsten Visionen Gestalt an: Ausgefuchste Studien zeigten Monoräder, bei denen das Fahrgestell seitlich versetzt angebracht war. Der Fahrer sollte neben seinem zwei Meter hohen Rad in die Pedale treten - ein kniffliges Unterfangen, dem die Schwerkraft schnell genug ein Ende gesetzt hätte. Die Lösung des Problems - ein zweiter Radler auf der anderen Seite - blieb auch nur eine Idee. Vermutlich hätte auch niemand ein Fahrrad gekauft, das sich ausschließlich zu zweit bedienen lässt.


Monoräder auf Youtube

Video 1: Ein altes Monorad

Video 2: Die Dynasphere

Video 3: Das Riot Wheel


Aber ein Tüftler ist kein Meister seines Fachs, wenn er sich von solchem Kleinkram beeindrucken lässt. Nach der Jahrhundertwende erschienen die ersten motorisierten Monoräder auf Fachmessen. Mit ihren Gummireifen und bequemen Sitzen stießen sie beim Publikum endlich auf scheues Interesse. Das Fachmagazin "Modern Mechanics" pries das motorisierte Einrad als billiges und schnelles Transportmittel an. "Der Apparat ist so einfach, dass ihn selbst Jugendliche steuern können", hieß es im dazugehörigen Artikel. Das Foto darunter zeigte einen etwa zehnjährigen Jungen auf einem entsprechend kleinen Mono-Motorrad.

400 Km/h auf einem Rad

Überhaupt: Die Fachpresse liebte die skurrilen Konstruktionen. "Der neue Schrecken der Straßen" titelte die Februarausgabe von "Every Day Science" im Jahre 1923 über einem Bild des "Christie Monowheel". Der Erbauer E.J. Christie aus Ohio attestierte seiner Konstruktion, die einem aufgestellten Brummkreisel erstaunlich ähnlich sah, eine mögliche Geschwindigkeit von rund 400 Kilometern pro Stunde. Dagegen kamen selbst die propellerbetriebenen Monorad-Modelle nicht an, die ihrerseits aussahen wie übergewichtige Schmeißfliegen.

Auch das US-Militär ließ sich von der Euphorie der durchgeknallten Tüftler anstecken und stellte das "One Wheel War Tank" vor: Ein geschlossenes Monorad als Ein-Mann-Panzer mit Stützrädern und Stahlkrücken. Er sollte Schützengräben überwinden und sogar schwimmen können - mit den umgekehrten Radkappen der Stützräder als Auftriebsbojen. Im Ententeich des Erfinders hätte das vielleicht tatsächlich geklappt, militärisch eingesetzt wurde der bewaffnete Diskus aber nie.

Es ist schon komisch: Alles was Räder hat und sich dementsprechend vorwärts bewegt, scheint auf gewisse Menschen eine sehr unvernünftige Faszination auszuüben, egal wie abwegig die Idee auch sein mag. Noch heute basteln erwachsene Männer am Konzept des ultimativen Mono-Motorrads. Sie nennen sie Rocket Roadster, Wheelsurf oder Riot Wheel und versuchen in waghalsigen Stunts andere Leute von den Vorzügen ihrer Rollräder zu überzeugen. Bisher allerdings ohne durchschlagenden Erfolg.

Der einzige Ort, wo sich die Monoräder tatsächlich bewährt haben, ist der Cyberspace. Im Computerspiel Grand Theft Auto lassen sich die eigentlich unbrauchbaren Gefährte sogar richtig schnittig fahren. Genau wie Zementwagen und Mähdrescher.



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