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01. Januar 2019, 18:35 Uhr

Mord im Hotel Adlon

Tod eines Geldbriefträgers

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Kurz nach Silvester kam es im nobelsten Hotel Berlins vor genau 100 Jahren zu einem grausigen Mord. Ein falscher Baron erdrosselte einen Postbeamten - und offenbarte seine Tat in einem Theaterstück.

In der Silvesternacht 1918/1919 ist im vornehmsten Hotel der Hauptstadt alles anders als in den Jahren zuvor. Seit elf Jahren schon gibt es das luxuriöse Gästehaus am Ende des Prachtboulevards Unter den Linden, direkt am Pariser Platz, und längst ist das Adlon eine Institution. Hier verkehren Könige und Fürsten, Politiker und Diplomaten, Industrielle und Künstler. Mit seinen Festbällen und rauschenden Partys avanciert das Hotel zu einem der gesellschaftlichen Glanzlichter Berlins.

Erst wenige Wochen zuvor wurde Deutschland zur Republik ausgerufen, der Kaiser ist über alle Berge. Berlin kommt nicht zur Ruhe, über die Weihnachtstage hat es erneut schwere Unruhen mit Todesopfern gegeben. Immer wieder sind Schüsse auch in Hotelnähe zu hören.

Die Deutsch-Amerikanerin Hedda Adlon, Schwiegertochter des Besitzers und Erbauers des Hotels, nimmt regen Anteil an den Geschehnissen rund um Berlins erste Adresse. Sie führt Tagebuch und beschreibt später in ihrem Buch "Hotel Adlon" detailliert die großen und kleinen Vorfälle, Klatsch und Tratsch inklusive. Auch die Entdeckung eines Mordfalls gleich am zweiten Tag des neuen Jahres 1919 erlebt sie hautnah mit.

Die Beute: Wertbriefe mit 278.000 Mark

Die Silvesterstimmung beschreibt Hedda Adlon als düster, trotz der Lichterflut im Haus, der Musik der hauseigenen Kapelle und des ausgezeichneten Essens. Finster wirkt auch ein schwarzhaariger Mann, der abseits vom Trubel an der berühmten Bar seinen Cognac trinkt und, statt Frack oder Smoking, lediglich einen dunklen Anzug trägt. Eingemietet hat er sich als Baron Hans von Winterfeldt und ist zum ersten Mal im Adlon. Er sei aus Hamburg und von Beruf "Hausbesitzer", trägt er auf seiner Anmeldung ein. Niemand vom Personal kennt ihn.

Am Neujahrstag bleibt es noch ruhig in der Stadt, am 2. Januar 1919 flammen die Kämpfe zwischen Spartakisten und Freikorps erneut heftig auf. Unter den Linden fallen Schüsse.

In dieser heiklen Lage betritt am Morgen Geldbriefträger Oskar Lange, 58, die Hotelhalle. Der Beamte ist für die Geldanweisungen des Postamts W8 in der Taubenstraße zuständig und im Adlon seit Jahren wohlbekannt. Auch an diesem Morgen hält er erst einmal einen kurzen Plausch mit dem Portier. Der Geldbriefträger möchte eine Nachnahmesendung für Baron Winterfeldt direkt in dessen Zimmer abgeben, statt den Empfänger, wie sonst üblich, zur Übergabe in die Hotelhalle zu bitten. Lange hofft auf ein Trinkgeld; schon bei der letzten Sendung spendierte ihm der vornehme Herr Zigarren und Schinkenbrote.

Wegen der Kämpfe in der Stadt und der Stilllegung der Verkehrsmittel kommt an diesem Tag nur knapp die Hälfte der Adlon-Mitarbeiter zur Arbeit. Im Berliner Ausnahmezustand ist Stacheldraht gespannt, Straßensperren sind errichtet und immer wieder Maschinengewehrsalven zu hören. Wer kann, bleibt in den eigenen vier Wänden.

Am Nachmittag fragt das Postamt W8 telefonisch im Adlon nach, ob der Geldbriefträger Lange im Hause gewesen sei. Ja, gegen zehn Uhr. Wann er es wieder verlassen habe? Dazu kann der Portier nichts sagen.

Am Spätnachmittag erscheinen zwei Kriminalbeamte im Adlon, dazu ein Beamter der Oberpostdirektion. Schnell wird klar, dass der verschwundene Postzusteller Lange sehr viel Geld bei sich gehabt hat: angeblich 278.000 Mark, darunter 41 sogenannte Wertbriefe mit Dutzenden Tausendmarkscheinen. Doch wem er etwas zugestellt hat, lässt sich nicht sofort feststellen - der Portier, der am Vormittag mit Lange sprach, kann nicht zu seiner nächsten Schicht erscheinen, die Telefone funktionieren nicht mehr.

Erst am 3. Januar liefert der Hotelfriseur bei der polizeilichen Zeugenbefragung den entscheidenden Hinweis: Lange sei im ersten Stock gewesen, im Appartement des Barons Winterfeldt. Die Beamten finden die Tür verschlossen vor, niemand antwortet. Mit einem Passepartout öffnen sie vorsichtig: Auf einem Stuhl sitzt ein regungsloser Mensch, ein Badelaken über dem Kopf. Als die Polizisten das Tuch abnehmen, erkennen sie den toten Geldbriefträger Oskar Lange, gefesselt, geknebelt mit einem Hotel-Handtuch, um den Hals eine Schnur, mit der er erdrosselt wurde.

Zurück blieb nur ein Schrankkoffer

Baron Winterfeldt ist verschwunden. Mitten in den bürgerkriegsartigen Gefechten ist im Nobelhotel offenkundig ein Raubmord geschehen und der mutmaßliche Täter bereits seit zwei Tagen fort. Ermittler sichern Spuren am Tatort, finden aber keine Hinweise auf Identität oder Verbleib des angeblichen Barons und erhalten von den Hotelmitarbeitern auch keine präzise Beschreibung. Zurückgelassen hat der Gast nur einen großen Schrankkoffer, leer und aufgeklappt. Wollte er damit die Leiche entsorgen?

Die Polizeiarbeit gerät ins Stocken, weil das Präsidium im Zentrum der Kämpfe steht. Der linke Polizeipräsident Emil Eichhorn hat sich dort mit seiner Sicherheitswehr verschanzt und wird von Soldaten und Freikorpstruppen mit Minenwerfern beschossen. Erst viele Tage später können die Mordermittler ihre Räume am Alexanderplatz wieder beziehen. Spuren, die zum Mörder des Geldbriefträgers hätten führen können, sind kalt geworden, der Fall lässt sich vorerst nicht aufklären.

Hedda Adlon schreibt, der ungeklärte Mordfall sei "wie ein Gespenst" zurückgeblieben, auch wenn sich das Hotel bemüht, alle Spuren zu entfernen. Das Appartement wird vollständig renoviert und neu eingerichtet, die Tapeten werden heruntergerissen, die Möbel weggegeben: "Man bemühte sich, die schreckliche Erinnerung an dieses grausige Ereignis gründlich auszulöschen."

Dreieinhalb Jahre später wird in Dresden ein Mann namens Wilhelm Blume verhaftet, der auch als Täter für den Geldbriefträger-Mord infrage kommt. Der später legendäre Mordermittler Ernst Gennat sucht das Adlon auf und bittet den Empfangschef, zu einer Gegenüberstellung mit nach Sachsen zu fahren. Blume hat in Dresden einen Geldbriefträger überfallen und töten wollen, doch dem Mann gelang es, sich geistesgegenwärtig zu retten. Blume wurde überwältigt, entriss davor aber einem Polizisten die Waffe und schoss ihn an.

Die Dresdner Polizeikollegen kannten den Fall Lange und einen weiteren Berliner Geldbriefträger-Mord von 1918. Die Parallelen sind auffällig: Die Opfer sollten erhebliche Summen Bargeld per Nachnahme zustellen, die Angriffe auf sie erfolgten mit Tötungsabsicht. Kann Gennat also mit der Gegenüberstellung in Dresden gleich drei ungelöste Morde klären?

Blume, bei seinem gescheiterten Raubmord verletzt, liegt unter ständiger Bewachung im Krankenhaus. Zuerst betritt Gennat das Krankenzimmer, allein, um sich den mutmaßlichen Täter in Ruhe anzusehen. Dann folgt der Portier und sagt nach nur einem Blick ins Gesicht ohne Umschweife, es handele sich um den Hotelgast, der Ende 1918 im Adlon übernachtete. Nach seiner ausführlichen, eindeutigen Zeugenaussage darf der Portier zurück nach Berlin reisen.

Ein betriebsames Hotel musste es sein

Gennat beginnt seine Vernehmung mit der Bitte, dass Blume ihm ausführlich sein Leben schildert, von Geburt an. Der 44-Jährige spricht gern über sich: 1876 in Amsterdam geboren, Vater Tabakhändler, die Familie zog nach Berlin, wo Blume sein Abitur an einem humanistischen Gymnasium machte. Er erbte ein kleines Vermögen, gab sein Studium jedoch auf und begann immer wieder neue Arbeitsverhältnisse, auch Verhältnisse mit Frauen in den Betrieben. Doch nichts und niemand hielt ihn, stets musste er weiterziehen.

Eine Konstante aber gibt es in seinem Leben: Blume dichtet, er verfasst Dramen und Komödien. Das Schreiben von Theaterstücken scheint seine große Leidenschaft zu sein. Er hat eine Wohnung im Stadtteil Lichterfelde, sorgfältig und geschmackvoll eingerichtet. Trotzdem zieht er 1918 zur Miete bei einer älteren Dame in der Spandauer Straße ein. Hier verübt er seine ersten beiden Morde: am Geldbriefträger Albert Weber und an seiner Vermieterin, die Zeugin geworden war.

Unerkannt zieht Blume zurück nach Lichterfelde. Die Beute von 2000 Mark erscheint ihm zu gering, beim nächsten Mal soll mehr herausspringen. So kommt er, nur drei Monate nach dem Doppelmord, auf die Idee mit den vorbestellten Wertbriefen, die Geldbriefträger Lange im Adlon dann in großer Zahl bei sich trägt. Blumes Plan geht auf: Er ermordet Lange und kann wieder unerkannt verschwinden.

So steht es in den Vernehmungsprotokollen, die ein Hotelangestellter später einsieht, wie Hedda Adlon schreibt. Aber warum hat sich der Mörder ausgerechnet für das feinste Gästehaus entschieden? Sein Kalkül: Das Hotel muss groß sein und so viel Betrieb herrschen, dass sich niemand mehr so genau an den Geldbriefträger und den Adressaten erinnern würde.

Blume wählt zunächst als "Baron Gassen" das Hotel Bristol, ebenfalls eine Luxusherberge, mit 350 Betten und eigener Hauskapelle. Doch dort beschert ihm ein Missgeschick die Aufmerksamkeit des Personals: Als Pagen seinen großen Schiffskoffer - später im Adlon zurückgelassen und tatsächlich zur Beseitigung der Leiche vorgesehen - aufs Zimmer schaffen wollen, öffnet sich die Klappe des Ungetüms, heraus fallen lauter Sandsäcke. Der Herr Baron hat im Gepäck nur Sandsäcke? Geistesgegenwärtig deklariert er sie als teure "Chemikalien", kann aber in den Gesichtern lesen, dass die Hotelmitarbeiter ihm nicht glauben. Schnell zieht er wieder aus.

Theaterstück mit Täterwissen

Doch bis auf das schwache Kofferschloss ist sein Plan gut, findet der falsche Baron - und mietet sich als "Baron Winterfeldt" einige Häuser weiter im Adlon ein. Diesmal entkommt der falsche Baron nach Hamburg, reist weiter nach London und bringt das geraubte Geld als Buchmacher durch. Als er im Juli 1922 in Dresden den nächsten tödlichen Überfall versucht, scheitert er.

Als Dichter indes hat Blume Erfolg. Ein Lustspiel aus der Feder eines gewissen Erich Eilers wird im Mai 1922 im bekannten Neustädter Schauspielhaus von Dresden uraufgeführt. Danach verbeugt sich der Autor auf der Bühne im eleganten Frack vor dem Publikum. Die Zuschauer ahnen nicht, dass sie gerade einem Mehrfachmörder applaudieren.

Noch ein weiteres Stück schreibt Eilers alias Blume: "Der Fluch der Vergeltung". Kommissar Gennat liest es. Inhalt ist der Mord am Geldbriefträger im Hotel Adlon, präzise mit Täterwissen dargestellt. Im Stück erhält der Täter die Todesstrafe.

Nach der Lektüre konfrontiert Gennat den Autor. Der soll begeistert ausgerufen haben: "Ist es nicht ein großartiges Stück? Wenn es aufgeführt wird, bevor ich hingerichtet werde, wenn ich vor meinem Tode noch die Nachricht erhalte, dass 'Der Fluch der Vergeltung' mit Erfolg gespielt worden ist, dann scheide ich gern. Dann war mein Leben wert, gelebt zu werden." Angeblich hat Gennat die Gefängniszelle daraufhin schnell verlassen.

Noch vor Prozessbeginn verübt Blume mit einer eingeschmuggelten Rasierklinge Selbstmord, die Zeitungen berichten ausführlich. Hedda Adlon schließt in ihrem Buch das Kapitel über den Hotel-Mord: "Im Adlon aber war damit endgültig auch die letzte Erinnerung an die grausige Tat getilgt."

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